Saatgut ist Gemeingut und alles andere als knapp!

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„Wer die Saat hat, hat das Sagen.“

Mit diesem Sprichwort lenkt der Verlag die Aufmerksamkeit auf  ein wichtiges Buch von Anja Banzhaf. Und tatsächlich: Wer unser Saatgut kontrolliert, kontrolliert die gesamte Nahrungsmittelkette. Aber Saatgut ist nur unter bestimmten Voraussetzungen kontrollierbar: einerseits, indem es so zurechtgezüchtet wird, dass es immer wieder nachgekauft werden muss. (Das kennen sie vielleicht von Ihrem Petersilientopf aus dem Supermarkt? Ein Kraut, das eigentlich Jahrzehnte stiefmütterlicher Behandlung übersteht und von dem es viele mehrjährige Sorten gibt – eh, gegeben hat-, überlebt in der Einkaufsvariante nicht einmal zwei Monate und schon gar keinen Winter!). Andererseits, indem Saatgut zum Objekt eigentumsrechtlicher Verfügung werden darf und damit vom Gesetzgeber gegen die Nichteigentümer verteidigt wird — ganz so, wie wir das auch von Hosenknöpfen, Fahrrädern oder Immobilien kennen.

Zu den Nicht-Eigentümern gehören wir, die 99%, denn der Saatgutmarkt (der letztlich bestimmt, was auf unsere Teller kommt, ist hochkonzentriert). Die Agrarindustrie ist gut darin, weltweit die Kontrolle über das eigentumstauglich zurechtgezüchtete Saat zu übernehmen. Doch vielerorts kämpfen Bäuerinnen und Gärtner dafür, über ihr Saatgut und ihre Anbauformen selbst zu bestimmen. Ernährungssouveränität ist das Stichwort; und Commons! „Sie geben ihr Saatgutwissen weiter, tauschen bäuerliche Sorten und erproben zukunftsfähige Wege der Zusammenarbeit. Welche Wege Samengärtner, Züchter und Aktivistinnen finden, um die Sortenvielfalt zu erhalten, schildert dieses liebevoll gestaltete Buch“. Und eindrucksvolle Zahlen bringt es auch; siehe die folgende Leseprobe:  

1.1. Gegenseitigkeit in bäuerlichen Saatgutsystemen: Saatgut ist Gemeingut

… Das Teilen von Saatgut und dem zugehörigen Wissen ist elementarer Bestandteil der bäuerlichen Landwirtschaft – alles andere erscheint vielen Bäuerinnen und Bauern verblüffend oder völlig absurd. Mooney & Fowler (1991:88) beispielsweise berichten, Bäuerinnen in Zentralamerika seien der selbstverständlichen Auffassung, Saatgut sollte verschenkt und nicht verkauft werden.

Das Verschenken von Saatgut ist etwas grundsätzlich anderes als das Verkaufen. Ein Verkauf ist abgeschlossen, nachdem das Geld in die eine Hand und das Saatgut in die andere Hand gelangt ist. In der Regel werden keine Beziehungen zwischen Verkäuferin und Käuferin eingegangen. Das Geben und Nehmen hingegen beruht auf Gegenseitigkeit (die sogenannte Reziprozität) und hat damit einen ‚sozialen Sinn‛ … In diesem Sinne schreibt auch Heistinger (2001:118), dass bei Bäuerinnen in Südtirol das gegenseitige Austauschen von Saatgut entlang sozialer Beziehungen geschehe. Wenn die Bäuerinnen Saatgut benötigten, holten sie es sich von Höfen, bei denen sie wüssten, dass das Saatgut gut und sie selbst willkommen seien.

Begriffe wie ‚Subsistenzlandwirtschaft‛ oder ‚Selbstversorgung‛ rufen die Vorstellung hervor, die Bäuerinnen und Bauern stünden für sich allein und produzierten alles selbst. Doch die meisten sind eingebunden in ein Netzwerk von Bekannten, Nachbarinnen, Freunden, Familienangehörigen und anderen Vertrauten, die gemeinsam das Nötige produzieren. Auch bäuerliche Saatgutsysteme beruhen auf solchen Netzwerken, in denen die Bäuerinnen und Bauern aufeinander angewiesen sind: Mancher Bäuerin gelingt der Samenbau einer Kulturpflanze besser als anderen; manche Böden eignen sich besser als andere; und die Samen mancher Pflanzen reifen in manchen Region besser ab als in anderen. Beispielsweise besorgen sich viele Südtiroler Bergbäuerinnen der höher gelegenen Höfe Gemüsesaatgut von Höfen im Tal, da es dort wärmer ist und das Saatgut besser ausreift (Heistinger 2001:119f). In all diesen Fällen ist es wichtig, Austauschbeziehungen zu Nachbarn und Bäuerinnen in der Nähe zu pflegen.

Die sozialen Beziehungen und lokalen Netzwerke sind also ein notwendiger Teil bäuerlicher Saatgutsysteme. Sie sind Grundlage für die Handhabung von Saatgut als Gemeingut (siehe Kasten). Denn „Gemeingüter sind nicht, sie werden gemacht“, wie Commons-Aktivistin Silke Helfrich schreibt (2012:85). Dafür braucht es Gemeinschaften und gemeinschaftlich definierte Regeln, die den Umgang mit den Gemeingütern bestimmen. Diese Regeln mögen nicht explizit formuliert und von außen sogar unsichtbar sein; sie werden als selbstverständlicher Umgang erlernt und weitergegeben. „Wenn Saatgut als Gemeingut verstanden wird, so bedeutet dies, dass es einen gemeinsam bestimmten und bestimmenden Umgang mit der Saat gibt. Dieser basiert auf Gegenseitigkeit: Saat- und Pflanzgut wird getauscht und weitergegeben, gleichzeitig wird auch das Wissen über die Eigenschaften und die Verwendbarkeit der Sorten tradiert“ (Heistinger 2001:49).

Der Begriff ‚Gemeingut‛ legt nahe, dass es sich dabei um ein Gut handelt, das allen ‚gehören‛ sollte, wie etwa Wasser oder eben Saatgut. Doch sind diese Ressourcen nicht in jedem Fall Gemeingüter – sobald ein Konzern geistiges Eigentum auf eine Sorte anmeldet, ist sie Privateigentum und kein Gemeingut. Daher bestimmt der Umgang innerhalb einer Gemeinschaft, was als Gemeingut gilt und was nicht. „Es geht nicht um die Güter. Es geht um uns“ schreiben Helfrich et al. (2012:1). ….

Zentral für das Verständnis von Saatgut als Gemeingut ist auch, dass Saatgut keiner einzelnen Person gehört, sondern gemeinsam gehütet wird1: „Saatgut wird als Gemeingut betrachtet, wenn es ein gemeinsames Einverständnis darüber gibt, dass Saatgut […] nicht in den Besitz Einzelner übergehen, nicht Privateigentum werden [kann]. ‚Saatgut ist Gemeingut‛ bedeutet, das Sorten den Nutzern und Nutzerinnen […] zur Verfügung stehen, um deren Lebensunterhalt zu sichern“ (Heistinger 2001:50).

Viele bäuerliche Gemeinschaften sind ihrer kollektiven Verantwortung bewusst, Saatgut als Grundlage der Ernährung zu pflegen und bereitzustellen. Und ihr gemeinschaftlicher Umgang zeigt sich in der Fülle von Saatgut! Dieses ist nicht knapp, wie uns die Agrarindustrie vormachen will (S.30, Herv. S.H. ): Durch den regen, offenen und großzügigen Austausch von Saatgut konnte die Vielfalt der Kulturpflanzen überhaupt erst entstehen, und dieser Austausch ermöglicht, die Vielfalt zu erhalten und zu vermehren.

1.2. Vielfalt in bäuerlichen Saatgutsystemen

Die professionelle Pflanzenzüchtung (S.50) hat seit 1960 etwa 400.000 Pflanzensorten unter Verwendung von 150 Pflanzenarten gezüchtet; hierbei hat sie sich auf zwölf der 150 Pflanzenarten fokussiert (Anm: anderswo heißt das: „künstliche Verknappung“ – S.H.). Die bäuerliche Pflanzenzüchtung hingegen hat in demselben Zeitraum 2.100.000 Pflanzensorten aus etwa 7.000 Arten hervorgebracht (EvB & PSR 2014:7). Dass die bäuerliche Züchtung wesentlich mehr Sorten kreiert und dabei ein Vielfaches von Arten nutzt, ist wenig verwunderlich. Schließlich stehen Millionen züchtende Bäuerinnen und Bauern einigen wenigen hundert Saatgutkonzernen gegenüber, die sich zudem die Vereinheitlichung der Landwirtschaft zum globalen Ziel gesetzt haben. Mit der Nutzung vieler verschiedener Anbausysteme, Kulturpflanzenarten und -sorten gelingt den Bäuerinnen, was professionelle Züchtung und industrielle Landwirtschaft schlichtweg ignorieren: Sie erhalten und vermehren Vielfalt und schaffen so die Grundlage krisensicherer Agrarsysteme.

Vielfalt bäuerlicher Anbausysteme

Im industriellen Agrarmodell wird versucht, die unterschiedlichsten Anbausysteme global zu vereinheitlichen. Im Namen der Industrialisierung und Globalisierung sollen Felder zu Standardfeldern, Sorten zu Standardsorten und Bauern zu Standardbauern werden (Scott 2014:64). (lokal angepasster Nicht-Standard rechnet sich nicht! S.H.) Bäuerliche Landwirtschaft hingegen kennt keinen globalen Industriestandard. Der bäuerliche Anbau ist lokal geprägt und vielfältig je nach Lage, Boden, und Klima des bewirtschafteten Landes. Die Anbausysteme richten sich nach den Umweltbedingungen und den Vorlieben der bäuerlichen Gemeinschaften hinsichtlich Anbautechniken, Verarbeitungsmethoden und Essgewohnheiten.

Vielfalt bäuerlicher Sorten

In der bäuerlichen Landwirschaft werden nicht nur viele verschiedene Kulturpflanzenarten verwendet, sondern auch viele Sorten innerhalb der jeweiligen Art. Beispielsweise bauen die Indigenen der Gemeinschaft Quichua an den Osthängen der Anden im Amazonasgebiet etwa 90 Manioksorten, 19 Süßkartoffel-, 35 Yams-, 31 Bananen-, 14 Bohnen- und fünf Maissorten an (Reinhardt & Lunnebach 2002:16). Aber wozu eigentlich fünf Maissorten? […]

Anja Banzhaf: Saatgut. Wer die Saat hat, hat das Sagen

272 Seiten, oekom verlag München, 2016
ISBN-13: 978-3-86581-781-5, Preis: 19.95 €

Alles Weitere hier:

1Hier kommt die Frage auf, wie Saatgut als Gemeingut der Industrie gegenüber geschützt werden kann, die die Regeln des Umgangs nicht anerkennt und Sorten privatisieren möchte. Siehe zur Diskussion S. 186ff.

Ein Gedanke zu „Saatgut ist Gemeingut und alles andere als knapp!

  1. Samen sind nicht teuer – oder müssen es zumindest nicht sein. Es kommt natürlich auf die Sorte drauf an (und wie „geerntet“, aber teurer als 1 cent pro Samen ist etwas, das „künstliche“ Ursachen hat. Von den billigsten Salatsorten kann man Zehntausende oder gar 100.000 für 10€ bestellen – hab ich erst gestern gesehen😉

    Allerdings ist es nicht einfach, die optimalen Anbaubedingungen (was ja sicherlich keinem Bauern schadet) oder Schädlingsbekämpfung heraus zu bekommen. Solche Versuche erfordern einen Aufwand, den ein Einzelner Bauer nicht machen kann. Wie sieht da die optimale „Commons-Lösung“ aus?

    Interessant wird es auch, wenn man an moderne Anbaumethoden denkt – Urban Farming, Vertical Farming etc., also mit erst mal hohem Finanzeinsatz aber wenig Platz und anderen Ressourcen im Anbau.
    Im Extremfall kann durch die genaue Steuerung das vielleicht fünffache wie auf dem Feld geerntet werden – aber auch da muss man erst mal die optimalen Bedingungen herausfinden.
    Paradoxerweise wäre diese teure Methode die beste für die armen Länder mit Wassermangel. Was wiederum Wasserkriege verhindern könnte…

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