Die Welt der Commons. In einer Welt des Terrors?

[Im Folgenden dokumentiere ich die Rede, die ich anlässlich unserer Buchvorstellung in der Heinrich Böll Stiftung, am  19. November 2015 in Berlin in etwas kürzerer Fassung gehalten habe. Sie ist durch zahlreiche Links ergänzt. Wer lieber hören und die bemerkenswerte Reaktion von Prof. Claus Leggewie mitbekommen möchte, kann das eingebettete Video anklicken; C. Leggewie spricht ab Min 41)]

Die Welt der Commons und die Lage der Welt

Die Nachrichten sind unerträglich. 224 Menschen, fast alle aus Russland, stürzen über dem Sinai in den Tod. Kurz darauf, vor genau einer Woche: der schwerste Terroranschlag seit Ende des libanesischen Bürgerkrieges in Beirut. Doch er dringt kaum zu uns durch1, denn nur einen Tag später sterben 130 Menschen (aus 19 Nationen) bei Explosionen und im Kugelhagel der Attentäter von Paris. Ein Kollege, mit dem ich erst kürzlich in Paris eine Veranstaltung des ersten großen landesweiten Commons-Festivals bestritten hatte (Ko-Autor unseres ersten Bandes), twittert wenige Stunden nach den Attentaten:

8 Tote, Verletzte und Verschwundene unter den Menschen, die nur zwei Klicks von mir entfernt sind. Sie haben es auf die Jugend abgesehen, auf ihre Lebensart und Hoffnungen…

Hervé le Crosniers avatar bleibt unbeflaggt. Doch ein Großteil meiner timeline hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits bleu-blanc-rouge eingefärbt, was mich unangenehm berührt. Und zwar nicht nur, weil die allgegenwärtigen Solidaritätsbekundungen nach den Ereignissen in Paris ästhetische Qualitäten offenbarten, die fast vermuten lassen einige Kompositionen (siehe Abb. in der Präsentation) würden demnächst als Verkaufsschlager entdeckt. Nein. Das allgegenwärtige Nationalfärbung erschien mir politisch unangemessen, denn: Nach Angaben des US State Department ist die Zahl der Terrorattentate seit 2001, seit der Krieg gegen den Terror begann, um 4500% gestiegen. Die Anzahl der dabei Getöteten um 6500%. Die Opfer stammen aus vielen Ländern. Die meisten nicht aus Europa.

Für feine Diskriminierungen haben Menschen ein sehr feines Gespür!

Vor allem aber erschien mir die Allgegenwart der tricolore unangemessen, weil am vergangenen Freitag kein Nationalstaat2 angegriffen wurde, sondern viel mehr: Grundüberzeugungen, Lebensweisen, Sicherheitsempfinden und mit all dem: unser gesellschaftliche Zusammenhalt. Wie und warum? Das ist seit 2004 im Terrorlehrbuch The Management of Savagery nachzulesen. (Kurz gefasst ist das Ziel, Terror in den Straßen säen und damit Zwietracht in unseren Gesellschaften … die sich letztlich gegen die Muslime wendet, Diskrimierung Vorschub leistet und somit den Rekrutierungsboden für die künftigen Kämpfer und Kämpferinnen des Islamischen Staates düngen wird. Die Wirklichkeit muss nicht wahr sein, wissen die Soziologen. Aber sie wirkt.)

Das ist der eine Punkt.

Der andere ist, dass es mir nicht gelingen will, die Attentate aus dem Entstehungszusammenhang von ISIS zu lösen. Etwa nach den Konsequenzen bisheriger politischer Entscheidungen zu fragen: Welchen Zusammenhang gibt es zwischen der konkreten Form der „Neuordnung“ des Iraks oder Libyens und den Rekrutierungserfolgen des IS? Sie können das alles nachlesen.

Eine Frage, die sich mir in unserem Zusammenhang stellt ist Folgende: Ist es nicht so, dass wir in dieser unübersichtlichen Lage (trotz derer die Politik im Handumdrehen nicht nur martialisch töst, sondern es tatsächlich krachen lässt), in überkommenen Kategorien und Strukturen denken? Dass wir etwa unterschwellig einem wenig hilfreichen Konstrukt „nationalstaatlichen Interesses“ aufsitzen (wie auch in TTIP oder bei den Klimaverhandlungen), oder dass über Gemeinwohl, wenn überhaupt, nur im Zuschnitt nationalstaatlicher (oder EU) Grenzen gedacht wird? Über das Argument des Schutzes dieser Grenzen, werden wir letztlich in Entscheidungslogiken gezwungen – Stichwort Bündnisfall3 -, deren Eigendynamiken zum gewaltsamen Durchsetzen unserer vermeintlichen Interessen führt; und das obwohl belegbar scheint, dass die vom US State Departement veröffentlichten Zahlen auch Folge von Staatsgewalt sind!

Ich bin mir natürlich bewusst, dass all diese Verstrickungen in den trikoloren Solidaritätsbekundungen nicht mitgemeint waren. Und doch werden sie mitvermittelt.

Das liegt auch daran, dass wir zwar Symbole und einen institutionellen Referenzrahmen für Nationalstaatlichkeit haben, nicht aber für dieses viel Tiefere; für gemeinsame Grundüberzeugungen, Lebensweisen und gesellschaftlichen Zusammenhalt; für all das, worauf es die Attentäter von Paris abgesehen hatten. Es gibt eine Dimension unseres Gemeinsamen, für die wir sprach- und symbollos sind. Und so bleiben uns für die Beteuerung des gesellschaftlichen Zusammenhaltens ausgerechnet die Farben der Nation, die sich nun als angegriffen definiert, obwohl sie nicht angegriffen wurde. Mit allen Konsequenzen.

Wir dürfen ihnen nicht die Ehre des Krieges erweisen“, schreibt mir zwei Tage später Hervé le Crosnier: „Es ist kein Krieg, sondern Terrorismus!“

Und, fügt er, der so viel zu Commons publiziert hat, hinzu: er wisse nicht, ob die Frage der Commons von all diesen Dingen betroffen sei, bzw. etwas zur Lösung beizutragen habe.
Ich gestehe, auch mich trieb diese Frage um. Über Tage fühlte es sich so an, als sei die eigene Arbeit völlig irrelevant. Als hätten Commons dem Inferno dieser Zeit rein gar nichts entgegenzusetzen. Am liebsten hätte ich mich um diesen Abend heute gedrückt … Bis mir klar wurde, warum ich nicht nur letzte Woche, sondern hin und wieder auch während des Entstehungsprozesses dieses Buches, in die Knie zu gehen drohte: Es ist die schiere Dimension des Unterfangens, das angesichts der Verhältnisse (dh auch angesichts des Kapitalismus) unbewältigbar scheint.

Eben diese Dimension versuchen wir in unserem Band zu skizzieren:

Der Band im Überblick

Die Welt der Commons (so der Titel) als Ausdruck eines Wechsels des Denk- und Institutionalisierungsrahmens, als ein Ausdruck des gegenwärtig stattfindenden Paradigmenwechsels, der ein Miteinander statt Gegeneinander überhaupt erst möglich macht. Und Muster gemeinsamen Handelns (im Untertitel), die nichts garantieren, aber helfen, Konflikte im Sinne dieses anderen Paradigmas zu lösen, anstatt an ihnen zu verzweifeln.

Worum geht es also in unserem Buch?

Der Philosoph Byung-Chul Han sagte kürzlich in einem Interview, Denken sei das Entdecken von Ähnlichkeiten. Das passt wunderbar zu unserem Nachdenken über Commons und zur Entstehungsgeschichte dieses Buches.

Eine Commons-Anthologie zu erstellen, und dabei den Begriff der Commons und die Praxis, die wir „commoning“ nennen, unter den Bedingungen unserer Zeit erneut durchzukneten… das ist ein langer und komplexer Prozess. Er geschieht zugleich individuell wie kollektiv. Und führt dazu, dass man Ähnlichkeiten zwischen Praktiken verschiedener Ambitionen, Reichweiten und Kulturen entdeckt: etwa zwischen der Kultur der Hacker und derer, die Saatgut als Gemeingut verstehen. Beiden geht es um maximale Entfaltungsmöglichkeiten. Für das Eigene und die Anderen. Beide finden selbstverständlich, was unter kapitalistischen Produktionsbedingungen so gar nicht selbstverständlich ist: Wissen zu teilen.

Der kollektive Prozess hat unsere herausgeberische Aufgabe – einen uns angemessen erscheinenden Pfad durch das Dickicht der Möglichkeiten zu bahnen und dabei diese Ähnlichkeiten ans Licht zu bringen – mal belebt und mal ins Stocken gebracht. Und mitten im Prozess, mehr als die Hälfte der Strecke schien bereits bewältigt, zwang er uns konzeptionell zurück auf Los. Der Ordner „Buch II–Konzepte“ auf meinem Rechner verzeichnet 22 Konzeptversionen4, die zwischen David Bollier und mir und manchmal auch Heike Löschmann hin und her gingen. Bei Version 17 hatten wir das Konzept eingestampft und einen neuen Anlauf genommen.

Unsere Idee, Commons zunächst kulturanthropologisch zu fundieren5, dann historische und aktuelle Beispiele aus aller Welt zusammenzutragen und miteinander zu verbinden und schließlich – gründend auf diesen Beiträgen – behutsam eine Commons-Ökonomie für die Zukunft zu skizzieren (und wer von der Verfassung der Ökonomie redet, kann von der Verfasstheit der Gesellschaft nicht schweigen)… diese Idee ging nicht auf. Sie war zu ambitioniert!
Wir haben also ein Muster genutzt, dass sich für komplexe, ko-kreative Prozesse bewährt hat und in der Programmierung insbesondere von freier Software üblich ist. Wir haben das Ganze „geforkt“.

Erst dieser Schritt – viele Beiträge lagen zu diesem Zeitpunkt schon vor – hat uns dem Werk näher gebracht, das wir heute Abend hier vorstellen. Die Grundstruktur, Ergebnis dieses Hin und Her mit 53 Autorinnen und Autoren aus 20 Ländern, will ich Ihnen kurz vorstellen.

Sie hilft zu verstehen, was das Buch leistet und was nicht und worauf wir das, was es leistet, gründen (KAP I – Begründen).

Die Struktur (also das Inhaltsverzeichnis) erlaubt auch einen Blick auf die sprachlichen wie konzeptionellen Innovationen, die wir der Debatte zuspielen ohne taxonomische Gültigkeit zu beanspruchen (KAP II – Gestalten).

Und sie legt Spuren zu den Ebenen, auf denen wir uns der Ähnlichkeiten gewahr werden – zwischen Rosa Luxemburgs Reflexionen und einem modernen Fab Lab in Sankt Pauli, zwischen der Frage, wie Ackerland zum Commons wird und der Open-Hardware-Produktion, etwa bei Open Spim – einem Projekt zur open source basierten Produktion von Hochleistungsmikroskopen. Es geht bei Commons eben nicht nur um Kartoffeln. Wir stellen all dies zwischen zwei Buchdeckeln in einen Zusammenhang – auch wenn dieser Zusammenhang beziehungsweise das „commons-mäßige“ am je eigenen Projekt – den Akteuren selbst mitunter nicht bewusst ist.

Wir kommen, und das ist eine besondere Stärke des Commons-Ansatzes,

„zu einem Befund“, der, wie Rosa Luxemburg schreibt, „keiner spezifischen Tradition oder Kultur allein zugeschrieben“ werden kann (vgl. S.86).

Sie können das in KAP I und KAP III VERINNERLICHEN, nachlesen. Insbesondere aber in unserem framing!

Teil I: BEGRÜNDEN

… macht uns mit einigen theoretischen Grundlagen vertraut. Da sind, selbstredend, die inzwischen weithin bekannten, Designprinzipien für Commons-Institutionen nach Nobelpreisträgerin Elinor-Ostrom. Sie sollten zum Handwerkszeug aller gehören, die mit gemeinschafts- und gesellschaftsgestaltenden Prozessen befasst sind, denn sie sind äußerst wertvoll, um Selbstorganisation „jenseits von Markt und Staat“ zu gestalten und einzuschätzen. Diesen Prinzipien haben wir 8 Orientierungspunkte des Commoning zur Seite gestellt. Präziser gesagt: solche Orientierungspunkte müssen die Ostromschen Designprinzipien ergänzen. Hier ist einerseits noch viel Forschungsarbeit zu leisten, andererseits können wir aus dem Vollen schöpfen – von Gewaltfreier Kommunikation bis Mediation, von Theory U bis Netzwerktheorie.

Wir haben uns für einen Zugang entschieden, mit dem uns Helmut Leitner, eine prominente Feder in Sachen Mustertheorie nach Christopher Alexander, vertraut macht. Leitner führt in die Ideen Alexanders und in die Entwicklung von Mustern ein und ich wage daraufhin einen ersten(!) Anwendungsversuch auf den sozialen Prozess, den wir Commoning nennen.

Bei diesen „Mustern des Commoning“, den Mustern gemeinsamen Handelns“, geht es darum, die DNA guter Commoning-Prozesse benennbar und kommunizierbar zu machen. Muster können die Essenz guter Lösungen von klassischen Commons-Problemen (von „Wie halten wir es mit dem Geld?“ bis „Wie schlichten wir Konflikte“?) auf den Punkt zu bringen.

Denn wenn es stimmt, dass es keine Commons ohne Commoning gibt, dann genügt es nicht, viele so genannte „best practices“ zusammenzutragen. Dann müssen wir genauso um diesen Begriff ringen wie um den der Commons. Dabei stehen wir erst am Anfang!

Doch eines ist schon jetzt klar: eine Theorie des Commoning kann keine Modellierung sein. Und sie darf keinem methodischen Individualismus folgen. Nicht nur, weil dieser zu den Kernproblemen der „Normalwissenschaft“ (Kuhn) gehört, sondern auch, weil der derzeitige Paradigmenwechsel zu unterstützen ist.

Ein anderes Paradigma beinhaltet ein anderes Menschenbild! In einer eher akademischen Arbeit habe ich jüngst vorgeschlagen, dass man das als reziprokes gesellschaftliches Selbst bezeichnet kann.

  • Ein Menschenbild, das das In-Beziehungen-Sein (oder Mit-Sein, wie der französische Philosoph Jean-Luc Nancy vielleicht sagen würde) aufgenommen hat,

  • Ein Menschenbild, das die Idee der Potentialität voraussetzt (ein Mensch ist nicht so oder so, sondern wird beständig),

  • Ein Menschenbild, das von vorn herein gleichwertige (und damit auch nicht-patriarchale) Strukturen denkt und vor allem darauf hinweist, dass

  • Und ein Menschenbild, dass aufnimmt, dass Menschen immer in einem gesellschaftlichen Kooperationszusammenhang stehen, der ihr Werden und ihr Handeln prägt, ob sie wollen oder nicht.

Ein solches Menschenbild ist unvereinbar mit methodischem Individualismus.

All das, so könnte man sagen, wird in diesem Band erst angedeutet. Aber auf dieser Ebene wird Paradigmenwechsel gedacht (werden müssen).

Die Mustertheorie erfüllt alle Bedingungen an das Herangehen: Keine Modellierung. Kein methodischer Individualismus und ein Denken in Potentialitäten, ohne an Gemeinschaftsgrenzen halt zu machen, sondern mit dem Anspruch das Ganze zu deuten. Und sie (die Mustertheorie) läuft auf einen Begriff zu (genauer: sie geht von ihm aus), der auch in den kräftigen Schlussakkorden von Arturo Escobar und Andreas Weber in Teil III noch einmal zu hören ist: Lebendigkeit. Dieser Begriff wiederum ist dem der Konvivialität nicht unähnlich, mit dem wir uns auf das Denken von Ivan Illich beziehen, auf seinen Glauben an die

„schöpferische Kraft und überraschende Erfindungsgabe der Menschen“ (Illich, S. 59).

Das verweist uns auf eine notwendige Qualität der Commons, sofern dies mehr als ein umhervagabundierender Begriff zu sein beansprucht:

Commons sind entweder convivial – oder sie werden auch zu einer Spielart des globalisierten (und institutionalisierten) immer Gleichen, schreibt die Erziehungswissenschaftlerin Marianne Gronemeyer (S.62).

Das also ist die Grundlegung: die Ostromschen Prinzipien von Commons-Institutionen, die affektbehafteten Muster des Commoning, die Kategorie der Lebendigkeit und die Lebensform der Kon-Vivialität, all dies Elemente und Methoden, die uns Sprache geben für das paradigmatisch Andere. Und damit sind wir bei…

Teil II: GESTALTEN

Darin geht es uns, wie bereits in Band I6, darum zu zeigen, wie produktive Prozesse gelingen, wenn sie nicht von den Zwängen des Marktes eingeengt werden oder sich nicht einengen lassen. Viele Autor_innen führen aus, wie sie ständig neue Beziehungen, nützliche Dinge und wenn es sehr gut läuft, auch Innovation hervorbringen.

Solche Prozesse stehen im Konflikt mit einer Produktion, die einer anderen Logik folgt: der des Marktes. Einer Logik, in der das Lebendige, das Andere, die Natur, das Sinnlich-Vitale von vorn herein abgespalten ist. Es wird also erst systematisch externalisiert bzw. bleibt völlig im Unsichtbaren und soll dann, z.B. durch staatlich beaufsichtigte „Marktmechanismen“ (sic!) wieder internalisiert werden.

Wann immer Sie einen Text aus dem zweiten Teil zur Hand nehmen – ob zu den Gemeinschaftswäldern in Rumänien, der Zeitbank in Helsinki, den zahlreichen Mapping-Projekten der Commons oder Initiativen des Open Designs -, stellen Sie sich einfach vor, die hier vorgestellten Prozesse entfalteten ihre Potentialität und bezögen sich aufeinander. Stellen Sie sich vor, sie webten Masche für Masche ein verteiltes (nicht dezentrales!) Beziehungsnetz, indem Commons-Projekte sich gegenseitig tragen und so immer unabhängiger werden vom Markt – und damit vom Geld.

Ihnen wird ins Auge fallen, dass die Beiträge in diesem Teil sehr verschieden sind. Einige wenige sind analytischer, andere deskriptiver und wieder andere eher „kummulativ“, d.h.: statt ein Projekt vorzustellen, wird ein rascher Blick auf viele Projekte in einem bestimmten Lebensbereich geworfen, um anzudeuten, was möglich ist. Und schließlich gibt es Interviews wider die Bleiwüste! Doch es gibt sie auch, weil Commons letztlich eines sind: ein Großes Gespräch (so der Titel eines Beitrags zum Kooperativen-Verband Cecosesola in Venezuela, der seit 40 Jahren noch alle politischen Stürme des Landes überlebt hat. Wenn man was über Commoning lernen kann, dann sicher von den Cecosesoler@s.)

Diesem II. Teil haben wir „geordnet“. Das war ein großes Vergnügen, weil wir uns dann endgültig darüber klar wurden, dass wir beliebte Klassifizierungen (die auch wir oft benutzt haben) über Bord werfen müssen. So gibt es dort in den Untertiteln keine „Urban Commons“ (städtische Commons); obwohl diese gerade Konjunktur haben. Sondern „Commons der Nachbarschaftlichkeit“.  Es gibt auch keine „Natürlichen Commons“ und keine „Wissenscommons“. Da das Eine nie ohne das andere zu denken ist. Jedes Wassercommons ist auch ein Wissenscommons und umgekehrt. Und alle Commons sind sozial. Sowieso! Wir haben uns stattdessen für den Begriff: Bio-Cultural-Commons entschieden: Commons der Lebenskultur. Dann gibt es noch die Tech-Commons. Und – mein Favorit – die OMNI-Commons. Wobei diese Bezeichnung nicht von uns stammt.

Und während wir gruppieren, treffen wir selbstredend auch politische Entscheidungen. Etwa eine Gruppe für „Tausch- und Kredit Commons“ einzuführen. Das wird uns Kritik einbringen, weil das Verhältnis zwischen Commons und Geld bzw. Währung (Welche? Zu welchem Zweck?) sehr kontrovers diskutiert wird. Aber es würde der gemeinsamen Suche nicht gerecht, würden wir die zahllosen Bemühungen ignorieren, mit sozialen Währungen oder Regionalgeldprojekten etwas sehr Wichtiges zu versuchen: die verfügbaren Energien und Ressourcen in der jeweiligen Community zu halten, statt sie sich entziehen zu lassen und sie der Anonymität des Marktes zu übergeben.

Michelangelo-Pistoletto-Terzo-Paradiso-MAAM-300x211_17979_18462Wann immer Sie einen Text aus dem zweiten Teil lesen: stellen Sie sich dieses Rebirth-Zeichen von Michelangelo Pistoletto vor. Es kann verdeutlichen, dass die Sphäre der Commons nicht getrennt ist von Markt und Staat, sondern dass es um die Gestaltung ein und desselben gesellschaftlichen Raumes geht.

Das Zeichen steht als Chiffre für die Markt-Staat-Commons-Beziehung, die neu geordnet werden muss. Was geschieht, wenn wir die Sphäre der Commons erweitern? Was, wenn wir die des Marktes ausweiten? Und was heißt das für die Frage, wie wir den Staat denken?

Diese Fragen, Sie erinnern sich, haben wir geforkt.

Mehr noch: für uns wäre es verfrüht gewesen, sie jetzt zu beantworten, denn es wird nicht genügen, uns an den Grundpfeilern des Kapitalismus wie dem Privateigentum oder der Logik der Warenproduktion abzuarbeiten. Bevor wir neue Grundpfeiler errichten, müssen wir noch eine Ebene tiefer gehen und schauen, auf welchem Boden – auf welchen Denkgrundlagen – sie errichtet sind.

Wir müssen das Verhältnis von Commons, Markt und Staat neu denken, aber nicht in alten Kategorien.

TEIL III: VERINNERLICHEN & FRAMING

Und hier kommt Teil III ins Spiel sowie unsere Rahmung (Ouvertüre/ Intermezzi und Finale). In Teil III kommen Anthropologinnen und Antrophologen verschiedener Kontinente zu Wort, darunter die mit akademischen Ehren geradezu überhäufte Neuseeländerin Anne Salmond. Diese Zunft hat uns außerordentlich viel zum Thema zu sagen. Sie versteht zu beschreiben, dass es um eine Art geht, in der Welt zu sein; um das tiefe Verständnis dafür, wie Mensch-Mensch und Mensch-Naturbeziehungen gedacht und gestaltet werden (können) bzw. gedacht und gestaltet worden sind …. sofern die Grundfigur der Beziehung am Anfang steht.

Sie reden von Haltungen, Gewohnheiten, Vorstellungen, Meisterschaften (maîtrise), von „pluriversalen Perspektiven“. Davon, welche Rolle Subjektivität(en) spielen und dass eine Welt der Commons notwendig eine Welt der Vielfalt ist. So begeben wir uns mit dem französischen Rechtsanthropologen Étienne Le Roy beispielsweise auf eine Reise in verschiedene Länder Afrikas. Le Roy forschte, so der Titel seines Beitrages: „[Wie ich] seit 30 Jahren zu Commons [forschte], ohne es zu wissen“.

Das Drama ist: So geht es der Politik nicht selten. Sie richtet jahrzehntelang Commons zu Grunde oder entzieht ihnen den nährenden Boden ohne es auch zu bemerken. Dahinter steht nicht immer böse Absicht, aber in der Regel eine spezifische geistige Haltung und Weltsicht.

Eine, in der es vor allem ‚Entweder‘ – ‚Oder‘ gibt. In der ‚Individualität‘ und ‚Kollektivität‘ systematisch als Gegensatz gedacht werden, statt als sich gegenseitig bedingend und auseinander hervorgehend. Dabei ist Individualität

nicht nur unabdingbar für erfolgreiches Commoning, […] sondern Bedingung dafür, „gemeinschaftsfähig“ zu sein. Umgekehrt trägt Commoning zur Stabilisierung des Selbst bei. (S. 14)

Commons, so heißt es in unserer Ouvertüre7

fordern uns auf, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten und grundsätzlich anzuerkennen, dass ein Ich aus Beziehungen hervorgeht und nur in ihnen und aus ihnen heraus existieren kann (vgl. S. 22).

Wobei wir wieder beim Menschenbild wären!

Commons in einer Welt des Terrors?

Sie werden sich an den Anfang erinnern und sich vielleicht fragen: Wie lassen sich Commons und wie lässt sich dieses relationale Bild des gesellschaftlichen Menschen in einer Welt zu denken, in der es circa 80.000 ISIS-Kämpfer gibt?

Vielleicht begebe ich mich, mit dem was ich abschließend sage, auf dünnes Eis. Doch drängt sich mir noch eine andere Beziehung zwischen dem Drama des Terrors und unserem Thema auf. Ich lasse dazu Lydia Wilson sprechen, die am „Centre for the Resolution of Intractable Conflict“ am Harris Manchester College der Oxford University forscht und jüngst über ihre Interviews mit gefangenen ISIS-Kämpfern veröffentlicht hat. Lydia Wilson wurde von Democracy Now gefragt, aus welcher Motivation heraus Jugendliche sich dem IS anschließen:

primarily […] because ISIS, right now, at this time, is giving them their opportunity to fight for their Sunni identity, in terms of their land, their tribe, their family, which they have not been given this opportunity, as they see it

Darin ist sich Wilson einig mit dem Islamwissenschaftler Michael Lüders, der in der Woche nach den Anschlägen in Paris in einer Talkshow auf die Frage ‚Was bewegt junge Muslime, sich den Salafisten anzuschließen?‘ antwortet:

Die Ursache dafür ist nicht die Religion. […] Es geht um Gemeinschaft, es geht darum, dass sie vielfach Orientierungsprobleme haben […] Und sie sind auf der Suche nach einer Identität. Und die finden sie in der religiösen Grundlage für den neuen identitätsbildenden Zusammenhalt, dem Prinzip der Umma, der Gemeinschaft.

Das heißt: Wenn wir dem Terrorismus begegnen wollen, kommen wir am Gemeinschaftsbegriff nicht vorbei! Doch müssen wir uns bewusst sein, dass dieses Nachdenken über die Aktualität des Konzepts und die Verfasstheit von Gemeinschaften in einer Zeit geschieht, in der die Freiheits- und Wohlstandsversprechen „marktkonformer Demokratien“ nicht nur an den europäischen Außengrenzen halt machen, sondern auch innerhalb dieser vielfach uneingelöst bleiben. Auch deswegen erscheint das „clanbasierte Familienmodell des IS8 wie der sichere Hafen“, wenngleich es die „Exklusionslogik des Kapitalismus“ keineswegs aufhebt. Auch hier gilt: „Du kannst dazugehören, wenn die anderen nicht dazugehören“, schreibt mir Stefan Meretz, der diesem „Wir gegen Sie“ / „Ich gegen Du“ das Ubuntu-Prinzip. Die Strukturelle Gemeinschaftlichkeit der Commons entgegenstellt.

In der Tat sind wir es in der vielbeschworenen westlichen Welt und Wertegemeinschaft gewohnt, die Freiheit des Individuums nicht als Freiheit in Bezogenheit zu denken, sondern Freiheit unter den gegenwärtigen Bedingungen als Freiheit des isolierten Individuums zu denken und zu leben. Das führt systematisch zu Vereinzelung, es reproduziert Spaltung und bereitet gar den Nährboden für jene, die sich dann gegen diese Lebensweise wenden … und doch haben wir uns arrangiert mit der unter kapitalistischen Bedingungen so typischen

„Verabsolutierung des ‚Jedes einzelne Individuum gegen jedes einzelne Individuum’“ (Meretz, pers. Korrespondenz),

die eine Entsprechung im ‚jeder Clan gegen jeden anderen Clan‘, findet, wobei die Clans immerhin Zugehörigkeit und Auskommen versprechen. Über die reaktionäre Binnenstruktur derselben, die an sich schon genügt, sich von diesem Modell abzuwenden, ist dabei noch nichts gesagt. Wenn ich also für ein aktuelles Konzept von Gemeinschaftlichkeit oder Bezogenheit plädiere und dafür,  diese Spur genauso ernsthaft, wenn nicht ernsthafter, zu verfolgen wie andere, dann nicht weil ich rückständigen, menschenrechtsverachtenden und frauenfeindlichen Gemeinschaftskonzepten das Wort rede. Sondern solchen, die – wie bei Commons auf einer tiefen Ebene das Versprechen bergen, wie Stefan Meretz schreibt:

den absoluten Gegensatz der Individuen nicht durch eine rückwärtsgewandte Identität mit dem Ganzen zum Verschwinden zu bringen, auch nicht, die asoziale Konkurrenzindividualität ins Extrem zu beschleunigen, sondern statt der […] Beziehungslosigkeit der absoluten Konkurrenz […] eine neue Identität von je mir mit allen („strukturelle Gemeinschaftlichkeit“) zu schaffen – also eine Aufhebung „nach vorne“, die die Zivilisation bewahrt und weiterträgt. (ebd.)

Kurz: Die gegenwärtige Welt braucht mehr Commons und keine kriegsbereite, nationalistische Rhetorik. Mehr denn je. Auch wenn der Anspruch gigantisch, fast anmaßend erscheint (was mich immer mal wieder in die Knie zwingt). Aber die wirkliche Solidarität mit den Opfern besteht darin, ihn zu erheben. Denn wenn wir nicht ständig die Saat säen, aus der leise wachsen kann, was morgen sein wird, so schrieb ein Freund auf meinen Frusttweet

dann bleibt das Knallen der Schüsse von Paris und die Schreie der Getroffenen in aller Welt unerträglich.

Das Buch als Commons

Eines möchte ich am Schluss noch anmerken: Bislang wurden nur die Beiträger_innen erwähnt, die übrigens in 5 Originalsprachen beigetragen haben. Bei der Übersetzung haben wunderbare Kolleg_innen wunderbare Arbeit geleistet. Da ist das Lektorat der Heinrich Böll Stiftung, die stete Begleitung des gesamten Prozesses durch Heike Löschmann und Joanna Barelkowska, die Rückendeckung von Barbara Unmüssig, Vorstand der Stiftung. Unser Verlag zieht mit uns an einem Strang. Es ist ein Miteinander. Kein Vertragsverhältnis! Nicht nur ein ausgesprochen fairer Preis für die Druckfassung, sondern auch Open Access Formate vom ersten Tag an! Das ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit, doch ich hoffe, es wird für viel mehr Autor_innen selbstverständlich werden.

Insgesamt haben etwa 80 Personen an diesem Band gearbeitet, weshalb ich den Buchproduktionsprozess selbst als ein Stück Commoning begreife. Was uns ermöglicht hat, das Buch letztlich als Commons zur Verfügung zu stellen (dh. mit einer freien Lizenz) ist, dass alle Ressourcen gebündelt wurden und alle Beteiligten basierend auf einer gemeinsamen Haltung zum Thema eine gemeinsame Idee verfolgten.

Commoning-Prozesse sind bekanntlich immer offen, was mitunter zu Überraschungen führt. Eine der größten erreichte mich vor 3 Jahren in meiner mailbox. Es war die mail eines Lesers von Band 1. Er hatte eine Website für das Buch programmiert. Einfach so. Vermutlich, weil er es wichtig fand, die Idee zu verbreiten. Er nannte diese Seite damals „Die Welt der Commons“. Drei Jahre später, haben wir unser Buch so genannt. Und seit heute ist auch Band 2 online.

1 44 Menschen kommen ums Leben, 200 werden verletzt.

2 Weder nur eine Nation noch der Staat als Staat von einem anderen Staat, es sei denn man betrachtet ISIS tatsächlich als einen solchen.

3 Die NATO beschloss am 4. Oktober 2001 zum ersten Mal in ihrer Geschichte den Bündnisfall. Gut 14 Jahre später tat Frankreich das Gleiche. Allerdings nicht nach dem NATO-Statut. Sondern nach Artikel 42 Absatz 7 des EU-Vertrages: „Im Falle eines bewaffneten Angriffs auf das Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaats schulden die anderen Mitgliedstaaten ihm alle in ihrer Macht stehende Hilfe und Unterstützung.“

4 Danach habe ich die fortlaufende Nummierierung aufgegeben.

5 Fragen nachzuspüren wie: How does altruism evolve? How does the ubuntu principle evolve? What creates (and reproduces) trust in different contexts? The Commons, the Premodern and the Postmodern: a deeply rooted social practice in different cultures and contexts, but always beyond Dualisms, underlying world views – human relationships, human-nature relationsships etc

6 man könnte diese Teile komplementär lesen

7 In Ouvertüre, den beiden zwei Intermezzi und dem Finale unserer Komposition ist übrigens nachzulesen, was wir derzeit als Ergebnis dieses Buchproduktionsprozesses zum Thema denken.

8 Das sich vom über den Clan hinausweisenden Konzept der Umma unterscheidet.

Ein Gedanke zu „Die Welt der Commons. In einer Welt des Terrors?

  1. Silke, fallen Dir konkrete Commonsbeispiele ein, die in engem Zusammenhang mit der ökologischen und zivilisatorischen Destabilisierung durch Umweltveränderungen, vor allem auch durch den Klimawandel, stehen? Es gibt viele Beispiele, wie stark Gewalt und „neue Kriege“ dadurch wachsen (siehe z.B. Welzer: Klimakriege). Gibt es gar keine Beispiele, dass Menschen solchen verhängnisvollen Trends und der Gewalt kooperative Alternativen entgegen stellen? Die klassischen Beispiele z.B. von E. Ostrom beziehen sich erst mal „noch“ auf normale Verhältnisse. Wie sieht das aus, wenn man das für eine allgemein sich verschärfende Lage betrachtet?
    Letztlich stecken wir genau in den zivilisatorischen Umbrüchen, in denen die von uns gewünschten „Keimformen“ sich erstmalig echt beweisen müssen, oder sie werden mit der Zivilisation insgesamt untergehen… (Viel Zeit und Gelegenheit zum Ausprobieren und langsam-stärker-werden ist nicht mehr…)

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