So eine Art Mietshäusersyndikat für das Land

Land: Einmal Gemeingut. Immer Gemeingut.

Er erinnerte mich sofort an Percy Schmeisser, den Streiter gegen Monsanto. Zupackend, visionär und bescheiden – fast demütig. Sjoerd Wartena und Percy Schmeisser eint mehr als das Jahrzehnt (die Dreißiger) in dem sie geboren sind. Sie sind verbunden mit Land, Biodiversität und Agrarpolitik. Beide haben etwas David-gegen-Goliath-Mäßiges. Und sie haben ein jahrzehntelanges Durchhaltevermögen.
Als ich Sjoerd in diesem Sommer kennenlernte, beschrieb er gerade einer Gruppe von Social Bankern, wie er vor 35 Jahren begann, Land als Commons zu denken. Mitten in Europa, im ausgehenden 20. Jahrhundert. Der Durchbruch kam spät, aber er kam. Jetzt ist Terre de Liens quicklebendig (wenngleich verglichen mit dem Agrobusiness ein Zwerglein). Es ist eine Art Mietshäusersyndikat für Land. In weniger als 10 Jahren hat TIERRE DE LIENS nunmehr 120 französische Bauernhöfe beim Überleben und Wirtschaften unterstützt.

In 89 Fällen wurde die Eigentumsfrage bereits geklärt, die Bewirtschaftung folgt Terre de Liens Prinzipien (siehe unten). 30 Millionen Euro wurden für die Landkäufe und die Arbeit der Organisation mobilisiert, über 2000 Hektar gekauft und 10.000 UnterstützerInnen gewonnen. Während bei Terre de Liens im Schnitt 7,5 Bauern für die Bewirtschaftung von 100 Hektar Land gebraucht werden und davon leben können, sind es im nationalen Durchschnitt nur fünf. Für alle Effizienzfetischisten: das ist ein Erfolgsindikator.

Sjoerd Wartena, so twitterte ich nach einer Stunde aufmerksamen Zuhörens, „is my new commons-hero“.

Der Grundgedanke von Terre de Liens ist einfach. Es geht um eine Art Community Connected Farming. Die Realisierung hingegen ist komplex. Das Hauptproblem ist der Zugang zu Land, denn – unterstützt von der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) – dominiert derzeit die Agroindustrie (big size & cheap food) die Nahrungsmittelproduktion und damit die Flächen. Land wird als eine Ware wie jede andere ge- und behandelt. Was unter anderem zu schwindelerregenden Preisen führt: Seit 1980 sind beispielsweise in Großbritannien die Landpreise um 460% gestiegen.

Wie Schmeisser hatte auch Wartena Erfahrungen mit bio-dynamischem Anbau. Neben der Frage der Lebensmittelproduktion, so fand er, bedeutete dies Landschaftspflege, die Weitergabe von Wissen und Fähigkeiten, Umweltschutz, kurz: das halbe Leben. Er sieht in der Landwirtschaft „Beschäftigung mit Sinn“ und empfindet dies nicht als „romantischen Schwanengesang in einer schnellen, digitalen, urbanen Welt“, sondern beschreibt eine konkrete, lebendige Alternative, die immer mehr Menschen attraktiv erscheint, obwohl zugleich die meisten Bauern in Europa längst aufgegeben haben bzw dabei sind aufzugeben.

Wäre das auch der Fall, wenn sich die Philosophie von Terre de Liens durchsetzte? Täglich werfen im Europa der 27 weitere 1200 Bauern die Hacke ins Korn. Eintausendzweihundert. 30 Prozent von ihnen sind Rumänen; den jungen Rumäninnen und Rumänen erscheint die Aussicht auf ein Leben als Landwirt sehr unattraktiv. Niemand will dort Bauer werden. Diese Phase haben wir in Deutschland längst hinter uns. Auch im übrigen Europa sind nur 6 Prozent der Bauern unter 35 und 50 Prozent  über 60 Jahre alt.

Doch, so fragt das Team von Terre de Liens,

wollen wir unsere Lebensmittelproduktion wirklich den großen Konzernen überlassen, die in Maschinen investieren und nicht in die Menschen?*

Wäre es nicht besser, wieder eine „Landwirtschaft der Nähe zu betreiben?“ Also Land nicht als Ware, sondern als Verbindung (liens) zu betrachten. Terre de Liens: Land der Verbindung, bezieht sich auf eine Landbewirtschaftungspraxis, die Menschen verbindet. Die Organisation konzentriert sich auf zweierlei: vormachen, dh. best practices fördern. Diese werden durch den Kauf oder die Schenkung von Land ermöglicht, wobei in diesem Prozess das Land der permanenten „Verwarung“ (commodification) entzogen wird. Zwei eigens dafür geschaffene Institutionen ermöglichen das: eine Solidarische Investitionsgesellschaft sowie eine Stiftung, die inzwischen vom französischen Staat als gemeinnützig anerkannt wurde. Der zweite Schwerpunkt liegt auf dem landesweiten Netzwerk lokaler Vereine, welches Austausch und Koordination, politische Arbeit, die Diskussion neuer Rechtsformen u.ä ermöglicht und mit anderen Netzwerken für ländliche Entwicklung kooperiert.

Wie aber geht Terre de Liens mit dem Land tatsächlich um? Was heißt in der Praxis: Land ist ein Commons? Was bedeutet es, wenn sie sagen:

‚We try to manage farmland as a common good.‘? 

Ein paar Grundsätze:

  • Land für die Landwirtschaft soll Land für die Landwirtschaft bleiben: der Kauf dient dem Zweck, das Land der Bebauung, der Spekulation, der Zweckentfremdung, dem Anbau von Energiepflanzen und dergleichen zu entziehen. Es soll Land für Nahrungsmittelproduktion bleiben. Für immer. Das ist der Knackpunkt.
  • Langfristperspektive: Einmal gekauftes Land soll nicht wiederverkauft, sondern sofern irgend möglich – „für heutige und künftige Generationen bewirtschaftet“ werden.
  • Erhalt der Qualität von Boden und Umwelt: wenn möglich durch biologisch-dynamischen Anbau. Aber das gelingt nicht immer. Im Zentrum steht das Konzept der „bäuerlichen Landwirtschaft“ (agriculture paysann). Der Verein Terre de Liens unterzeichnet mit den Bauern, die das gekaufte Land bewirtschaften, spezielle Vereinbarungen, die Umweltschutzklauseln enthalten. (Keine künstliche Be- und Entwässerung, Wechsel der Anbaufrüchte, spezielle Erntetechniken usw.)
  • Abschöpfung des Mehrwerts: weil Land keine Ware ist, werden den Anteilseignern keine Zinsen gezahlt, es erfolgt lediglich eine Anpassung an die Inflation
  • Nutzung geht vor Eigentum: Zugang ist wichtiger als Eigentum, so dass Land erschwinglich, bewirtschaftbar und bewohnbar bleibt.
  • Nutzung der Multifunktionalität von Landwirtschaft: Schaffung von Arbeitsplätzen, qualitativ hochwertige Lebensmittel, Biodiversität, Förderung des sozialen und kulturellen Lebens usw.

Fast alle Bauern vermarkten ihre Produktion vor Ort, Tierre de Liens hat auch eigene Shops oder lokale Märkte und experimentiert mit Solidarischer Landwirtschaft (Community-Supported-Agriculture, CSA).

Weitermachen! Nachmachen und immer dran denken: Was jetzt noch Utopie ist, kann in 40 Jahren Realität sein. Wer’s nicht glaubt, lässt sich am besten von Sjoerd Wartena Geschichten aus den 70er erzählen.

* Daten und Zitate entnommen aus einem internen Papier, das Sjoerd Wartena für die International Summerschool for Social Banking vorbereitet hat.

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