Medikamente vom Eigentum befreien: Open Source basiertes Insulin

Was, wenn die Herstellung von Insulin nach dem gleichen Prinzip funktionieren würde wie die der Wikipedia? Jeder Mensch hätte Zugang zum Herstellungsverfahren!

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Genau das ist die Idee einer Gruppe so genannter „biohacker“, die das erste Offene Protokoll zur Insulinherstellung zur Verfügung stellt. Anspruch des Open-Insulin-Projekts ist es, das Leben von weltweit über 370 Millionen Diabetiker*innen zu erleichtern. Um zu überleben, müssen viele von ihnen teures Insulin erwerben, denn nach Angaben der Projektinitiatoren, gibt es bislang noch kein Generikum, das das jeweils handelsübliche Insulin ersetzen könnte. Wer also nicht die finanziellen Mittel hat, ist vor den Folgen der Diabetes nicht gefeit: Erblindung, Herzkrankheiten, Nierenprobleme …

Das Open-Insulin-Projekt hat sich daher zur Aufgabe gemacht, Insulin aus e-coli-Bakterien herzustellen und diesen Prozess so zu dokumentieren, dass er wiederholt bzw. kopiert werden kann. Die Idee ist, Insulin patentfrei zu halten und mittelfristig durch einen Generika-Hersteller zu vertreiben, so dass die Behandlung für Patientinnen und Patienten weltweit erschwinglich wird. Sowohl der Forschungsprozess als auch die Ergebnisse würden frei gegeben und bereicherten die public domain (sie würden gewissermaßen gemeinfrei).

Ein Unterstützer kommentiert in der Diskussion zum Projekt:

„I view this as an important first step in dismantling the oligarchy that is the diabetes treatment industry

Das Projekt hat auf einer Crowdfunding-Plattform für wissenschaftliche Projekte eine Kampagne gestartet. 14.682 USD sind bereits eingegangen (Stand 27.11.2015; und noch 7 Tage Zeit zum mitmachen)! Die Mittel werden für Laborinstrumente, Betriebskosten, die Durchführung von Studien und die Herstellung des Insulins gebraucht.

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(Marc in the Lab; counterculturelabs.org CC BY-SA 4.0)

Open Insulin ist Teil der Counter Culture Labs in Kalifornien, USA, einem Gemeinschaftslabor und Hackerspace der so genannten „do it yourself“ Biologie und Bürgerwissenschaft. Die Philosophie:

„… to demystify and democratize this technology, putting tools into the hands of those who want to learn. We believe in the power of diversity and peer-to-peer education; everybody has something to teach and everybody has something to learn.

Es gibt übrigens mit der Generikaherstellung von Aids-Medikamenten unglaubliche Preissenkungen und damit Therapiefortschritte. Eine schwer empfehlenswerte Veröffentlichung dazu ist die von der BUKO-Pharmakampagne und med4all herausgegebene Broschüre „Medizinische Forschung: Der Allgemeinheit verpflichtet“.

Dort finden sich nicht nur Argumente, warum Patente den Zugang zu Medikamenten erschweren („Ökonomisch betrachtet sind Patente ein Instrument zur Preissteigerung“ S.3) und was das bedeutet (nämlich wie: Geld oder Leben?!, vgl. S. 8) Auch zahlreiche positive Fallbeispiele werden vorgestellt. Zur Geschichte der Insulinherstellung erfahren wir:

Insulin wurde 1921 von kanadischen Forschern isoliert. Die Entwicklung einer Produktion wurde so weit wie möglich an der Universität Toronto vorangetrieben und schließlich mit nicht-exklusiven Lizenzen an mehrere Pharmaunternehmen in Kanada und Europa übertragen. Das Patent verblieb bei der Universität. (vgl. Erika Hickel, Die Arzneimittel in der Geschichte, Nordhausen 2008, S. 522-524) In Kanada wurde das Insulin in quasi-staatlichem Auftrag produziert. Weltweit legte die Universität von Toronto Qualitätsstandards für die Produktion fest und begrenzte den Preis. (J-P Gaudillière, History and Technology 2008, 24:2, 99 — 106)

Das ist schonmal gut. Das Patent verblieb an der Uni Toronto: Die ist dann eine Art Public-Private-Partnership eingegangen. Die „effiziente“ Zusammenarbeit zwischen Öffentlichen Forschungseinrichtungen und Unternehmen wird in der Regel gefeiert.  Doch wie wäre es an dieser Stelle mit einer Public-Commoners-Partnership in der Forschung? Mit mehr Effizienz in einer von individuellen Eigentumsansprüchen befreiten Kooperation. So zur Demokratisierung der Forschung und mehr Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten?

Die Wissenschafliche Leitung des Open Insulin Projektes hat Yilan Shi inne. Und Räume haben die Bürgerwissenschaftler*innen an einem inspirierenden Ort gefunden, dessen Name passender nicht sein könnte: Das Counter Culture Labs ist nämlich Teil der im Mai 2013 gegründeten Omni Commons.

Anmerkungen:

Mit Dank and tunda für den Verweis auf dies hier:

Welcher Diabetis-Typ gemeint ist, ist uns noch nicht ganz klar. Vielleicht hat jemand Zeit das zu recherchieren. Antworten bitte in die Kommentare.

Hier schreibt Dan Malloney über das Projekt und seine eigenen Erfahrungen mit dem Thema.

 

Ein Gedanke zu „Medikamente vom Eigentum befreien: Open Source basiertes Insulin

  1. Mehr Open Source!

    Ich finde, Ihr solltest tatsächlich eine eigene Open Source Kategorie erstellen und mehr über Offene Software und die Geschichten von Open Source berichten.

    Open Source hat viele Ursprünge und Vorläufer, beispielsweise die DIY-Bewegung, die Hacker-Bewegung der 1960/70er und die Freie-Software-Bewegung der 1980ern, die der unmittelbare Vorläufer wurde. Das wissen leider viel zu wenige. Ich bin Computerbild Lesers und was die uns über Open Source erzählen grenzt schon an Körperverletzung.

    Ich möchte in meinem Unternehmen mehr Open Source Software in unserer Arbeitsprozesse integrieren, daher bin ich darauf angewiesen, das Magazine wie Ihr mehr über Offene Standards berichten.

    Eine Lösung dazu für andere Unternehmer
    https://www.dotcomsecurity.de/open-source/

    Was Open Source bedeutet
    https://de.wikipedia.org/wiki/Open_Source

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