Vom geküssten Apfel und dem medial-infrastrukturellen Komplex

Thierry Chervel denkt liberal und bleibt dabei durch und durch nachvollziehbar, etwa in dieser wunderbar präzisen Analyse des FAS-Beitrags „Wenn Kunst und Kommerz sich küssen„. Chervel nimmt drei Grundbehauptungen der Autoren Rainer Hank und Georg Meck auseinander:

1: „Kunst ist Kommerz. Und das ist gut so.“
2: „Das Internet ist nichts für Dilettanten.“
3: „Geistiges Eigentum ist nichts anderes als der Apfel in Nachbars Garten.“

Die letzte Behauptung ist fast schon amüsant (wenn sie nicht so platt wäre). Den Apfel küssen ganz gern jene, die… sich sonst auf die klassische Gütertheorie beziehen, an der viel – eigentlich fast alles – schräg ist, aber zumindest weist sie darauf hin, dass es einen unhintergehbaren Unterschied zwischen Äpfeln und Ideen gibt. Wenn man beides zeitgleich nutzt, wird das eine weniger und das andere mehr. Chervel argumentiert, wer

„sich so unreflektiert wie Hank zum Fürsprecher ‚Geistigen Eigentums‘ macht, führt in Wirklichkeit einen Diskurs der Enteignung.“

Die Begründung kann man hier nachlesen. Richtig ins Schwarze trifft aber Folgendes:

Apple ist gefährlicher als das viel häufiger angegriffene und längst geschwächte Google […]. Steve Jobs hat es hinbekommen, einen der Vorteile des Netzes – die ubiquitäre Verfügbarkeit kultureller Inhalte – mit der proprietären Logik der alten Kulturindustrien zu kombinieren. […]. Nun ist es der Konzern Apple (und nicht irgendein Pirat), der sich der kulturellen Inhalte bemächtigt. Einen großen Teil seiner obszönen Gewinne von 10 Milliarden Dollar oder mehr im Quartal  – mehr als jeder andere Konzern der Welt! – verdankt er der Tatsache, dass er bei jedem Transfer „Geistigen Eigentums“ rufen kann“. (Herv. im Original)

Ins Schwarze trifft das Prinzip, Apple dahinter ist im Prinzip austauschbar. Und das Prinzip geht so: Daten, die wir freiwillig füttern, werden mit der proprietären Datennutzungs- und Verwertungslogik verschränkt und das System wird mit proprietären Technologien gesichert. Da braucht man schlussendlich keine institutionelle Kontrolle mehr (bzw. wenn doch ist klar, wen man fragen muss). Den Job macht die Technologie. Diese Logik funktioniert auch bei Facebook, Google, Amazon usw. Und je mehr wir diese Plattformen nutzen, umso fülliger wird deren Macht.

Eines der größten Hindernisse der Vervielfältigung des Commons-Gedankens ist, dass nicht einmal die Netzaktivisten die Relevanz (und Brisanz) des Themas: freie Technologien und Netzinfrastrukturen (bzw. Technologien und Infrastrukturen als Commons) begriffen haben. „Frei wie in Freiheit und nicht wie in Freibier“, versteht sich.

Eben Moglen hat dazu eine beachtenswerte Rede auf der Re:Publica 12 gehalten. Freies Denken braucht freie Medien braucht und freie Medien brauchen freie Technologien. Als Netzpessimist schilt ihn Kai Biermann in der ZEIT. Das ist freilich unscharf. Moglen ist Monopolpessimist. Vor allem wenn es um Monopole geht, die darüber entscheiden, wie wir was womit und mit wem kommunizieren. Wäre die Rede von Freien Technologien und Netzen, dann wäre Moglen zweifelsohne Netzoptimist. Aber kriegen wir das überhaupt noch hin? … wo wir doch alles „weggeben, weil es bequem ist, weil soziale Netzwerke so kuschelig sind“?

Die Freiheit des Denkens, für die Generationen gekämpft haben, kann nur verteidigt werden, wenn wir unabhängig bleiben von diesem einzigen, technologisch-kontrollierten Netzwerk in das sich die menschliche Kommunikation derzeit verwandelt. Tatsächlich, so meint Moglen, brauen sich die Machstrukturen im Netz so zusammen, dass Anonymität unmöglich wird.

„Was wir lesen, liest uns.“

Das ist die Zukunft. Und das Problem dahinter besteht in einem grundsätzlichen Konstruktionsfehler. In den letzten Jahren wurde ein Netz fortentwickelt, in das die Idee der Anonymität nicht eingeschrieben ist.

„Wir haben das Netz genommen und Facebook daraus gemacht und einen Menschen ins Zentrum gestellt. Wir schaffen Medien, die uns konsumieren, nicht wir sie. Und diese Medien lieben es.

Und der Staat, fürchtet Moglen, wird es auch lieben, denn

  • soziale Kontrolle (egal ob durch Markt oder Staat) wird sehr einfach
  • soziale Kontrolle wird sehr billig
  • die Daten sind omnipräsent und jederzeit verfügbar
  • und „nichts geht je wieder weg“

Man muss nicht jeden drastischen Vergleich Moglens unterschreiben und man darf dem Staat sogar weniger Kontrollwahn unterstellen als er… aber im Grundsatz liegt richtig. Was Moglen sagt, trifft ins Mark – und zwar jeden, der über Machtverhältnisse nachdenkt.

Aber dann war Schluss. Ein paar Fragen noch und die Re:publica ging weiter, wie die Re:publica eben weitergeht. Man geht ein und aus. Ein Redner geht, der nächste kommt. Kaum Debatte (oder nur ein bisschen) und das Ganze rauscht vorbei. The Show must go on. Dabei gehört DAS Thema ins Zentrum der aktuellen netzpolitischen Diskussion. Es ist mehr als ein „nachdenklicher“ Auftakt der Re:publica (Beckedahl). Es ist der Punkt, an dem wir die politische Auseinandersetzung verlieren noch bevor wir die Zeit hatten, das Problem gemeinsam zu formulieren. Weil die Pflöcke eingeschlagen, die Kommunikationskanäle festgelegt, die Zahlungsflüsse automatisiert, und die Kontrollen optimiert sind.

Der Staat müsse sich Folgendes fragen, findet Thierry Chervel:

„Wo will [er] den Polizisten aufstellen – beim 14-Jährigen, der eine Datei kopiert, oder bei einem Oligopol von Infrastukturkonzernen, das sich ein Gemeingut unter den Nagel reißt?“

Das ist in der Tat das Mindeste. Aber noch viel wichtiger scheint mir, dass wir alle dieses Thema auf die Tagesordnung setzen, damit wir Medien und Technologien haben, die den 99% nützen und nicht nur den Hütern der Schnittstellen.

Foto by twicepic; CC BY SA

3 Gedanken zu „Vom geküssten Apfel und dem medial-infrastrukturellen Komplex

  1. Danke – sehr erhellend. Ich stecke nicht in Netzaktivisten-Kreisen. Daher die vielleicht dumme Frage: Gibt es aus Kreisen der freien Software einen ernsthaften Versuch, hier gegenzuhalten? Ich meine damit konkurrenzfähige Angebote die attraktiv sind. Kommt ein Linux for smartphones & tablets?
    Ohne das wird es sehr schwer sein, weil man nur die Wahl hat, auf bestimmte Dinge zu verzichten (kein Smartphone), oder sich Apple/Google (facebook) etc. auszuliefern.

    • Die meisten smartphone-Betriebssysteme sind irgendeine Art von Linux/Unix-Derivat.
      http://de.wikipedia.org/wiki/Linux#Linux_als_Smartphone-System
      Verbreitete Vertreter sind Android, Bada, MeeGo, Mobilinux und WebOS.

      Natürlich wollen die Hersteller nicht, dass der Name Linux auftaucht, und auch die Systeme sind stark beschnitten – was ganz besonders nicht gewünscht wird ist, dass beliebige Software abläuft.

      vllt. zur Info mal nach „The War on general computing“ suchen (Cory Doctorov) .Irgendwo gibts auch ein transkript.

    • Die Aussage „Apple ist gefährlicher als … Google“ dürften wohl die meisten Netzaktivist_innen unterschrieben und viele, die sich für die Freiheit des Internets bzw. Freiheit durch das Internet engagieren, würden Google wohl eher als partiellen/zwiespältigen Verbündeten sehen denn als Gegner.

      Googles Android-Betriebssystem basiert, wie LennStar schon sagte, auf Linux und ist zumindest nominell Open Source (in der Praxis gibt’s da wohl allerhand Probleme, wie dass der Sourcecode teilweise erst mit deutlicher Verspätung offengelegt wird). Da das System allerdings normalerweise vom Hersteller vorinstalliert wird und man den genauen Sourcecode nicht kennt, hat man da nicht so viel Kontrolle über den Computer, wie wenn man selbst ein freies Betriebssystem installiert.

      In der englischen Wikipedia gibt es eine Liste von Smartphone-Betriebssystemen: http://en.wikipedia.org/wiki/Mobile_operating_system#Common_software_platforms , die auch diverse freie Kandidaten enthält. Neben den von LennStar genannten würde ich noch auf Firefox OS: http://en.wikipedia.org/wiki/Firefox_OS verweisen, das allerdings noch in einem sehr frühen Stadium ist. Auch Ubuntu lässt sich auf Android-Handy installieren: http://www.ubuntu.com/devices/android .

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