Wagenknecht/Petry? Macht Sinn…

… in einem Koordinatensystem, das sich noch immer – ein Viertel Jahrhundert nach Antony Giddens – an rechts und links orientiert. In diesem Koordinatensystem macht sich vieles an der sozial-ökonomischen Frage fest. Und in dieser Frage wiederum empfinden sich viele Wählerinnen und Wähler der Linken und der AfD als Verlierer. Oft genug sind sie es auch.

Das, so vermutet Ludwig Greven in der ZEIT, sei wohl ein Grund dafür, dass Sarah Wagenknecht dem Doppelinterview mit Frauke Petry zugestimmt habe. Da hat er wohl recht. Greven bewegt sich selbst im Links-Rechts-Denken. Die Überschrift verrät’s. Und wer sich darin bewegt hat zwei Möglichkeiten: Sarah Wagenknecht zu beschimpfen, weil sie so weit nach rechts rücke. Mit dergleichen Logik könnte man Petry vorwerfen, sie rücke nach links. Oder das Diskussionsfeld wechseln: hin zur taktischen Frage, was klüger sei: Dialog oder „links liegen lassen“ (warum eigentlich links?). „Gespräch oder Ächtung“ (Greven).

Dieses Rechts-Links-Spektrum, das sich auch am Verhältnis zum Staat bestimmt, der für Soziale zuständig sei, war vielleicht im Zeitalter des nationalstaatlich gehegten und gepflegten Industriekapitalismus sinnvoll. Aber heute? Heute internationalisiert sich der Staat und die Gegenbewegungen sind gruselig nationalistisch. Heute ist die Debatte um „mehr“ oder „weniger“ Staat abgedroschen. Sie fragt nicht, welches ökonomische System Staatsmacht reproduziert und wie selbige dann von diesem abhängt. Auch die Sphäre der Produktion erlebt heute dramatische Veränderungen. Manche davon hin zum Positiven:  collaborative economy, P2P/Commons Economy, neue Care- und Transition Initiativen. Sind die nun links oder rechts?

Aber solch positive Veränderungen gibt es viel zu wenige. Und das liegt unter anderem daran, dass Parteien und etablierte Institutionen (inklusive der Medien) auf dieses Rechts-Links-Denken fixiert sind. Die soziale Frage stellt sich immernoch und oft nicht weniger scharf als früher, aber sie stellt sich nicht mehr ausschließlich entlang der Frage, ob mensch einen Job in diesem Industriekapitalismus hat oder nicht.

Also: alles wird anders, nur das Koordinatensystem soll bleiben wie es ist? Ich glaube, die LINKE wird sich aus der ungewollten, durch Wählerwanderungen vermittelten Umarmung durch die AfD nur lösen können, wenn sie sich ein neues Koordinatensystem sucht, politisch und ökonomisch. Jenseits von Rechts und Links.

Und ich glaube, liebe Leute vom Commons-Institut, wir sollten darüber mehr öffentlich reden.

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8 Gedanken zu „Wagenknecht/Petry? Macht Sinn…

  1. Liebe Silke, ja, darüber sollten wir reden. Dann müssen wir auch darüber reden, dass eine Grundlage des wirklich abstoßenden Nationalismus von Wagenknecht und Petry die angebliche Differenz von (guter, bodenständiger, nationaler/lokaler) Marktwirtschaft und (bösem, kosmopolitischem, geldgierigem) Kapitalismus ist, und diese Figur ist in der commonsnahen Szenerie ebenfalls ziemlich verbreitet!

    Bei „jenseits von rechts und links“ („…sondern vorne“) zucke ich unwillkürlich zusammen: Alle, die das in der Vergangenheit wollten, sind am Ende ganz banal immer „rechts“ gelandet. Es gilt also zu bestimmen, was das „jenseits“ ist, und für mich kann dieses nur „Emanzipation für alle“ sein.

  2. @StefanMz, Danke für den Kommentar! Wo hast Du das „… sondern vorne“ her? Vorne und hinten ist auch zweidimensional. Nichts anderes als rechts und links. So einfach ist die Welt nicht, da sind wir uns ja einig.

  3. kannte ich nicht, aber mir fällt bei „vorn“ sofort der Begriff „Avantgarde“ ein. Die Garde da vorn, die sich meist links definierte und dann so endete: „Die Partei, die Partei, die hat immer recht… „; Und für „die Partei“ kann man freilich auch diese oder jene Gruppierung, Strömung oder Theorie einsetzen.
    Bei einem anderen Koordinatensystem denke ich an ein mindestens vierdimensionales; und da steht dann evt „Emanzipation“ an einem Pol (ich würde es halt Commons nennen, muss ich aber nicht);
    Vielleicht so was wie emanzipatorisch – autoritär auf einer Achse und lokal – global oder Gemeinschaft – Gesellschaft auf der anderen.

  4. Pingback: Recht/Links, Vorn/Hinten, Oben/Unten: Die Welt der eindimensionalen Koordinatensysteme | CommonsBlog

  5. Pingback: Frauke Petry und Sarah Wagenknecht oder Die Welt der eindimensionalen Koordinatensysteme | CommonsBlog

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