Apfelmost und Brot – Ein herzöglich verordnetes Gemeingüter-Projekt

Streuobstwiesen in der Nähe von Holzmaden am Fuß der Schwäbischen Alb, im grössten Kirschen-Anbaugebiet Deutschlands

Ich habe mehrere Lieblingsonkels, von denen ich zwei besonders mag. Der eine kann ein Stück Käsekuchen mit einem Biss verschlingen und der andere hat eine unglaubliche Begabung Geschichten zu erzählen. Keine Märchen, sondern Geschichten über Wiesenkräuter, die man essen kann (was er dann gleich vormacht) und darüber, dass der Keuper auf dem Muschelkalk sitzt und deshalb der Schönbuch über dem Schwäbischen Gäu tront, umringt vom Schwarzwald und der Schwäbischen Alb. Ich bin für solche Erzählungen ziemlich empfänglich, da ich seit Jahren nicht mehr in meiner alten Heimat lebe und mich manchmal nach den schönen Landschaften und Wirtshäusern sehne.

Dieses Mal war es aber eine ganz besondere Geschichte: Herzog Carl Eugen von Württemberg, so erzählt er mir auf einem Spaziergang in der Nähe von Herrenberg, hat unter dem Eindruck von Hungersnöten (die unter anderem die Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs mit sich brachten) angeordnet, dass jeder ansässige Bürger und jeder heiratende Bürgersohn Obstbäume anpflanzen musste.

Wie auf einer Seite des NABU Stuttgart nachzulesen ist, wurden diese Anpflanzungen entlang von Straßen und Wegen und auf Allmendeland getätigt. Die Pflanzer waren außerdem verpflichtet, die Bäume zu pflegen und absterbende durch neue zu ersetzen. Wer diese Pflicht vernachlässigte oder andersweitig die Bäume schädigte, hatte mit empfindlichen Strafen zu rechnen.

Eine schlecht gepflegte Obstwiese bei Plieningen vor dem Hintergrund des Stuttgarter Flughafens

Das Ganze, so sagt mein Onkel, hatte einen einfachen Hintergrund. Herzog Carl Eugen soll gesagt haben, dass mit Apfelmost und Brot jede Hungersnot überwunden werden könne. Tatsächlich habe das Gäu als Kornkammer Württembergs gegolten und, so schreibt Dr. Wolfgang Roser, man hat damals mehr als 2.000 Sorten von Äpfeln und Birnen angebaut und so ein riesiges Reservoir an genetischer Vielfalt widerstandsfähiger Zuchtpflanzen geschaffen. Die Wiesen dieser Kulturlandschaft enthalten bis zu 80 Pflanzenarten und eine riesige Vielfalt von Insekten, Vögeln und anderen Tieren.

Ein überraschen gut gepflegter Kirschbaum direkt neben der Straßenbahn …

Heute stehen die Süddeutschen Streuobstwiesen übrigens auf der Roten Liste der am meisten bedrohten Biotope. Die alten Allmendwiesen und Haine gibt es meist nicht mehr. Sie wurden in Bauland umgewandelt oder fielen Straßenverbreiterungen zum Opfer.

Ingrid, eine Freundin von mir, hat sich zur Streuobstwiesenpädagogin ausbilden lassen und versucht jetzt an Grundschulen die Kinder für diese Thematik zu begeistern. Dieser Einsatz wird durch die EU finanziert, die nun offenbar diese wertvollen Kulturlandschaften erhalten will. Ingrid sagt, die Eigentümer vieler Streuobstwiesen (oft geerbt) hätten meinst gar keine Kenntnis mehr darüber, wie diese Wiesen und Bäume gepflegt werden müssten. Und eine Nutzung sei nicht mehr rentabel, da der Verkaufserlös durch die Billigimporte aus China so niedrig sei, dass es den Aufwand nicht lohnt. Auftrieb bekomme die Nutzung gerade wieder dadurch, dass man nun, wenn man Äpfel oder Birnen in die Mosterei bringt, tatsächlich den Most oder den Schnaps vom eigenen Obst zurück bekomme und dies nicht mehr gepoolt würde. Eigener Apfelsaft! Da mache das Trinken natürlich doppelt Spaß.

… auf dem trotzdem das Obst ungenutzt vergammelt.

Ein bisschen traurig stimmt mich die Geschichte aber doch. Denn allen Initiativen wie Mundraub und Streuobstwiesenpädagogik zum Trotz vergammelt das kostbare Obst auf den Bäumen. Die Auflösung der Allmende und ihre Überführung in Privatbesitz hat dies natürlich nicht verhindert, sondern offensichtlich befördert. Aber wem erzähle ich das?

Vielleicht klingt für den einen oder anderen diese Geschichte wie eine Sehnsucht nach herzöglichen Zeiten. Ich stelle mir eher die Frage, was daran modern sein soll, sich durch den Kauf von Überseeobst in Lebensmitteldiscountern ein Kilo Kirschen in den Kuchen zu holen, dessen ökologischer Footprint so gross wie der eines Dinosauriers ist, während nebenan das schönste Obst wegen Unrentabilität auf den Bäumen verfault. Ich bin mir sicher, dass ein Minimum an staatlicher Anerkennung und Stimulanz zur Selbstorganisation dazu imstande sein sollte, aus den Streuobstwiesen ein wundervolles schwäbisches Commons-Projektle zu machen.

Wenn nicht unter einem grünen Ministerpräsidenten, wann dann?

Wir werden jedenfalls einen Anfang machen und diesen Herbst im Gäu auf weitere Erkundungstouren gehen. Dass dabei ein Besuch in vielen Besenwirtschaften der Region wohl unumgänglich sein wird ist klar. Ich freue mich jetzt schon darauf.

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