Duschen, die die Welt verändern (1/2)

& Gedanken zu Commons Public Partnerships

In Turin fühle ich noch immer, wer für wen die Stadt erbaut hat: von Herrschende für Herrschende. Kaiser (Augustus), Könige (die Savoyen), Diktatoren (Mussolini), Konzerne (Fiat) und das Militär prägten über Jahrhunderte die Energie der Metropole. Ich fühle mich klein auf der Mega-Piazza Vittorio, die herzlich wenig Lebendigkeit ausstrahlt, und noch etwas kleiner bewege ich mich durch die Via Roma. Das hatten die Baumeister durchaus so im Schilde. Turin ist ganz anders als etwa toskanische Städte, von deren Flair ich mich sofort umhüllt fühle.

Doch auch die ehemalige Industriemonopole hat sich verändert. Besonders an jenen Orten, die in den Zentren der Herrschaft – und des Tourismus‘ – kaum wahrgenommen werden. Das begann mit der Vorbereitung der Winterspiele 2006. Vermutlich lässt sich selbst die öffentliche Vorstellung von Co-City Turin bis dahin zurückverfolgen. Co-City Turin geht in die erste EU geförderte Runde. Das sind potentiell 3 Jahre Geld für Commons* aus der EU Initiative Urban Innovative Action. Und im Anschluss vermutlich weitere drei Jahre.

Noch liegt für mich im Dunkeln, wie es um die Commons in Turin steht. Die Politik von Co-City Turin geht in Richtung „Partizipation“ – also nichts wirklich Neues unter der Sonne – doch die öffentlichen Duschen in einem marginalisierten Viertel machten mich munter und neugieriger als die offiziellen Co-City-Pläne das vermochten. Doch auch die sind interessant. Immerhin gibt es in Turin seit etwa einem Jahrfünft in der Stadtverwaltung einen Arbeitsbereich für Gemeingüter (beni comuni). Und die Mitarbeiter dieser Abteilung interessieren sich tatsächlich für den Unterschied zwischen bene comune (Gemeinwohl), beni comuni (Gemeingüter) und Commons, so mein Eindruck.

Benvenuti Docce Publicche.jpg

Doch zurück zu den öffentlichen Duschen. So etwas gibt es in Deutschland nicht, oder? In Paris existieren noch immerhin 18, also achtzehn Orte, nicht 18 Duschen. In Turin gibt es bislang nur dieser Orte. Einer davon circa 4 km nördlich des Zentrums im Barriera di Milano – der ‚Sperre von Mailand‘. Das ist dort, wo man früher aus Richtung Mailand kommend die Stadt betreten wollte, aber ohne Zollzahlung nicht durfte. Der Schlagbaum gab dem Viertel den Namen. Heute gibt es keinen Schlagbaum mehr, aber soziale Hürden: ins Barriera di Milano zieht mensch nicht. Der Ruf ist schlecht. Die Enge größer als anderswo. Zudem: Gibt es in Turin im Durchschnitt 20% Immigrant*innen, so sind es in diesem Viertel 38%. Viele kommen aus dem Maghreb oder aus Afghanistan. Sie sind im Wesentlichen mit dem Überleben, ihrem legalen Status, den Geldsendungen nach Hause, beengten Wohlverhältnissen und der Suche nach Perspektiven beschäftigt. „Integrieren müssen wir uns, die Einheimischen“, resümiert die vor Energie strotzende Erika, während wir uns auf den Weg zu den Duschen machen. Erika hat Haltungsschäden. Körperlicher Art. Sie geht leicht gebeugt und etwas ungelenk. Umso behender wirken ihre Ideen, umso flinker ihre Zunge. Ihre wichtigsten Werkzeuge. Erika leitet die „docce pubbliche di via Agliè“.

Docce Pubbliche di Via Agliè

Öffentliche Duschen also: wer braucht Anfang des 21. Jahrhunderts eigentlich so etwas?
Täglich etwa 100 – 120 Menschen in der kalten und 20-30 Menschen in der warmen Jahreszeit allein in diesem Viertel. Flüchtende, Obdachlose – das kommt in den Sinn, aber wer noch? De facto haben fast alle Besucher ein Zuhause und 85% davon haben zu Hause eine Dusche, weiß Erika. Nur fehlt manchen das Geld für die Reparatur des Boilers, oder sie fühlen sich – aus Altersgründen – unsicher beim Betreten der Duschwanne und freuen sich über Unterstützung.  Oder ihnen fehlt die Privatsphäre, denn die Duschen heißen zwar „bagni publicci“ bzw. „docce pubbliche“, also „öffentliche Duschen“, aber selbstredend wird im geschützten, privaten Raum geduscht und nicht wie im Schwimmbad. Die Hoffnung auf eine helfende Hand beim Duschen bringt also viele hierher. Das liegt nahe und doch wäre ich nicht von allein darauf gekommen. „Die Stadtverwaltung auch nicht,“ sagt Erika. Bedürfnisse kann man nicht am Schreibtisch ermitteln.

Duschen Plan
Wer beim Betreten der Öffentlichen Duschen Badetuchatmosphäre erwartet, irrt. Stattdessen begrüßen uns lokale Kulturinfos rechts und links der Treppe. Ein Schritt weiter uns wir stehen im Bistro, das seit einer großen Namensfindungsdiskussion „agua alta“ heißt. Es ist das einzige Halal-zertifizierte Bistro Turins. Die Zertifizierung ist den Einheimischen egal, sie bekommen das meist gar nicht mit. Wer hingegen halal isst, ist dankbar und kann hier genauso speisen wie alle Anderen auch.

Im Raum links allerlei Erinnerungsdeko, eine Minibibliothek, Platz zum Plaudern und Spielen. Gleich dahinter die historischen Duschen, die bewahrt wurden. Darin eine Fotoausstellung aus und über das Viertel, in einer der ehemaligen Duschkabinen kann man jungen Senegalesen beim Nähen zusehen. Malik, den ich auf Anfang 30 schätze, hat in den historischen Duschen eine Schneiderwerkstatt eingerichtet. Er bekommt Anerkennung für das, was hier entsteht und mehr noch: Miteinander, Dazugehörigkeit, ganz normalen Alltag. Diese öffentlichen Duschen verändern Maliks Welt.

Wer die Website betritt, bekommt einen lebhaften Eindruck davon, dass es eigentlich keine Duschen sind, sondern das Herz von etwas Größerem: Groß genug, um nicht mehr übersehen zu werden. 50.000 Menschen sind an den unzähligen Aktivitäten beteiligt, an denen die „docce pubbliche“ mittun. Fünfzigtausend im Jahr! Kurse, Lesungen, Konzerte, Gnocchi-Abende, Ausstellungen oder einfach das dolce far niente in einem offenen Raum. Wir laufen mit Erika durch die Straßen des Viertels – sie teilt mit uns Geschichten, grüßt nebenher sehr viele Menschen, trifft schnell hier und da noch eine Vereinbarung und vermittelt uns – ehrfürchtig fast, wie wichtige einzelne Personen für das neue Selbstbewußtsein von Barriera di Milano sind. Und wie wichtig sie erst ist. Erika! Deutlich jünger als ich und doch mir scheint, als lebe sie hier seit mindestens 100 Jahren.

Ich frage nach den größten Problemen? Was fehlt Euch am meisten?
Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Geld“. Bei solch einer Antwort ist in der Regel klar, dass sich etwas anderes darunter verbirgt. Erika erklärt mir die Lage. Das Projekt nimmt mit den Duschen 15-17 Tausend Euro im Jahr ein. Anders als in Paris sind die Duschen nicht kostenlos, 1,85 Euro schlagen pro Duschgang zu Buche. Die meisten geben zwei. Weitere 21 Tausend Euro kommen von der Verwaltung, der circoscrizione, zu der Barriera die Milano gehört. Und 40 Tausend kommen von einer privaten karitativen Stiftung. Das sind Ca 76-78 Tausend Euro. Im Jahr. Gesamtbudget. Für einen vielfältigen offenen, integrierenden, identität- und erinnerungstiftenden Raum.

„Dafür“ öffnen die Duschen zu unchristlichen Zeiten. Und „dafür“ werden – im Sommer meist auf der Straße oder in Parks, im Winter an verschiedenen Orten des Viertels – wöchentlich 2-3 Veranstaltungen ausgerichtet oder mitgetragen. Allesamt ohne Eintrittsgelder. 76-78 Tausend Euro. Peanuts.

Wer die These begreifen will, dass die Investition in solche Räume erheblich größere Investitionen in Krankenhäuser, in Sozialtransfers, welche Löcher der Vereinzelung stopfen oder in Gefängnisse vermeiden helfen, muss nur ein paar Stunden in den „docce pubbliche“ verbringen und zuschauen. Nennen wir diese Räume: Urban Commons, denn hier lebt intrinsische Motivation, freiwilliges Beitragen, Einheit in Vielfalt. Je  bedingungsloser also Stadtregierungen und andere Partner solche Projekte unterstützen, umso mehr können diese ihr Potential entfalten. Und von dem, gäbe es noch unendlich viel, weiß Erika. Es fehlt also kein Geld (das ist ja für andere Vorhaben ja auch da), es fehlen Wertschätzung und das freilassende Vertrauen in solche Orte, in „öffentliche Duschen“ die etwas Großes bergen. Es fehlt mehr freie Zeit für Menschen, die selbige gern in solche Orte investieren würden. Es fehlen Grundsicherungen – mit oder ohne Geld.

*Die Stadt Turin erhielt die Finanzierung für eines der 18 Projekte, die in der ersten Phase der Urban Innovative Actions (UIA), bewilligt wurden. Zum Vergleich: 360 Städte gingen leer aus.

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Es folgt Teil zwei mit Schwerpunkt Commons-Public-Partnerships.

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