Urban Commons? Eine Debatte boomt.

berlin-sharing-city-by-nozomi-horibe-2013Akteure und Diskurse zu Urban Commons
Die  TU Berlin öffnete vor wenigen Wochen eine interdisziplinäre Dialogplattform: „Smart People und Urban Commoning.  Der Name klingt nach Programm! Damit bietet die TU im laufenden Wintersemester im 14-täglichen Rhythmus eine öffentliche und interdisziplinäre Veranstaltungsreihe, die sich folgenden Fragen widmet:
„Was und wie können aktuelle Praktiken des Teilens, Tauschens und gemeinsamen Nutzens, also Praktiken des „Urban Commoning“ zu einem umfassenderen Verständnis der Smart City beitragen? Wie können unterstützt durch smarte Technologien neue Potenziale wie Bürgernähe und -befähigung, Flexibilität und Spontanität in der Stadt- und Regionalentwicklung entstehen? Und wie können die immanenten Risiken von fehlender Transparenz, wachsendem Legimitationsvakuum, drohender neuer technik- und interessengruppengesteuerter Exklusionsprozesse und letztlich übergreifenden Demokratiedefiziten in den Blick genommen werden?“

Aktueller Anlass für die Dialogplattform seien:

zivilgesellschaftliche Forderungen nach einer anderen Produktion von gebauter Umwelt und nach gesellschaftlicher Teilhabe ebenso wie die Infragestellung etablierter Verhältnisse der repräsentativen Demokratie. Die Bevölkerung scheint sich gegen den Verlust von urbanen Gemeingütern und in diesem Zusammenhang auch gegen einen „Smartness“-Begriff zur Wehr zu setzen, der Bürgerinnen und Bürger in erster Linie als zu aktivierende Anwenderinnen und Anwender von „smarten“ Technologien begreift.“

Bingo! Es geht um mehr als „Bürgernähe und Befähigung“, es geht darum, aus diesen Bildern von den Fähigen und den Unfähigen auszusteigen und nicht für die Bürger_innen etwas zu machen, sondern mit ihnen. Und sie manchmal einfach auch selber-machen zu lassen; Freiräume für Selbstorganisation zu gewähren, statt Teepee-Länder zu bedrohen, weil sich irgend etwas für irgend wen besser rechnet.

De facto füllt sich meine mailbox mit unzähligen Verweisen auf aktuelle Beiträge zu „Urban Commons“.

– „Everyday Practices of Commoning and the Production of Urban Space in Dublinhier
– „The city is not a Menschenpark: the tragedy of the urban commons beyond the human/non-human divide“ dort.
– Zeischriften wie uncube widmen dem Thema eine ganze Nummer.
Omni-Commons, „a
– und selbstredend sind viele Auseinandersetzungen in städtischen Räumen, nichts anderes als Kämpfe um Urban Commons. Ein Beispiel? Die Shack-Dweller’s Bewegung im südafrikanischen Durban.
Last but not least hat das frisch gebackene Commons-Institut (hier die vorläufige Website) eine Arbeitsgruppe zum Thema aufgemacht, über die noch zu berichten sein wird.

Wer da den Überblick behalten (oder gewinnen) will, muss Zeit investieren und etwas strukturieren, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten der verschiedenen Zugänge zum Thema zu verstehen. Das war auch der Grund, warum ich mit Jannis Kühne, Student der Bauhaus-Universität Weimar, beschlossen habe, damit einfach einmal zu beginnen. Entstanden ist ein Dokument, in dem Jannis einige Akteure und Diskurse zu Urban Commons vorstellt. International geht es da zu, wie immer auf dem Commonsblog. Die Idee war Folgende:

Dieses Dokument wurde in der Absicht erstellt, einen Überblick über die aktuellen Diskussionen zu Urban Commons zu gewinnen. Es ist ein offenes Dokument, das weiterentwickelt werden kann und soll. Die Textstruktur wird durch die Verschiedenheit der Diskursstränge bestimmt, die wir während der Arbeit ausmachen konnten. Auch sie werden sich im Laufe der Zeit verändern. Ein Grundgedanke war, die verschiedenen Diskurse kurz zu skizzieren (belegt durch Zitate). Ein anderer war, die verschiedenen Diskurse aufeinander zu beziehen. Dabei haben wir folgende Aspekte betrachtet:

  1. Welche Probleme werden formuliert?
  2. Wie sollen diese Probleme gelöst werden?
  3. Mit welchen (Kern-)Begriffen wird gearbeitet? Und über welche Kategorien erschließt sich der Zugang zur urbanen Allmende in den unterschiedlichen Diskussionssträngen? Wer rezipiert wen?
  4. Was sind übergeordnete Zusammenhänge und Kernthesen?
  5. Werden prominente Beispiele angeführt? Welche? Und was ist nicht im Blick, was wird ausgeblendet?“

Wir haben dabei den P2P Urbanism und neomarxistische Texte genauso angeschaut wie solche, die der Ostrom-Schule verpflichtet sind. Das Dokument ist für einen Blogbeitrag zu lang geworden, daher verlinke ich es als pdf zum Download in der Version 01.

In einem ersten Fazit formulieren wir:

„Die Urban Commons Debatte ist sehr vielfältig, die Definitionen folglich sehr unterschiedlich […]. Vor allem sind die Ausgangspunkte der Akteure und ihre Ansätze verschieden. Während die einen auf konkrete Selbstverwaltungsprozesse in städtischen Zusammenhängen fokussieren, thematisieren die anderen Urban Commons im gesamtgesellschaftlichen Kontext und fragen nach der Möglichkeit von Urban Commons inmitten des Kapitalismus. Der Diskurs wird dadurch sehr breit, mitunter schwer aufeinander beziehbar, er „franzt aus“, bedarf der Strukturierung. Für größere konzeptionelle Klarheit einerseits und größere politisch-praktische Klarheit andererseits, denn zumeist stellt sich die Frage, wie sich die vielen Ideen und Vorschläge tatsächlich umsetzten lassen. Dabei machen insbesondere die Arbeiten von Hans E. Widmer (Schweiz) und die Ideen von Christian Iaione (Italien) einen Schritt in Richtung Umsetzung. Zudem bleibt die Frage offen, ob eine Schärfung des Begriffs der Urban Commons notwendig ist, um der Instrumentalisierung und Kooptierung durch Behörden und Privatisierer zu verhindern; durch all jene, die der Vereinzelung im Kapitalismus Vorschub leisten. Davor warnt zumindest Massimo de Angelis. Denn, um es klar zu sagen: Eine selbstverwaltete gemeinsame, städtische Ressource – ein „urban commons – kann auch als „gated community“ missverstanden werden.“

Grafisch sieht das Ganze so aus:

Folien Urban Commons_Diskurs_komplett.pdf-Seiten

Folien Urban Commons_Diskurs_komplett.pdf-Seite2

Die letzte Folie enthält noch eine Menge Zitate, die ich der Übersichtlichkeit wegen weglasse.

Also, das ist nur ein Aufschlag, der vor allem Jannis Kühne zu verdanken ist.. Die oben verlinkten neueren Beiträge zur Debatte sind beispielsweise noch nicht berücksichtigt. Damit könnte man das Dokument, das wir gern  in einem bearbeitbaren Format zur Verfügung stellen (mailto: infoATcommonsblog.de sowie  jannis.kuehneATgmail.com) erweitert oder auch korrigiert werden. Ohnehin ist es für alle möglichen Zwecke nutzbar, denn die Arbeit steht wie alles hier auf dem Blog zur freien Verfügung.

Wir freuen uns über Rückmeldungen.🙂

Silke Helfrich & Jannis Kühne

Das Kommune abendreihe_flyer_cover

PS vom 03. Januar 2015:

Soeben im Netz gefunden: Eine aktuelle Veranstaltungsreihe vom Föderverein für Kommunale Stadtforschung Hamburg; Das Kommune: Kämpfe um das Gemeinsame – Von Commons, Gemeingütern und Sozialer Infrastruktur!

 

4 Gedanken zu „Urban Commons? Eine Debatte boomt.

  1. Pingback: meingutesnetz #1452 | Marthori

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