The Tragedy of the Market: Die Einhegung des Selbstverständlichen

Eingang zur Bahnhofstoilette in Fulda (2012)

Die Tragödie des Marktes (The tragedy of the market)! Welch großartiger Begriff … . Ich habe diese skurile Fotografie vom „Zugang“ zu einer ÖFFENTLICHEN Toilette zur Illustration gewählt, da dieses Bild für mich peinlich zum Ausdruck bringt, was unser derzeitiges Wirtschaftssystem charakterisiert.

Der Zugang zum Urinal befriedigt ein fundamentales menschliches Bedürfnis, das für jeden Menschen auf diesem Planeten ungefähr das gleiche Volumen und höchste Priorität besitzt. Einen Menschen vom Zutritt auszuschließen, ganz gleich ob aufgrund seines Alters, Geschlechts, seiner Hautfarbe oder Religion, erscheint uns eigentlich zutiefst unmoralisch. Wenn dieser Ausschluß aber aufgrund mangelnder Zahlungsfähigkeit (oder Willigkeit) geschieht, dann findet dies oft eine erstaunliche Akzeptanz.

Eine Selbstverständlichkeit wird hier verbarrikadiert wie die Goldvorräte von Fort Knox und dadurch zum ökonomischen Handelsgut qualifiziert. Man sieht im wahrsten Sinnes des Wortes eine „Enclosure“, eine Einhegung, bei der Bedürftige von der Nutzung einer Ressource (nämlich einer legalen Ungestörtheit unter hygienisch angebrachten Umständen) ausgeschlossen werden, um aus dem so geschaffenen Produkt „Zutritt“ ein Geschäftsmodell generieren zu können.

Die Begründung für diese Einhegung lautet immer und überall monoton so: Nur durch Privatisierung und kommerzielle Nutzung kann eine kostenneutrale Aufrechterhaltung der Qualität dieser Einrichtung (die saubere Toilette) gewährleistet werden.

Vergleichbare Argumente findet man überall, wo zwischenmenschliche Selbstverständlichkeiten privatisiert, eingehegt und dann gehandelt werden: Die Qualität von Literatur, Musik und Wissenschaft seien beispielsweise nur über das Prinzip von geistigem Eigentum, sowie der dadurch ermöglichten Kommerzialisierung durch die Verlage und ihre Leistung (Lektorat, Vermarktung etc.) aufrechtzuerhalten. Und dies sind nur selektive Beispiele aus einer ständig wachsenden Liste (im Markt wächst nämlich alles, insbesondere die Liste der Einhegungen).

White customers only! Foto von ImageEditor (Flickr) lizensiert unter CC BY 2.0.

Ohne Zugangskontrolle zu literarischen Inhalten durch Kommerzialisierung versinke also die Qualität der Kultur im Meer der Bedeutungslosigkeit, so wie die öffentliche Toilette im  umhergestrullten Urin. Ähnliches gilt sinngemäß für Bildung, denn wenn es keine ökonomischen Zugangsbeschränkungen zum Schulwesen gäbe (also jeder aufs Gymnasium könnte), dann versänke die Qualität der Allgemeinbildung unserer Kinder im Multikultisumpf – so jedenfalls die Befürworter des dreigliedrigen Schulsystems. Da ein staatliches Schulsystem dies aufgrund politische Komplikationen nicht auf Dauer leisten kann, ist der einzig wirklich sinnvolle Weg natürlich der über die Kommerzialisierung der Bildung. Denn Ausschluss vom Selbstverständlichen wegen fehlender Zahlungsfähigkeit bleibt eine der wenigen Diskriminierungsformen, deren Akzeptanz auch in weiten Teilen der Bevölkerung ungebrochen ist.

Wer kein Geld hat, der braucht auch nicht zu partizipieren! Wer ein Buch nicht kaufen kann, der kann es halt nicht lesen! Wer sich keine Musik leisten kann, der darf nicht tanzen. Wer keine Gema-Gebühren bezahlt, der darf keine Volkslieder singen, denn deren Noten sind urheberrechtlich geschützt. Wer kein Trinkwasser in Flaschen kaufen kann, der kann nicht trinken, denn die Brunnen sind mit Krankheitskeimen vergiftet. Womit soll die Liste fortgesetzt werden? Saatgut? Atemluft? Medizinische Versorgung? Mobilität? Alterversorgung? Wohnraum? Sicherheit? In den USA wird die Polizei längst über kommunale Steuern finanziert, weswegen dort die Sicherheit von Wohnblock zu Wohnblock variiert. Ein freundliches Gesicht auch ohne Trinkgeld? Mitgefühl ohne Zuständigkeit?

Wann privatisieren wir endlich die Feuerwehr? Warum gebe ich freundlich Auskunft, wenn mich einer nach dem Weg fragt, ohne dafür zu bezahlen?

Die Einhegung des Selbstverständlichen wütet in unserer Welt wie eine intellektuelle Pest. Dass wir uns nicht aus dieser unheilvollen Logik befreien können, das ist für mich die eigentliche „Tragik der Märkte“!

7 Gedanken zu „The Tragedy of the Market: Die Einhegung des Selbstverständlichen

  1. Hätte nichts degegen, wenns kein Geld kosten würde. Die Herstellung, Pflege usw. von öffentlichen Toiletten werden allerdings immer etwas kosten, nämlich Arbeit, Material, die dafür notwendigen Rohstoffe, Sorge um die ökologische Verträglichkeit all dessen usw.. Und die Örtlichkeiten sollen ja auch nicht in einem Zustand sein wie sie etwa noch einige Zeit nach Maueröffnung am Alexanderplatz waren. (Das Hauptproblem damals war, dass es einem nicht gelingen konnte, so lange de Luft anzuhalten).

    • Wogegen hättest Du nichts? Was hat der Sauberkeitszustand einer Toilette denn damit zu tun, ob man den bedürftigen, aber nicht zahlungswilligen (-fähigen … kein Kleingeld) Nutzer bis hin zur Kofferschleuse mit Edelstahlstangen (und Selbstschussanlagen?) den Zutritt verwehrt? Du meinst, weil die Toilette sauber bleibt, wenn sie keiner benutzen kann?

  2. PS: Mein Beitrag blieb unvollendet, da ich wegen eines Notfalls Hals über Kopf davon gerannt bin und dabei wohl versehentlich auf Publish gedrückt habe. Ich hole den eigentlichen Beitrag nach.

  3. Es gibt noch Steigerungsstufen: Köln Hauptbahnhof – Kosten für Toilette: 1,00 €. Weil ich vergessen hatte, meine Wasserflasche zu füllen, dachte ich, gut, dann schlage ich wenigstens zwei Fliegen mit einer Klappe, das soll mir den einen Euro wert sein. Denkste, beim Waschbecken in der Toilette fließt nur Warmwasser, damit ja niemand auf die Idee kommt, den Konsumzwang im Bahnhof durch Nachfüllen der Wasserflasche auf der Toilette zu entgehen!

  4. Pingback: Die Transformation vom Flug- und Fahrgast zum Giersubjekt | CommonsBlog

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