Wenn Schafe Menschen auffressen

oder: Ein uralter Text für das Jahr 2014

morus

Thomas Morus (Quelle unbekannt)

Auf zu einer kleinen Reise in die frühe Neuzeit. Konkret: ins angehende 16. Jahrhundert. Das Geld begann die Welt zu regieren und hörte seither nicht mehr damit auf. Die Fugger hatten den Kaiser gekauft, Inquisition und Ablasshandel machten den Gläubigen das Leben schwer, die Reformation setzte ein, vielerorts  bekriegten sich die Mächtigen, dem Feudalismus läutete das Ende.

In dieser Zeit lebten Humanisten wie Albrecht Dürer, Erasmus von Rotterdam (Niederlande) und Thomas Morus (England), die eng miteinander verbunden waren.

Der Philosoph und Politiker Morus, immerhin Lordkanzler in England (sowas wie unsere Angela Merkel) geriet in Konflikt mit dem herrschsüchtigen Heinrich den VIII. Dieser nämlich hatte die Gleichschaltung von Klerus und Parlament verlangt und von den ihm dienenden Untertanen den so genannten Suprematseid eingefordert. Der demokratisch gesinnte Morus (der schon Heinrichs mehrfachen Ehegelüsten nicht zugestimmt hatte) weigerte sich, den Eid zu leisten. Es folgten Entlassung, Tower und Hinrichtung. Wir sind im Jahr 1535.

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Titelholzschnitt der Originalausgabe von Utopia 1616

Damals war das zweibändige Hauptwerk von Thomas Morus, Utopia, schon knapp 20 Jahre alt.  Morus hatte Utopia als Insel konzipiert. Als Gemeinschaftsform, die sich rechtlich, wirtschaftlich und geistlich in Beziehung stellt. Ein Philosophieprofessor konstatierte kürzlich:

Die erste Utopie der frühen Neuzeit ist eine Commons-Utopie.“

Auf Utopia gibt es keine Anwälte. Geld spielt auf der Insel selbst auch keine Rolle; es wird nur im Außenverkehr genutzt. Wie sich Morus dieses ideale Zusammenleben (und damit die ideale Verfasstheit der Gesellschaft) konkret vorgestellt hat, will ich hier nicht diskutieren (patriarchal versteht sich und Überbevölkerung anderswo hinschicken war damals auch noch kein Problem). Vielmehr geht es mir um die Hinführung, um das wenig diskutierte erste Buch der Utopia. Es ist ein erschreckend-faszinierendes Stück Wirtschaftsgeschichte; die eindrucksvollste literarische Beschreibung der klassischen „enclosures“ (Einhegungen) die ich kenne.

Dieser erste Teil entfaltet im Wesentlichen ein Gespräch zwischen zwei Gelehrten, die sich in Flandern begegnen. Jener Gelehrte mit den Zügen des Erasmus von Rotterdam ist mit den wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen in damaligen England bestens vertraut. Heinrich VIII kriminalisiert unterschiedslos. Jedes kleinste Delikt wurde damals mit der Todesstrafe geahndet. Stehlen und Morden wurden eins im Strafmaß. Nach Angaben des zeitgenössischen katholischen Bischofs von Lisieux, so entnehme ich der Wikipedia, sollen allein in den letzten beiden Jahren von Heinrichs Regierung (gest. 1636) 72.000 Hinrichtungen auf seine Erlasse zurückgegangen sein. Andere halten diese Zahl für übertrieben, aber eine Dimension wird deutlich. Selbst einige der Ehefrauen von Heinrich VIII waren vor dem Hinrichtungsschwert nicht gefeit. Für seine sechs aufeinanderfolgenden Ehen gibt es in England den Abzählreim:

“Divorced, Beheaded, Died, Divorced, Beheaded, Survived.”

„Geschieden, geköpft, gestorben, geschieden, geköpft, überlebt.“

Doch zurück zum ersten Band der Utopia, den ich für sich sprechen lasse möchte. Die Quelle mit dem vollständigen Text befindet sich hier: Der Gelehrte, mit dem sich Morus ins Gespräch begibt, wird selbigen mit folgenden Worten vorgestellt:

„… heutigentags lebt wohl Niemand, der dir über Menschen und unbekannte Länder so viel zu erzählen vermöchte, wie er, und solche Geschichten zu hören, bist du, wie ich weiß, höchst begierig.«

Nun denn, lest begierig einen (von mir leicht gekürzten) Ausschnitt jenes Gesprächs,

„in dessen Verfolge er ganz ungezwungen auf jenes staatliche Gemeinwesen gekommen ist.“

und der eindringlich beschreibt, wofür commoning gebraucht wird. Das Gegenteil der Einhegungen (enclosure). Nicht nur in der Utopie, sondern in der Praxis. ( Hervorhebungen von mir)

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»So warst du, bitte, auch in England?« fragte ich.

»Ja,« sagte er, »ich habe mich einige Monate dort aufgehalten, …«

Während der Zeit war ich dem hochehrwürdigen Vater Johannes Morton, Kardinal-Erzbischof von Canterbury, zur Zeit auch Kanzler von England, zu großem Danke verpflichtet […].  Als ich eines Tages bei ihm zu Tische war, war auch ein eurer Gesetze kundiger Mann aus dem Laienstande zugegen, der aus irgend einem mir unbekannten Anlasse jene stramme Justiz zu loben begann, die damals dort zu Lande eifrigst gegen die Diebe gehandhabt wurde, die, wie er erzählte, meist zu zwanzig an’s Kreuz geheftet wurden. Er sagte, er wundere sich nicht wenig, daß es, obwohl nur Wenige der Todesstrafe entgingen, doch allerorten von Dieben wimmle.

Da nahm ich das Wort – denn ich durfte beim Kardinal frei reden – und sagte:

»Du darfst dich mit nichten wundern, wenn diese Bestrafung der Diebe überschreitet die Grenze der Gerechtigkeit und ist für das Gemeinwohl nicht ersprießlich. Zur Sühne des Diebstahls ist sie nämlich zu grausam und zu seiner Verhinderung doch ungenügend. Der einfache Diebstahl ist doch kein so ungeheures Verbrechen, daß er mit dem Kopfe gebüßt werden muß, noch ist andrerseits eine Strafe so schwer, daß sie vom Stehlen Diejenigen abhielte, die sonst keinen Lebensunterhalt haben. In dieser Beziehung scheint nicht nur Ihr, sondern die halbe Welt jenen schlechten Schullehrern nachzuahmen, die ihre Schüler lieber mit der Ruthe züchtigen als unterrichten. Schwere, schauerliche Strafen sind für die Diebe festgesetzt worden, während doch eher Vorsorge zu treffen gewesen wäre, daß Einer nicht in die harte Nothwendigkeit, zu stehlen, versetzt werde und dann infolge dessen sterben zu müssen.«

»Dafür,« versetzte Jener, »ist genügend gesorgt, es gibt Handwerke, es gibt den Ackerbau, mittels deren das Leben gefristet werden kann, wenn die Leute nicht vorsätzlich schlecht sein wollten.«

»Damit entschlüpfst du mir nicht«, erwiderte ich darauf. »Sehen wir vorerst von Jenen ab, die aus auswärtigen oder aus Bürgerkriegen verstümmelt heimkehren, […] die ihre gesunden Gliedmassen für den König oder das Gemeinwohl in die Schätze schlagen und ihren früheren Beruf wegen Invalidität nicht mehr ausüben, und wegen vorgerückten Alters einen neuen nicht mehr erlernen können – von Diesen also wollen wir absehen, da Kriege nur nach gewissen Zwischenräumen eintreten. Fassen wir vielmehr die täglichen Vorkommnisse ins Auge.

Die Zahl der Adeligen ist gar groß, die nicht nur selbst im Müssiggange von der Arbeit Anderer wie Drohnen leben, sondern die Landbebauer ihrer Güter der zu erhöhenden Renten wegen bis auf’s Blut schinden. […] auch umgeben sie sich mit einem ungeheuren Schwarm müssiger Gefolgschaft, die keine nützliche Kunst, das Leben zu fristen, erlernt hat. Diese Leute werden, wenn ihr Herr stirbt oder sie selbst erkranken, von Haus und Hof getrieben, denn lieber will man Müssiggänger ernähren, als Kranke, […]  und die Bauern wagen es nicht, ihnen Arbeit zu geben, da sie recht gut wissen, daß ein reichlich in Muße und im Genusse Aufgewachsener, der nur gelohnt ist, mit Schwert und Schild trotzigen Blickes einherzuschreiten und rings um sich Alle zu verachten, nicht geeignet ist, mit Spaten und Haue um elenden Lohn und dürftige Beköstigung einem Armen treu zu dienen«.

»Gerade diesen Menschenschlag,« versetzte Jener, »müssen wir vor allem pflegen. Denn in ihnen, denen höherer Geistesschwung und mehr Kühnheit eignet, als den Handwerkern und Ackerbauern, besteht die Kraft des Heeres, wenn es gilt, sich im Kriege zu schlagen.«

»Fürwahr«, erwiderte ich, »gerade so gut kannst du sagen, die Diebe seien zu hegen, deren ihr zweifellos nie ermangeln werdet, so lange ihr Diese habt. Denn die Diebe sind keine schlaffen Soldaten und die Soldaten des Stehlens nicht eben unkundig. Die beiden Gewerbe stimmen gut zusammen. […]

Aber das ist keineswegs die einzige Ursache der Diebstähle; es gibt vielmehr nach meiner Meinung noch eine, die euch eigenthümlich ist**«.

»Und diese ist?« fragte der Kardinal.

»Eure Schafe«, sagte ich, »die so sanft zu sein und so wenig zu fressen pflegten, haben angefangen so gefräßig und zügellos zu werden, daß sie die Menschen selbst auffressen und die Aecker, Häuser, Familienheime verwüsten und entvölkern. Denn in jenen Gegenden des Königreichs, wo feinere, daher theurere Wolle gezüchtet wird, sitzen die Adeligen und Prälaten, jedenfalls sehr fromme Männer, die sich mit den jährlichen Einkommen und Vortheilen nicht begnügen, die ihnen von ihren Voreltern aus den Landgütern zugefallen sind, nicht zufrieden, in freier Muße und im Vergnügen leben zu können, ohne dem Gemeinwohl zu nützen, dem sie sogar schaden; sie lassen dem Ackerbau keinen Boden übrig, legen überall Weideplätze an, reißen die Häuser nieder, zerstören die Städte und lassen nur die Kirchen stehen, um die Schafe darin einzustallen, und als ob euch die Wildgehege und Parke nicht schon genug Grund und Boden wegnähmen, verwandeln jene braven Männer alle Wohnungen und alles Angebaute in Einöden*. So umgibt ein einziger unersättlicher Prasser […] einige tausend zusammenhängende Aecker mit einem einzigen Zaun, die Bodenbebauer werden hinausgeworfen, entweder gewaltsam unterdrückt oder mit List umgarnt, oder, durch allerlei Unbilden abgehetzt, zum Verkauf getrieben. So oder so wandern die Unglücklichen aus, Männer, Weiber, Kinder, Ehemänner und Gattinnen, Waisen, Wittwen, Mütter mit kleinen Kindern, mit einer zahlreichen dürftigen Familie, da der Ackerbau vieler Hände bedarf – sie wandern aus, sage ich, aus ihren altgewohnten Heimstätten, und finden kein schützendes Obdach; ihren ganzen Hausrath, für den ohnehin nicht viel zu erzielen ist, müssen sie, da sie ausgetrieben werden, für ein Spottgeld hergeben, und wenn sie dann diesen Erlös binnen Kurzem bei ihrem Herumschweifen aufgebraucht haben, was bleibt ihnen schließlich übrig, als zu stehlen und danach von Rechtswegen gehängt zu werden, oder als Bettler sich herumzutreiben? Dann werden sie als Landstreicher in’s Gefängniß geworfen wegen müssigen Herumtreibens, während sie doch Niemand in Arbeit nehmen will, obwohl sie sich höchst begierig anbieten. Denn wo nicht gesäet wird, da ist es mit dem Ackerbau nichts, den sie doch allein erlernt haben. Ein einziger Schaf- oder Rinderhirt nämlich genügt, das Land von den Schafen abweiden zu lassen, das mit Sämereien zu bestellen viele Hände erforderte.

Aus diesem Grunde sind auch die Lebensmittel an vielen Orten bedeutend theurer. Ueberdies ist der Preis der Wolle so gestiegen, daß die ärmeren Tuchmacher sie nicht mehr kaufen können und aus diesem Grunde großentheils zum Müssiggang verurtheilt werden.

Nach dieser Vermehrung der Weiden raffte eine Seuche zahllose Schafe dahin, als ob Gott für die Habgier der Herren ein Strafgericht über sie habe verhängen wollen und ein großes Sterben über ihre Schafherden gesendet habe, das er gerechter über ihre eigenen Häupter hätte ergehen lassen.

Wie sehr auch die Zahl der Schafe zunimmt, die Preise gehen doch nicht herunter, weil, wenn man auch nicht von einem Monopol reden kann, der Handel (mit Wolle) doch nur in den Händen weniger Reichen concentrirt ist, die keine Nothwendigket früher zu verkaufen zwingt, als es ihnen beliebt, und es beliebt ihnen nicht, bevor sie nicht nach Belieben verkaufen können.

Aus demselben Grunde sind die Thiere der übrigen Gattungen gleichmäßig theuer, und zwar um so mehr, weil es nach der Zerstörung der Dörfer und dem Verfall der Landwirthschaft keine Leute gibt, die sich mit der Aufzucht des Viehes beschäftigen. Denn für junges Rindvieh sorgen die Reichen nicht in gleicher Weise wie für Nachwuchs an Schafen. In der Ferne kaufen sie solches spottbillig auf und wenn sie es auf ihren Weiden gemästet haben, verkaufen sie es theuer. Ich vermuthe daher, daß das ganze hieraus fließende Ungemach noch nicht zum Bewußtsein gekommen ist. Denn zunächst erzeugen sie blos an jenen Orten Theuerung, wo sie verkaufen; da sie aber das Vieh dort, wo sie es kaufen, schneller wegführen, als es sich durch Nachwuchs vermehren kann, so nimmt es daselbst allmählich ab und es muß auch dort drückender Mangel entstehen.

So wird gerade der Umstand, der das Hauptglück eurer Insel zu bilden schien, durch die unverantwortliche Habgier Weniger in sein Gegentheil verkehrt. Denn die Theuerung der Lebensmittel ist die Ursache davon, daß jeder so viele Leute als möglich aus seinem Haushalte entläßt. Wohin aber muß das führen, wenn nicht zum Bettel, oder, bei herzhafteren Naturen, zum Diebstahl?

Diese Pestbeulen entfernt von eurem Leibe; macht ein Gesetz, daß die Dörfer und ackerbautreibenden Städte von Jenen wieder hergestellt werden müssen, die sie zerstört haben, oder daß sie sie Solchen abtreten, die sie wieder herstellen und aufbauen wollen. Dämmt diese Aufkäufe der Reichen ein, die ihnen die Möglichkeit gewähren, ein Monopol auszuüben.«

Soviel aus dem beginnenden 16. Jahrhundert. Zwei abschließende Gedanken:

Vor dem Hintergrund dieser historischen Tatsachen ist es nachgerade zynisch, dass Garrett Hardin in The Tragedy of the Commons die Metapher der gemeinschaftlich genutzten und „daher“ übernutzten Schafweide strapaziert hat. Schwer vorstellbar, dass er nicht um die ursprünglichen Einhegungen in England zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert wusste. Und wie wenig müsste man editieren, um diesen Text glaubhaft als einen aktuellen ausgeben zu können?

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* Enclosure ist m.E. gekennzeichnet von Eingrenzung nach außen und Entgrenzung nach innen, weshalb Einzäunung und die Entwicklung von Monokulturen einhergehen. Je größer die Fläche umso geringer die Notwendigkeit, einen Zaun um sie zu siehen. So kommen etwa die Sojaanbaugebiete im Norden Brasiliens völlig ohne Zaun aus. Kennzeichnung der enclosure ist hier gerade das Fehlen, nicht das Setzen des Zauns.

** damals galt noch das Wort „eigenthümlich“, weil der Frühkapitalismus in England seinen Anfang nahm. Infolgedessen hat sich das Problem (strukturelle – Schafe und Weiden sind ersetzbar) de facto auf die ganze Welt ausgedehnt.

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