Der Reiz des Commons und Fragen, die größer sind als unser Kopf

Armin Medosch wirft einen nüchternen, vierteiligen Blick auf die Verbreitung der Commons-Idee. Kann Commons-basierte Ökonomie zum neuen Leitgedanken werden? Welche Infrastrukturen wären dazu nötig? Was müsste getan werden, um Gemeingüter/ Commons zu fördern? Können sie tatsächlich mehr sein als eine Nische im Neoliberalismus?

Es sind nur noch wenige Tage Zeit, um die Sendungen des ORF zum „Reiz des Commons“ nachzuhören. Dann wird depubliziert😦. Zum Hören geht man auf 7 Tage Ö1, beginnend von Montag, dem 15.07. bis Donnerstag, dem 18.07. jeweils 09.30 Uhr. Alle Sendungen dauern etwa eine Viertelstunde. Dh. die erste Folge kann man nur noch bis morgen hören!

Kurze Inhaltsangabe:
Folge 1:

  • Krisenanalyse und Commons-Based Peer Production als zentraler Hebel, um „Pseudofülle und künstlicher Knappheit“ zu begegnen (mit Heike Löschmann und Michel Bauwens)
  • Commons und Commoning (am Beispiel einer finnischen Zeitbank, die „auf dem Tausch von Momenten beruht“, mit Ruby van der Weeken)
  • Anschließend geht es um die Frage politischer Bündnisse (Löschmann), Reflektionen zur entstehenden Commons-Bewegung (Bauwens) und zur Rolle von Resilienz.
  • Am Schluss ein Interview mit Stefano Rodotà über den funktionalen Zusammenhang zwischen Gemeingütern und Grundrechten. „Die Idee des Commons erlaubt es, neue Beziehungen zwischen Personen, Gütern und der Idee der Grundrechte herzustellen. […] Gemeingüter sind jene, die in einem direkten Zusammenhang mit der Ausübung der Grundrechte stehen.“

Folge 2:

  • beginnt mit einer P2P Definition von Michel Bauwens. Bei P2P (wie bei Commons) geht es um Relationalität und P2P Infrastrukturen machen das ‚Sich-in-Beziehung-Setzen‘ etwas leichter, auch jenseits kleiner communities. Globale Skalierbarkeit ist also denkbar.
  • Commons bzw. P2P (Michel benutzt diese Begriffe synonym) sind keine Geschenkökonomie; Bezugspunkt ist hier Allan Fisk und seine Klassifizierung in  1. communal sharing; 2. Geschenk- bzw Tauschökonomie; 3. hierarchische Zuordnungen in Feudalstrukturen und 4. neutrale Allokation durch den Markt
  • Vernetzung gerade in den Avantgarden des kulturellen Wandels (nach Bauwens sind die vernetzten Wissens- und Kulturarbeiter von heute vergleichbar mit den gut ausgebildeten und vernetzten artisans des vorvergangenen Jahrhunderts)
  • Außerdem: immer mehr Menschen fallen aus der Lohnarbeit heraus. Diese Leute brauchen Lösungen. P2P kann eine sein –> Alternativen entwickeln sich nicht „am Rande“, sondern im Kern der kapitalistischen Informationswirtschaft, sagt Michel. Aber am Rande entwickeln sie sich auch (sage ich :-)).
  • Weiter geht es mit der Veränderung der Arbeitswelt (mit Heike Löschmann): Viele denken: Verkauf der Arbeitskraft? Nicht mehr um jeden Preis!
  • … und mit dem unerschütterlichen Optimismus von Michel Bauwens: „The digital commons“ are winning (sehe ich ja nicht ganz so, weil wir keine freien Infrastrukturen haben).
  • Paradebeispiel Wikipedia mit Shun Lin Chen (?) von der Harvard Law School. Sie hat über das Selbstverständnis der Wikipedia Community promoviert und über die permanente Neuverhandlung der Frage, was akzeptables Wissen ist. Es kann ja nicht nur das akzeptiert werden, was vom gegenwärtigen Wissenschaftsapparat abgesegnet wurde.
  • Strategische Frage: gegen den „netzhierarchischen Kapitalismu“s, sondern mit ihm das Neue entwickeln? Ja, meint Bauwens. Tom Medak aus Kroatien ist skeptischer, schließlich spielten auch Machtfragen eine Rolle (wie wahr!) und diese habe „weniger damit zu tun, ob die Software frei oder proprietär ist, denn das Spielfeld wurde bereits neu abgesteckt“. „Der Suchalgorithmus von Google ist offen, aber die Machtstellung von Google ist ungebrochen.“ Also müsse die Commons-Debatte in den Kontext der Machtfrage und der aktuellen Krisen gestellt werden. Oder anders ausgedrückt: „Das Digitale Commons bleibt eine Wunschtraum, solange die kapitalismusgetriebene Innovationsideologie nicht gebrochen ist.“ (Medak)

Folge 3

Über „natürliche Commons“ und ihre Begrenzungen. In der Sendung ist immer die Rede von „natürlichen und immateriellen Commons“, mitunter auch von „künstlichen Commons“. Das finde ich etwas merkwürdig. Meine These ist ja: Each commons is a knowledge commons. Each commons has a material basis. Each commons is a social commons. Also alles materiell und immateriell. Und alles ist sozial konstruiert.

  • Die Folge beginnt mit Rodotà – dem Recht auf Leben, der italienischen Kampagne Wasser ist Gemeingut und der Rolle von sozialen Bewegungen
  • Globalisierung verlaufe oft widersprüchlich; Beispiel BRICS; Wirtschaftswachstum / zunehmende Machtposition geht mit Zerstörung von natürlichen Ressourcen einher
  • Soma Parthasarathy aus Indien erklärt den Beginn eines Trendwandels in ihrem Land, wo Wälder wieder mehr als Commons genutzt werden, insbesondere von Frauen.
  • Sie kritisiert den Entwicklungsdiskurs, der über die Köpfe der Menschen hinweg geführt wird und einhergeht mit Privatisierung, Urbanisierung, Landnahme, Migration, Nahrungsmittelunsicherheit. Beispiel: Insbesondere Frauen in den ärmsten Regionen brauchen Zugang zu Commons, aber Privatisierung sorgt für die Verschärfung der Wasserknappheit: „Familien teilen sich einen Tank Wasser für 500 Rupien. Das ist mehr als das Doppelte des monatlichen Mindesteinkommens. Niemand wäre früher auf den Gedanken gekommen, Wasser zu kaufen.
  • Fazit: Großprojekte sind das Gegenteil von Commons.
  • Soma spricht auch über den Zusammenhang zwischen dem Recht auf Information und den Zugang zum Wald.
  • Dann Schwenk nach Russland und zu Kai Ehlers: Die Privatisierung hat Russland am schärfsten getroffen, es ist ein „nachholendes Privatisierungsland“. Aber kollektive Strukturen waren und sind in Russland tief verwurzelt in Kultur der Dorfgemeinschaften; siehe Obschtschina – die selbstverwaltete Dorfgemeinschaft. Den Impuls der Gemeinschaftlichkeit gibt es auch heute noch, selbst in Großstädten, „aber die Strukturen, in denen man das realisieren kann, sind zerschlagen“.

Folge 4

über das Verhältnis zwischen Staat und Commons

  • beginnt mit Michel Bauwens‘ Warnung vor dem -ismus inkl. Commonism. Bauwens plädiert für einen ökonomischen Pluralismus, „mit einem Commons-Kern, der alles beeinflusst, aber nicht alles ist.
  • Heike Löschmann kommt noch einmal zu Wort und spiegelt die Commons-Debatte vor dem Hintergrund ihrer DDR-Erfahrungen.
  • Fazit: Beides, „Leben im Kapitalismus und Leben in der DDR ist nur jenseits der Vorgaben erträglich.“
  • Commons ist da, wo keine marktwirtschaftlichen Beziehungen und keine staatsautoritären Beziehungen sind. –> und nochmal ein Schwenk zur Demokratisierung der Arbeit (des „Ganzen der Arbeit“), so dass „die Wirtschaftsform des Commons ins Zentrum des zukünftigen Systems rücken“ kann.

Dann die große Frage: Wie real ist das? Reformschritte und das BGE werden angerissen.

Der Moderator fragt: Würde das so aussehen wie Kooperativen, gemeinnützige Vereine oder Genossenschaften? In Ansatzpunkten schon, auf alle Fälle aber braucht es Brücken zu all diesen Bewegungen.

Commons als Kern einer neuen Wirtschaftsform scheint noch immer weit weg. Zudem sind Commons oder P2P keine konfliktfreien Zonen. Sie lösen bestimmte wichtige Probleme und schaffen andere, die aber „anderen Charakters“ sind. (Bauwens). Ein Gemeinsames ist „das instinktive Misstrauen gegenüber dem Staat und zugleich die Abwehr von Marktfundamentalismus“.

Soviel! Tolle Sendung. Sehr vielseitig, international und denkoffen. Danke Armin!

PS: Mir gefiel übrigens die Übersetzung, konsequent war von „das Commons“ die Rede. Funktioniert gut.

 

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