Commons unterwandern die Krise des Reproduktiven

Drei Thesen zu Commoning als Strategie der Armutsvermeidung.

3. Commons vermitteln soziale Sicherheit und unterwandern die Krise des Reproduktiven

Aus Commons- wie aus Care-Perspektive liegt die Kritik an der Eindimensionalität des vorherrschenden Ökonomieverständnisses auf der Hand. Darin wird nur ‚Wirtschaft‘ genannt, was marktgängig ist. Unbezahlte Tätigkeiten (etwa Sorgearbeit und Schenkökonomie) sowie Leistungen der außermenschlichen Natur gelten als wertlos und lediglich „reproduktiv“, obwohl sie die Grundlagen allen Wirtschaftens sind. Seit Jahrzehnten kritisiert feministische Ökonomik kritisiert die Trennung in Produktion und Reproduktion, in Marktökonomie und Versorgungsökonomie samt der in sie eingeschriebenen Geschlechterhierarchien. Denn hier wird alles „Reproduktive“ (und damit meist das weibliche Tätigsein) abgewertet und unsichtbar gemacht. Das wiederum ist für die sorglose Ausnutzung des derart Abgespaltenen mitverantwortlich.

Feministische Ökonominnen sehen darin die gemeinsame Ursache der aktuellen sozialen und ökologischen Krisen, die mithin Ausdruck ein und derselben Krise sind: der Krise des „Reproduktiven“ (z. B. Biesecker/Hofmeister 2006).

Dabei ist das „Reproduktive“ lebensdienlich. Es bringt permanent Leben und Lebendigkeit neu hervor und unterliegt dabei einer anderen Logik als jener, die klassische Ökonomie in den Mittelpunkt rückt: Die Logik der Knappheit, die im Zeiteinsparungswettbewerb mündet. Doch Care und Commons werden von einer Zeitverausgabungslogik bestimmt. Je mehr wir in beides investieren, desto besser. Umgekehrt verhält es sich am Markt: Je weniger Zeit benötigt wird, umso „effizienter“. Daniela Gottschlich formuliert es so:

Die lebensbezogene Sorge gerät in den Widerspruch zur Verwertungs- und Effizienzlogik der Marktökonomie(Gottschlich 2013, o.S.).

Zwar „rechnen“ sich Care und Commons nicht und sie sorgen nicht für Einkommensreichtum, aber Commons und Care stehen für gelingende Sozialbeziehungen, Beziehungsreichtum und Sicherheit. Was der Markt isoliert, wird von Commons und Care integriert. Diese Integrationskraft vermittelt soziale Sicherheit – ein wesentlicher Aspekt der Freiheit von Armut.

Die Kritik an der Unsichtbarmachung lebensproduzierender Zusammenhänge verbindet sich mit einer Kritik am Konzept der (Lohn-)Arbeit und an der Einengung politischer Programmatik auf die Integration in den Arbeitsmarkt1. Über

„das Ganze der Arbeit in und für nachhaltige(n) Gesellschaften“ (Gottschlich 2013, o.S.)

wird wenig systematisch nachgedacht. Vielleicht aber ist der Unvereinbarkeit beider Logiken, der Commons-Logik und der Warenlogik, nur durch Commons-Vielfalt zu begegnen, auch weil darin Produktion und Reproduktion in eins fallen. Es braucht demnach mehr „caring“ und mehr „commoning“ für mehr Freiräume und Unabhängigkeit vom Marktgeschehen, denn in diesem wird das Reproduktive systematisch aufgerieben. Das lässt sich als Einhegung („enclosure) von Zuwendung fassen, die ultimative Einhegung, auf der der Kapitalismus beruht und deren letztliches Pfand der menschliche Körper ist. Mit Menschenwürde, Menschenrechten und Lebensqualität hat das wenig zu tun. Der Transfer von kapitalistischen Wirtschaftsprinzipien wirkt zerstörerisch sowohl auf die zu pflegende Person als auch auf die Person, die ihre Sorgearbeit ernst nimmt.

Gefordert sind pflegende und sorgende Menschen in ihrer ganzen Lebendig- und Menschlichkeit, die auch selbst von einem vielfältigen Beziehungsnetz getragen werden.

Anstelle eines Fazits

Es mag sein, dass es ein Zeichen von Armut ist, wenn man das Wasser aus dem Fluss holt. Es ist jedoch sicher eine tiefgreifendere Demütigung, wenn man, nachdem man für einige Zeit genossen hat, dass das Wasser aus dem Hahn kam, alleine zum Fluß gehen muss, da man sein Wasser nicht mehr bezahlen kann. Aber auch die glücklichen Nutzer des fließenden Wassers könnten sich früher oder später fragen, ob nicht die Maßnahmen der Armutsbekämpfung sie zu guter Letzt in jene Austauschbeziehung integriert haben, die zwar einerseits Wasser, ein Dach über dem Kopf und ausreichend Nahrung hervorbringen kann, andererseits die Menschen aber zwingt, ihre Haut zu Markte zu tragen“ (Schmidt-Soltau 2002: 23).

1 Diese ist das komplementäre Konzept zu einem Armutsbegriff, der Armut auf Einkommensarmut reduziert.

2 Gedanken zu „Commons unterwandern die Krise des Reproduktiven

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