Pflanzenzüchtung hacken. Von Masipag lernen

AGRECOL hatte zum Workshop auf den Dottenfelder Hof geladen. Bauern und Züchter, Menschen aus Entwicklungsorganisationen oder agrarpolitischen Vereinen gingen gemeinsam der Frage nach, ob man ein Copyleft für Kulturpflanzen und Nutztiere gemeinsam entwickeln kann. Yeah! Ich erinnere mich gut an Gespräche, in denen diese Idee aufkeimte. Das ist mindestens 3 Jahre her und nun gewinnt der Prozess an Fahrt, nicht nur in Deutschland. Doch dazu an anderer Stelle mehr.

Ein für mich sehr inspirierender Vortrag kam von Lorenz Bachmann, der über Masipag, eine philippinische Bauernorganisation, berichtete und uns das „Farmer-Led Participatory Plant Breeding“ vorstellte. Masipag bedeutet Magsasaka at Siyentipiko Para sa Kaunlaran.🙂 Das heißt soviel wie: Landwirte und Wissenschaftler für Entwicklung.

Die Organisation besteht seit 1986 und hat sich intensiv mit den Folgen der so genannten Grünen Revolution auseinandergesetzt: Verlust an Kulturpflanzenvielfalt, höhere Kosten durch zunehmenden Pestizideinsatz, saure Böden und vieles mehr. Das bedeutet auch: mehr Abhängigkeit durch Schulden für ohnehin schon arme Bauern. Von genetischem Imperialismus ist die Rede. 

Modernes Saatgut (Hybridsaatgut oder genmanipuliertes Saatgut) ist für viele Bauern heute unerschwinglich. Wenn sie kaufen wollen, benötigen sie meist einen Kredit. Wenn sie dann kaufen, drücken Schulden, denn Zinssätze zwischen 25-50% (!) sind in den Tropen weit verbreitet. Sogenannte moderne Kultursorten sind meist für gute Böden optimiert, auf weniger guten Böden bringen sie oft keine Vorteile, erklärt Bachmann.

Hier setzt Masipag an mit seiner Arbeit für Selbstermächtigung, Vielfalt und Nachhaltigkeit. Lorenz Bachmanns Zusammenfassung dieser Arbeit klingt nach der Erdung von Elinor Ostroms Designprinzipien für erfolgreiches gemeinschaftliches Ressourcenmanagement.

1. Farmers identify the objectives for breeding (they are confronted with poor soils, harsh climate, or economic insecurities, pests, etc.).
2. Farmers established the criteria for selecting the parent materials.
3. They select the parent materials themselves.
4. They do the breeding themselves.
5. They evaluate the newly created selections in a series of on-farm tests until they get the desired objectives.

Mit 30 Sorten hat Masipag angefangen. Die Ursprungsidee war, das Saatgut nicht zu verkaufen, sondern frei zu tauschen, allerdings nur unter den Mitgliedern. Masipag Bauern tauschen zum Beispiel auf ihren Jahresversammlungen oder Regionaltreffen. Die Mitglieder können jedoch an Nichtmitglieder „weitergeben“, also Saatgut verschenken und das tun sie auch. Man könnte es mit Blick auf das erste Ostromsche Designprinzip so ausdrücken: Die Grenzen sind klar, aber es gibt Grenzübergänge und die werden von den Bauern selbst kontrolliert.

Masipag lehnt Saatguthandel mit Profitstreben genauso strikt ab wie Patente auf Saatgut. Kleinbäuerlicher Tausch oder Verkauf hingegen wird akzeptiert. Doch die Grundidee ist: Niemandem sollte Saatgut allein gehören. Das heißt auch: jede_r darf nachbauen, es gibt für den Nachbau keine rechtliche Begrenzung, was dem Trend in der internationalen Saatgutpolitik völlig entgegen läuft.

Masipag Bauern lernen wie Saatgut gepflegt und selektiert wird. Somit können sie aus kleinen Mengen, z.B. 100 Gramm Reissaatgut, durch eigenen Nachbau genug Saatgut für den weiteren Bedarf erzeugen. Die Saatgutindustrie dagegen ist bestrebt große Mengen Saatgut zu hohen Preisen zu verkaufen. Sie versucht, den Nachbau zu unterbinden.

Masipag Züchterinnen und Züchter (es sind viele Frauen unter ihnen, siehe Foto) dürfen neue “Selektionen” benennen. Das bringt ihnen zwar hohe soziale Anerkennung, aber keine Bezahlung der züchterischen Leistung. Die philippinischen Bauern machen also immer beides: züchten und Eigenbedarfs- bzw. Erwerbsanbau. Der Begriff selection statt Sorte (variety) ist übrigens ganz bewusst gewählt. Einerseits sind es „lebende Sorten, die sich weiterentwickeln, daher sehen manche Felder nicht so gleichförmig aus“ (Bachmann).

Andererseits umgehen die Bauern mit diesem Begriff das philippinische Sortenschutzgesetz. Schlau! Sie geben ihre „selections“ ganz bewusst früh an die Bauern weiter, noch bevor sie „stabil“ sind (Stabilität wiederum ist ein Kriterium für die Sortenzulassung, auf die Masipag keinen Wert legt). Die Überzeugung ist stattdessen: nur im realen Leben, nur in der Nutzung durch die Bäuerinnen und Bauern wird klar, was wirklich taugt und was nicht.

Taugt die Sorte, wird sie durch prosaische Beschreibung dokumentiert. Eine genetische Dokumentation erfolgt nicht. Die Veröffentlichung dieser Dokumentation ist wichtig, denn sie verhindert, dass eine Sorte nachträglich patentiert werden kann. Überhaupt: Masipags Grundhaltung und der „kreative Umgang mit dem Recht“ führen dazu, dass Masipag_“Sorten“ etwa nach den Regeln des Internationalen Verbandes zum Schutz von Pflanzenzüchtungen (UPOV) nicht patentierbar sind. (1978 hatte übrigens die UPOV das Nachbaurecht noch eingeräumt. Seit 1991 wird es erheblich eingeschränkt.)

Die Bäuerinnen und Bauern entscheiden selbst über die Ziele der Züchtung. Ihre Leitfrage dabei ist: Was brauchen wir? Gute und stabile Erträge ohne chemische Düngung, Salzwasserverträglichkeit, zeitige Reifung, Resistenz gegenüber Krankheiten, mittlere Halmhöhen, eine hohe Bestockungsfähigkeit, lange und mehr Körner pro Rispe, gute Verzehreigenschaften und vieles mehr.

In einer Misereor-Evaluierung von 2008 wurde nun festgestellt, dass es Masipag Bauern im Vergleich zu den konventionellen Kollegen im Land deutlich besser geht: Sie haben ein besseres Einkommen, viel mehr Nahrungsmittel zur Eigenversorgung, bessere Gesundheit und vergleichbar gute Reiserträge. In der Studie wurden mehr als 90 Forschungsfragen untersucht, bei über 80 Fragen schnitten die Masipag Bauern besser ab.

Interessant erschien mir zudem die Ressourcenzuteilung, denn für zusätzliche Flächen fehlt in der Regel das Geld oder das Land. So rotieren mitunter die Flächen für den Versuchsanbau von Kleinbauer zu Kleinbauer oder die Zucht findet auf der Fläche eines etwas besser gestellten Bauern statt, was ihm Prestige verleiht. Auch die Kirchen stellen bisweilen Land zur Verfügung. Vor Ort muss jedenfalls immer eine passende Lösung gefunden werden.

Mitunter helfen Mitglieder von Masipag ohne Bezahlung bei den für die Züchtung notwendigen Arbeiten. So lernen sie, die Qualität von Saatgut zu erhalten. Klingt einfach und logisch? Ist es aber nicht. Hier in Deutschland sind Anbau und Zucht stark voneinander getrennt. Die Bauern haben nicht mehr das notwendige Wissen, das für Züchtung gebraucht wird. Und Zeit haben sie auch nicht. Die Frage, wie mit Züchtung Einkommen generiert werden soll, ist hier hochumstritten (die Urheberrechtsdebatte lässt grüßen); auch unter Züchtern angepasster Sorten für den biologisch-dynamischen Anbau, zu dem Hybridsaatgut oder genmanipuliertes Saatgut so gar nicht passen will. Werden keine tragfähigen Modelle für alternative Züchtung gefunden, dann heißt das für uns: noch mehr Abhängigkeit von immer wenigen großen Saatgut- und Chemiegiganten und noch weniger Kulturpflanzenvielfalt.

Masipag hat heute etwa 35.000 Mitglieder, die in 650 Ortsgruppen organisiert sind. Sie haben über 1090 traditionelle alte Reissorten zusammengetragen und aus diesem Material bislang 1085 neue Masipag-Reisselektionen gezüchtet. Diese Selektionen sind besonders gut an die Bedürfnisse vor Ort angepasst. In drei großen Backup-Farms pflegt und erhält Masipag diese große Sortenvielfalt und stellt sie über regional angepasste Sortimente von 50-100 Sorten den Bauern auf Dorfebene kostenlos zur Verfügung (village level trial farms). Das Konzept konnte sich so weit verbreiten, weil Masipag irgendwann beschloss, „die Versuchsstation zum Bauern zu bringen“. Dort, auf den Feldern der Bauern sind die „farmer-bred-selections“ entstanden. Das Paradigma der modernen Agrarforschung wird hier umgekehrt. Es ist nicht der Forscher, der dem Bauern eine verbesserte Sorte züchtet, sondern der Bauer testet selbst, welche Sorten auf seinem Hof am besten wachsen. Er wird selbst zum Forscher und entwickelt die Fähigkeit, das Saatgut systematisch zu verbessern.

Eine offizielle Studie der Philippinischen Agrarforschung* förderte zu Tage, das im Jahr 2002 bereits 9,1% der untersuchten Betriebe Masipag Saatgut anbauen. Hochgerechnet auf die Philippinen würde dies bedeuten, dass derzeit mindestens eine halbe Millionen Bauern Masipag-Saatgut nutzt. Dies ist über Tausch gelungen, ohne Budgets oder Werbung. Wenn man bedenkt, dass im Land genmanipuliertes Saatguts seitens der Industrie extrem beworben wird und zum Beispiel für Mais einen Anteil von 40% der Fläche erreicht hat, so ist das mehr als bemerkenswert.

Ich fand den Ansatz des Farmer-Led Participatory Plant Breeding nicht nur einleuchtend, sondern auch faszinierend. Und er zeigt mir: Saatgutzucht und Softwareprogrammierung haben viel mehr gemein, als ich bislang dachte (z.B. die zeitige Freigabe). Zudem zeigt sich in beiden Fällen gut, dass diese Unterscheidung nach materiellem und immateriellem, nach rivalen und nicht-rivalen Ressourcen einem Realitätscheck nicht standhält. Das eine ist immer in das andere eingeschrieben. Auch Software (-programmierung) hat eine materielle Basis: die Hardware, die Energie, die Pizza🙂. Erst wenn das verfügbar ist, wird Software mehr, wenn wir sie teilen. Bei Saatgut ist es genauso. Der genetische Code ist in das Korn eingeschrieben. Ist das Korn weg, ist der Code weg. Das zeigt der schwindelerregende Schwund der Kulturpflanzenvielfalt. Saatgut wurde in wenigen Jahrzehnten knapp gemacht. Wenn aber die Bauern lernen zu selektieren, dann können sie nachbauen. Die „Ressource“ vermehrt sich nach jedem Anbauzyklus um ein Vielfaches (Faktor 20-50 je nach Ertrag der Sorte). Es ist dann, wie es immer war: Saatgut wird mehr, wenn wir es teilen.

Masipag-Praxis: das ist „learning by doing“, Versuch und Irrtum, ein iterativer Prozess in dem sich das Beste herausschält. Zeitaufwändig und komplex – wie „commoning“ eben ist. Allerdings gekrönt von Erfolg und neuem Selbstvertrauen philippinischer Bäuerinnen und Bauern.

*C. C. Launio,* G. O. Redondo, J. C. Beltran, and Y. Morooka (2008): Adoption and Spatial Diversity of Later Generation Modern Rice Varieties in the Philippines. Agronomy Journal, Volume 100, Issue 5, pp.1380-1389

Alle Fotos von Masipag oder Lorenz Bachmann, dem ich für die prima Fachberatung danke.

2 Gedanken zu „Pflanzenzüchtung hacken. Von Masipag lernen

  1. Pingback: Dauerkrautfunding und Copyleft für Saatgut-Commons | CommonsBlog

  2. Pingback: Golden Rice – so geht Gentechnik! – Nullius in Verba

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