Fieberfantasien: Schwein in blauen Stiefeln und ein Leben in der Commons-freien Zone

Die Schweden mögen mir diesen Beitrag verzeihen, ich habe nichts gegen ihr Land. Auch Gothenburg (oder Göteborg) ist bestimmt eine wunderschöne Stadt. Ich meine das nicht persönlich. Dieser Beitrag hätte sonstwo entstehen können. Ich schleppte mich nur eben hungrig und mit Fieber aufgrund eines grippalen Infekts durch die nächtlichen Straßen und entwickelte dabei eine Horrorvision:

Ich lebe in einer puren Marktwirtschaft, in der es keine Commons mehr gibt und jedes Handeln und Tun nurmehr auf finanziellen Motivationen beruht. Alles ist privatisiert und kommerzialisiert. Die liberalistische Idealwelt sozusagen.

Ich versuche die Straße zu überqueren, aber die Fußgängerampel bleibt rot. Ich kann das nicht ändern, denn ich besitze nur Euronen und keinen Kronen, die ich in die privatisierte Ampelanlage einwerfen müsste, um sie auf grün zu schalten. Das Überqueren der Straße bei Rot kommt mich teuer zu stehen, denn die Verkehrspolizisten arbeiten auf Kommissionsbasis für ein privates Sicherheitsunternehmen. Ich frage einige Passanten nach einem guten Restaurant. Sie wollen mir gegen Bezahlung gerne Auskunft geben und könnten mir auf dem Beratungsbeleg auch die Mehrwertsteuer ausweisen. Für die Benutzung der Gehwegs habe ich eine Mautgebühr entrichtet. Man hat dabei Gottseidank wie fast überall in Schweden meine Kreditkarte akzeptiert.

Endlich lasse ich mich im Le Pain Francais nieder, einem hübschen Café französischen Stils. Ich nehme ein Baguette mit Thunfisch, eine Rosinenschnecke und ein Glas Latte Macchiato … nanu? … müsste das nicht Café au Lait heißen? Na egal, für 11.82 Euro bekomme ich nicht auch noch Konversation geboten. Das Essen wird auch nicht serviert und das gebrauchte Geschirr nicht abgeräumt – ohne „Tip“ unter dem Kreditkartenbeleg gibt es nicht mal ein freundliches Gesicht. Das wäre ja sonst, als dürfte man durch ein Fernrohr auf die See blicken, ohne einen Euro einzuwerfen.

Verstehen kann ich auch nichts. Die Menschen sprechen in einer fremden Sprache und wirken nicht so, als wollten sie, dass ich mich an ihren Tisch setze und mich mit ihnen unterhalte. Ein Geschäftsmodell ist eben noch lange kein südfranzösisches Bistro, in dem sich eigentlich immer jeder mit jedem unterhält (sofern ich mich recht entsinne). Dann schlendere ich weiter. Der Weg ist gesäumt von Einkaufsboutiquen, in denen man die Schätze des Landes bewundern kann. Auch ein Kunstmuseum gibt es, das aber seine Pforten in der Post-Commons-Ära für Besucher geschlossen hält. Es hat nur geöffnet, solange keiner Zeit hat, ein Museum zu besuchen.

Auch das Theater und der Konzertsaal sind schön anzusehen, aber ohne Eintrittskarte kalt und stumm. In ein paar Bars und Pubs sitzen ein zwei Leute herum, den anderen sind die Bier- und Wiskypreise in Schweden zu hoch. Und seit man nur noch in designierten Arealen auf der Straße rauchen darf, gibt es im Pub ansonsten nicht mehr allzuviel zu tun. Die Irische Folkmusik im Jameson Pub ist aufgrund der horrenden Lizenzforderungen durch die Musikverlage längst verstummt und ich gehe mit trüben Gedanken zurück ins Hotel.

Immerhin amüsiert mich unterwegs noch ein blaues Schwein in blauen Stiefeln, das stumm in einem hell beleuchteten und geschlossenen Laden steht. Na wenn das kein kultureller Beitrag ist, was dann? Darf ich mir eine Orange nehmen, frage ich die Dame an der Rezeption. Aber selbstverständlich, immerhin bezahlen Sie bei uns 102 Euro pro Nacht. Zurück im Zimmer entrichte  ich brav meine Eintrittsgebühr zum Internet und überlege, ob ich auf Pay-TV für 14,90 Euro einen Erotikfilm ansehen soll. Seltsam eigentlich, dass man verächtlich über Damen spricht, die für 100 Euro ihre Dienste anbieten. Wo die doch nur dem marktwirtschaftlichen Prinzip folgen und auf diese Weise selbstverantwortlich vermeiden, die Sozialversicherung unnötig zu belasten.

Mir fällt die Bahnhofstoilette in Fulda ein, die mit Stangen und Drehkreuzen aus Edelstahl verrammelt ist wie Fort Knox. Damit sich auch nicht der kleinste Lausbub illegitim und ohne zu bezahlen einem Urinal nähern kann. Ich seufze und öffne die Minibar. Darin steht eine Flasche Ramlösa Mineralwasser (0,33 l) und ein Schild. Complimentary! The minibar is on the house. Vielen Dank. Mein Arzt will ohnehin, dass ich mindestens 3,30 l pro Tag trinke. Schade, dass es keinen Flaschenöffner und kein Glas dazu gibt. Das muss man an der Rezeption bestellen. Dann kommt der Boy in einer schicken Uniform und serviert die gewünschten Utensilien auf einem silbernen Tablett. Gegen ein ordentliches Trinkgeld, versteht sich.

Plötzlich muss ich an Dipak und Samir in Kathmandu denken, die uns in ihrer von 5 Personen bewohnten Einzimmerwohnung mit Kochnische ein wunderbares Essen gekocht haben. Zugegeben – ein blaues Schwein gab es dort nicht. Und auch kein Designer Porzellan und keinen Latte Macchiato aus orginal italienischen Gläsern. Ich habe mich auch nicht getraut zu fragen, was das Essen kosten soll und ob ich eine Bewirtungrechnung bekommen kann. Nach zehn Tagen gemeinsamen Wanderns durch die Berglandschaft Nepals hatte ich das untrügliche Gefühl, dass diese Einladung kein Business-Modell war. Vielleicht, so denke ich plötzlich, wäre das aber ein neues Entwicklungshilfe-Projekt. Menschen aus Nepal und anderen Ländern der „3. Welt“ könnten uns dabei helfen, wieder einen Sinn für normales zwischenmenschliches Verhalten zu entwickeln – jenseits von Markt und Staat.

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3 Gedanken zu „Fieberfantasien: Schwein in blauen Stiefeln und ein Leben in der Commons-freien Zone

  1. Guter Artikel!
    Ausschließlich in Geschäftsmodellen und in Gewinnerwartungen zu denken ist auch für mich eine Horrorvorstellung.

    Der Artikel zeigt die Notwendigkeit auf, alltagstaugliche Handlungsmodelle zu entwickeln, die ohne das Prinzip einer finanziellen Gegenleistung auskommen.

    Das Wachstum der Geldmenge findet auf der Grundlage von Regeln in einem gedanklichen Raum statt, in einer virtuellen Sozialallmende.

    Wie so viele Allmenden, so wurde auch diese
    Allmende privatisiert und von den Marktgläubigen
    besetzt. Es ist meiner Meinung nach an der Zeit,
    auch den sozialen und gemeinnützigen Interessen einen geordneten und gleichberechtigten Zugang zur Sozialallmende zu verschaffen. Das setzt Verantwortungsgefühl sowie ein Gespür für eine sinnvolle Nutzung voraus.

    • Danke. Manchmal überkommt mich auf Reisen eine besondere Commons-Sehnsucht. Da spürt man nämlich am meisten, wie sehr der Mensch sie braucht.

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