Bist Du Commonist*in?

Oder: Fünf Schritte, um Commonist*in zu werden

(das Interview hat Tobi Rossweg für die Utopikon mit mir gemacht. Hier im Original veröffentlicht, sogar mit Bildern .)

Nach den ersten vier Interviews mit Friederike Habermann, Van Bo Le-Mentzel, Nathalie Marcinkowski und Hanna Poddig, geht es heute im UTOPIKON Interview mit der Commonsaktivistin und Publizistin Silke Helfrich um Commons und Commoning. Die Frage ist: Bist Du Commonist*in?

TR: Liebe Silke, danke Dir herzlichst für die Zeit, die Du Dir für das Interview genommen hast: Stell Dich doch bitte kurz vor.

Ich bin Vollzeit-Commoner

Silke Helfrich: Menschen stellen sich ja oft mit ihrem Namen und ihrem Job vor. Den Namen kennt Ihr schon, einen Job hab ich nicht und ich habe auch nicht vor, jemals wieder einen zu haben. Zumindest was meine aktiven Beiträge zur gesellschaftlichen Debatte angeht, bin ich sozusagen Vollzeit-Commoner. Das möchte ich bleiben. Ansonsten bin ich dabei, mich endlich endgültig niederzulassen, was mich von Thüringen nach Baden-Württemberg führt; und ich begleite meine beiden Kinder ins Erwachsenenleben.

 

Commons fallen ja nicht vom Himmel – sie sind nicht, sie werden.

TR: Du wirst als Commonsaktivistin auf der UTOPIKON eine Keynote geben. Was sind „Commons“?

Silke Helfrich: Sie sind nicht. Sie werden. Commons fallen ja nicht vom Himmel, sondern sind immer Ergebnis eines gemeinsamen Tuns. Wenn eine Gruppe, ein Netzwerk, eine Gesellschaft keine Commons herstellt, pflegt, schützt, weiterentwickelt und anpasst, dann wird es keine geben.

Konkret: Man kann sagen: „Freie Software ist ein Commons.“ Als Commons – zugänglich und für die je eigenen Bedürfnisse nutzbar – gedacht, produziert und durch eine Freie Lizenz geschützt. Es geht bei Freier Software – wie bei jedem Commons – immer um die Freiheit der Nutzerinnen und Nutzer, nicht um die Freiheit der Software. Aber wenn es niemanden gibt, der Freie Software programmiert, dann wären wir alle von Microsoft oder Apple abhängig. Und wenn es niemanden gibt, der sich Gedanken macht, wie man eine Lizenz so schreibt, dass alle die Software nutzen, weiterentwickeln, teilen, sich aber nicht privat aneignen dürfen, dann wird irgendwann irgendjemand kommen und sagen: ‚Jetzt gehört das alles mir.‚

Das gleiche beim Land, beim Wasser, bei Bildungs- und Gesundheitsthemen: immer da, wo Menschen ein gemeinsames Ziel verfolgen und dafür sorgen, dass die Dinge so in die Welt kommen, dass

  1. niemand über den Tisch gezogen wird (also nicht auf Kosten anderer produziert wird) und
  2. alle Betroffenen an der Entscheidungsfindung über Regeln und Konfliktlösungen beteiligt sind entsteht ein Commons. De facto reden wir also von sozialen Prozessen. Da passt ein Verb besser als ein Substantiv. Wir nennen es neudeutsch commoning. Ich würde gern noch einen dritten Aspekt hinzufügen, nämlich dass
  3. darauf geachtet wird, dass die Ressourcen, die gebraucht und genutzt werden auch morgen noch zur Verfügung stehen. Aber das ist eine normative Geschichte. So ein ökologischer Anspruch, der bei weitem nicht in allen Commons erfüllt ist – vor allem nicht im digitalen Bereich.

Commons braucht Commoning

TR: Genau, Commons braucht vor allem Commoning. Was bedeutet das (für Dich)?

Silke Helfrich: Zunächst mal meine/unsere Sinne zu schärfen für das, was alles möglich wird, wenn wir lernen die Dinge, die wir erreichen wollen oder zum Leben brauchen als Commons denken.

Wenn Du ein Dach über dem Kopf suchst, für Dich, für Deine Familie, dann kannst Du mieten (dann ist das Geld weg), Du kannst kaufen (dann hast Du in der Regel Schulden für ein paar Jahrzehnte, ergo Abhängigkeit) oder Du kannst versuchen, Dich einem Projekt anzuschließen, dass das Dach über dem Kopf als Commons denkt und in die Welt bringt. Es gibt Hunderte Beispiele dafür, die nicht gleich bedeuten: ich muss alles immer mit allen teilen, nicht nur den Raum der Küche, sondern auch die gemeinsame Haushaltskasse. Darum geht es gar nicht. Sondern darum· dass mehrere Menschen mit dem gleichen Ziel zu diesem Dach beitragen, dass es Solidarprinzipien gibt, dass Selbstverwaltung praktiziert wird, und vor allem, dass das gemeinsam geschaffene Dach nicht wieder zurück auf den Immobilienmarkt fällt. Das Mietshäusersyndikat hat sich um diesen Aspekt sehr verdient gemacht – mit Projekten in ganz Deutschland.

TR: Du sprichst von Prinzipien der Commons. Was meinst Du damit?

Silke Helfrich: Eigentlich etwas sehr einfaches. Es gibt ein paar Grundprinzpien – z.B. beitragen statt tauschen – die man in vielen verschiedenen Praktiken beobachten kann. Die sind der Kern des ganzen. Die Erscheinungsformen können sehr unterschiedlich sein. Du kannst einen Commons-Prozess auf der rechtlichen Ebene als Genossenschaft organisieren oder als Verein, oder als Stiftung oder sogar als Aktiengesellschaft. Das ist eigentlich nicht so wichtig, sondern nur die institutionelle Hülle. Wichtig ist, welches Prinzip der gemeinsamen Handelns zu damit ins Leben bringst.

Jetzt wird’s konkret und praktisch!

TR: In eurem neuen Buch „Die Welt der Commons – Muster gemeinsamen Handelns“ gebt ihr konkrete Beispiele. Magst Du uns ein paar nennen, damit es praktisch wird?

Silke Helfrich: Gern, im „alten“ – Commons – Für eine Politik jenseits von Markt und Staat gibt’s übrigens noch mehr.

Ich nenne Dir Beispiele aus beiden Büchern und aus unterschiedlichen Lebensbereichen, damit anschaulicher wird, dass man sich sozusagen ein Commons-Brille aufsetzen und damit die Welt neu sehen kann. In den Büchern gibt es Beispiele aus aller Welt, ich bleibe aber für die UTOPIKON im eigenen Kulturkreis.

In den Büchern haben wir etwa 100 Beispiele aus aller Welt gesammelt. Zu einigen gibt es ganze Artikel, anderen sind thematisch in Überblicksartikeln zusammengefasst.

 

Ich gebe zum Beispiel alles frei, was ich produziere

TR: Versuchst Du schon heute Teile Deiner Gesellschaftsutopie zu leben und wenn ja, wie?

Silke Helfrich: Ich gebe zum Beispiel alles frei, was ich produziere und setze mich auch bei Verlagen dafür ein, dass sie diese „neue“ Praxis akzeptieren. Das ist gar nicht so einfach, weil das mit ihrem gewohnten Geschäftsmodell kollidiert. Grundsätzlich versuche ich, finanzielle Fragen von meinen Entscheidungen zu entkoppeln. Sorge also gewissermaßen für ein Grundeinkommen (wobei die beste Strategie ist, das Leben so zu organisieren, dass man möglichst wenig Geld braucht), damit ich auch die Sachen machen kann, die mir wichtig sind, die aber nicht bezahlt werden. Die Verfügbarkeit von Geld, die Logik des Marktes, darf nicht über meine Entscheidungen verfügen. Das ist mir wichtig, ist aber schwierig – ein ständiger innerer Dialog – aber es ermöglicht mir, „frei vom Arbeitsmarkt“ zu sein.

Und dann bin ich in diversen kleinen Commons-Prozessen beteiligt.

Nächster Schritt: wenn ich endlich sesshaft geworden bin, werde wir die Solawi in unserer Gegend um unsere Mitgliedschaft bereichern.

TR: Warum bist Du bei der UTOPIKON mit dabei?

Silke Helfrich: Weil ich neugierig bin auf die UTOPIKON und auf die Menschen, denen ich dort begegne.

5 Schritte, um Commonist*in zu werden

TR: Zum Schluss: Welche 5 Schritte magst Du den Leser*innen mitgeben, damit sie hier & jetzt beginnen Commons in ihren Alltag lebendig werden zu lassen und damit Commonist*in zu werden?

Silke Helfrich:

  • Erstmal innehalten.
  • Dann Commons denken lernen (sich die Commonsbrille aufsetzen)
  • Dann werdet ihr schnell feststellen, dass es commoning sowieso schon überall gibt, auch im eigenen Leben.
  • Diese Dinge sichtbar machen, die Prinzipien verstehen, eine Sprache dafür finden und dann auf alle Lebensbereiche übertragen, die Euch wirklich, wirklich wichtig sind.
  • Kleine Schritte. Irgendwo anfangen. Ganz egal wo. Aber nie allein!

Was lebst oder kennst Du schon im Bereich der Commons?

Ab damit in die Kommentare, damit wir uns mit Beispielen gegenseitig inspirieren.

Ein Gedanke zu „Bist Du Commonist*in?

  1. Pingback: Bist Du Commonist*in? – Das Commons-Institut

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