Das Kartoffelkombinat – den Kapitalismus verlernen

Der Untertitel dieses Blogs hieß ja früher: Fundsachen auf der Allmendewiese. Hier ist eine. Und ich bin sehr froh, sie auf der DIY-Tagung gefunden zu haben. Das Kombinat von unten!

Unser Ziel ist, Solidarische Landwirtschaft als Genossenschaft für den Mainstream in München zu organisieren, sagt Daniel Überall vom Kartoffelkombinat. Wer das sei, der Mainstream? Die „Ahnungsvollen“! Der Begriff gefällt mir.

„Wir gehen davon aus, dass sich jeder gut verhalten will, er muss nur auch die Möglichkeit bekommen das zu tun.“

Die Kartoffelkombinatler wollen deshalb eine gemeinwohlorientierte Struktur für die regionale, saisonale Lebensmittelversorgung bauen und gründeten eine sogenannte Solidarische Landwirtschaft oder englisch „Community Supported Agriculture“(CSA). Es geht ihnen nicht um Ernährungssicherheit, sondern um Ernährungssouveränität.

In Sachen Handlungsmotivation kommen aus Sicht der Projektgünder drei Dinge zusammen: die schiere Notwendigkeit der Veränderung (z.B. aus ökologischen Gründen), der allgemeine Leidensdruck und die persönliche Leidenschaft. Das Ziel sei,

„unsere gemeinsame Versorgungsstruktur selbst in die Hand zu nehmen und damit auch den Kapitalismus kollektiv zu verlernen“.

Pointiert formuliert.

Als Rechtsform hat das Kartoffelkombinat die Genossenschaft gewählt. Damit ist auch eine Eintrittshürde verbunden – und somit ein sehr deutliche Identifikation mit den Zielen des Projekts (die immer wieder neu hergestellt werden muss). Die Mitgliedschaft pro Haushalt kostet 150 Euro und pro Monat fließen weitere 62 Euro pro Haushalt an das Kombinat. Einmal Genossenschaftler erhalten die Mitglieder wöchentlich eine Kiste mit dem, was die Saison so liefert: Gurken, Kartoffeln, Petersilie oder was auch immer. Trotzdem. So etwas wie ein Produkt bzw. eine Ware gibt es im Kombinat streng genommen nicht. Es ist ein Ernteanteil, schlicht der Anteil dessen, was den Genossenschaftlern gehört. Und diese zahlen auch nicht für die Gurke, die Kartoffel oder die Petersilien (dh. Sie zahlen auch nicht weniger, wenn eine Gurke weniger kommt.), sondern sie beteiligen sich an den Gesamtkosten der Produktion. Geld fließt, aber es wird nicht getauscht wie auf dem Markt, sondern beigetragen wie in der Peer-Produktion. Die Testphase ist abgeschlossen, derzeit sind 54 Genossinnen und Genossen dabei. Und es gibt 5 Interessentenanfragen pro Tag.

Den Initiatoren ist es wichtig, dass sich die beteiligten Menschen als MitmacherInnen verstehen,

„…denn wir möchten uns nicht mit ‚Kunden‘ rumschlagen, deren Versorgungsansprüche zu erfüllen sind“.

Ungefähr die Hälfte der Zeit und Energie der Projektinitiatoren geht in die interne und externe Kommunikation. Aus Commonsperspektive überzeugend (und anstrengend). Schließlich ist der Kern eines jeden gelingenden Projekts Beziehungs- und Vertrauensaufbau durch Kommunikation.

„Damit erweitern wir bewusst das Modell der klassischen CSA, wir öffnen uns Menschen außerhalb der Genossenschaft und sind für diese z.B. über soziale Netzwerke, die Website, den Kartoffeldruck ständig ansprechbar. Im Kartoffeldruck erklären wir dann, warum der Salat mitunter Löcher hat und der Mangold mehr Stiel als Blätter – das muss so sein. […] Wir schaffen unsere eigene Logistik (die Haushalte werden wöchentlich beliefert) und nutzen das Internet für genossenschaftliche, basisdemokratische Entscheidungsprozesse. Und wir wollen bewusst handgemacht und imperfekt sein!“

Später soll es nicht mehr eine gleich gepackte Kiste pro Haushalt geben sondern den entsprechenden Anteil an eine Verteilstelle, wo sich dann die Haushalte entnehmen können, was sie brauchen. Mehr Bedürfnisorientierung, sozusagen. Aber das ist Zukunftsmusik.

Ganz bewusst wird das Kartoffelkombinat als Marke aufgebaut, aber ebenso bewusst nicht als Markenzeichen eingetragen „das ist altes Denken“. Wenn man Kartoffelkombinat bei google eingibt, findet man jedenfalls die Münchner. In Zukunft kann es unter diesem Dach weitere Bereiche geben: Schneider, Schuster, Schreiner, Kindergarten. Auch das ist Zukunftsmusik.

Am Schluß gingt Daniel Überall die Liste der Herausforderungen für Projekte der Solidarischen Landwirtschaft durch, so wie sie Jan-Hendrik Cropp formuliert hat:

  • ideologische/ politische Überfrachtung
  • Transparenz der Beiträge – ist beim Kartoffelkombinat kein Problem, die Geldflüsse sind klar
  • verinnerlichter Kapitalismus
  • Geschlechterverhältnis (die Gärtnerei ist tatsächlich ein „Jungsbetrieb“)
  • Lustprinzip und Verantwortung
  • Aneignung von Produktionsmittlen
  • Grenzen der Entmonetarisierung
  • Fehlende Selbstorganisation —> das Problem gibt es beim Kombinat auch nicht. „Wenn irgendwas gemacht werden muss, organisieren wir es einfach.“
  • Zugang zu den begrenzten nicht-warenförmigen Gütern
  • Projektinterne Strukturen und Kommunikation
  • Prozess- und/oder Zielorientierung
  • Subkulturalisierung (da man eben nicht an die Ahnungsvollen heran kommt, sondern im eigenen Milieu bleibt).

Der Ansatz ist überzeugend. So commonsaffin wie das Münchner Großstadtpflaster derzeit zulässt. Und er ist konsistent. Ach ja, und Witz gibt’s auch. In diesem Sinne: Film ab.

7 Gedanken zu „Das Kartoffelkombinat – den Kapitalismus verlernen

  1. Hach, das ist eine der inspirierendsten Einträge der letzten Zeit! Da kommt mir gleich wieder in den Sinn, was ich in der letzte Woche mit den Teilnehmern auf dem Ressourcengerechtigkeits-Workshop der Böll diskutiert hatte: So wie es CSA und Volxküchen für den Lebensmittelbedarf gibt, müssten auch die anderen grundständigen Bedürfnisse commonsförmig erfüllt werden können: Mobilität (Car-Sharing??), Wohnen (Mietshäusersyndikat?), Kommunikation (Diaspora?), Bildung,… Und zwar in einer Struktur, die ähnlich (aber eben nicht Franchise-gleich) in vielen Regionen angeboten werden sollte. Dann würde mir mein persönlicher Abschied vom Kapitalismus leichter fallen…

  2. Ja, ich war insbesondere begeistert davon wie klar in dem Konzept rüberkommt, was es konkret bedeutet, sich „gemeinschaftlich von der GeldLOGIK“ abzukoppeln, auch wenn man Geld (noch) in die Hand nehmen muss. Es ist genau so wie Du sagt, nur diese Logik muss wiederholt werden, die konkreten Organisationsformen können vielfältig und müssen dezentral sein. Und das ist tatsächlich für alle Lebensbereiche denkbar.
    Es ist eben keine Frage der Skalierung, sondern des Prinzips.

  3. Ich hab nix gegen Jungsbetriebe.
    Ich bin militant gegen Frauenquoten.
    Die sind eine Beleidigung für echt weibliches Selbstbewusstsein.
    Ihr Männer schuldet uns nichts und wir haben keinesfalls jahrtausendelang gelitten.

    Basta.

  4. @ Anne: Na zwischen „jungsbetrieben“ und „frauenquoten“ gibt es noch eine ganze schillernde welt. der „jungsbetrieb“ ist übrigens ein zitat, hatte der referent so beschrieben und man darf die realität so beschreiben wie sie ist. bin sicher, die „jungs“ schaffen strukturen, in denen sich auch frauen gern einbringen.

  5. wie fällt uns der Abschied vom Kapitalismus leichter? Zum einen ist da das Gefühl ich bin ausreichend und vollwertig versorgt, oder ich habe die Fähigkeit mit einer Gruppe mich in Notzeiten zu versorgen. Es gibt ja all diese Gruppen wie Stadtteilauto, Volxküchen usw. also nachhaltige Versorgung. Es ist darauf zu achten, dass es Freude macht und dass die Menschen das als Gewinn gegenüber dem Alten erleben- Und da liegt der Ansatz auch im persönlichen Glück, also der Fülle die ich mit den anderen teilen kann. Kartoffelkisten können sich die Armen in dieser Gesellschaft finanziell nicht leisten, so finde ich eine weitere Lösung Kartoffeln selber anzupflanzen z.B auf dem Balko, hier einige einfache Lösungsvorschläge, die sich leichter in Gruppen verwirklichen lassen. http://alles-schallundrauch.blogspot.co.at/2011/02/methoden-der-autarken.html

  6. Ist das eine CSA?
    Die ausführlichere Beschreibung hört sich allerdings mehr nach Gemüsekiste (also eher Dienstleistung) an.
    Will das nicht schlecht machen, aber es CSA zu nennen, dann die menschen aber doch zu bedienen, für mich fühlt sich das merkwürdig an.
    Die Unterstützung der Landwirtschaft beschränkt sich dabei auf das Geld. Eine Mitarbeit is höchstens optional, Selbst-organisation gibt es keine(?) und der Preis von 62€ (+150€ Einlage) wird wohl einige Menschen ganz einfach auschließen.

    Will das Projekt nicht einfach nur schlechtmachen, aber finde es wichtig solche Initativen auch wirklich auf den Zahn zu fühlen. Regionales Gemüse ist toll, aber den “Markt zu umgehen” indem eine Dienstleistung auf dem Markt angeboten wird, das funktioniert einfach nicht!

    • Hallo k0nne,

      Ziel des Kartoffelkombinats ist es, als Genossenschaft die Gärtnerei zu betreiben, um uns so selbst zu versorgen – das ist aber noch ein gutes Stück Weg. Wie Du weißt, zeichnet sich eine klassische CSA durch folgende Merkmale aus:
      – Haushalte geben eine Abnahmegarantie für 6 Monate oder ein Jahr (machen wir)
      – erhalten im Gegenzug Einblick und Einfluss auf die Produktion (ist bei uns so)
      – bezahlt wird oft im Voraus (machen wir nicht, um möglichst niemanden auszuschließen)*
      – Mitglieder geben oft Darlehen (ist bei uns noch nicht so, man kann aber auch erst seit Oktober Mitglied werden. Es gibt erste monetäre Spenden und unzählige Mitarbeitsmöglichkeiten – die bei uns möglich, aber nicht notwendig sind)

      Übrigens: die komplette Genossenschaft ist nichts anderes als Selbstorganisation. Wenn man so will, „vergemeinschaften“ wir den Betrieb.

      Beste Grüße nach Leipzig
      Daniel

      *Die Genossenschaftseinlage ist von der Höhe eher ein symbolischer Betrag, den man bei uns auch in Raten zahlen kann. Die monatlichen Kosten entsprechen in etwa dem Betrag, den man für Gemüse im ordentlichen Bioladen ausgeben müsste. Quersubentionierte, um 50% rabattierte Plätze sind geplant und werden realisiert, wenn wir die Grundorganisation geschafft haben.

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