Commons sind mehr als eine andere Wirtschaftsweise

Das Sustainable Europe Research Institute (SERI) hat mir kürzlich eine mail geschickt.  Es wurde vom Österreichischen Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft beauftragt, “Alternative Wirtschaftskonzepte“ auf „den Prüfstand“ zu stellen. Das SERI analysiert also derzeit „vielversprechende neue Wirtschafts- und Gesellschaftskonzepte, die ein gemeinsames Ziel verfolgen: die Lebensqualität und das Wohlbefinden der Menschen zu erhöhen und dabei gleichzeitig innerhalb der ökologischen Tragfähigkeit des Planeten zu bleiben.“

Erst einmal finde ich es super, dass ein Ministerium diese Frage systematisch beleuchten lässt. Ich finde es auch super, dass die Commons dabei in den Blick geraten. Weniger super fand ich, dass es schnell gehen musste und viel Arbeit macht🙂. Aber es gibt ja bekanntlich Arbeiten, die frau gern und andere, die sie weniger gern erledigt. Und apropos Arbeit. Die Befragung konzentrierte sich auf drei Themen:

  • Arbeit/Beschäftigung,
  • Umwelt- und Ressourcenverbrauch,
  • Innovation, Technologie und Wettbewerbsfähigkeit

Ich habe Paradigm-Shiftmich angesichts dieser „Kleinigkeiten“ dafür entschieden, die Fragen schriftlich zu beantworten, was den ungeheuren Vorteil hat, dass ich meinen wunderbaren Kollegen Stefan Meretz um Unterstützung bitten konnte und wir nun alle Antworten mit Euch teilen können. Stefan und ich haben uns des bescheidenen Fragebogens🙂 angenommen, den ich hier unten reproduziere. Doch vorab schien es uns wichtig, die Fragen in ihren Kontext zu stellen, sie nicht zurückzuweisen, sondern einfach deutlich zu machen, dass sie selbst bereits auf Überzeugungen aufsetzen, die man auf tieferer Ebene in Frage stellen müsste.

Weshalb wir folgende Grundsätzliche Bemerkungen vorab machten:

„Die folgenden Fragen scheinen vom dominierenden Paradigma geleitet. Sie fußen auf Grundannahmen, die ihrerseits nicht als fragwürdig wahrgenommen und deshalb nicht in Frage gestellt werden. Das ist die zentrale Schwierigkeit für die Beantwortung Ihrer Fragen aus Commons-Perspektive.

Wenn wir Albert Einstein folgen, so können Probleme nicht mit denselben Denkweisen überwunden werden, die sie erzeugt haben. Mit dem Commons-Ansatz gehen wir daher einen anderen Weg. Commons sind – so meinen wir – eine Art der Weltgestaltung (d.h. mehr als eine Wirtschaftsweise), die sich auf ein anderes Paradigma stützt, also auf ein anderes Sortiment an Grundüberzeugungen. Es geht hier weniger darum, wie die existierenden Probleme – gekleidet in gewohnte Begriffe und Institutionalisierungsformen – durch Commons gelöst werden können, sondern darum, die hinter diesen Begriffen verborgene Denkweise, sowie eingeübte Wahrnehmungs- und Weltgestaltungsmuster theoretisch wie praktisch zu revidieren. Ganz banal gesagt. Nicht „Welche Bedeutung hat Arbeit für das Gute Leben?“, sondern zunächst einmal: „Welches Konzept von Arbeit wollen wir in welchem gesellschaftlichen Kontext verwirklicht sehen?“

Von Commons als zeitgemäße Weltsicht und Wirtschaftsweise sind erst Umrisse sichtbar. Doch klar ist: Der Ansatz bricht mit zentralen Imperativen der Warenlogik (Tausch, Wachstum, Nutzenmaximierung u.v.m. als unhinterfragte Kernkategorien der Wirtschaft). Es ersetzt sie durch direkte und durchaus skalierbare kommunikative Formen der Selbstorganisation und Bedürfnisorientierung. Dies wiederum fußt auf anderen Grundannahmen vom Menschen, der als grundsätzlich bedürftiges – und damit von Anderen abhängiges –, soziales Wesen begriffen wird.

Commons beruhen also auf einem anderen Paradigma, was die Beantwortung der Fragen zu einer besonderen Herausforderung gemacht hat.“

Hier unten könnt Ihr nun noch lesen, um welche Fragen es sich handelte. Morgen veröffentliche ich hier die Antworten.

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Arbeit

  • Welche Bedeutung hat Arbeit für das gute Leben?
  • Wie sehen Sie die Zukunft der Arbeit?
  • Sollten noch mehr informelle Tätigkeiten in den Markt integriert werden? Wenn ja welche? Wenn nein, warum nicht?
  • Wie wird sich die Arbeitsproduktivität in Zukunft entwickeln?
  • Wie viel Stunden pro Kopf müssen wir in Zukunft arbeiten? Und wie lange?
  • Wie hoch kann der Anteil an Dienstleistungen am BIP sein?
  • Wie kann Beschäftigung für alle ohne ein stetiges Wirtschaftswachstum erreicht werden?
  • Welche Maßnahmen sind notwendig, um ihre Vorstellungen einer nachhaltigen Arbeitswelt umzusetzen?

Umwelt/Ressourcen:

  • Wie entwickelt sich in Ihrem Ansatz Ihrer Ansicht nach der Ressourcenverbrauch (kurz, mittel, langfristig; abiot./biot. Material (primär/sekundär; ), Wasser, Land?
  • Wie entwickelt sich der Carbonverbrauch, wie die Umwelt, Biodiversität, etc.?
  • Wie sind die Stocks, built environment betroffen?
  • Verteilung der obigen Kategorien weltweit (im eigenen Land, EU, global – Industrie–, Schwellen-, Entwicklungsländer)
  • Wie kann sich das Konsumverhalten verändern (z.B. Nutzen statt besitzen, etc.)?
  • Wie lässt sich der Rebound-Effekt vermeiden?
  • Welche konkreten Ideen haben Sie, um ein anderes Wirtschaften mit weniger Ressourcen- und Umweltverbrauch umzusetzen?
  • Welche Lösungsansätze gibt es, wenn es kein oder geringes Wachstum gibt?

Innovation, Wettbewerbsfähigkeit, Technologie ((im eigenen Land, EU, global – Industrie–, Schwellen-, Entwicklungsländer)

  • Welche Art von Innovationen sind notwendig, um im globalen Wettbewerb zu bestehen (auch in Zeiten geringeren Wirtschaftswachstums)? (technologische, soziale, systemische Innovation, etc.)
  • Wie lassen sich bekannte, vielversprechende Technologien verbreiten, bzw. gewünschtes soziales und individuelles Verhalten umsetzen?
  • Wie wirkt sich das auf die Kostenstruktur und die Verteilung aus, wer sind die Gewinner/Verlierer?
  • Wo entstehen wichtige Innovationen? Key players? Erfolgsfaktoren?
  • Welchen Stellenwert hat für Sie technischer Wandel?
  • Welche politischen Maßnahmen sind notwendig, um technischen Wandel zu fördern?
  • Welche Rolle spielen für Sie die Arbeitsproduktivität und die Ressourcenproduktivität, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen?
  • Welche Maßnahmen sind notwendig, um im globalen Wettbewerb genügend Arbeitskräfte mit passenden Qualifikationen zu haben?
  • Wie lassen sich Maßnahmen im Bereich Wettbewerbsfähigkeit/Innovationen und technischer Wandel in Zeiten leerer Staatskassen finanzieren?
  • Wie wirkt sich geringes Wachstum auf Innovationen aus?

8 Gedanken zu „Commons sind mehr als eine andere Wirtschaftsweise

  1. Wirtschafts und Gesellschaftskonzepte? Ich weiß nicht, ob man das als so umfassend bezeichnen kann, aber einfach mehr persönlichen als materiellen Luxus zu nutzen klingt doch schon mal nicht schlecht, oder?
    Als Einsteig wäre vllt. http://www.mrmoneymustache.com/ ganz interessant, da muss man auch keine gesellschaftliceh Revolution mache, sondern einfach nur die Sichtweise ein klein wenig ändern.

    „Wie kann Beschäftigung für alle ohne ein stetiges Wirtschaftswachstum erreicht werden?“
    = das ist einer der Punkte, an denen ich mich immer frage: WTF?
    Gemeint ist wahrscheinlich Erwerbsarbeit/Arbeitsplätze.
    Aber warum wird immer angenommen, das wäre etwas gutes?
    Das Ziel der Gesellschaft kann doch nicht sein, dass immer mehr Leute immer mehr arbeiten – eher das Gegenteil!

    Davon abgesehen könnte man als Antwort auf diese Fragen (oder eher: müsste) man eine Doktorarbeit schreiben.

    • Hi Lennstar, das ist nunmal ein Zitat aus dem Auftrag des Ministeriums an das Seri, in dem es darum geht, „Wirtschafts- und Gesellschaftskonzepte“ auf den Prüfstand zu stellen. Und ja, das ist auch nötig – es über die individuelle Ebene hinaus zu heben.
      Was Deine Rückfrage zu Erwerbs-/Arbeitsplätzen angeht: Ja, Du machst da einen wichtigen Punkt. Versuchen wir ja in unseren Antworten aufzugreifen. Aber wir versuchen auch zu sehen WAS IST, nämlich dass die Leute derzeit Jobs brauchen (psychologisch noch mehr als physisch), weil alles auf dieser Erwerbsarbeit aufbaut. Und damit muss man sich auseinandersetzen.

  2. Es geht hier weniger darum, wie die existierenden Probleme – gekleidet in gewohnte Begriffe und Institutionalisierungsformen – durch Commons gelöst werden können, sondern darum, die hinter diesen Begriffen verborgene Denkweise, sowie eingeübte Wahrnehmungs- und Weltgestaltungsmuster theoretisch wie praktisch zu revidieren.

    Dagegen könnte man natürlich folgendes einwenden: Die Commonsleute haben die Probleme der privateigentümlichen Aneignung gesellschaftlicher Arbeit anscheinend nur verschieden ignoriert. Käme es nicht darauf an, Problemlösungskompetenz aufzubauen? Durch die Etablierung gemeineigentümlicher Formen der Zweck- und Mittelbestimmung der Produktion, (Pflege, Organisation usw.) gesellschaftlichen Reichtums?.

  3. Es ersetzt sie durch direkte und durchaus skalierbare kommunikative Formen der Selbstorganisation und Bedürfnisorientierung.

    Um die privateigentümlichen Formen der Selbstorganisation und Bedürfnisorientierung zu überwinden muss das menschliche Für- und Voneinender natrlich in die Lage versetzen, die unterschiedlichen Bedürfnisse und Eigeninitiativen mit den sozio-ökologischen Kosten ihrer Befriedigung bzw. Entfaltung ins Benehmen zu bringen. Das bedeutet die Etablierung einer Gesellschaft, die ihre Produktion auf Grundlage eines – am Ende weltgemeinschaftlichen – Nachhaltigkeitmanagements organiisiert. Es kommt mir machmal so vor, als sei der derzeit anlaufende Prozess zur Definierung von UN-Nachhaltigkeitszielen da viel näher dran, als die Forderungen, falsche Gedanken auszutauschen.

  4. Pingback: Commons auf dem »Prüfstand« — die Fragen — keimform.de

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