The Tragedy of the Market: Deutsches Brot

Ein Apfelkuchen vom Meisterbäcker sieht anders aus – jedes Mal.

Vor einigen Tagen überraschte mich die Tagesschau mit dieser sensationellen Nachricht: Diese Vielfalt sowie die deutsche Backtradition sollen das Brot auf die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes bringen. Eine groß angelegte Aktion des Bäckerhandwerks.

Eines meiner Lieblingsthemen. Vielfalt? Deutsche Backtradition? Ist diese im Grunde sehr begrüßenswerte Idee nicht ein bisschen spät dran mit ihrem Anliegen? Ich wusste gar nicht, dass es in Deutschland überhaupt noch Bäcker gibt. Ich hatte in den letzten 30 Jahren eher den Eindruck, die deutsche Backkunst sei in einer Monotonie der Verkaufsstellen für aufgebackene Teigfladen mit Aufbackofen verschwunden. Schmeckt die Schrippe vom Bäckermeister wirklich noch besser als das Weckle von der Tankstelle? Ich kann da in der Regel keinen Unterschied mehr erkennen. Und die Brotvielfalt? Entschuldigung, aber das ist ja wohl ein Witz.

Ich habe das Glück, in greifbarer Nähe einen wirklichen Meisterbäcker zu kennen, der übrigens nur einen Tag in der Woche geöffnet hat. Er hat mir heute das Problem erläutert und was er sagte war dann doch eher ernüchternd. Die überwiegende Mehrzahl aller Handwerksbäcker verkauft genau dieselben Produkte wie die Backindustrie, so sagt er. Es gäbe einige wenige Backmischungshersteller, die allesamt im Besitz großer Chemie- und Lebensmittelkonzerne seien. Sie belieferten 98 % aller Bäckereien und schon in der Ausbildung und bei der Meisterprüfung würde das Verbacken dieser Fertigmischungen ebenso hoch gewertet, wie das Backen mit Grundzutaten. Die Beipackzettel dieser Backmischungen lese sich wie eine Giftmischung der verschiedensten Chemieprodukte, die aber nur der Backmischung und nicht dem daraus hergestellten Brot beigelegt werden müsse. Es selbst kaufe im Urlaub aus Prinzip nur abgepacktes Brot im Supermarkt, da hier wenigstens eine Kennzeichnungspflicht der Inhaltsstoffe bestehe.

Was der Grund hierfür sei, frage ich naiv. Der Grund ist ganz einfach! Der Markt wählt langfristig nur über den Preis. Dem Deutschen sei sein Essen einfach nichts wert. Für einen Liter Motoröl fürs Auto zahle er klaglos 30 Euro, aber wenn das Speiseöl 10 Euro kostet, dann gehe der Kunde lieber zum Discounter nebenan. Dasselbe gelte für Brot. Die Qualität von Brot und anderen Backwaren werde einfach nicht mehr ausreichend geschätzt, um mehr als einer kleinen Hand voll Idealisten unter den Bäckern einen Lebensunterhalt zu ermöglichen.

Ich mache ein langes Gesicht. Warum haben Sie denn dann nur am Samstag vormittag geöffnet? Auch die Antwort auf diese Frage ist erschreckend einleuchtend: Wir haben 7 Stunden pro Woche geöffnet, aber für die Produkte, die ich in diesen 7 Stunden verkaufe stehe ich 35 Stunden lang in der Backstube. Da ich aufwändig und nicht ökonomisch produziere kann ich keine Mitarbeiter einstellen, um den Laden länger geöffnet zu haben oder um mehr zu produzieren.

Und war er vom Deutschen Brot als UNESCO Weltkulturerbe hält? Hoffnungslos. Deutsches Brot sei seit Jahren nicht mehr existent. Und auch ansonsten – das deutsche Backhandwerk ein Graus. Hefezopf und Streuselstückchen mit einem Zuckeranteil von 70 oder 80 % seien keine Seltenheit. Dabei, so erklärt er mir, reichen 7 % völlig aus um eine angenehme Süße zu erreichen. Er verwendet auch kein rafiniertes Fett für seine Hefezopf, sondern Butterschmalz. Und seine Streuseltaler sind bedeckt mit Streuseln aus Mehl, Butter und Ei – mit ein bisschen Puderzucker darauf – wenn man unbedingt will. Sie kleben von selber. Ohne Pampe aus dem Zuckersirupspender.

Ich gehe frustriert zurück zu meinem Frühstückstisch. Der Markt sorgt für Vielfalt, hat man mir immer erzählt. Die Konkurrenz mverbessert die Produkte zum Wohle der Konsumenten. Jaja, maule ich vor mich hin. Und zum Wohle der Insulinspritzenindustrie.

Aber was tun? Ein Brötchenkombinat gründen? Meinen anderen Bäcker motivieren, anders zu produzieren? Warum nicht? Aber ich fühle mich ein bisschen wie Don Quichote und sein Kampf gegen die Windmühlen der heutigen Zeit.

Die Bäckersfrau im anderen Laden hat einstweilen das Schaufenster schon mit Fasnachtsgirlanden geschmückt. Es sei aber nichts mehr los hier im Ort. Es gäbe kaum noch Faschingsparties, da die Gebühren für die Musik so teuer geworden seien, dass die Leute die Lust verloren hätten, öffentliche Feste zu veranstalten.

Mir reicht es für heute. Ich werde ab sofort wieder mit Begeisterung den Windmühlen den Hals umdrehen. Und ich bin dankbar für jede weiterführende Idee … .

Mit dem Thema bin ich der ZEIT hinterher. Und dort schrieb auch Siebeck wieder herrlich zu diesem Thema … .

26 Gedanken zu „The Tragedy of the Market: Deutsches Brot

  1. Es gibt sie noch, die Vielfalt!
    In meiner Heimatstadt Halle (Saale) gibt es noch mindestens drei Bäcker, die selber (ohne Einsatz von Backmischungen) backen!
    Diese letzten Überbleibsel der Ossi-Bäcker haben nach fast 20 Jahren Durststrecke (Wir Ossis wollten ja nicht nur Westautos, sondern auch diese aufgeblasenen Westbrötchen – weitergehende Vergleiche spare ich mir😉 ) eine enormen Zulauf, weil die Menschen eben doch lieber handgemacht und mit Geschmack kaufen.
    Und das spannendste: Diese Bäcker sind teilweise BILLIGER als die Ketten da draußen! Und wenn das Sortiment mal bereits um 15h ausverkauft ist, schließt der Bäcker eben, anstatt das komplette Sortiment bis eine Stunde vor Ladenschluss vorrätig halten zu müssen, wie es bei Ketten-Aufbäckern üblich ist!

    Also Kopf hoch: Es geht auch anders!

    PS: Jegliche Materie um uns herum ist ein „Chemieprodukt“. Bitte etwas sorgfältiger mit diesem Begriff umgehen! Auch die so „natürlich“ wirkenden Inhaltsstoffe von „chemie-freien“ Produkten sind genauso aus Atomen aufgebaut und im Normalfall auch noch durch eine chemische Aufbereitung (dazu gehören bereits leichte Trennoperationen) auf die Welt gekommen!

    • Hallo Guntram. Vielen Dank für Deinen optimistischen Kommentar, auch wenn ich natürlich sofort das “aufgeblasene Westbrötchen” gegen den wohlschmeckenden “schwere Teigkloß” aus dem Osten in einer Hinsicht in Schutz nehmen muss: Viele mögen das Brötchen tatsächlich leichter und luftiger, weil es einem nicht so schwer im Magen liegt. Es gibt ja nicht nur ökonomische, sondern auch regionale und kulturelle Unterschiede. Beim französischen Baguette liegt die Kunst übrigens gerade darin, den Hefeteig lange genug gehen zu lassen, damit die Brote besonders großporig werden. Das geht bei uns nicht, weil die Bäcker aus Gründen des Arbeitsrechts nicht so lange arbeiten dürfen. Viele Franzosen finden unser Brot ohnehin ungenießbar, weil es so schwer ist und man in Frankreich Brot ganz anders nutzt als bei uns. Aber im Prinzip gebe ich Dir völlig Recht, denn das knusprig leichte Frühstücksbrötchen ist zu einem ökonomisch hergestellten Sparwecken verkommen.

      Beim Chemieprodukt stimme ich allerdings nicht mit Dir überein. Ein Atom ist nämlich kein Chemieprodukt, sondern eine menschliche Erkenntnis. Ein wissenschaftliches Modell. Eine Ethansäure-2-butylester-Synthese ist hingegen ein chemisches Verfahren zur Herstellung einer Substanz die nach Äpfeln riecht. Selbst wenn sie “naturidentisch” wäre (was für eine absurde Wortkreation der Lebensmittelindustrie), so ist sie doch ein Chemieprodukt. Was ich jedenfalls damit meine ist “ein Produkt chemischer Synthese- und Herstellungsverfahren”. Natürlich kann man die alkoholische Gärung durch Hefe chemisch analysieren und bis ins letzte Enzym und Atom aufschlüsseln und beschreiben, sie bleibt aus meiner Sicht aber doch ein natürlicher Prozess und kein chemisches Verfahren.

      Aber letztlich meinen wir das Selbe.

  2. Die allermeisten „Bäcker“ nehmen die Fertigprodukte, darum sieht das
    Brot ja auch immer gleich aus – nicht nur bei einem Bäcker, sondern auch
    beim Kollegen um die Ecke. Ich habe hier einen, von dem ich annehme,
    dass er zumindest das Meiste allein macht. Das Brot schmeckt anders und
    sieht auch mal etwas zu schwarz aus Und die Pfannkuchen sind gar kein
    Vergleich zu den „mit weißem Ring“ Ausgaben woanders. Und dabei sogar
    billiger.

    Ich backe seit gut einem halben Jahr im Brotbackautomaten. Braucht am
    Anfang ein wenig Übung, und wahrscheinlich wegen meines Wassers hier
    muss ich höllisch aufpassen, dass das Brot nicht „überkocht“, aber davon
    abgesehen bin ich sehr zufrieden. Wer kein Problem mit „Kastenbrot“ hat,
    sollte es mal ausprobieren.
    Man kann sich zusammen mixen was man möchte und der Preis liegt ungefähr
    beim billigsten Discounterbrot – Strom etc. schon eingerechnet, der bei
    mir immerhin voll Öko ist
    Geschmack: Besser oder gleich Fertigmischungsbäcker. Schlechter als ein
    richtiger Bäcker (nicht weiter verwunderlich)
    Weniger knackige Kruste und oben oft 1-2cm zu locker. Unten ein Loch vom
    Rührer. Dafür backfrisch und warm.

    Vor allem für Diabetiker hat das noch den Vorteil, dass man genau weiß,
    was im Brot ist – Diabetiker können z.B. sehr schmackhaftes Dinkelbrot
    essen ohne den Zucker in den Himmel zu schießen. Bei meinem Kaufland
    gibt es sogar eine billige Fertigmischung (deutlich biliger als das
    Dinkelmehl!?), die anders als die meisten andere Fertigmischungen nicht
    komisch schmeckt.

    Mehl/Fertigmischungen: Der Vorteil vom eigenen Mehl ist, dass man genau
    das Brot machen möchte, das man haben will. Ich kippe meist noch sehr
    gesunde und leckere Sesamkörner rein.
    Fertigmischungen sind oft billiger (wieso??), aber meist mit
    Zusatzstoffen zugemüllt, die man auch oft negativ schmeckt.

    Zusatzstoffe gibts (oder kann es) aber auch im normalen abgepackten Mehl
    geben. Die müssen nicht deklariert werden, weil sie beim Backprozess
    zerfallen.
    Kam vor ein paar Wochen in einer Sendung über unser deutsches Brot

    • Ich hatte auch schon eine Backautomatenphase, aber weniger wegen des guten Brots, sondern mehr wegen des angenehmen Dufts nach frisch gebackenem Teig, der morgens in der Luft liegt. Den genieße ich jetzt allerdings auch von der Bäckerei nebenan, die tatsächlich noch vor Ort bäckt. Ich würde den Bäcker aber gerne motivieren dies mit Mehl aus der Mühle vor Ort zu tun und mit eigenen Teigrezepturen. Dann würde auch ich wieder die Idee eines Weltkulturerbes unterstützen.

  3. Hallo Jakob,

    ohne hier trollen zu wollen, ABER:

    Ossi-Brötchen sind nicht einfach schwere Teigklöße. Zwei wesentliche Eigenschaft des Ossibrötchens – insbesondere im Vergleich zur Industriewar – sind: Geschmack und Haltbarkeit! Diese Brötchen kannst Du eben nach ein paar Tagen immer noch mit Genuß essen (ggf. wieder aufbacken), wohingegen ein klassisches Luftbrötchen dann nur noch Gummi ist. Falls einer von Euch mal nach Halle kommt, hier meine Referenz: Bäckerei Neubauer in der Adam-Kuckhoff-Str. 31. Dort sind die Brötchen (auch in Vollkorn- und Hanf-Varianten) im übrigen sehr luftig!

    Und bezüglich Frankreich: Ich lebe hier seit nunmehr 2 Jahren und habe bei den Baguettes hier nichts großporiges feststellen können! Im Gegenteil: Es gibt seit einigen Jahren den Trend zum Baguette traditionelle – ein festerer, geschmackreicherer Teig.

    Und letztendlich zur Chemie: Ich glaube daß man sich inzwischen unter Naturphilosophen doch eher einig ist, daß das Atom eine physische Entität – also etwas in der Welt Existierendes (und auch etwas beobachtbares) ist. Diese Diskussion gehört hier aber nicht hin.

    Bezgl. Chemieprodukt muß ich außerdem weiter nachhaken: Auch die gesamte Weleda-und-Co Schiene „natürlicher“ Produkte ist genauso das Ergebnis eines chemisches Aufarbeitungsprozesses wie alle anderen Produkte unserer Umgebung.
    Und jetzt wird’s trickreich: Der Stoff, der den „echten“ Apfel nach Apfel riechen läßt (nennen wir ihn Apfelgeruchmolekül), ist genauso ein Produkt eine chemischen Synthese! Diese findet aber im Vergleich zu den „bösen“ Chemieprodukten halt im Apfel statt. Sicherlich ist die Synthese im Apfel etwas komplexer als eine Synthese des Apfelgeruchmoleküls (ich meine nicht den Apfelester) im Labor.
    Um mit Deinem Beispiel zu kommen: Ab wann ist Alkoholherstellung kein „natürlicher“ Prozess mehr? Gerade im Weinbau gibt es ja jede Abstufung von in-Ruhe-vor-sich-hingären-lassen bis total-kontrollierte alkoholische Gärung. Das wäre doch vielleicht ein guter Ansatzpunkt, über Trennung von natürlicher und unnatürlicher Chemie zu argumentieren (vielleicht auch in einem anderen Rahmen)?

    Tut mir leid, wenn das hier den Rahmen sprengt😦,
    Guntram

    • Keine Angst Guntram, ich habe hier schon ganz andere Sprengungen des Rahmens erlebt, wenn es um Backwaren geht. Such mal nach dem Dresdner Stollen hier im Blog.🙂

      Was die Chemie betrifft, bleibe ich vorerst bei meiner Position. Ich ziehe einen natürlichen Prozess einer künstlichen Synthese vor und zwar weniger aus argumentatorischen Gründen, sondern aus einem Gefühl der Esthetik heraus. Mir schmeckt ein Stollen mit Bittermandeln einfach besser als ein solcher mit Benzaldehyd. Aber das Weleda die Chemie nicht besser macht, da sind wir einer Meinung.

      Du wirfst eine interessante Frage auf, was die philosophische Betrachtung des Atoms betrifft. Natürlich gibt es ein Atom, denn wir können es wahrnehmen. Aber es gibt auch ein frisches und gesundes Gemüse ohne chemische Zusatzstoffe – denn das können wir auch wahrnehmen. Ich kenne mich ziemlich gut aus in der Biochemie von Pflanzen, aber wenn ich ein Salatblatt esse ist für mich dennoch keine Chemie darin – da ich sie nicht wahrnehme. Gerade als Naturwissenschaftler sollte man ja nicht vergessen, dass die eigenen Theorien einen bestimmten Zweck in einem bestimmten Kontext erfüllen. Man sollte sie nicht mit der Realität verwechseln. Ein Brot ist ein Brot. Es ist nicht die Summe seiner Moleküle.

      Noch ein Wort zum Kloß.🙂 Ich lebe und arbeite oft im Osten und ich schätze das Ostbrötchen (wie im Übrigen den ganzen Osten) mittlerweile sehr. Und trotzdem muss ich manchmal ein bisschen zurück keilen, natürlich nur im Spaß. Denn ich muss mir die Mär vom leichten Westwecken ja andauernd anhören. Es ist auch eine Frage der Prägung. Man mag, was man zu mögen gelernt hat und man kann sowohl im Ost- als auch im Westbrötchen gut und schlecht entdecken. Mir wäre lieb, wenn die regionale Vielfalt wieder authentisch würde und nicht nur Lokalkolorit auf dem Backsack von Nestlé oder Unilever.

      Was das französische Baguette betrifft, bin ich neutral. Ich liebe „das wahre Baguette“, denn der Schwabe braucht das Brot um auch noch den letzten Soßetropfen vom Teller zu putzen. Und das geht mit Pumpernickel einfach nicht so gut. Die Franzosen essen ja traditionell weniger Beilagen, sondern Brot zum Essen. Und da soll und muss es leicht und luftig und vor allem frisch sein, sonst funktioniert das nicht.

      Das mit den Poren erklärte mir übrigens vor langer Zeit ein Bäckermeister. Es erschien mir logisch, aber überprüft habe ich es nicht.

      • Hallo Jakob!

        Genau das ist doch die Krux: Ist denn in dem Salatblatt weniger „Chemie“ drin, nur weil Du nicht daran denkst (Stichwort umfallender Baum)?

        Und das meine ich eben: Chemie (als die Lehre des Umwandeln von Stoffen) wird inzwischen nur noch als Vokabel für etwas Schlechtes genommen und damit ein riesiger Wissenschafts- und Erkenntniszweig in den Dreck gezogen!
        Selbst der Begriff „chemische Zusatzstoffe“ liefert die Chemie einer negativen Konnotation aus. Warum nicht einfach gegen alle Zusatzstoffe im Salat sein? Physische (Holzspäne), biologische (Schnecken), esotherische (geweihter Salat?), …

        Ansonsten habe ich nichts hinzuzufügen: Ein Hoch auf die regionale und globale Vielfalt!

      • Lieber Guntram. Nicht die Brotmoleküle sind die Chemie. Chemie ist die Wissenschaft mit der man die Struktur der Brotmoleküle analysieren und verstehen kann. Und mit der man versuchen kann, neue Brotmoleküle mit „verbesserten“ Eigenschaften zu bauen. Patentierbare Brotmoleküle, wohlgemerkt! Ich will aber keine patentierten Moleküle essen und dafür Lizenzgebühren bezahlen. Und so ist es auch mit der Gentechnik. Ich habe keine Angst vor grün leuchtenden Mäusen, die Quallenproteine in ihren Ohren exprimieren. Und ich habe auch keine Angst vor gentechnisch verändertem Salat, der mein Haus angreift und versucht mich zu erwürgen.

        Ich habe höchstens Angst vor entfesselten Mächten, die sich das Saatgut aneignen und versuchen, die globale Biomasse mit patentierbaren Genen und Terminatortechnologien unter ihre Kontrolle zu bringen. Deren Finger in allem rumtatschen was ich esse und zum Leben brauche. Und das mit der Begründung, dass Arbeitsplätze gefärdert würden, wenn sie es nicht täten. Das mag unwirklich klingen, aber leider wird auch der schlimmste Hypochonder einmal krank.

        Was ich will ist einfach ein gutes Brot und ein frischer Salat. Und dazu benötige ich keine Chemie und auch keine Gentechnologie.

      • Lieber Guntram,
        ich wehre mich nicht dagegen. Ich verwende einfach den Begriff anders als Du. In dem Wikipedia-Artikel, den Du geschickt hast, steht es in der ersten Zeile: Chemie ist eine Naturwissenschaft. Ich brauche aber keine Naturwissenschaft, um ein Brot zu backen. Ich brauche dafür einen guten Ofen und traditionelle Handwerkskunst. Dass ein Chemiker mit Hilfe der Chemie verstehen kann, was beim Brotbacken auf molekularem Niveau eigentlich passiert, das bezweifle ich nicht. Ich bezweifle nur, dass ein Chemiker mein Brot backen sollte. Ich will, dass mein Brot ein Bäcker bäckt. Mit Zutaten aus der Mühle und nicht mit Chemikalien aus dem Labor. Dass Chemiker auch im Teig Atome, Moleküle und biochemische Reaktionsgleichgewichte entdeckt haben, ändert daran nichts. Ich finde Chemie (als Naturwissenschaft) äußerst spannend und interessant, aber in der Küche ziehe ich eine Schürze und keinen weißen Labormantel an. Das ist für mich keine wissenschaftliche, sondern eine esthetische Frage.

        Farben und Pigmente bestehen auch aus Molekülen und Atomen. Picasso war aber kein Chemiker, sondern ein Künstler. Du kannst seine Bilder homogenisieren und in der Tüpfelplatte auf seine molekularen Bestandteile hin analysieren. Dann kannst Du im Reagenzglas die Gemäldemoleküle synthetisieren und mit dem 3D-Drucker in Gemäldeform polymerisieren. Ich nehme trotzdem das handgemalte Orginal. Und wetten? … Du auch!

      • Lieber Jakob,

        die Autoren in der Wikipedia haben sich viel Mühe gegeben, einen langen Artikel über die Chemie zu schreiben und Du gibst gleich nach dem ersten Satz auf?
        http://de.wikipedia.org/wiki/Chemie#Chemie_im_Alltag
        http://de.wikipedia.org/wiki/Chemie#Wortherkunft
        Der Begriff Chemie steht eben nicht nur für die naturwissenschaftliche Seite sondern auch für das, was real passiert! Vielleicht darf ich noch Ausdrücke wie „die Chemie stimmt“ in den Raum werfen, um Deine Engstirnigkeit (denn was anderes ist es inzwischen nicht mehr!) etwas zu lösen?
        Du machst ja bereits selbst einschränkende Anmerkungen („als Naturwissenschaft“) zum Begriff, hast also bereits erkannt, daß der Begriff Chemie eben nicht nur in Deinem eingeschränkten Sinne zu benutzen ist.
        Wie in fast jeder Diskussion heutzutage reden wir hier um die Definition eines Begriffes herum – ist es nicht das Vernünftigste, sich auf die allgemein gültigste Definition eines Begriffes zu verständingen und von dort ausgehende Einschränkungen zu kennzeichnen?
        Soweit ich das überblicke ist das ja auch ein Anliegen in diesem Commons-Blog: Die Commons in ihrer Breite darzulegen, zu verstehen und weiterzubringen. Nicht mit nur einem einzigen, eingeschränkten Konzept!

      • Unter Traditionelle BrotHantwerkskunst verstehe ich, dass man ohne kommerzielle Hefe bäckt.
        Mehl, Wasser und Salz.
        Alles andere ist für mich ein Weg um Zeit und Geld zu sparen.
        Genau deswegen habe ich mein Projekt „The Bread Exchange“ gegründet. Weil Vielfalt nicht unbedingt ein Zeichen von Qualität ist.
        http://www.thebreadexchange.com

      • Hallo Malin. Unter Vielfalt verstehe ich nicht unbedingt die Vielfalt im Verkaufsregal des Bäckers. Ich meine damit die Vielfalt der Brote, die man in den Backstuben unterschiedlicher Bäcker und in verschiedenen Regionen findet.

      • Ja, das wäre eine positiven Vielfalt. Die aber fast nicht mehr existiert, wurde ich sagen. Und so hatte ich dein erste post verstanden. Maybe I should not get into this German discussion🙂
        Anyways, meine kommentar war eher an Guntram gerichtet.

      • Malin, I appreciate having you in this „German discussion“.🙂
        Du solltest etwas über Dein Projet für den Commonsblog schreiben.

      • Lieber Guntram. Wenn ich engstirnig bin (ich gehe davon aus, dass diese Spitze humorvoll gemeint war), dann bist Du ein Griffelspitzer und ein semantischer Erbsenzähler (Du kannst davon ausgehen, dass auch dies humorvoll gemeint ist). Du weisst nämlich ganz genau was ich meine. Die Chemie ist Teil meines täglichen Brotes und ich benötige nun wirklich keinen schlauen Wikipedia-Artikel um zu verstehen was dieses Wort bedeutet. Du reitest auf dem Begriff „Chemie“ herum. Mir ging es aber nicht um die molekulare Struktur von Sauerteig, sondern um die Produktionsweise von Brot.

        Wenn ich sage „Mist, ich habe meinen Hauschlüssel vergessen“, dann heißt das ja auch nicht notwendigerweise, dass ich ein Pferd zuhause habe.

        Und wenn ich sage, Chemie hat in meinem Brot nichts zu suchen, dann glaubt niemand (außer Dir offenbar), dass ich von Brot ohne Atomen träume, dessen Teig aus einem esotherischen Vortex besteht, der nach Veilchen duftet.

        Wenn ich Dich richtig verstehe, dann besteht das Universum aus Vakuum und Chemie. Zumindest aber die gesamte von uns bewohnte Biosphäre besteht aus Chemie. Im Grunde gibt es also nichts als Chemie. Und nun? Bekanntlich besteht ja die gesamte Chemie wiederum aus Elektronen und Nukleonen und letztere wiederum aus punktförmigen Elementarteilchen. Ist demnach also alles Quark? Das finde ich etwas indifferent.

        Sei mir nicht böse, aber worauf zielst Du eigentlich ab? Es ist mir doch völlig egal ob mein Brot in seiner tiefsten Seele aus Quarks und Gluonen besteht. Hauptsache, es wird von einem Bäcker gebacken und nicht von Peter Brabeck in seinem Chemielabor in Vevey synthetisiert.

      • Lieber Jakob,
        leider ist die Realität eben anders. Im Vergleich zu Dir, gibt es eine immer größere Menge von Leuten, die mit Chemie nichts anderes vebinden, als eben Giftstoffe und unerwünschte Zusätze. Hast Du das zitierte Beispiel in der Wikipedia überhaupt gelesen?

        Dagegen möchte ich gerne angehen!
        Das ist alles…

        Was ein zusatzstof(f)freies etc. Brot betrifft, bin ich doch vollständig der Meinung!

      • 🙂
        Jetzt habe ich ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Ich verspreche, den Wikipediabeitrag nochmal in aller Ruhe ganz zu lesen …

  4. Das betrifft nicht nur die Konsumenten, sondern leider auch die, die dieses Handwerk erlernen möchten. Bäckerlehrlinge wie mich zum Beispiel. Denn wo ergibt solch eine Ausbildung noch einen Sinn?
    Das Thema ist mittlerweile überall zu finden, die Diskussion um „deutsche Backtradition“ ist so was von eröffnet. Ja, es gibt noch Bäcker, die überhaupt keine „Tütenmischungen“ verwenden. Aber sie werden immer seltener…wie auch hier nachzulesen: http://bakingsandra.wordpress.com/2013/11/17/bedroht/
    Danke für den Artikel zu diesem Thema!

  5. Pingback: Brot für die Welt | drikkes

  6. Pingback: Weblinks Nr. 050 – Herbstrevolver

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