Keim-Alarm: Der TÜV Rheinland und Bild der Frau blasen ins Füllhorn der Flaschenwasser-Industrie

Trinkwasserbrunnen in den Pyrenäen

Nur ungern glaube ich an globale Verschwörungstheorien. Und wenn überhaupt nur dann, wenn ich meine eigenen Gegenargumente selbst nicht mehr glaube. Gerade komme ich aus Indien zurück, wo ein frischer Mangosaft in einem erstklassigen Hotel (man verwendet dort Leitungswasser, um den Brei in einen Saft zu verwandeln) innerhalb von 15 Minuten meiner Darmflora das Lebenslicht ausbließ. Ich weiß also um die Gefahren Bescheid. Heute, ein paar Tage älter und einige Pfunde leichter sitze ich im Zug von München nach Wiesbaden. Es regnet draußen und die Temperaturen spotten dem Hochsommer Hohn. Plötzlich hektisches Treiben. Zugbegleiter verteilen Trinkwasser in pfandfreien Faltverpackungen. Die Klimaanlage sei ausgefallen, so die Begründung, und die Bahn entschuldige sich dafür ganz herzlich. Klimaanlage? Eine Heizung wäre heute nicht schlecht.

Aber was soll’s … man nimmt, was man kriegen kann. Ich lese gerade eine Abhandlung von Umberto Eco über die permanenten Verdauungsbeschwerden der Deutschen aufgrund von Schweinswürsten und exzessivem Bierkonsum. Da kommt mir ein Gläschen Wasser gerade recht. Natürliches Mineralwasser, steht da geschrieben. Was wäre eigentlich ein unnatürliches Mineralwasser? Natriumarm. Ohne Kohlensäure. Für Babynahrung geeignet. Jährlich DLG prämiert. Aus 101 m Quelltiefe … Urgestein … Fresenius-kontrolliert … war das nicht das Institut, das schon die umstrittenen Nutella-Etiketten unterzeichnet hat? ESSEN SIE 600 GRAMM NUTELLA PRO TAG, um Ihren Tagesbedarf an Eisen zu decken?

Was steht eigentlich hier drauf? >0,3 mg/ml Nitrat? Ist das eine Gesundheitswarnung oder ein Werbegag? Brandenburgischer Schweineurin, der selbst in 103 Metern Quelltiefe noch nachweisbar ist? Aus irgend einem unerfindlichen Grund falte ich den Tetra Pak-Footprint dieses halben Felsenquellenliters zusammen und stecke ihn in meinen Koffer, anstatt ihn wegzuschmeißen. Irgend einer inneren Stimme folgend.

So gegen Mitternacht schaue ich dann Nachrichten – und weiß plötzlich warum. Es wird von einem ungeheuren Vorfall berichtet (kurz nach dem Transplantationsskandal): Der TÜV Rheinland und BILD der FRAU haben festgestellt, dass jede dritte (von wievielen eigentlich … ah, 25) Trinkwasserprobe aus Leitungen in öffentlichen Gebäuden gefährlich sei!

Sauberes, unbelastetes Trinkwasser sei ein wichtiges Gut, so schreibt der TÜV Rheinland in einer Pressemitteilung vom 20. Juli 2012. Daher hätten TÜV Rheinland und BILD der Frau einen bundesweiten Trinkwassertest gemacht. Das Ergebnis sei, dass zumindest in öffentlichen Gebäuden die Besucher vorsichtig sein sollten. Und warum? Weil jede 3. Wasserprobe Bakterien enthielt!

Na sowas! Ich war mir bisher sicher, dass jede Wasserprobe Bakterien enthalten müsse, solange man sie nicht für 20 Minuten auf 110 °C erhitzt. Jedenfalls war dies meine Erfahrung bei der Herstellung von Marmelade oder bei der Zubereitung von Nährmedien für die Zellkultur im Labor. Der Darm des Menschen ist schließlich mit rund 10 – 100 Billionen Bakterien aus 500 – 1000 verschiedenen Arten besiedelt, so behauptet jedenfalls die Wikipedia (und so erinnere ich meine Mikrobiologievorlesungen). Wie sollte es da möglich sein, irgendwo auf diesem Planeten Wasser zu finden, das nicht von Bakterien besiedelt wird – es sei denn, in einem Dampfkochtopf auf der glühenden Herdplatte?

Jährlich stürben mehr Menschen an einer Lungenentzündung, die durch in einigen Trinkwasserproben offenbar gefundenen Legionellen verursacht wird, so der TÜV in seiner Presseerklärung, als im Straßenverkehr. Der größte Ausbruch einer Legionellen-Epidemie in Deutschland und einer der größten weltweit ereignete sich Anfang Januar 2010 im Raum Ulm mit 5 Toten und 64 Infizierten, lese ich dagegen in der Wikipedia. Na, das ist ja eine erfreuliche Mitteilung für die Entwicklung der Sicherheit im Straßenverkehr. Was ist das für ein seltsamer Vergleich? Legionellen Opfer weltweit pro Jahr zu Verkehrstote in Zermatt pro Tag?

Die Hände waschen würde sich der TÜV-Experte in öffentlichen Anlagen (Toiletten?) schon noch, so Bild der Frau. Wasser trinken aber nur im Notfall. Dabei infiziert man sich mit dem Lungenentzündungserreger doch nicht durch Trinken, sondern durch Einatmen von Wassertröpfchen aus Klimaanlagen, Whirlpools oder beim Duschen. Das Trinken von legionellenhaltigem Wasser stelle, so die Wikipedia, für Personen mit intaktem Immunsystem keine Gesundheitsgefahr dar. Vielleicht sollte der TÜV-Experte darüber nachdenken mit Flaschenmineralwasser zu duschen?

Und was würde er dann trinken? Ich werde morgen mal ein Exemplar Bild der Frau im Kiosk durchblättern und die Werbeanzeigen darin genau studieren. Vielleicht finde ich ja eine Antwort auf diese brennende Frage. Außerdem läuft der Count-Down bis zu einer Follow-Up-Pressemitteilung der FDP, in der Philipp Rösler die Privatisierung der Öffentlichen Wasserversorgung fordert – denn schließlich sind bisher nur öffentliche Anlagen betroffen.

Man müsste eigentlich lachen. Aber das Lachen bleibt einem im Halse stecken. Aber dann muss ich wieder an die Schweiz denken. Aus rund 1.200 Züricher Brunnen sprudelt Trinkwasser, so lese ich. Und sie sind zurecht stolz darauf!

4 Gedanken zu „Keim-Alarm: Der TÜV Rheinland und Bild der Frau blasen ins Füllhorn der Flaschenwasser-Industrie

  1. Gott sei Dank wurde hier nicht noch Flachenwasser getestet. Dann hätte der TÜV eine Eilwarnung herausgeben und die BILD d.F. Antibiotika mitliefern müssen.

    • Der TÜV Rheinland erwirtschaftete einen Jahresumsatz von 1,4 Milliarden Euro, steht in der Presseerklärung. Ich frage mich, wie ein Unternehmen „unabhängig“ sein kann, wenn es 1,4 Milliarden erwirtschaften muss. Unabhängig von was? Das Resultat kann man hier nachlesen: Fast alle Betreiber … leiteten Sofortmaßnahmen ein. Wie sehen diese aus? Ein Schildchen mit der Aufschrift „Kein Trinkwasser“ vermute ich. Und aus Kostengründen ist nicht zu erwarten, dass es sich bei diesen Sofortmaßnahmen um zeitlich begrenzte Maßnahmen handelt. Vielen Dank, TÜV-Rheinland und Bild der Frau! Endlich wieder ein Grund mehr, ein halbes Literchen Felsenquell im Tetra Pak zu kaufen, mit einem ökologischen Footprint von Hundert Quadratmetern und dem tausendfachen Preis von Leitungswasser.

  2. Detail am Rande: die Frauen sind für’s Einkaufen und die Gesundheit der Familie zuständig. Stimmts? Da kommt Bild der Frau gerade richtig und erklärt den Leserinnen, die zwar keine Mikrobiologievorlesung besucht habe, aber ihrer Verantwortung gerecht werden wollen, was sie dem Rest der Familie und den Kiddies beibringen müssen: „Hände weg vom Trinkwasser. Geht einkaufen!“
    Es ist zum Davonlaufen.

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