Commons und Entwicklungspolitik?!

Bayerischer_Wald_-_Rachel_005Oder: Den Wald trotz aller Bäume sehen

Seit zwei Jahrzehnten bin ich „entwicklungspolitisch“ unterwegs. Ich habe Mitte der Neunziger das entwicklungspolitische Landesnetzwerk Thüringen initiiert (heute EWNT), war in vielen einschlägigen bundespolitischen Zusammenhängen unterwegs (das ging rasant, die entwicklungspolitische Community aus dem Osten war überschaubar). Ich habe meine Arbeit in Mittelamerika, Mexiko und Kuba immer als „entwicklungspolitisch“ relevant empfunden (sofern man darunter die Frage versteht, wie Lebensbedingungen – auch strukturell – verbessert werden können). Zuletzt habe ich Ko-Kreis von INKOTA gesessen, dem aus ostdeutschen Initiativen entstandenen entwicklungspolitischen Netzwerk. Und ich habe allerlei Bäume angeguckt. Baum für Baum: die Landfrage, die Wasserprivatisierung, Wissensmanagement, Biodiversität, Fischereiproblematik, Klimaschutz, Energieversorgung, Verstädterung, Desertifikation, Geschlechtergerechtigkeit, Gewalt, Korruption. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Wie gesagt: Baum für Baum. Auf der Metaebene spielte der Entwicklungsbegriff immer eine wichtige Rolle. Bis zu seinem (inzwischen besiegelten) Abgesang. Dieser fuhr zweigleisig – in entgegengesetzte Richtungen.

Die Einen (die Privatisierer, Welthandelsliberalisierer und BIP-Wachstumsliebhaber) verabschieden sich von der „Finanzierung von Entwicklung“ und sagen jetzt (endlich?) klar, was sie immer schon finanziert haben: Investment. Sie meinen: Auf Investment folge Entwicklung und vergessen in der Regel zu fragen: Für wen?

Die anderen, auch das eine alte Debatte, suchen Begriffe, die die Komplexität sozialer Dynamiken besser abbilden können als der lineare Entwicklungsbegriff. Da können wir viel von Ivan Illich lernen und von Elinor Ostrom natürlich. Post-Development ist jedenfalls überall. Und damit die Suche nach einer Sprache, Theorie und Weltsicht, die über klassische Entwicklungsvorstellungen und über fachspezifisch geclusterte, entwicklungspolitische Ansätze hinausweist und dabei den Wald im Blick behält.

Bäume im Commons-Wald

Der Begriff Commons und die Commonsdebatte leisten genau das. Sie sind, wenn man so will, eine „entwicklungspolitische“ Weltsicht und Theorie. Wer in der Digital Library of the Commons (DLC) die Themen grob sichtet, findet dort alle Baumarten vor. Die dominierenden sind (und das liegt an den Erstellern der Datenbank): Land, Wasser, Wald, Fischerei, global commons, Saatgut, Biodiversität und andere. Die zentrale Kategorien sind (das wiederum liegt an der Essenz des Commons-Begriffs) Kooperation, Selbstorganisation, Dezentralisierung (genauer: Polyzentralisierung), Mehr-Ebenen-Ansatz und Eigentumsrechte. Zu letzterem gehören auch die so genannten „geistigen Eigentumsrechte“ wie Patente und Copyright (bzw. Urheberrechte) die im Kontext globaler Verträge (WIPO, WTO, TRIPS und sämtliche Freihandelsverträge) ihren sakralen Status erhalten. In den Commons geht es um den selbstbestimmten Umgang mit Wissen statt um den Handel mit „geschütztem“ Wissen.

Land, Wasser, Wissen und vieles mehr als Commons zu verstehen, zu pflegen und weiterzuentwickeln steht in einem permanenten Spannungsverhältnis zu einer Welt, die hierarchisch strukturiert ist und in der alles, vom Staatsaufbau bis zum klassischen Entwicklungsdiskurs, linear und vertikal gedacht wird. Auf diese Weise werden Commons (der Wald) unsichtbar gemacht. Wer sensibel ist für die Zustände in der Welt, kämpft um die Bäume. Vorzugsweise jede_r in der eigenen Community. Die einen sind Wasserexperten (und hervorragend vernetzt), die anderen sind Fischereiexperten, wieder andere befassen sich mit den Arbeitsbedinungen in der Textilindustrie (global verdrahtet und verskyped), oder mit der Bodenfrage – nicht zu verwechseln mit der Landfrage, den angepassten Technologien, getrennt nach Energieversorgung, Landwirtschaft, Kommunikationstechnologien, Bergbau usw, und auch Waldexperten gibt es (im nicht-metaphorischen Sinne.) Sie alle werden gebraucht. Dringend. Aber was eint sie eigentlich? Welches Denken, welche Sprache, welche Theorie liefert ihr das Futter, zu einer machtvollen und unübersehbaren Bewegung zu werden? Darauf hat die heutige „Entwicklungspolitik“ kaum noch eine Antwort. Und manche der Aktivist_innen eben auch nicht.

Angesichts der marktfundamentalistischen Hegemonie der letzten Jahrzehnte, die bis hinein in die Grünen fest verankert ist, ist das nicht erstaunlich. Die großen Organisationen fragen mich immer wieder (sinngemäß), ob wir den Commons-Diskurs nicht irgendwie an „relevante“ entwicklungspolitische Debatten oder Ziele anbinden könnten. Die Millenium Entwicklungsziele der UN etwa, oder – aktueller – die Nachhaltigkeitsentwicklungsziele. Es ist nachvollziehbar und logisch, dass staatliches (möglichst multilaterales) Handeln, Hauptfokus professionalisierter Entwicklungspolitik ist.

Aber, soviel meine ich in den letzten beiden Jahrzehnten verstanden zu haben: mit einem tendenziell staatsfixierten und vorwiegend auf Verteilungsgerechtigkeit setzenden Impuls ist dem nicht beizukommen, wie wir aktuell etwa in Venezuela und Brasilien sehen. Da tut der Staat was, verteilt um. Prima. Aber das Resultat ist immernoch Neo-Extraktivismus – auch wachstumsfixiert, auch ressourcenplündernd, auch soziale Konflikte provozierend. Oder es ist ein auf Technologie und Effizienz setzender Ansatz à la Green New Deal, der von den sozialen Bewegungen im Süden (siehe Debatte zu Rio+20) stark kritisiert wird. Jedenfalls gibt es in Sachen „Entwicklung“ in all diesen Debatten und Strategien nichts Neues.

In der Commons-Debatte geht es zunächst einmal darum, nicht ständig zu fragen, wohin wir uns entwickeln wollen, sondern das, was vor Ort gelingt, sichtbar zu machen. Oder anders gesagt: es geht darum, zu verstehen, warum etwas funktioniert und was notwendig ist, damit es funktioniert. Dass dabei immer irgendwelche Ressourcen im Mittelpunkt stehen, liegt in der Natur der Sache. Schließlich brauchen wir uns um Dinge, die wir nicht aus verschiedenen Gründen teilen müssen – wie das bei natürlichen Ressourcen und Wissen der Fall ist –, auch nicht streiten. Zugegeben, das sind nicht viele. Schließlich steht „mein Haus“ immer auf unserer gemeinsamen Erde und mein Fahrrad, wurde aus den Elementen unserer geteilten Materie zusammengeschweißt. Deswegen diskutieren wir ja auch die ganze Welt (sogar mehr noch als den ganzen Wald), wenn wir über Commons diskutieren.

Im Kern geht es in der Commons-Debatte um Sozialbeziehungen, die von (indirekter) Reziprozität, Kooperation und Solidarität geprägt sind. Es geht um die Frage, wie Vertrauen geschaffen und genährt werden kann, damit Reziprozität, Kooperation und Solidarität möglich sind. Und zwar nicht nur in den so genannten Entwicklungsländern, sondern auch hier bei uns. (Auch das ist in der entwicklungspolitischen Diskussion nichts Neues. Deswegen gibt es seit Jahrzehnten die entwicklungspolitische Bildungsarbeit im Inland.) Damit erklärt sich auch, warum wir etwa für die Commons-Sommerschule, die 2012 enorm erfolgreich startete, um Unterstützung bei Organisationen werben, die sich der entwicklungspolitischen Inlandsarbeit verschreiben. Denn der Commons-Diskurs kann dazu beitragen, den Facettenreichtum und die Komplexität der entwicklungspolitischen Debatten wieder zu bündeln. Er kann dazu Beitragen, die vielen Spezialisten für die einzelnen Baumarten zusammenzubringen und noch dazu Baumarten in den Blick zu rücken, die der klassische Entwicklungspolitische Diskurs noch gar nicht wahrgenommen hat und die trotzdem relevant für den Zustand des Waldes sind. Er ermöglicht uns, die Dimension der „Vergesellschaftlichung“ konkreter Ansätze oder Produktionsmuster wieder anzusehen (glaube ich zumindest). Deshalb diskutieren wir etwa der Sommerschule auch, ob man sich ein Wirtschaften und eine Gesellschaft insgesamt als „commonisch“ vorstellen kann (wie Johannes Heimrath vom Club of Budapest auf der steten Suche nach passenden Begriffen formuliert). Mit dem Motto des Weltsozialforums geantwortet: Ja, eine andere Gesellschaft ist möglich.

Jenseits entwicklungspolitischer Alternativlosigkeit

Commons? Das ist für mich Entwicklungspolitik! Knapper kann ich es nicht sagen (allerdings schmerzt der Satz ein bisschen, solange Politik als etwas gedacht wird, was die einen für die anderen machen). Mehr noch: Wenn ich die entwicklungspolitische Debatte richtig überblicke, sind Commons der derzeit einzige auf dem Tisch liegende Ansatz, der in den letzten 40 Jahren (und eigentlich weit darüber hinaus) nicht sein Scheitern bewiesen hat.

Spätestens mit dem was John Williams später Washington Consensus nannte, begann die Ära entwicklungspolitischer Alternativlosigkeit. Das waren all die Privatisierungs- und fiskal- und handelspolitischen Strukturanpassungsprogramme, die bis heute andauern, nur immer mal den Namen wechseln (und die Namensgebung der Entwicklungsziele hechelt dem dann hinterher). Die Vorgaben dieser Programme haben auch das entwicklungspolitische Engagement meiner Generation geprägt – freilich immer in der Defensive (aus der man sich unter anderem mit Überspezialisierung auf einzelne Baumarten herauszuarbeiten versuchte.)

Inmitten dieser Prozesse haben ein paar Köpfe allmählich realisiert: Alles ist privatisiert, alles ist „politisch vorbildlich“ (im Sinne des Washington Consensus) geregelt und doch geht die Erosion weiter. Mitte der 80er begann sich selbst in der US-amerikanischen Wissenschaft die Frage aufzudrängen: Warum? Warum nach dem „Stand politikwissenschaftlicher Erkenntnis gehandelt“ und trotzdem verlorene Jahrzehnte in Sachen „Entwicklung“? Das war die Zeit, als das Forschungsprogramm an der Bloomington School in Indiana aufgelegt wurde und Commons-Forschung endlich strukturierter stattfinden konnte. Draußen wurden Commons derweil weiter zerstört. Bis heute. Auch wenn etwa das IFPRI hin und wieder Studien publiziert, die sagen, dass kollektive Eigentums- und traditionelle Bewirtschaftungsformen z.B. besser vor Landgrabbing schützen als individualisierte Landtitel, die selbst die progressivere Entwicklungspolitik vorangetrieben hat. Und sogar die Weltbank stellt fest, dass die Idee, die Wirtschaft (in diesem Fall die Holzindustrie) und die Staaten machen zu lassen und zu hoffen, dass die Bevölkerung irgendwie davon profitiert (in dem Falle die Waldbevölkerung), nicht aufgeht.

Auch die progressivere Entwicklungspolitik hat kaum Umwelt- und Sozialfragen zusammen denken können, was u.a. den Clash zwischen Naturschutz und Nutzungsrechten lokaler Gemeinschaften erklärt (hier ein aktueller Beitrag im SPON), oder den Widerstand indigener Bewegungen gegen die Windparks, die auch deutsche Firmen nach Mexiko exportieren. Die einen wollen mehr Öko, die anderen bessere Verteilung. Doch nur selten fiel beides zusammen. Denn das würde selbstredend ein anderes Paradigma des Wirtschaftens voraussetzen. Um das jedoch politisch zu diskutieren, war und ist die Szene zu sehr in der Defensive. Zumal nach 1989. Freilich hat sie den Versuch nie aufgegeben, und trotzdem die ganze Kraft – das weiß ich zumindest aus Lateinamerika – in (notwendige) Analyse und Kritik investiert. Deswegen haben wir jetzt eine Krise politisch-emanzipatorischer Visionen. Wir sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Und das ist ein Riesenproblem. Denn was wir nicht denken können, können wir auch nicht machen. Jedenfalls nicht auf gesellschaftlicher Ebene. Deswegen arbeite zu Commons.

Es heißt nunmehr seit über 30 Jahren: Wer am Markt teil hat, kann sich auch besser entwickeln (Trade not Aid ist ein betagter Slogan). Mehr Marktzugang, mehr Freihandelsverträge. Das gilt bis heute als Allheilmittel. Selbst Oxfam hatte da eine Frontstellung: Market Access! All überall. Irgendwie kann ich das sogar verstehen: in einer durch und durch vermarkteten Welt ist Marktzugang der einzige vermeintlich rettende Strohhalm. Dass das nicht alle so sahen und sehen, zeigte spätestens der Aufstand der Zapatisten (nennen wir sie verallgemeinernd: Commoners). Der fand nicht zufällig am 1. Januar 1994 statt: an dem Tag, an dem das Nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA/TLCAN (eine weitere Unterminierung selbstbestimmten Seins) inkrafttrat. Und heute, fast 20 Jahre später, haben wir ein Transatlantischen Freihandelsvertrag auf dem Tisch, das von der Politik unkritisch abgefeiert wird. Nicht nur von Guido Westerwelle. Und wo bleibt der gesellschaftliche Aufschrei? (Ich orakele mal: Ähnlich wie bei ACTA wird er, wenn überhaupt, aus der Ecke der Verfechter freien Wissens kommen – die werden mit klassischer Entwicklungspolitik selten in Zusammenhang gebracht. Aber ich hoffe sehr, ich unterschätze die Umwelt- und Entwicklungsorganisationen gewaltig. Aus Commons-Perspektive sind beide Szenen gleich wichtig. Wissen ist das Wasser des Geistes. Wenn wir nicht wissen, wie wir Wasser als Commons managen und erhalten können, können wir es auch nicht tun.

Fazit

Wie hatte Andreas Exner kürzlich etwas revolutionspathetisch gefragt: „Wie dem Bannkreis von Entwicklung entkommen, zur Befreiung ins Hier und Jetzt?“ Indem wir uns auf den Weg machen, wieder gesellschaftliche Visionen zu diskutieren, die in Süd und Nord Resonanz finden, weil sie etwas ganz Einfaches tun: An die unterschiedlichen Lebensrealitäten der Menschen andocken, Vielfalt zulassen und die oben genannten Prinzipien ins Zentrum stellen.

Der Commons-Diskurs stellt den linearen Entwicklungsdiskurs in Frage stellt. Dazu gibt es u.a. zwei sehr gute Beiträge von Vinod Raina aus Indien und von Gustavo Esteva aus Mexiko in meinem letzten Sammelband: Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat. Hier wird auch deutlich, wie anschlußfähig die Commons-Debatte zu anderen „entwicklungsrelevanten“ Debatten ist – insbesondere im Süden wie Ernährungssouveränität, Buen Vivir, Rechte der Mutter Erde, Post-Extraktivismus, WSKU-Rechte als kollektive Rechte u.v.m.

Und: der Commons-Diskurs ermöglicht – zumindest mir – den Wald wieder zu sehen; wofür die (gute) Kenntnis einiger Baumarten enorm hilfreich ist! Wenn wir in der zweiten Sommerschule über Commons reden, dann reden wir über das Ganze. Dann reden wir, um noch einmal Heimrath zu zitieren „über eine enkeltaugliche“ Welt. Und darum geht es doch in der Entwicklungspolitik.

PS: biographische Notiz: Ich habe Elinor Ostroms Designprinzipien für gelingendes Commonsmanagement (auf lokaler Ebene) erst am Ende meiner Zeit in Mittelamerika kennen gelernt. Ich habe seither nie begriffen, warum die nicht in das ABC jedes „Experten“ gehören, der „entsendet“ wird. Eine bessere „Checkliste“ für den Erfolg, den Projekte versprechen oder auch nicht, gibt es m.A. nicht. Und genau dafür hat sie den Nobelpreis bekommen: Sie konnte ausdrücken, wann selbstbestimmte, nachhaltige „Entwicklung“ eine Chance darauf hat zu funktionieren. Eine Chance nur, denn eine Garantie gibt es nicht. Das wissen wir ja.

Foto: Bayrischer Wald, via, CC BY SA; Autor: Willow

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