PsyCommons. Mehrmals täglich in verschwenderischen Dosen.

Postle BuchJeden Morgen gibt’s in meiner Miniküche ein bisschen psyCommons. Wir flachsen, ich packe dem Kind ein Frühstück ein, obwohl es das natürlich längst selber machen könnte. Sie frotzelt über die Falten, die mich am Morgen besonders zieren. Wir reden über den Bruder, der gerade weit weg ist. „Los, los, ab in die Schule.“ Kuss rechts, Kuss links. Dicke Umarmung. „Te quiero mucho preciosa“, ist stets mein letzter Satz. Sie antwortet auf Spanisch. Dieser Satz ist der einzige, der ihr vom Spanischen geblieben ist. Es ist unser Ritual. Wir genießen es, jeden Morgen. Es ist ein bisschen psyCommons.

Der britische Therapeut und ehemalige Dokumentarfilmer Denis Postle nutzt diesen Begriff und er gefällt mir.  Zudem gefällt mir, wie er argumentiert. Auf Therapytoday.net schreibt Postle über den Reichtum der täglichen Beziehungen – und wie er schleichend eingehegt wird von den Psy-Berufen.

PsyCommons, das heißt formelhaft „gewöhnliche Weisheit“ + „geteilte Macht“.  Zitat:

„PsyCommons ist der Begriff für das Universum der Beziehung – der Beziehungen zwischen den Menschen – durch das wir in unserem Alltag navigieren. Er beschreibt die Meinungen, Vorurteile und besonders das Erfahrungslernen, das wir alle hervorbringen in unserer ganz spezifischen Weise des menschlichen Seins. Diese gewöhnlichen Fähigkeiten, die Sinn machen (‚commonsense capacities‘) ‘psyCommons’ zu nennen ist ein Tribut an die vielfältigen Möglichkeiten,

die uns gegeben sind, Einsicht, Zuneigung und Unzulängliches im täglichen Leben auszudrücken: wenn wir Eltern sind oder groß werden, wenn wir Behinderte oder Demente pflegen und dabei immer Liebe präsent ist, die das Gedeihen und den Erfolg mit sich bringt…“

Und wo von Commons, bzw. Commoning die Rede ist, sind auch die Einhegungen nicht weit. In einer Gesellschaft, in der das Zuhören zur Ware geworden ist, in der die Zeiteinsparungslogik herrscht, statt die Zeitverausgabungslogik, in der Zuwendung in teuren therapeutischen Dosen beantragt, verabreicht und abgerechnet wird, ist schnell klar, was Postle unter ‚Einhegung der PsyCommons‘ versteht:

„Es ist diese heimtückische Art, mit der die Politik sich unsichtbar in unserem Leben breit macht: durch die Psy-Berufe: Psychiatrie, Psychologie, Psychoanalyse, Psychotherapie und Beratung haben die psyCommons eingehegt.“

Wenn wir uns die psyCommons für einen Moment als Territorium vorstellen würden, dann haben diese Psy-Berufe sich einzelne Sektoren aus diesem Territorium eingezäunt, darauf ein Eigentumsrecht beansprucht und – wie Marxistische Ökonomen sagen würden – daraus den Wert durch Monopolrenten abgeschöpft.“

Oder anders gesagt: Für diese Berufe seien die psyCommons eine Common Pool Ressource, die man aus- beziehungsweise abgraben kann. So Postle’s Zusammenfassung der Entwicklung im letzten Jahrhundert. Dabei sei das Wissen der Profis überhaupt erst durch die Beiträge der „Patienten“ und „Kunden“ möglich geworden. Denn es generiere sich aus der Beziehung selbst, zu der immer zwei gehören. Weshalb dieses Wissen ein Produkt der Zivilisation sein, nicht der Psy-Experten.

„Erfahrung wurden den Interaktionen mit den Klienten entnommen, wurde verfeinert und destilliert und in ein Produkt bzw. eine Serviceleistung verwandelt auf die wir Professionellen eine Monopolrente oder eine Gebühr erheben können.“

Klare Worte! So geht Perspektivwechsel. Die CommonsPerspektive hilft zudem zu verstehen, wofür dieser Mechanismus so relevant ist. Schließlich leite sich die

„Einhegung der psyCommons nicht nur ab aus einem medizinischen Modell des menschlichen Funktionnierens, sondern es verstärke eben dieses Modell. Das, gemeinsam mit der Entführung des Wissens, das den psyCommons eigen ist (in manchen mehr, in anderen weniger) hat eine handfeste soziale Kategorie geschaffen: die „mentale Krankheit“. ‚Mentale Krankheit“ ist ein Produkt der professionellen Einhegung der psyCommons.“ Und Postle beginnt zu vermuten, …

„dass dieses Stigma der „mentalen Krankheit“ die Grenzen zwischen den psy-Einhegungen durch die psy-Berufe und den psyCommons bildet: die Exklusivität der psy-Einhegungen schafft und verstärkt die zerstörerische Entfremdung zwischen jenen, die lokale, intensive aber vielleicht temporäre Schwierigkeiten erleben und dem Rest der psyCommons Bevölkerung.“

Einhegung geht, das beschreibt auch der Autor, immer mit Wissenserosion einher, weshalb sie nicht so einfach „rückgängig“ gemacht werden können. Aber noch zentraler scheint mir hier, dass das „Funktionieren des Menschen“ vielfach einer ökonomischen Rationalität unterworfen ist. Ich will – wie auch Postle übrigens – keineswegs in Abrede stellen, dass professionelle Interventionen häufig nötig ist, aber erst neulich sagte mir ein Freund: „Habe Therapie gemacht, 8 Wochen“. Ich: „NUR? Das Bringt doch nix!“ Er: „Aber ich wollte Probleme im Job vermeiden und es ist sehr schwierig, wenn ich noch länger ausfalle.“

Es geht also nicht nur um Geschäftsmodelle einzelner Berufsgruppen und damit verbundene Strategien, sondern auch darum, dass sie systemisch nicht nur verstärkt, sondern geradezu gefordert werden. Es gut um Anpassung an gesellschaftliche Verhältnisse, um das „fit machen für den Arbeitsmarkt“, um das Einpassen in Zeit- und Verfahrensregime, die unfähig sind aus sich heraus zu produzieren, was wir für lebendige psyCommons brauchen. Mehr Zeit! Mehr Austausch! Mehr Lebensqualität. Einfach nur für uns und nicht für die Wirtschaft. Für uns und für weniger Gänge zum Therapeuten. Im Grunde müssten die Psy-Berufe so organisiert sein, dass sie auf ihre Selbstabschaffung hinarbeiten (darin liegt ja eigentlich der Sinn der Sache), statt – über den ökonomischen Verwertungsdruck – die „Einhegung der psyCommons“ zu perpetuieren.

Im zweiten Teil des Artikels beschreibt Postle die „Ökologie der psyCommons“, die durch das Internet einen erheblichen Auftrieb erlebe.

„Das WWW hat die professionellen Monopole der Expertise, die aus den psyCommons destilliert wurde, aufgebrochen“.

In der Tat; beraten kann man sich jetzt mit anderen Betroffenen relativ leicht im Netz: Co-counselling lautet das Fachwort. Funktioniert unheimlich gut, hilft einzuordnen, verschafft Orientierung und boomt, weil es in einem sicheren Raum geschehen kann. Im Raum der Anonymität. Daheim, am Rechner, kann man Fragen stellen, die man den eigenen Eltern nicht stellen würde und wegen denen das Aufsuchen eines Experten oder einer Expertin schon seit Monaten aufgeschoben wird.  All das, so glaubt Postle, wird die Zukunft der Psy-Berufe und Beratung wesentlich mitbestimmen – in eine hoffentlich gerechtere Richtung, in eine auf Augenhöhe, in der „the psyCommons takes care of itself“

„Wenn wir, als Therapeuten, uns von der Idee leiten ließen, dass die psyCommons Vorrang haben, wenn wir das als psychosozialen Kontext unserer Arbeit ernst nehmen würden, dann könnten wir uns einem Punkt nähern, an dem wir uns selbst neu orientieren und unsere beruflichen Werte überprüfen müssten.“

Erfrischend fand ich auch die Beispiele am Schluss. Plätzlich liegt auf der Hand, dass die Anonymen Alkoholiker etwas sehr einfaches machen: commoning. Für Postle ist AA „eine starke und weit verbreitete Form der psyCommons“

„Ich lebe im Westen Londons und in Gehentfernung von meinem Wohnort gibt es mindestens 15 wöchentliche AA Treffen. Diese Treffen sind ein gutes Beispiel dafür, wie ein gemeinsames Anliegen – der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören – erfolgreich durch einen expertenfreien, grassroot-Prozess, einen ko-operativen Suchprozess geschehen kann. Ein bescheidener Raum wird gebucht, Neulinge sind willkommen, einige machen Tee, die Vorstellung erfolgt nur mit dem Vornamen und für eine Stunde oder mehr teilen die Teilnehmer ihre aktuellen Erfahrungen, die sie mit der Aufgabe machen, trocken zu bleiben. … Spenden werden gesammelt, die Teilnahme ist freiwillig, die einzige Verpflichtung ist die Aufgabe, trocken zu bleiben. Ehrlichkeit und Authentizität werden geschätzt aber nicht gefordert. Anonymität und Vertraulichkeit tragen zu Sicherheit und Vertrauen bei.“

PsyCommons. Der Commonsblog empfiehlt sie mehrmals täglich in verschwenderischen Dosen.

 

Ein Gedanke zu „PsyCommons. Mehrmals täglich in verschwenderischen Dosen.

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