Wirtschaftsnobelpreis für Ostrom: von den Commons zum Mond

Ich war im Funkloch. Ausgerechnet als Anfang der Woche der Wirtschaftsnobelpreis an Elinor Ostrom vergeben wurde. Kurz vor meinem  virtuellen Abtauchen noch diese Pressemitteilung und jetzt lese ich den Nachrichten hinterher.

Stefan Meretz hat auf Keimform eine vergnüglich kritische Presseschau gemacht: Ich kann – da die Begriffsverwirrung auch die Presse plagt (Allmendressourcen, Gemeingüter, Gemeineigentum, Commons oder was?)  – diesen Artikel beitragen.

Zur Ergänzung der Presseschau hier der Versuch der NZZ, Ostrom doch noch der klassischen liberalen Schule zuzuordnen. Urteil: Nicht überzeugend.

Der Spiegel online findet, die diesjährige Preisvergabe sei ein Zeichen für

eine weitere Entideologisierung des Nobelpreises und den zunehmenden Sieg von praxisrelevanter Forschung über die abstrakte Theorie.“

Stimmt! Nichts ist so unideologisch wie die Commonsdebatte. Und die Financial Times Deutschland resümiert:

„Durch die Auszeichnung mit dem Wirtschaftsnobelpreis für Ostrom und Williamson unterstreicht das Nobelkomitee, wie wichtig es die theoretische Grundlage des Marktversagens nimmt.“

Der FTD rückt auch die Interdisziplinarität Ostroms ins angemessene Licht. Wird sie woanders oft als „Umweltökonomin“ bezeichnet, erinnert die FTD daran, dass Ostrom Politologin ist, die sich u.a. empirischer Forschungsmethoden der Anthropologie bedient.

Aber dann skizziert sie die Preisträgerin doch sehr befremdlich als eine Art „spontaneren und basisorientierten“ Aufguss von James Buchanan und Friedrich Hayek. Damit das Weltbild wieder stimmt!

Wer demgegenüber das Interview in der ZEIT liest, kann sich überzeugen, dass Ostrom – wie die Commons – für jegliche ideologische Schublade zu sperrig ist.

„ZEIT: Mit anderen Worten, die Wirklichkeit ist kompliziert. Das klingt erst mal unbefriedigend.

Ostrom: Einige Aussagen kann man schon treffen. In Systemen, wo die Nutzer langfristige Ernte- oder Nutzungsrechte genießen, und wo sie sich selber organisieren dürfen, werden das viele Gruppen auch erfolgreich tun und die gemeinschaftliche Nutzung in den Griff bekommen. Ein einfaches Modell können Sie hieraus allerdings nicht ableiten.“

Konkreter:

„Wer versucht, eine einheitliche Regel über ein Fischereigebiet in einer großen Region zu stülpen, wird scheitern.“ (alle Herv. S.H.)

Und Prof. Irvin L. Collier vom John F. Kennedy Institut in Berlin stellt in diesem Interview mit dem Deutschlandradio nicht nur klar, dass Commonsforschung den Kernbereich der Ökonomie betrifft („nicht alles ist Finanzwirtschaft“), sondern auch, dass Ostrom

zeigte, dass die Leute nicht so dumm sind. Man muss nicht total privatisieren oder mit so einer Zentralplanwirtschaft kommen und alles lenken – dazwischen findet man genügend Beispiele, wo das (der Umgang mit Allmendressourcen – S.H.) vernünftig und demokratisch verwaltet werden kann.“

Tatsächlich hat Ostrom ihre Skepsis gegenüber herkömmlichen, bürokratischen staatlichen Strukturen kürzlich so begründet:

Bürokraten haben manchmal nicht die richtigen Informationen, Bürger und Nutzer von Ressourcen aber schon.“ (vía)

Es geht also um das, was jenseits bzw. komplementär zu Markt und Staat liegt. Entweder-Oder-Denken ist Ostrom fremd.

Auch mein Kollege David Bollier wurde vom Business Magazin Forbes gebeten, die Preisverleihung zu kommentieren. Sein Fazit: Die Ideen der Wirtschaftsnobelpreisträgerin arbeiten heute im Netz. Mit anderen Worten: Sie sind quicklebendig und produktiv.

Und schließlich trägt Jay Walljasper auf onthecommons die „Tragik der Allmende“ zu Grabe. R.I.P. Diese „Tragik der Allmende“ ist ja nichts, was von Himmel fällt, sondern Kooperationsversagen – eine Tragik der menschlichen Gemeinschaft sozusagen. Sie ist zwar immer möglich aber auch grundsätzlich vermeidbar.

Ostrom’s research refutes this abstract concept once-and-for-all with the real life experience from places like Nepal, Kenya and Guatemala.“

Die Verleihung des Nobelpreises an Ostrom ist somit der Anfang vom Ende eines Mythos. Die Wissenschaftlerin hat mit vielen Kollegen Stück für Stück die Erinnergungslücken des kollektiven Gedächtnisses zum Umgang mit der Allmende freigelegt. Sie hat verifiziert, was an der Legende dran ist und so den Mythos zerstört und der machtvollen Metapher von Garrett Hardin die Flügel gestutzt.

Fortan wird es schwerer fallen, unsere Debattenbeiträge als „Phantasien von Latzhosenträgern“ hinzustellen, wie Thomas Fischerman im ZEIT Interview noch etwas augenzwinkernd kommentiert.

Nur die globalisierungskritische, netzpolitische und Umweltszene sagt nicht viel (oder hab ich in der Nachrichtenflut was übersehen?). Erfreulich daher, dass sich wenigstens die österreichischen Attacies durch den Nobelpreis in ihrer Arbeit bestärkt sehen:

Die Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises an Elinor Ostrom bestärkt uns in unserem Einsatz für eine Demokratisierung der Wirtschaft,…“ denn: „Die Rückbesinnung auf Gemeingüter macht Alternativen zur Privatisierung öffentlichen Eigentums sichtbar.“

Die Akteure der Commonsdebatte hingegen, fühlen sich ein bisschen „wie auf dem Mond“. Das schrieb mir Leticia Merino von der IASC, jener internationalen Commonsforschungsorganisation, die Ostrom mit gegründet und maßgeblich geprägt hat. Auf der IASC Seite gibt es eine Möglichkeit zu kommentieren. Einer der Gratulanten bringt es entgegen meiner These, dass die Wirschaftswissenschaft ausgedient hätte, auf folgenden Punkt:

der Preis bedeutet, dass es noch Hoffnung für die Wirtschaftswissenschaften gibt.“

Den Preis will Elinor Ostrom Studenten und der Forschung spenden.

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