Commons brauchen Schutz: Jenseits von Open Access

Cover CommoningHier gibt’s – scheibchenweise – die Langfassung meines Beitrags, der in der letzten Oya zum Thema Commoning erschienen ist.  Der Titel des Beitrag war:

Commons fallen nicht vom Himmel

Vier Thesen, vier Folgen. In diesem Post gibt’s These 3.

Commons brauchen Schutz: Jenseits von Open Access

Wasser ebenso wie Wissen als Commons zu denken bedeutet, niemandem prinzipiell (oder aus Verwertungsinteressen heraus) den Zugang zu Wasser und Wissen zu verwehren. Dieser Ansatz wird gern zu einem schlichten Gedanken verkürzt:

„Commons ist das, was allen gehört.“,

worauf gebetsmühlenartig ein Sermon folgt:

„Was allen, also niemandem gehört, wird unweigerlich übernutzt.“

Auch hier half mir ein Satz, der in meinem Geiste haften blieb. Bernhard Pötter hatte in der Monde Diplomatique eine Rezension meines ersten deutschsprachigen Sammelbandes zum Thema „Wem gehört die Welt“ (oekom 2009) veröffentlicht. Sherwood Forest ist überall, so der Titel. Darin schrieb er:

“Für Hardin ist die Allmende ein Schlaraffenland, das leergefressen wird. Für seine Kritiker eher ein gemeinsames Picknick, zu dem jeder was beiträgt und wo sich jeder in Maßen bedient.“

Pötter hatte damit ins Bild gesetzt, dass Commons eben kein Niemandsland sind, zu dem es immer „open access“ (offenen Zugang) gibt, dass sich an Ressourcen in einem Commons nicht jeder nach Gutdünken bedienen kann, in perfekter Nichtkommunikation mit dem Gegenüber und ohne Rücksicht auf Verluste. Die gegenteilige Unterstellung aber, das Commons der rechtsfreie Raum in niemandes Eigentum sei, in dem sich jeder an Milch und Honig bediene solange es geht hat neben der gewaltsamen Abschaffung der historischen Commons zur Diskreditierung der Idee schlechthin und – schlimmer noch – zu deren Nutzlosigkeitserklärung, Unsichtbarmachung und Zerschlagung beigetragen. Und praktischerweise haben die Nutzlosigkeitserklärung und Unsichtbarmachung der Commons die Zerschlagung derselben legitimiert.

Doch Commons per se mit open access gleichzusetzen greift zu kurz. Open access ist eine (Zugangs-)Regel, die unter bestimmten Bedingungen Commons fördert. Aber kein Axiom! Das ist ein entscheidender Unterschied.

Die Debatte um (konkrete) Zugang(sregeln) ist wichtig, keine Frage, aber sie ist nur ein Symptom des Essenziellen. Sie darf nicht überbetont werden, denn die Diskussion um Zugangsrechte betrifft lediglich eine Dimension der Regelung von Besitz- oder Eigentumsrechten, nicht das Ganze. Wer Zugangsrechte definiert, bestimmt zwar einen entscheidenden Teil der Eigentumsverhältnisse, aber wie eben (in Teil 2) gesehen, bewegen sich Regeln und Rechtsformen auf der formellen Ebene. Entscheidend aber ist die substanzielle Ebene, also das, was mit einer Zugangsregel (oder dem Eigentumsrecht insgesamt) erreicht werden soll. Zugangsrechte sind kein Selbstzweck. Aus Commonsperspektive müssen sie bei rivalen Gütern (solchen, die weniger werden, wenn wir sie teilen wie das Wasser) prinzipiell begrenzt sein und bei nicht-rivalen Gütern (solchen, die mehr werden, wenn wir sie teilen wie das Wissen) prinzipiell offen. Nur dann schützen sie auch die Idee und die Reproduktion von Commons. Und darum geht es in der Substanz.

Dass unser Leben auf Gemeingütern basiert und aus ihnen schöpft, ist das Eine. Es ist de facto unvermeidlich (und geschieht in jedwedem Wirtschaftssystem). Aber aus diesen Gemeingütern Commons zu schaffen – zu gemeinschaffen – und für unser Leben zu nutzen, ist etwas völlig Anderes. Und dieses Andere bedarf notwendigerweise des Schutzes. Darum geht es, wenn Elinor Ostrom in den Designprinzipien für gelingendes Gemeingütermanagement von „klaren Grenzen“ spricht, wenn es um Zugang zu natürlichen Ressourcen geht. Und gleichermaßen (nur mit umgekehrtem Vorzeichen), ist es das Kernanliegen eines wirklich freien/offenen Zugangs zu Wissen, Code und Information. Denn nur mit freiem Zugang zu Dingen, die mehr werden, wenn wir sie teilen, werden wir daraus das Beste für alle generieren.

Wir brauchen Freiräume für Commons-Initiativen sowie Schutzregeln für entsprechende Projekte, denn schutzlos sind sie inmitten einer marktfundamentalistischen Gesellschaft nicht überlebensfähig. Es sind nicht einfach die Menschen, die unbegrenzt nehmen bis alles kahlgefressen ist, es sind Marktfundamentalismen, ffalsch gespurte Anreizsysteme und Gewinnmaximierungsideologien, die den Menschen dieses Handeln noch als „rational“ verkaufen. Und dagegen sollten wir den Commons-Gedanken und die Prinzipien des Commoning schützen.

Gemeint ist hier nicht (nur) der Schutz der Ressourcen selbst, sondern der Schutz unserer Freiheit zur Selbstorganisation, zu commoning. Gemeint ist auch die Verteidigung des Gedankens, dass wir mehr sind als Kunden und wahlberechtigte Bürger: Wir sind Commoners, die kommunikativ und kooperativ ihre Potentiale entfalten – wenn man uns lässt. Und wenn man uns lässt, kann sich über die konkrete Interaktion und die Produktion selbst die Commons-Idee vervielfältigen.
Wie das konkret zu verstehen ist, erfahren Sie in der nächsten und letzten Folge dieser Artikelserie

4 Gedanken zu „Commons brauchen Schutz: Jenseits von Open Access

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