Commons. Ein Paradigma?

Oder: Das Menschenbild der Commoners

Am Wochenende war ich zum Treffen des Commons-Instituts in Leipzig. Dort ging es immer mal wieder um die Frage, ob es  bei Commons um mehr als eine andere Wirtschaftsweise gehe, nämlich um ein anderes Paradigma. Dieser Frage war ich im Sommer in einer eher akademischen Arbeit nachgegangen:  Commons, Commons Based Peer Production, Ecommony oder die Ökonomie des Gemeinsamen? Eine Reflexion der Selbstverständnisse und Denkgrundlagen verschiedener Commons-Diskurse

Darin vergleiche ich sechs verschiedene „Commons-Texte“ miteinander, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Von Ostrom bis Hardt/Negri, vom Commons-Institut bis Bauwens/Kostakis, von Habermann bis Benkler. Nach einer knappen historischen und geistesgeschichtlichen Verortung, dem Blick auf die jeweiligen Problembeschreibungen und Erkenntnisinteressen, untersuche ich einige kategoriale Bestimmungen, die so getitelt sind:

  • Fülle statt Knappheit
  • Beziehung stiften statt Kapital häufen
  • Care & Biopolitische Arbeit statt Löhne & Arbeitsplätze
  • Modularität, Granularität, Stigmergie, verteilte Netze und Zeitverausgabung   (ha, bei diesem Punkt ging mir die Kraft zum Titeln aus)

Zudem versuche ich, die den Texten unterliegenden Menschenbilder zu erfassen, den methodischen Implikationen derselben nachzugehen und schließlich wage ich eine Typisierung jenes Menschenbildes, das den „emanzipatorischeren“ Commons-Texten zu Grunde liegt. Darum geht es in diesem Blogpost.

Hier ein Auszug:

„Die Grundkonzeption ist jene des gesellschaftlichen Selbst. Das heißt: Menschen stehen immer in einem gesellschaftlichen Kooperationszusammenhang, der ihr Werden prägt.1 In diesem Kontext sind sie Schöpfer des eigenen, auf Mit- und Umwelt bezogenen Lebens in einer gestaltbaren Welt. Das Bezogen-Sein, das nie statisch sein kann, ist allem vorgängig. Auf der Denkfigur des Bezogen-Seins gründet alles weitere: Interaktion, Koordination, Konfliktlösung und Re-Produktion. Freiheit von Beziehungen ist in diesem Menschenbild nicht denkbar. Freiheit in Beziehungen schon. (Das sagt nichts darüber aus, dass sich unter den gegenwärtigen atomisierenden Bedingungen eine gewisse Freiheit von Beziehungen durchaus herstellen kann). Die je Anderen sind demnach nicht getrennt von mir, nicht „Gegen-Spieler ohne eigenen Stellenwert“ (Biesecker/Kesting 2003: 139), sondern durch mich hindurch und Gegenüber auf Augenhöhe.2

In diesem Menschenbild sind Gefühle wichtig, Emotionen kommen vor. Es hat in der Tat nicht nur eine gesellschaftliche und im soziologischen Sinne praxeologische Grundlage, sondern auch eine affektive, die aus dem Bezogen-Sein3 rührt. In diesem Kontext kann Handeln in Bezug auf Andere nicht zuvorderst strategisch/instrumentell gedacht werden, sondern als Prozess der Selbstentfaltung, die zugleich „Voraussetzung für die Entfaltung aller“ ist (Acksel et al. 140). Entsprechend wird die (Für-)Sorge nicht ausgehend vom isolierten, tadellosen und guten, sich um seine unmittelbar Nächsten sorgenden Individuum konzipiert, sondern strukturell in der Vorstellung von Wirtschaft&Gesellschaft verankert. Der Begriff der Gegenseitigkeit ist hier wichtig, die nicht direkt und negativ gekoppelt sein muss. Habermann spricht von „reziprokem Altruismus“, ein Begriff der einige konzeptionelle Fragen aufwirft, bei Acksel et al. Ist die Rede von „positiver Reziprozität“, konkreter eine:

potenzialfördernde[n] wechselseitige[n] Bezogenheit, [die] sich fundamental von der strukturell exkludierenden negativen Reziprozität der Warenlogik [unterscheidet]. Sie erzeugt nicht Vereinzelung, sondern eine strukturelle Gemeinschaftlichkeit“ (140, vgl. auch Meretz 2012b).

Ähnlich Habermann:

Solidarität in einem emanzipatorischen Sinne, die nicht von dem Gedanken, wie Du mir so ich Dir (‚do ut des‘) geprägt ist und deren Basis auch nicht das Angewiesensein aufeinander ist“ (15/16).

Ontologisch impliziert das die Negierung einer Idee vom So-Sein des Menschen, vom Commoner-Sein. Das Sein wird durch Ereignisse geschaffen, die wir selbst beeinflussen. Immer wieder neu (vgl. auch Hardt/Negri 2010: 76). In diesem Sinne kann nur von einem Commoner-Werden gesprochen werden. Wie lassen sich nun in dieser Denkwelt institutionalisierte Handlungszusammenhänge und Regeln entwickeln? Wie geschieht Koordination und Re/Produktion auf gesellschaftlicher Ebene, so dass sich Kooperationsvorteile für alle vermehren und commoning zu einer neuen Selbstverständlichkeit wird? Wie also erfolgt die Vermittlung? (vgl. ausführlicher 6.2.4.)

Bereits erwähnt wurde, dass im Prozess ermittelt werden muss, was gutes Commoning (bzw. in Hardt/Negris Terminologie gute „biopolitische Arbeit“) ist.4 Eindeutige Indikatoren oder Maßstäbe bzw. -einheiten sind dafür nicht festlegbar. In anderen Worten: Menschliches Handeln lässt sich letztlich weder formalisieren noch berechnen. Dies ist Ausdruck der Verteidigung des freien Willens, der Gestaltbarkeit der Welt, des Schöpfer*inseins des eigenen Lebens, des ‚wir-können-auch-anders‘. Der prozessualen Erfassung und Reflexion sowie der öffentlichen Debatte kommt dabei eine wichtige Koordinierungsfunktion zu, die erfüllt wird durch sich wiederholende Erhebungen von Fairness- und Zufriedenheitsempfinden, Konflikthäufigkeiten, Produktqualitäten, Nutzungsintensitäten, ökologische Rucksäcke, Partizipation: dem immer wieder neuen Fragen nach ökologischer Nachhaltigkeit, sozialer Kohäsion, Lebensqualität, Glück, Freude und Sinn.

Für das hier beschriebene Menschenbild möchte ich den Begriff des reziproken gesellschaftlichen Selbst vorschlagen5 (vgl. Abb.3 zur theoriegeschichtlichen Einordnung nach Biesecker/Kersting). Die Fähigkeit und der Wille, Beziehungen mit anderen zu reflektieren und zu vertiefen, werden darin vorausgesetzt.“

Das war’s. Gibt’s bessere Vorschläge? Her damit!

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1 Das gilt selbstredend auch für die uns derzeit prägenden gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen ein homo oeconomicus vorausgesetzt, institutionalisiert und tatsächlich im Wortsinne realisiert wird. Hardt/Negri schreiben in diesem Zusammenhang von der „Produktion zweier gegensätzlicher, konfligierender Subjektivitäten, die in der gleichen sozialen Welt nebeneinander existieren“ (304). Gemeint sind die Subjektivität des homo oeconomicus in mir einerseits und des commoner in mir andererseits. Der Konflikt geht durch unseren Alltag, unsere Körper, unsere Praxis hindurch.

2 Hardt/Negri plädieren dafür, das Gebot der Nächstenliebe umfassender zu interpretieren. Die Nächsten seien „darin nicht in einem wörtlichen Sinne (als einem selbst gleich oder sehr ähnlich) zu verstehen, sondern im Gegenteil als die Anderen“ (195).

3 Diese muss nicht personal sein.

4 In Helfrich 2015 schlage ich dafür methodisch die Musterentwicklung nach Christopher Alexander vor.

5 In Weiterentwicklung von Helfrich 2012b; dort erscheint unter Menschenbild: „kooperationsfähiges soziales Wesen“.

PS: Was mir während der Erstellung dieser Arbeit auch klar wurde ist, dass die Mustertheorie und die Entwicklung von Mustersprachen nicht nur methodisch, sondern auch erkenntnistheoretisch einen Commons-Ansatz zu fassen versteht. Stein vom Herzen.

5 Gedanken zu „Commons. Ein Paradigma?

  1. > Freiheit von Beziehungen ist in diesem Menschenbild nicht denkbar (was nichts über die „Freiheit von Beziehungen“ aussagt, die sich unter entsprechenden Bedingungen im realen Leben herstellen kann). Die je Anderen sind demnach nicht getrennt von mir, nicht „Gegen-Spieler ohne eigenen Stellenwert“ (Biesecker/Kesting 2003: 139), sondern durch mich hindurch und Gegenüber auf Augenhöhe.2

    Der Teil der ersten Klammer ist etwas unverständlich. Womöglich lässt sich dieser Einschub in einem gesonderten Satz. Die unterschiedliche Betonung der beiden Redensweisen kommt in dieser Metrik nicht durch.

  2. Pingback: Die Welt der Commons. In einer Welt des Terrors? | CommonsBlog

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