The Tragedy of the Market: Die Kunst, eine Tasse Kaffee aufzubrühen

IMG_8028Heute morgen hat mein Sohn mir zum Frühstück einen Kaffee gekocht. Er brachte dazu eigens seine neue Kaffeemaschine mit, da ich ja keine vernünftige Maschine habe. Ich war schwer beeindruckt, denn der Hightech-Apparat schaffte es tatsächlich, aus den eigens zu dieser Maschine passenden Plastikhülsen voller Kaffeepulver eine trinkbare und gar nicht so schlechte braune Flüssigkeit hervorzupressen. Man kann sogar sehen, wie heiß der Kaffee ist, denn es gibt eine Temperaturanzeige.

IMG_8030Ich habe mich natürlich gefreut, denn prinzipiell freue ich mich immer, wenn mein Sohn mir Kaffee kocht. Er kocht überhaupt sehr gut, auch panierte Hähnchenschnitzel oder selbstgemachte Burger, wofür es freilich noch keine Maschinen gibt. Jedenfalls konnte ich mit meiner anachronistischen Kaffeebrühvorrichtung aus Vietnam nicht mithalten. Ich habe sie erst später, so gegen Abend nochmal ausgepackt und im Detail analysiert. Was fehlt ihr eigentlich? Was macht den Unterschied zwischen einer Kaffeemaschine aus einem armen Schwellenland wie Vietnam und einer Hightech-Wundermaschine aus der Technologiesupermacht Baden-Württemberg?

IMG_8032Meine Mascine besteht aus genau drei Teilen: Eine Blechhülse mit Sieb. Ein zweites Sieb zum Einschrauben, sobald der Kaffee drin ist (ohne dieses zweite Sieb funktioniert das Ganze nicht, wenngleich ich bis heute nicht verstanden habe warum). Ein Blechdeckel. Das wars auch schon. Also kein „preisgekröntes Design“, keine elegante Verkleidung, keine „hochmoderne Intellibrew™-Technologie“, kein „fortschrittlichen Wasserfiltersystem“, keine „einzigartige Feinabstimmung“, keine „anwenderfreundliche, intelligente Barcode-Technologie“. Nichts! Ein richtig primitiver Dinosaurier. Auch beim Preis (ich habe vor einigen Jahren in Vietnam ein paar Cent dafür bezahlt) kann ich nicht mithalten. Und einen Wartungsvertrag hat man mir auch nicht angeboten. Obwohl der Deckel immerhin so konstruiert ist, dass man den Filter anschließend darauf stellen kann, ohne Flecken auf dem Tisch zu hinterlassenn. Ich schäme mich ein bisschen mit dem alten Ding, obwohl … ein Plus kann ich vielleicht doch ins Feld führen: Bei meiner Maschine weiß ich, dass der Müll in die Biotonne kommt. Bei der anderen Maschine bin ich nicht ganz sicher, da ich ja nicht genau weiß wieviel Komponenten in jeder Kaffeekapsel verarbeitet sind und aus was sie eigentlich bestehen. Und immerhin ist mein Kaffee heiß und schmeckt ganz lecker, auch wenn das heute kaum mehr etwas zählt.

Es ist schon beeindruckend wie sehr die Märkte und ihre Innovationskraft uns inzwischen auch in den einfachsten Aspekten des täglichen Lebens voran gebracht haben. Stellen Sie sich nur einmal vor, wir müssten Kaffee noch immer kochen wie zu Omas Zeiten. Oder eben wie in Vietnam … .

Und schließlich noch zur Sicherheit folgendes Zitat aus der Wikipedia: Die einfachste Form der rhetorischen Ironie besteht darin, das Gegenteil dessen zu sagen, was man meint. Um Missverständnissen vorzubeugen, kann Ironie dabei von sogenannten Ironiesignalen (Mimik, Gestik, Betonung, Anführungszeichen usw.) begleitet sein, die den Zuhörer erkennen lassen, dass der Sprecher das Gesagte nicht wörtlich, sondern ironisch verstanden wissen will.

8 Gedanken zu „The Tragedy of the Market: Die Kunst, eine Tasse Kaffee aufzubrühen

  1. Das zweite Sieb bei dem Vietnam-Kaffeefilter dient dazu, den Kaffee etwas zu verdichten, damit das Brühwasser nicht zu schnell durch den unteren Filter läuft. Kaffee braucht Zeit zum Entfalten. Simples System. Bei uns ist übrigens das Schräubchen, das den oberen Filter festhält, abgebrochen – auch Low Tech kann kaputt gehen. Aber der Filter funktioniert trotzdem, wenn schlicht den Kaffee durch Druck auf das obere nun lose Deckelsieb manuell verdichtet und dann vorsichtig das Brühwasser reinlaufen lässt (damit das Sieb nicht „hochgespült“ wird). Und so funktioniert das geniale Ding schon seit fünf Jahren🙂

    • Hallo Stefan. So ganz erhellt dein Kommentar für mich die Funktion der oberen Siebplatte nicht. Bei mir ist es nämlich so, dass der Filter sofort verstopft und gar kein Kaffee unten ankommt, wenn man das obere Sieb nicht einsetzt. Warum ist mir bisher nicht ganz klar. Vielleicht weil das Aufschlämmen des Pulvers verhindert wird, was sonst zu einer Verstopfung der Löcher führt. Die Frage ist zwar eher von akademischer Bedeutung, aber ich würde das wirklich gerne verstehen. Ja, das Ding ist genial und ich glaube, man könnte die abgebrochene Schraube wahrscheinlich sogar selbst reparieren.

      • Verstopfen deutet auf zu fein gemahlenes Kaffeepulver hin. Der vietnamesische Kaffee ist in der Regel nicht so fein gemahlen und passt optimal zum Filter. Ein bißchen Geduld tut dem Kaffee gut🙂

        Nun nimmst du wohl (zu) fein gemahlenen Kaffee, und warum das Sieb dann sich nicht zusetzt, wenn du das Deckelsieb draufschraubst, ist in Tat eine akademisch herausfordernde Frage – ich weiß es auch nicht😉

  2. @Stefan: Stimmt. Geniales, simples Ding.

    @Jakob: … und dann müssen wir noch drüber nachdenken, WARUM Menschen sich solche Maschinen kaufen, die sie zwingen, immergleiche Kapseln vom immergleichen Hersteller zu kaufen (sone Art Zwangsjacke, in die man bereitwillig schlüpft) und nebenbei ohne mit der Wimper zu zucken, gleich noch mehr für die Tasse Kaffee zu löhnen. Da werd ich wohl mal den sonntäglichen Kaffeekocher fragen müssen.

  3. Ich bin nicht ein so großer Fan von Kaffeemaschinen mit Pads und Kapseln! Ich trinke lieber den Kaffee aus der guten alten Filtermaschine! Wenn mein Kind mir natürlich einen Kaffee machen würde mit diesen Kapseln oder Pads würde ich den auch trinken🙂

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