Commons-Verlag oder Verlags-Commons?

In der Oya 35, November/Dezember 2015, S. 91 gibt’s ein kleines Interview mit mir zum Thema. Das gebe ich hier wieder, nur die Einträge in eckigen Klammern sind ergänzt. Die Fragen stellte Matthias Fersterer, gute Seele und Leiter des Drachen-Verlags.

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Soeben ist das von dir mitherausgegebene Buch »Die Welt der Commons« erschienen. Wie schon der Vorgänger »Commons« ist das Buch selbst ein Gemeingut: Es erscheint unter einer Creative-Commons-Lizenz [und zwar unter dieser] und kann entweder im Buchhandel gekauft oder im Internet kostenfrei heruntergeladen und weitergegeben werden.

Stimmt. Wobei »Gemeingut« nicht zwingend heißt, dass es kostenfrei ist. Schließlich geht es dabei um »frei« wie in »Freiheit«, nicht wie in »Freibier«, um ein Bonmot von Richard Stallman zu bemühen. Wir haben uns aber tatsächlich entschieden, die Bücher komplett und ohne finanzielle Hürden online zu stellen.

Welche Erfahrungen haben du und dein Verlag mit diesem Experiment gemacht?

Meine Erfahrungen sind prima. Und da der Transcript-Verlag auch unser aktuelles Buch herausbringt, bin ich sicher, dass auch meine mutige Verlegerin nicht enttäuscht ist. Eine Riesenüberraschung gab es schon bei Band I: Ein mir damals Unbekannter hat in tagelanger Arbeit eine Website für das Buch gebaut und sie bemerkenswerterweise so genannt, wie nun der zweite Band heißt: »Die Welt der Commons«. Das war Weitsicht! Ich glaube, er hat uns diese Seite geschenkt, um Commons-Inhalte zu verbreiten. Einfach so. Um der Sache willen. Das ist exakt die Grundidee freier Lizenzen: Spezifische Nutzungsrechte werden freigegeben, damit das Werk besser weiterentwickelt und verbreitet werden kann. Als Autor, als Autorin möchte ich ja vor allem, dass meine Texte gelesen werden.

Ist ein Zusammenhang zwischen Download- und Absatzzahlen erkennbar?

Nein, kein direkter Zusammenhang. Es gab sehr viele Downloads und auch viele Verkäufe. Das Buch ist in die zweite Auflage gegangen. Viele lesen online, bevor sie es erwerben. Ich denke, dass die Veröffentlichung im Netz auch Vertrauen stiftet – also etwas, was gemeinhin als »unbezahlbar« gilt. Vertrauen in unseren Versuch, es anders zu machen; uns als publizistisches Team hinzustellen und zu sagen: »Wir haben wichtige Themen und Mut, Neues auszuprobieren. Habt teil daran, und unterstützt uns!«

Das klingt, als würdest du nicht nur das Buch, sondern auch die ganze Buchproduktion als Commons begreifen.

Ja klar! Es geht nicht nur um die Brötchen, sondern um die ganze Bäckerei. Wir brauchen einen Commons-Verlag oder ein Verlags-Commons als Kristallisationspunkt der Zusammenarbeit aller am Buch Beteiligten, woraus so viel Vernetzung, Gemeinschaft und Vertrauen hervorgeht, dass wir gute Texte einfach, häufig und selbstbestimmt produzieren und verbreiten können. In den Regalen des Buchhandels werden unsere Bücher nie landen – dazu ist das Vertriebssystem zu verkrustet und zu durchökonomisiert. Wir müssten einer ganz anderen Produktions- und Vertriebslogik folgen.

Wie könnte das konkret aussehen?

Etwa so: Autoren, Leserinnen, Buchhersteller und andere tun sich zusammen. Wissen, Energien und Ressourcen werden gesammelt – was fehlt, suchen wir gemeinsam: Geld von Stiftungen, Wissen und Fähigkeiten in den Communities. Die Aufgaben werden zunächst persönlich, dann in transparenten Online-Verfahren abgestimmt. Statt Werbung gibt es Mund-zu-Mund-Propaganda.

Hast du da schon Erfahrung gesammelt?

Bei dem aktuellen Buch [gemeint ist die englische Fassung] genügte eine E-Mail an 35 Menschen, um den Druck fast vollständig zu finanzieren. Das ist das Ergebnis mehrjährigen Commonings.

Hab Dank fürs Teilen deiner Vision – daran denken wir gerne weiter mit!

6 Gedanken zu „Commons-Verlag oder Verlags-Commons?

  1. Soeben wurde ich von einem Tweet inspiriert, dass in einem Verlags-Commons schon vor der Buchproduktion die Kommunikation mit der Leser_innenschaft ganz anders ist.

    z.B.
    zuallererst: potentielle Leser_innenschaft fragen: Welches Thema ist Euch lieber/wichtiger?
    Welche Perspektiven sollten nicht unter den Tisch fallen? usw.

  2. Pingback: A New Frontier: Book Publishing as a Commons | David Bollier

  3. Pingback: A New Frontier: Book Publishing as a Commons | P2P Foundation

  4. Pingback: A New Frontier: Book Publishing as a Commons | P2P Foundation

  5. Pingback: A New Frontier: Book Publishing as a Commons - Commons Strategies

  6. Pingback: La publicación de libros como bien común: un nuevo horizonte - Guerrilla Translation!

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