Arbeit, Innovation, Umwelt und Commons: Viele Fragen. Viele Antworten!

Wie gesagt, habe ich mit Stefan Meretz eine lange Frageliste des SERI beantwortet. Das Forschungsinstitut ist dabei, neue Wirtschafts- und Gesellschaftsformen auf den Prüfstand zu stellen. Nach dieser grundsätzlichen Vorbemerkung, veröffentliche ich nun unsere Antworten, die entsprechend der Aufforderung des SERI immer aus Commons-Perspektive geschrieben sind, gleichsam um diese zu verdeutlichen.

Es ist vielleicht ein bisschen länger als ein gewöhnlicher Blogbeitrag, aber dafür gut stückweise zu lesen🙂. Über Feedback und Ergänzungen freuen wir uns. Die erste Reaktion des SERI war übrigens sehr positiv und wenn ich erfahre, was daraus geworden ist, kann ich es gern hier teilen.

Los geht’s:

ARBEIT
Welche Bedeutung hat Arbeit für das gute Leben?
Arbeit, verstanden als ‚Arbeit-für-Geld‘, ist unter den gegebenen Bedingungen für die meisten Menschen von existenzieller Bedeutung. Gelderwerb ist für sie zur schieren Notwendigkeit geworden. Dennoch sinkt der Beitrag, den ‚Arbeit-für-Geld‘ für ein gutes Leben leistet. Dies liegt am entfremdenden, oft sinnentleerten Charakter der Arbeit.
Ein gutes Leben (im Sinne von menschlich/ lebendig) braucht einerseits mehr sinnerfüllte und bedürfnisorientierte Tätigkeit – die heute in der Regel unbezahlt ist – und andererseits weniger von Sinn und Bedürfnissen losgelöste Arbeit, die getan wird, allein weil man damit Geld verdient. Das gilt für alle Bereiche der Gesellschaft. Die Commons überschreiten die folgenreiche Verkürzung unseres Verständnisses von Arbeit als ‚Arbeit-für-Geld‘ in Richtung auf Einbeziehung und Anerkennung aller notwendigen Tätigkeiten, auch der so genannten reproduktiven Tätigkeiten, die gewöhnlich nicht bezahlt werden.

Wie sehen Sie die Zukunft der Arbeit?
Arbeit als ‚Arbeit-für-Geld‘ hat eine endliche Lebensdauer, denn diese Form der Arbeit steht im Wettbewerb unter dem Zwang, sich selbst überflüssig zu machen (aktuelles Beispiel: Der Arbeitsplatz „Kassierer/in“ wird abgeschafft und durch Automaten ersetzt, und die noch verbleibende „Arbeit“ besteht lediglich in der Kontrolle der anderen). Das ist ein strukturelles Problem, dem auch der einzelne „Arbeitgeber“ nicht entkommt. Die Betroffenen selbst erleben es als Bedrohung ihrer Existenz. Für die Natur ist dieses Strukturproblem des Kapitalismus zerstörerisch, denn eine gewöhnliche (i.S.v. Denkgewohnheit) Antwort auf dieses Problem besteht darin, immer neue Bereiche von Natur und sozialer Sphäre zu kapitalisieren (aktuelles Beispiel: Fracking). Die Alternative kann nur sein, die Existenz der Menschen immer weniger von ‚Arbeit-für-Geld‘ abhängig zu machen und solche Tätigkeiten zu stärken, die materielle wie soziale Bedürfnisse zugleich befriedigen. Diese Tätigkeiten machen das Leben „geldeffizienter“, wie Wolfgang Sachs es ausdrückt, denn was ich durch Teilen, intensivierten Gebrauch, gemeinsame Produktion u.v.m. abgedecken kann, muss ich nicht einkaufen. Diese Alternative bieten die Commons.

Sollten noch mehr informelle Tätigkeiten in den Markt integriert werden? Wenn ja welche? Wenn nein, warum nicht?
Hier wäre zu fragen, wer welche Tätigkeiten auf welcher Grundlage und mit welcher Absicht als „formell“ und „informell“ bestimmt. Jene “informellen” Tätigkeiten, die Beziehungen vertiefen, Sinn stiften, Zeitgenuss möglich machen und sich grundsätzlich der Marktlogik entziehen, dürfen nicht in den Markt integriert werden. Dies zeigt sich etwa in der Pflege. Man kann das Haarekämmen einer pflegebedürftigen Person nicht endlos „optimieren“ ohne die Tätigkeit selbst abzuschaffen, „weil sie sich nicht rechnet“. Im Grunde müsste es darum gehen, das Haarekämmen so „ineffizient“ wie möglich zu machen, um der Person so viel Zuwendung wie möglich entgegen zu bringen. In diesem Sinne könnte man die Commons als Oikonomie der Zuwendung, der Beziehungspflege und der Bedürfnisorientierung beschreiben.
Tatsache ist: Die Marktlogik zersetzt die Commons-Logik. In der Pflege, wie in vielen anderen Bereichen – etwa der Lebensmittelproduktion – unterminiert das ökonomische Zeitsparregime zur Reduzierung der Kosten die Beziehungen zwischen Mensch und Mensch (z.B. Pflegenden und Gepflegten) sowie zwischen Mensch und Natur. Derzeit werden nahezu zwei Drittel aller gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten außerhalb des Marktes erbracht. Das Ziel kann nicht sein, diese in den Markt zu integrieren, sondern umgekehrt braucht eine zukunftsfähige Gesellschaft mehr Tätigkeiten, die außerhalb des Marktes die Lebensbedingungen schaffen, die wir brauchen.

Wie wird sich die Arbeitsproduktivität in Zukunft entwickeln?
Sie wird weiter steigen – sofern sich nichts grundlegend ändert. Mit den oben beschriebenen Konsequenzen.
Wie viel Stunden pro Kopf müssen wir in Zukunft arbeiten? Und wie lange?
Berechnungen zeigen, dass fünf Stunden pro Woche ausreichen könnten, um die materiellen Voraussetzungen für ein gutes Leben zu schaffen. Unter den gegenwärtigen Bedingungen aber wird sich die Schere zwischen denen, die extrem viel arbeiten, und jenen, die von Erwerbsarbeit ausgeschlossen werden, immer weiter öffnen.

Wie hoch kann der Anteil an Dienstleistungen am BIP sein?
Das müssen Sie die Statistiker fragen. Das BIP ist eine für Wohlstand und Lebenszufriedenheit wenig aussagekräftige Größe.

Wie kann Beschäftigung für alle ohne ein stetiges Wirtschaftswachstum erreicht werden?
Die Frage impliziert, dass über eine Entkopplung von „Beschäftigung“ und „stetem Wirtschaftswachstum“ nachgedacht werden muss. Dem ist zuzustimmen. Denn es kann nicht das Ziel sein, Beschäftigung für alle (verstanden als ‚Arbeit-für-Geld‘) zu schaffen, da – wie Ihre Frage auch nahelegt – im gegenwärtigen Wirtschaftssystem Beschäftigung Wirtschaftswachstum voraussetzt. Der Zwang zum Wirtschaftswachstum aber zerstört die Existenzgrundlagen von Menschen und Planet Erde.
Der Perspektivwechsel muss daher lauten: Produktion der notwendigen Güter und Dienste jenseits der Logik des Marktes in kollektiver Selbstorganisation auf Grundlage von Commons. Das heißt auch, dass mehr Commons statt Waren produziert würden. Ein Beispiel: Derzeit werden viele Bildungsgüter als Waren produziert, was u.a. den Staat, aber auch die Familien zu enormen Bildungsausgaben treibt und zudem die soziale Spaltung vertieft. Bei freier Verfügung würde die Entwicklung von Wissensgütern drastisch im Preis sinken, was die Abhängigkeit von Geld und Markt reduzieren und gleichzeitig den Zugang zu Bildung für alle verbessern würde.

Welche Maßnahmen sind notwendig, um ihre Vorstellungen einer nachhaltigen Arbeitswelt umzusetzen?
Eine nachhaltige Arbeitswelt ist im herrschenden Paradigma der ‚Arbeit-für-Geld‘ ein Widerspruch in sich. Wirtschaftswachstum schafft Produktivitätssteigerungen, die Arbeit überflüssig macht, was zur Kompensation eine weitere Ausweitung der Wirtschaft erzwingt, die am Ende stetig mehr Ressourcen verbraucht und dennoch ihren Selbstwiderspruch nicht auflösen kann, sondern den Pfad der Destruktion immer weiter beschreitet.
Wir würden daher anregen, systematisch nach einer re-/produktiven Lebenswelt zu fragen, die alle für ein gutes Leben notwendigen Tätigkeiten gleichermaßen im Blick hat. Wichtige Elemente einer solchen Vorstellung sind hier: Freiwilligkeit, Verschränkung von kognitiven und praktischen Fähigkeiten, Offenheit (statt auf der Karriereleiter nach oben – oder unten – auf dem tätigen Lebensweg in viele Richtungen), Geschlechtergerechtigkeit…

UMWELT/ RESSOURCEN

Wie entwickelt sich in Ihrem Ansatz Ihrer Ansicht nach der Ressourcenverbrauch (kurz, mittel, langfristig; abiot./biot. Material (primär/sekundär), Wasser, Land?
Der Ressourcenverbrauch wird in jeder der von Ihnen angeführten Dimensionen weiter zunehmen, sofern alles „normal“ weiterläuft. Zumindest gibt es keine überzeugenden Indikatoren für die absolute Entkopplung von Ressourcenverbrauch und „wirtschaftlicher Entwicklung“/ Wirtschaftswachstum.
Die Normalität produziert das Krisenpotenzial. Zwei Entwicklungen können diese globale Tendenz stoppen oder umkehren: Kollaps (dem ein Commons-Ansatz zumindest vorbeugen kann) oder Paradigmenwechsel. Der Kollaps als Entladung des in Normalität gewachsenen Krisenpotenzials wirkt sich paradoxerweise auf den Ressourcenverbrauch positiv aus, während er für die Menschen katastrophale Konsequenzen hat. Der Paradigmenwechsel ist der Prozess der Commonifizierung der Produktion, der Alltagswelt und der Institutionen, der mit Dezentralisierung, Bedürfnisorientierung (statt – erzeugung) und radikaler Demokratisierung einher geht.
Commons-Forschung konnte nachweisen, dass die Ressourcennutzung der in den konkreten Nutzungsgemeinschaften verankerten produktive Prozesse – trotz teilweise hoher Redundanz – in der Regel nachhaltiger sind als solche, die entweder über den Markt oder über den Staat koordiniert werden. Sollte auch das Teilen von Wissen und immateriellen Ressourcen intensiv voran getrieben werden, ist mittel- und langfristig von einer erheblichen Dezentralisierung und damit Senkung des Ressourcenverbrauchs für Logistik, Transport, Werbung usw. auszugehen.

Wie entwickelt sich der Carbonverbrauch, wie die Umwelt, Biodiversität, etc.?
Der Carbonverbrauch – verstanden als Prozess der Umsetzung von gebundener in ungebundene Kohlenstoffform durch Nutzung carbonbasierter Energieträger – wird parallel zum Ressourcenverbauch zunehmen. Umweltschäden, Klimaerwärmung und Rückgang der Biodiversität sind die Folgen. Dies, wie angeführt, für den Normalfall, nicht für ein Krisenszenario, wobei Normalität und Krise zunehmend weniger zu trennen sein werden.

Wie sind die Stocks, built environment betroffen?
Vorhandene, einst geschaffene Umwelten und Lebensmittel im weiten Sinne bedürfen der kontinuierlichen Pflege. Wird ihre Regeneration und Erneuerung von der Verwertungslogik abhängig gemacht, ist einerseits absehbar, dass diese „Stocks“ erheblich Schaden nehmen und andererseits, dass es zu einer weltweiten Segregation kommt: in produktive und profitable Zonen, in denen die Infrastrukturen aufrecht erhalten werden, und in solche Zonen, die mangels monetärer Mittel zunehmend verfallen. Aber vielleicht entstehen gerade dort die Freiräume für Neues: für das Ausprobieren und Einüben des anderen Paradigmas. Vielleicht sind die Landkarten des „Nullwachstums“ zugleich die Landkarten zeitgemäßer Commons. Und wenn das der Fall ist, werden gerade die „built environments“ eine Umbewertung (Rekonzeptualisierung) ihres Potentials erleben. Ein nicht-vermietbares Haus etwa ist dann vielleicht ein Schatz, der längst gesuchte Raum für das erste Repaircafé oder das erste Fab-Lab einer Region.
Verteilung der obigen Kategorien weltweit (im eigenen Land, EU, global – Industrie–, Schwellen-, Entwicklungsländer )
Die Verteilung der sozialen wie ökologischen Folgen normalen Wirtschaftens werden sich zunehmend entlang des Gefälles montären Reichtums anordnen. Danach sind monetär reiche Regionen eher in der Lage, die Konsequenzen des Wirtschaftens zu externalisieren und die Folgen globaler Schädigungen zum kompensieren. Die reichen Niederlande schützen ihre Küsten durch Erhöhung der Deiche, was sich arme Inselländer oder Bangladesh nicht leisten können. Entsprechendes gilt für den sozialen Bereich: Feministische Ökonominnen weisen darauf hin, dass sich die „Pflegekette“ internationalisiert.

Wie kann sich das Konsumverhalten verändern (z.B. Nutzen statt besitzen, etc.)?
Das Konsumverhalten kann sich aus unterschiedlichen Gründen ändern. „Peak everything“, monetäre Grenzen oder Bewusstseinsprozesse können die Güternutzung durch „Teilen“ intensivieren. Egal aus welchen Gründen sich eine Kultur des Teilens etabliert: Sie ist zu begrüßen, denn es ist nicht egal, ob Menschen sich daran gewöhnen, das Auto aus der eigenen Garage zu holen oder vom nächsten Stellplatz oder ob sie es gar vorziehen, ein Zugabteil zu teilen.
Und egal aus welchen Gründen geteilt wird: Es bedeutet, dass weniger Güter produziert werden müssen, was in der gegeben Marktlogik jedoch krisenverschärfend wirkt und weniger ‚Arbeit-für-Geld‘ in Aussicht stellt. Deswegen greift die Politik auch gern mit wachstumsfördernden Maßnahmen ein, was wiederum den Bewusstseinswandel unterläuft.
In der propagierten Shareconomy (jenem Teil, der sich innerhalb des dominierenden Paradigmas bewegt) werden sich die Unternehmen behaupten, die auf den Trend des Teilens setzen. Sie werden wachsen, während jene Einbußen erfahren, die weiterhin die klassische Ausweitung der Produktion betreiben. Das haben auch schon die Autokonzerne erkannt, die jetzt Produkte zum Teilen – wie Car2go – entwickeln. Der hier skizzierte basale Widerspruch – reduzierte Produktion wirkt ökonomisch negativ, aber ökologisch positiv – zeigt sich auch im Falle einer tatsächlichen geteilten, intensivierten Güternutzung, also in jenem Bereich, in dem es ums kommerzfreie Teilen des Vorhandenen und nicht um neue Geschäftsmodelle geht, die auf die geteilte Nutzung von Waren setzen.

Wie lässt sich der Rebound-Effekt vermeiden?
Der Reboundeffekt lässt sich unter den gegebenen Imperativen des Wirtschaftens nicht vermeiden. Im Commons-Paradigma würden zumindest mehrere Treiber des Rebound Effekts fehlen: Wachstumszwang, Verwertungszwang, Animation zur Konsumkultur.

Welche konkreten Ideen haben Sie, um ein anderes Wirtschaften mit weniger Ressourcen- und Umweltverbrauch umzusetzen?
Zunächst einmal: neu denken lernen im oben skizzierten Sinne. Diese Fragen gehören dringend an die Unversitäten, insbesondere an die zur intellektuellen Monokultur verkommenen wirtschaftswissenschaftlichen Bereiche. Wir können nicht „anders wirtschaften“, wenn wir uns „anderes Wirtschaften“ nicht einmal vorstellen können und es nicht gelingt, es auf neue Denkgrundlagen zu stellen.
Versteht man nun, in unserem Sinne, unter „anderem Wirtschaften“ die Produktion der gesellschaftlich notwendigen Lebensbedingungen jenseits des Marktes, so können derzeit Inselprojekte der Commons realisiert werden. Diese kann man gezielt zueinander in Beziehung setzen (vernetzen) und institutionell, rechtlich wie politisch stärken. Einfache Beispiele: Landfreikauf für Commons. Lehrmittelproduktion als Commons usw.

Welche Lösungsansätze gibt es, wenn es kein oder geringes Wachstum gibt?
Der Auf- und Ausbau der commonsbasierten und -schaffenden Peer-Produktion (Commons Creating Peer Economy) ist ein konkreter und in Inselform auch bereits praktizierter Lösungsansatz. Die Grundidee ist – kurz gesagt – die bedürfnisorientierte Produktion und Nutzung jenseits der Verwertungsorientierung nach selbstbestimmt gesetzten Regeln.
Innovation, Wettbewerbsfähigkeit, Technologie (im eigenen Land, EU, global – Industrie–, Schwellen-, Entwicklungsländer)

INNOVATION/ TECHNOLOGIE

Welche Art von Innovationen sind notwendig, um im globalen Wettbewerb zu bestehen (auch in Zeiten geringeren Wirtschaftswachstums)? (technologische, soziale, systemische Innovation, etc.)
Das ist eine dieser unhinterfragten Grundannahmen: Das Mantra der „Wettbewerbsfähigkeit“! Diese Frage stellt sich jedoch im Commons-Paradigma nicht, da hier Kooperation statt Konkurrenz die Motivatoren der Produktion sind. Im herrschenden Paradigma bedeutet jedes Bestehen des einen den Niedergang eines anderen – insbesondere unter Bedingungen, wo negative Konsequenzen nicht mehr durch vergrößertes Wirtschaftswachstum kompensierbar sind. Wir würden also vorschlagen, die Frage zu hinterfragen.

Wie lassen sich bekannte, vielversprechende Technologien verbreiten, bzw. gewünschtes soziales und individuelles Verhalten umsetzen?
Im Commons-Paradigma lassen sich vielversprechende Technologien durch Offenlegung des Wissens und kollaborative Produktion (Hackerspaces, Offene Werkstätten, Fab Labs, Freie Software, Open Eduational Resources, Open Design, Open Hardware, Repair-Cafés usw.) verbreiten. Wissen wird konsequent geteilt. Exklusive Urheberrechte und Patente sind in dieser Perspektive kontraproduktiv bzw. überflüssig. Zugängliches Wissen für alle ermächtigt darüber hinaus die Menschen, die Produktion der notwendigen Güter in die eigenen Hände zu nehmen. Der Übergang vom bloßen Konsumenten zum Prosumenten verändert auch das individuelle Verhalten in Richtung größerer Verantwortung für die Konsequenzen des eigenen Tuns. In anderen Worten: Es entsteht eine intensivere Beziehung zwischen Mensch und „Produkt“. Handwerkskunst im besten Sinne kann hier eine Reflexionsfolie bieten.

 

Wie wirkt sich das auf die Kostenstruktur und die Verteilung aus, wer sind die Gewinner/Verlierer?
Freies Wissen entwertet bestimmte Sektoren der Ökonomie. Dies ist für die einen eine reale Kosteneinsparung, während sie für andere den Entzug der Existenzgrundlage bedeutet. Gewinner sind also die Aneigner und Nutzer des freien Wissens – auch jene mit Verwertungsinteressen, denn Google nutzt freies Wissen genauso wie ein Abiturient, nur zu anderen Zwecken. Verlierer sind ihre Produzenten im klassischen ‚Arbeit-für-Geld‘ Modus.

Wo entstehen wichtige Innovationen? Key players? Erfolgsfaktoren?
Die wichtigsten Innovationen entstehen dort, wo Menschen tun können, was sie „wirklich, wirklich wollen“ (Fritjof Bergmann), wo sie ihre produktiven Bedürfnisse frei entfalten und sich nicht den vielfachen (nicht nur monetären) Zwängen der Marktlogik unterwerfen müssen. Sie entstehen dort, wo Menschen etwas um seiner selbst willen tun und dafür Zeit und Freiraum haben.

Welchen Stellenwert hat für Sie technischer Wandel?
Sofern Technik in der Verfügung aller Menschen liegt (also grundsätzlich offen und modular ist), sofern es also keinen Ausschluss durch Urheberrechte und Patente gibt, birgt technische Entwicklung große Potenziale zur Lösung der globalen Menschheitsprobleme. Unter den Bedingungen von Ausschluss und Verwertung hat Technik hingegen ein Doppelgesicht: Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil Technik Mittel zur Produktivitätssteigerung ist (mit all den sozialen und ökologischen Konsequenzen), Segen, weil Produktivitätssteigerungen genutzt werden könnten, um sinnlose Arbeit überflüssig zu machen. Der Ausgangspunkt muss sein: Welches Konzept von Technik wollen wir in welchem gesellschaftlichen Kontext verwirklicht sehen? Die Bezugnahme auf „konvivialen Technik“ (Ivan Illich) kann hier eine wichtige Rolle spielen.

Welche politischen Maßnahmen sind notwendig, um technischen Wandel zu fördern?
Es seien nur einige Beispiele genannt:

  • Einführung von Grundsätzen konvivialer Technologien in der Grundlagenforschung, der Förderung von Forschung und Entwicklung und im öffentlichen Beschaffungswesen
  • Abschaffung oder erhebliche Begrenzung von Immaterialgüterrechten
  • Weniger Technologietransfer und mehr Bildung für lokale Entwicklung freier und angepasster DIY-Technologien
  • Konsequente Förderung und Implementierung freier Infrastrukturen
  • Förderung von Public-Citizen-Partnership statt Public-Private-Partnership
  • Im kommunalen Bereich innovative Raum- (Zwischen-)Nutzungen für Repair-Cafés, FabLabs, offene Werkstätten, Low-Tech-Lösungen
  • Freie und konviviale Technologien an die Schulen
  • Entwicklung von FabCities nach dem Vorbild von Barcelona

Welche Rolle spielen für Sie die Arbeitsproduktivität und die Ressourcenproduktivität, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen?
Die Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit kann kein Ziel sein. Siehe oben.
Für eine commonsbasierte und -schaffende Öikonomie ist Ressourcenproduktivität wichtig, während die Arbeitsproduktivität nicht entscheidend ist. Hier kann weniger ‚Arbeitsproduktivität‘ im klassischen Sinne sogar die Qualität und Sinnerfüllung in der produktiven Tätigkeit erhöhen. Jeder, der sich über die Zugewandheit eines Hausarztes freut, der sich Zeit für seine Patienten nimmt (obwohl er sie nicht abrechnen kann), wird das nachempfinden.

Welche Maßnahmen sind notwendig, um im globalen Wettbewerb genügend Arbeitskräfte mit passenden Qualifikationen zu haben?
Diese Frage impliziert, dass der globale Wettbewerb eine akzeptable Rahmengröße ist, an der sich das Handeln orientieren sollte. Sie zementiert damit Grundannahmen, die hinterfragt werden müssen.
Im Commons-Paradigma werden die Qualifikationen entwickelt, die den Entfaltungsbedürfnissen der beteiligten Menschen entsprechen – und nicht die, die ein anonymer und abstrakter Markt als Anforderung stellt.

Wie lassen sich Maßnahmen im Bereich Wettbewerbsfähigkeit/Innovationen und technischer Wandel in Zeiten leerer Staatskassen finanzieren?
Die Staatskassen sind offensichtlich nicht leer, wenn es um die Rettung von Banken geht. Daher wäre die Überprüfung der Denkgrundlagen, auf denen gängige Förderprogramme fußen, die vermutlich reichste Quelle für die Verflüssigung von Mitteln. In Zeiten des Umbruchs kann der Staat tatsächlich eine aktive Rolle für die Entmarktlichung der Produktion spielen, in dem er Commons-Projekte in vielfältiger Weise unterstützt (siehe oben). Allerdings wäre dieses Handeln eines, das aus dem Wettbewerbsdenken auf Kosten von anderen aussteigen müsste: Das wiederum richtet sich gegen eine Logik des Staatshandelns, das fast ausschließlich auf erfolgreiche Unternehmenstätigkeit für fließende Steuereinnahmen setzt. Wo sind die politischen Akteure, die solche kontraintuitiven Ziele vertreten?

Wie wirkt sich geringes Wachstum auf Innovationen aus?
Wie beschrieben ist aus Commons-Perspektive kein signifikanter Zusammenhang zwischen ökonomischem Wachstum und Innovation zu erkennen. Innovationen finden dann statt, wenn es den Menschen ein Bedürfnis ist ein Problem zu lösen oder ein Projekt voranzutreiben (auch der Zufall spielt eine Rolle) und wenn sie die Möglichkeiten und Mittel dazu haben. Mittel zur gezielten Innovationsförderung oder zur Öffnung von Freiräumen können auch aus brachliegenden materiellen Ressourcen kommen, die wegen zu niedriger Produktivität oder anderen Gründen außer Produktion gestellt wurden.

Jena/Bonn, den 25. November 2014
Silke Helfrich und Stefan Meretz

9 Gedanken zu „Arbeit, Innovation, Umwelt und Commons: Viele Fragen. Viele Antworten!

  1. Ich möchte mich mit einem kleinen Beitrag meinerseits bedanken, der mir allerdings sehr wichtig in der Debatte über unseres Wirtschaftssystems erscheint.

    Nach einem meiner abgedruckten Leserbriefe in der Tagespost mit dem Titel:

    Wieviel Staat in der Wirtschaft?
    Die Tagung „Soziale Marktwirtschaft versus entfesselter Kapitalismus“ in Mühlheim an der Ruhr Ruhr beschäftigte sich mit den Grundlagen des Wirtschaftssystems und nahm die Kapitalismuskritik des Papstes unter die Lupe. Von Benjamin Leven

    Zitat der FAZ: „Der Papst … verschweige, dass gerade die wirtschaftliche Globalisierung Millionen Menschen aus der Armut befreit und vor dem Hungertod gerettet habe.“ Diese These lässt sich mühe-los ebenso belegen wie ihr Gegenteil: Die FAZ verschweigt, dass gerade die wirtschaftliche Globalisie-rung Millionen Menschen in Armut und Hungertod getrieben hat.
    Doch zur Überschrift des Artikels: „Soziale
    M.E. muss in der Debatte deutlich und immer wieder zwischen Kapitalismus und Marktwirtschaft unterschieden werden.

    Marktwirtschaft versus entfesselter Kapitalismus“ ist eine Tautologie wie „Weißer Schimmel versus schwarzer Rappe.“ Warum?

    Wie die Namen schon sagen: Nomen est omen!

    1. „Markt“ schließt immer auch die Stadt (das soziale Gebilde drum herum) ein, die die Marktregeln festsetzt: geeichte Maße und Gewichte, Währung/Geldsystem, Gebühren an die Stadtkasse, etc. … Zu Erhardts Zeiten gab es noch den schönen Begriff der Ordnungspolitik. Eine Ordnung, in der die Politik den Wirtschaftsunternehmen Regeln zu setzten versuchte. Sozial war sie etwa 3 Jahrzehnte lang, bis die kommunistische Konkurrenz wegfiel.

    2. „Kapitalismus“ will eben immer die Fesseln, die die Politik ihr auferlegen will, abwerfen. Denn der Profit ist der allein zu verehrende Götze. Koste es den Nichtkapitalisten, was es wolle. Und sei ihre Menschenwürde oder ihr Leben. Man lese Papst Franziskus´ „Evangelii gaudium“, in dem der Sachverhalt auf den Punkt gebracht wird: „Diese Wirtschaft tötet.“

  2. Ein gutes Leben (im Sinne von menschlich/ lebendig) braucht einerseits mehr sinnerfüllte und bedürfnisorientierte Tätigkeit – die heute in der Regel unbezahlt ist – und andererseits weniger von Sinn und Bedürfnissen losgelöste Arbeit, die getan wird, allein weil man damit Geld verdient

    .

    Ich kann den Fortschritt nicht erkennen,den es bringen soll, die Perspektive einer sozio-ökologisch nachhaltigen Wohlstandsentwicklung und den entsprechenden UN-Prozess links liegen zu lassen um stattdessen zu empfehlen, lieben dem „guten Leben“ nachzujagen. Was soll das sein? Sinnerfüllt? Es käme wohl eher darauf an. eine gemeinschaftlche (am Ende weltgemeinschaftliche) Zweck- und Mittelbestimmung zu ermöglichen. Dass Leben lebendig sein sollte, ist auch keine sehr scharfsinnige Bestimmung. Und bedürfnisorientiert ist Kapitalismus allemal. Erst mit Bezug zur Nachhaltigkeitsperspektive macht die Phrase von guten Leben Sinn: Weltweit sollen alle gut leben können ohne das dies zugleich die Grundlagen des guten Lebens aller untergräbt.

  3. Der kapitalistische Zwang zur Einsparung von Arbeitskraft ist allerdings der wesentliche Fortschrittsmotor ohne den unser modernes Leben nicht denkbar wäre. Auch kommunistische Interaktionsbedingungen kämen ohne Anreize zur Einsparung von Arbeit nicht aus. Das Problem ist ja die mit der kapitalistisch voran gepeitschten Produktivkraftentwicklung auch fataler wirkende Verquickung von Wohl und Wehe. „Entfremdung“ macht auch Spaß. Leidder können Fragen eines Mehr oder Weniger an Spaß pder Arbeitszeit nicht Teil eines gesamtgesellschaftlich bzw. ökologisch rationalen Nachhaltigkeitsmanagements sein. Und eines der Probleme der kapitalistischer Produktionsordung ist, dass dies normalerweise nicht einmal als Verlust an Freiheit wahrgenommen werden kann.

  4. Viele Fragen, viele Antworten,

    nur die wichtigsten Fragen wurden nicht behandelt:

    Warum setzen sich commons nicht global durch?
    und
    Wie kann man commons-basierte Wirtschaft wirklich durchsetzen?

    Hier die Antwort eines Physikers:

    zur ersten Frage:

    commons, also gemeinschaftliche Ressourcennutzung sind/ist schwächer als privatwirtschaftliche Ressourcennutzung. Darum setzt sich Privatgut weltweit durch, zulasten von Gemeingut und Staatsgut.

    Das Problem:

    Wir bestehen aus Materie und wir brauchen Materie zu Leben, also Luft, Wasser, Nahrung, Kleidung, Geld, Land usw., welche wir uns irgendwie besorgen müssen. Einige Menschen sind dabei erfolgreicher und bekommen dadurch mehr Macht und Einfluss, ihre persönlichen Interessen in der Gesellschaft durchzusetzen.

    Durch Arbeit erreicht man nur eine lineare Besitzvermehrung, wieder angelegter Ertrag aus Besitz dagegen erzeugt eine exponentielle Besitzvermehrung. Menschen die bei der Besitzanhäufung erfolgreicher sind und auf eine exponentielle Besitzvermehrung setzen, steigen in der Gesellschaft auf. Dabei entsteht eine Gesellschaftsstruktur, die der Form einer Pyramide gleicht.

    Besitz und Macht konzentrieren sich bei wenigen Menschen, die dann die Gesellschaft so gestalten, dass sich ihr Besitz weiter vermehrt und ihre Macht weiter festigt.

    Gemeingut ist der Feind des Privatgutes und wird vom stärkeren Privatgut bekämpft!

    Welche Folgen hat das für die zivilisatorische Entwicklung?

    Die so fast immer entstehende Pyramidengesellschaft ist nicht stabil, weil sie soziale Ungleichheit, Umweltverschmutzung, übermäßigen Ressourcenverbrauch, Krisen und Kriege erzeugt.

    Gesellschaftliche Entwicklung erfolgt in Zyklen. Jeder Zyklus endet meistens mit einer gewaltsamen Zerstörung des alten Systems und einer anschließenden Neuordnung.

    Die technologische Entwicklung führt zu Waffen mit immer größerem Zerstörungspotential, welches irgendwann so groß ist, dass nach einem Krieg keine Neuordnung der Gesellschaft mehr möglich ist, da keine gesunden Nahrungsmittel mehr produziert werden können.

    -> ENDE

    Gibt es eine Lösung?

    Wenn Privatgut stärker ist als Gemeingut, wie soll sich Gemeingut dann durchsetzen?

    zur zweiten Frage:

    Die einzige Lösung die ich gefunden habe, ist einen geschützten Raum zu schaffen, in dem sich gemeinschaftliche kooperative Strukturen entwickeln können.

    Also zurück zu den gemeinschaftlich wirtschaftenden Stämmen und dieses Lebensmodell in die heutige Technologiegesellschaft entwickeln (Ökodörfer).

    ein möglicher Weg:

    -Gründung einer Allmende AG. Die Rechtsform bildet den Schutz nach außen.
    -Menschen, die in der Allmende leben wollen, kaufen Aktien (oder Genossenschaftsanteile bei einer Genossenschaft).
    -So kommen Ressourcen in die Allmende.
    -Mit diesen Ressourcen bauen sich interessierten Menschen kooperative Strukturen auf, die diese Menschen dann in der Zukunft versorgen (wie bei den Ökodörfern nur etwas größer).
    -Das Hauptziel muss es sein, einen attraktiveren Lebensstandart zu erreichen, als es die Menschen im alten System haben. Dann werden immer mehr Menschen in solchen Allmenden wohnen wollen (evolutionäre Durchsetzung).
    -Allmenden kooperieren miteinander, bilden die Polis-Allmende Gesellschaft oder parlamentarischer kommunistischer (kollektiver) Anarchismus.
    -Je mehr es sich durchsetzt, desto schwächer wird das alte System.
    Wenn Menschen immer mehr selbst herstellen, sinkt die Nachfrage im alten System.
    Wenn Menschen immer weniger Geld benutzen, durch den Aufbau geldloser kooperativer Strukturen, sinkt der Wert des Geldes im alten System.
    Wenn Menschen geldlos kooperieren, sinken die Steuereinnahmen des alten Staates.

    Die Gesellschaft muss Regeln haben:

    -Siehe auch Elinor Ostrom.
    -Die wichtigsten Ressourcen (Land, Häuser, Maschinen usw.) sind im Allmendebesitz.
    -Allmendebewohner haben Besitzanteile an ihrer Allmende.
    -Die notwendige Arbeit wird selbst organisiert.
    -Nichtrivale Güter sind nicht schützbar, Wissen für jeden frei verfügbar und nutzbar. Setzt qualitatives Wachstum zulasten des zerstörerischen quantitativen Wachstums frei.
    -Allmendebewohner sind rechtlich und finanziell relativ gleichgestellt.
    -Relatives Zugriffs- und Nutzungsrecht für Allmendebewohner von Allmenderessourcen.
    -Größtmögliche Offenheit.
    -Allmendeerbrecht: Die Allmende erbt den privaten Besitz eines Allmendebewohners. Dadurch wird die Schichtenbildung durch Besitzanhäufung über Erbschaft verhindert.

    Die Polis-Allmende Gesellschaft kann sofort, also ohne Krieg eingeführt werden und würde die wichtigsten zivilisatorischen Probleme lösen:
    Umweltzerstörung, übermäßigen Ressourcenverbrauch, Ressourcenkriege, soziale Unterschiede und die Konflikte, die sich daraus ergeben.

    Ich habe gerade ein Buch dazu veröffentlicht. Zuerst wollte ich nur verstehen, wie Gesellschaft entsteht. Warum hat bisher keine Revolution und keine Bewegung zu einem wirklich dauerhaft stabilen System geführt? Wo sind die Außerirdischen? Warum hat keine außerirdische Zivilisation in den vergangenen 300 Mill. Jahren unseren Lebensraum Erde besiedelt?

    Aus der Ressourcenbetrachtung ergab sich dann die Notwendigkeit, eine Ressourcenbewirtschaftung zu finden, bei der der Verbrauch von Ressourcen minimiert und dabei der Lebensstandart auf dem jeweiligen zivilisatorischen Entwicklungsstand erhalten bleibt.

    Wenn meine Analyse richtig ist, ist eine Gemeingütergesellschaft die einzige Möglichkeit, wie wir in einer Technologiegesellschaft dauerhaft überleben können (bitte nicht mit Staatswirtschaft, DDR-Wirtschaft, verwechseln).

    Viele Grüße

    Roland Dames

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