Jedes Commons ist sozial

Cover CommoningHier gibt’s – scheibchenweise – die Langfassung meines Beitrags, der in der letzten Oya zum Thema Commoning erschienen ist. Zunächst aber: Tusch für die Oya und die Verlautbarung meines Lieblingsbeitrags aus dem Heft🙂 Das ist nämlich: „Allmende zwischen Kruste und Krümel“ über das gemeinschaftliche Brotbacken. Da reibt man sich die Augen, wiegt den Kopf hin und her und murmelt…  „Was es alles gibt.“

Hier nun mein Beitrag:

Commons fallen nicht vom Himmel

Vier Thesen, vier Folgen. In diesem Post gibt’s These 1.

Jedes Commons ist sozial.
(oder: Über die Güterkrücke, die wir an den berühmten Nagel hängen sollten)

Manch ein Satz brütet im Gehirn. Mitunter über Jahre. Erst, wenn er sich erschließt, kann der darin geborgene Gedanke zu Ende gedacht werden. Solch einen Satz teilte der Umweltwissenschaftler Wolfgang Sachs mit uns. Das war vor einem Jahrzehnt. Gerade wurde das Abendessen in einem kleinen, mexikanischen Hotel neben den weltberühmten Pyramiden von Teotihuacán serviert. Entnervt vom fruchtlosen Kreisen in eigenen Gedanken baten wir Wolfgang um Rat. Meinem Kollegen und mir war es in endlosen Zwiegesprächen nicht gelungen, den Charakter der sogenannten Commons zu fassen. Worin genau bestand der Unterschied zwischen Gemeingütern (im Englischen »Common Goods«) und dem, was nur der englische Begriff Commons auszudrücken vermag?

„Commons“, so befand der von mir sehr geschätzte ‚deprofessionalisierte Intellektuelle‘ Gustavo Esteva aus Oaxaca, könne man am ehesten mit espacios de comunalidad ins Spanische übersetzen. Zu Deutsch: „Räume der Gemeinschaftlichkeit“. Ein Gut als Raum? Ging es etwa gar nicht um Güter? Wolfgang Sachs schlug eine Bresche in das Kreisen der Gedanken. „Man kann Gemeingüter nicht ohne Gemeinschaft denken“, gab er zu bedenken. Wir verstanden: Der Gemeinschaftsbegriff klebt an den Commons und die al(ge)meinde an der Allmende wie seither dieser Satz in meinem Kopf. Mir war ein Licht aufgegangen. Es geht tatsächlich nicht um Güter. Es geht um uns!

Nach Teotihuacán hatten wir eine mittelamerikanische Gruppe von Agrarexpertinnen und -experten eingeladen, um gemeinsam über die Zukunft der Landwirtschaft nachzudenken. Auch auf diesem Treffen war die Rede von Gemeingütern (spanisch: bienes comunes). Damit bezeichnete man üblicherweise Dinge, die es zu teilen, zu schützen und zu behüten galt. Die Ökos, die besonders zahlreich um uns versammelt waren, verstanden darunter Wasser und Wald, Atmosphäre, Biodiversität und Saatgut. Kurz: unsere Lebensgrundlagen. Sehr oft habe ich in den folgenden Jahren genau diese Konzeption zum Ausgangspunkt der Gemeingutdefinition genommen: „Wasser ist Gemeingut“, sagte ich bisweilen. „Das ist Unsinn!“, sage ich heute. Wasser ist, was es ist. H20. Aber es wird zu dem, was wir daraus machen: Entweder Ware (Privatgut) oder öffentliches Gut oder Gemeingut. Es kommt darauf an, wie wir mit dem Wasser umgehen. Denn es geht nicht um die Güter. Es geht um uns. Es geht darum, wir wir uns zueinander in der Nutzung dieser Güter verhalten.

Auch ich habe also in den vergangenen Jahren die Commons filettiert, habe sie aufgeteilt in degoustierbare Häppchen, so dass sich jede/r das Passende herausgreifen kann. Die Wasseraktivisten das Wasser als Gemeingut. Die Menschenrechtsaktivisten die Menschenrechte als Gemeingut. Und die Softwareaktivisiten die Software als Gemeingut. So lässt sich recht bequem in der je eigenen Community verharren und im je eigenen, überschaubaren Aktivismus. Und so lässt sich der Commons-Debatte nicht ganz zu Unrecht vorwerfen, der Begriff glänze unrühmlich mit Unschärfe und Beliebigkeit: Was früher ein Recht war oder als Öffentliches bezeichnet wurde, würde jetzt eben Commons genannt. So werden Commons in der Tat zur Kontaktsprache, oder wie es Neudeutsch heißt: zum Buzzword.

Commons als Güter zu denken und darauf einzudampfen hat einen weiteren Nachteil: die Klassifizierung der Gemeingüter in „natürliche Gemeingüter“ einerseits und „kulturelle oder digitale Gemeingüter“ andererseits. (Es gibt weitere Kategorien, aber der Übersichtlichkeit halber belassen wir es bei diesen beiden, schließlich sind es die grundlegenden.) Derart sortiert, genügt der eigene Tellerrand zur Orientierung. Diese Kategorisierung trennt aber, was zusammen gehört. Selbstverständlich haben Wasser und Wissen unterschiedliche Eigenschaften. Wasser wird für den Einzelnen weniger, wenn wir es teilen (jeder bekommt tatsächlich nur einen Anteil und nicht das Ganze). Wissen hingegen wird mehr, wenn wir es teilen. Doch die essenziellen Fragen der Commons, nämlich ‚Wie teilen wir fair und selbstbestimmt, wie bleiben Wasser und Wissen in sozialer Kontrolle? Wie behandeln wir Wasser und Wissen als Commons und nicht als Waren?‘ – diese Fragen sind für Wasser und Wissen die gleichen!

Im Laufe der Jahre verstand ich, warum Gustavo Esteva den Begriff der „Güter“ (bienes) vollkommen aus der spanischen Übersetzung von Commons verbannt hatte. Es war im Grunde ganz einfach: Zwar kreisen diese „Räume der Gemeinschaftlichkeit“ (Commons) um gemeinsam zu nutzende Dinge, die so unterschiedlich wie Wasser und Wissen sind, aber das Eigentliche tritt erst zum Vorschein, wenn wir uns (gedanklich) von den Dingen lösen. Commons wird erst dann zu einem emanzipatorischen Begriff, der die verschiedene Kulturen und Diskurse verbindet, wenn man Folgendes begreift: die Kategorisierung in natürliche, kulturelle, digitale und sonstige Gemeingüter ist eine Krücke, die wir aus schierer Gewohnheit nutzen, weil wir bei Commons immer an Güter denken, statt an den Umgang miteinander.

Wir sollten die Güterkrücke an den berühmten Nagel hängen, damit das Gemeinsame offenbar wird: Gemeingüter sind ohne Gemeinschaften – ob es sich nun um Netzwerke, Gemeinden, Teams, Gruppen oder Wohngemeinschaften handelt – nicht denkbar. Der Fokus liegt auf dem „uns Gemeinen“, nicht auf den Gütern. Deshalb spreche ich heute nur noch von Gemeingütern, wenn ich tatsächlich jene Ressourcen bezeichne, die gemeinschaftlich genutzt werden oder werden sollten. Selbst der offenere, englische Begriff Commons ist nicht ideal, denn das Eigentliche, das Gemeinsame ist ein „Verb und kein Substantiv“, wie der US-amerikanische Historiker Peter Linebaugh sagt. Daher ist selbst in deutschen Texten immer häufiger von „Commoning“ die Rede – dem Gemeinschaften. Denn jedes Commons ist ein sozialer Prozess – für oder gegen den wir uns aktiv entscheiden können. Anders gesagt: Commons fallen nicht vom Himmel. Sie sind nicht, sie werden gemacht. Der Begriff will etwas beschreiben, das Dinge, Akteure, Institutionen und Prinzipien zugleich umfasst. Dabei mögen Wasser oder Wissen im Zentrum stehen, entscheidend ist, ob wir wissen, es als Commons zu nutzen und zu reproduzieren. Jedes Commons ist ein Wissens-Commons. So wie jedes Commons einer materiellen Grundlage bedarf – es nutzt die natürlichen Ressourcen der Erde.

Die Trennung in natürliche und kulturelle Commons ist obsolet.
Beides – Wissensproduktion und die konkrete Nutzung natürlicher Ressourcen – geschehen nicht im neutralen, luftleeren Raum. Sie sind sozial definiert. Sie brauchen Regeln, Normen und Prinzipien, aber kein Dogma und kein Patentrezept. Man kann sich das Ganze geschichtet vorstellen. Das Wissen klebt auf einer materiellen Schicht so wie die Ideen auf den Buchseiten (sie können ohne bedrucktes Holz nicht transportiert werden) oder so wie die Programmierleistung des Softwareprogrammierers auf der von ihm verschlungenen Pizza (auch Wissensproduktion gelingt nicht ohne Energiezufuhr).

4 Gedanken zu „Jedes Commons ist sozial

  1. Pingback: Commons fallen nicht vom Himmel | Akademie Integra

  2. Pingback: Commons Creating Peer Economy — keimform.de

  3. Pingback: Begriffe — keimform.de

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