Über Land und Anbau selbst bestimmen

„Den Verein Allmende gibt es seit zwanzig Jahren. Die damaligen Besitzer des Lindenhofs übertrugen die Hofstelle sowie 1,5 Hektar Land dem Verein, der 15 Mitglieder zählte. Drei Jahre später starteten diese eine Initiative, mit der das Mitbestimmungsrecht über Land und Anbau weiter gefasst werden sollte: Der Hof gehört allen: Landkauf.eilumst - lindenhof

Für 1.250 Euro kann jeder dem Verein zu Land verhelfen. Im Gegenzug sind die Unterstützer lebenslang am Ertrag beteiligt. Jedes Jahr gibt der Verein Ertragsscheine an die Landkäufer heraus – Wert: …ein Lebensmittelkorb für etwas mehr als 30 Euro. Bis heute haben sich 50 Zeichner an der Aktion beteiligt. Damit konnte mehr als ein Fünftel der Landkäufe gedeckt werden. Bemerkenswert an dieser Praxis ist, dass sie in den Mechanismen des Marktes eigentlich gar nicht vorgesehen ist. Faktisch kommt die Aktion Landkauf nämlich einer Schenkung gleich. Damit erlangen die Lindenhöfler etwas mehr Unabhängigkeit vom Preisdruck und können ihre Energien sinnvoll einsetzen, etwa im Naturschutz.“

Das ist der Auszug aus einem Kurzporträt über den Lindenhof in Eilum. Oliver Schreiner schrieb es für den neuesten Bioland Newsletter (12/2012), gefolgt von einem Interview mit mir. Dort greifen wir die Essenz der Lindenhof-Landkaufaktion auf:

Schreiner: Wie könnte die Alternative der Commons zum Markt aussehen?
Helfrich: Eine Zauberformel gibt es nicht. Es geht um die Orientierung an dem, was wir wirklich brauchen – also um den Gebrauchswert. Dadurch sind Commons in der Lage, sich vom Wachstumstropf zu emanzipieren, an dem unsere Gesellschaft
hängt. […]
Schreiner: Was bedeutet das konkret?
Helfrich: Für gemeinschaftliche Produktion braucht man Input von außen, zum Beispiel Maschinen oder Transportmittel. Die müssen sich Commoners vom Markt oder vom Staat holen. Deshalb ist entscheidend, zugleich alternative Strukturen aufzubauen, die von den Zwängen des Marktes sukzessive befreien. Da ist Kreativität erforderlich. Die Aufgabe lautet, Produktions- und Versorgungsformen zu finden, die nicht der Logik des „friss oder stirb“ unterliegen. Dabei kommt es auf Beziehungsreichtum, Vielfalt und lokale Verankerung im jeweiligen kulturellen Kontext an.

Hier geht’s zum kompletten Porträt nebst Interview. Den ganzen Newsletter habe ich im Netz nicht gefunden. Hm.

 

 

4 Gedanken zu „Über Land und Anbau selbst bestimmen

  1. Es geht um die Orientierung an dem, was wir wirklich brauchen – also um den Gebrauchswert.

    Das Problem ist die Unbestimmtheit dieses WIR. Wenn das keine Anmaßung sein soll, müssten die Globalisierten dieser Erde oder eine andere irgendwie definierte Gruppe es erst einmal herstellen. Was ist mit der Logik des „Friss oder Stirb“ gemeint? Wie kann der gewünschte Beziehungsreichtum ohne Konkurenz um das attraktiveste Angebot dafür sorgen, dass bei der Her- und Bereitstellung der jeweils gemeinsam bestimmten Qualität an Gebrauchswerten einerseits sozial bzw. ökologisch betrachtet akteptable Standards eingehalten werden (als Teil des gewünschten Gebrauchswertes) andererseits für das gewünschteergebnis auch nicht mehr Zeit- Kraft- bzw. Naturressourcen als notwendig verbraucht werden. Wie müsste der gewünschte Beziehungsreichtum strukturierts sein, wenn nicht Korruption zur Basis des produktiven Füreinanders werden soll?

    Oder weniger allgemein aus der Lindenhof-Perspektive: Wer und was soll die Qualität und die dafür in Kauf zu nehmenden Mühen zu verbrauchenden Naturressourcen usw. bestimmen?

  2. „Das Problem ist die Unbestimmtheit dieses WIR. Wenn das keine Anmaßung sein soll, müssten die Globalisierten dieser Erde oder eine andere irgendwie definierte Gruppe es erst einmal herstellen. “
    Stimmt. Tun die Lindenhofer ja! Ansonsten stehe ich ja bei Ihnen unter Generalverdacht, jedes Mal, wenn ich „wir“ sage, alle Menschen dieser Erde zu vereinnahmen. Damit werde ich wohl leben müssen🙂.

    Was die Frage nach der Grundlage von Beziehungsreichtum und -vielfalt betrifft, so glaube ich, dass es das Verschenken/ Vorstrecken von Vertrauen ist. Das würde die Frage konkretisieren.

    „Friss oder Stirb“ – ist die Logik „Wachse oder geh unter.“ (ist das wirklich missverständlich?)

    Zu den Standards: man kann ja nicht müde werden zu betonen, dass Commons nicht GARANTIEREN, dass die normativ perfekte Welt erschaffen wird. Sie eröffnen aber einen Möglichkeitsraum da hinzukommen, den ILO Kernarbeitsnormen, 2 Grad-Ziele, Fangquoten und Abgasverordnungen bisher nicht eröffnet haben.

  3. [Die Commons]

    eröffnen aber einen Möglichkeitsraum da hinzukommen, den ILO Kernarbeitsnormen, 2 Grad-Ziele, Fangquoten und Abgasverordnungen bisher nicht eröffnet haben

    Und das ist auch gut so. Aber wie genau schaffen die Commons Möglichkeiten, die das Zwei-Grad-Ziel (es gibt ja nur eines) nicht erreicht hat? Wie könnten es die Commons möglich machen, die Erderwärmung auf z.B. 1,3 Grad Erhöhung zu begrenzen, was uns dann möglicherweise ein Absterben der Korallenriffe eraparte. Und wie sollen die entsprechenden Möglichkeitsräume in der Zeitdimension aussehen? (2030, 2050 usw.)

    Was die Fangquoten angeht, zeigt z.B. die unsinnige EU-Verordnung, dass zu viel Gefischtes, obwohl schon tot oder sterbend, wieder im Meer entsorgt werden muss (was bei der Erhebung der Daten zur Ermittlung der Fangquoten nicht einmal berücksichtigt wird), .dass staatliche Regulierung nicht reicht und die Vermilttlung von Produktion und Konsum hier sehr viel gesellschaftlicher organisiert sein muss. Aber wie können wir die Meere zu einem World-Common machen?

    Übrigens finde ich die Lindenhofsache und die sich daraus ergebene Frage nach der Herstellung freier Produktionsmittel interessant. Bin gespannt, wie das weitergeht.

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