Schluss mit B.A.U.: Eine andere Zukunft ist möglich

Der Gipfel der Völker beginnt dieser Tage in Rio de Janeiro – kurz vor dem UN Gipfel, der nur noch „RIOPLUSZWANZICH“ genannt wird.

Als „Arbeitsgruppe Commons“ einer thematisch breit gefächerten Debatte darüber, was in Rio+20 auf der Tagesordnung steht und welche Alternativen zu einer Grünen Ökonomie es gibt, die Gefahr läuft, business as usual (b.a.u.) zu betreiben, haben wir eine produktive Zeit gehabt. Wir haben Textbausteine produziert und mit jenen anderer Arbeitsgruppen verwoben, den Diskussionsstand einer Kommentarrunde ausgesetzt und das Ergebnis in einen gemeinsamen Text eingespeist, der nun rechtzeitig zum Gipfel der Völker vorliegt:

Er heißt: Eine andere Zukunft ist möglich (Engl. pdf), und wird am 17.06. in Rio der Öffentlichkeit vorgestellt. Er reflektiert die gemeinsame Suche von sozialen Bewegungen und NGOs, von kritischen Wissenschaftlern und Aktivisten für ein gerechtere und zukunftsfähige Welt.

Der Commons-Text (hier bereits auf Englisch veröffentlicht), der online und in zwei life-Begegnungen entstand und an dem Menschen aus Bolivien, Frankreich, Argentinien, Indien, Deutschland, Brasilien und Kanada mitgestrickt haben, wird auch „ausgekoppelt“ die Runde machen. Er liegt nun, dank Lennstars Vorarbeit, auch in deutscher Fassung vor.  Es ist ein Text, der den Diskussionstand mit Menschen aus sozialen Bewegungen und Nichrregierungsorganisationen aus aller Welt reflektiert und vor allem eines deutlich machen soll: Commons: das ist mehr als Ressourcenmanagement. Ich hoffe, das ist uns bei aller Vielstimmigkeit und bunter Interessenlage und in aller Kürze gelungen.

Et voilà:

Commons

Kapitalismus ist mehr als eine Produktionsweise. Die kapitalistische Logik strahlt aus auf die gesamte Gesellschaft. Sie prägt Institutionen, bestimmt die Machtverhältnisse und geht durch uns selbst hindurch. Sie kolonialisiert unser Denken und besetzt unser Land. Progressiven Bewegungen geht es darum, sich von dieser Kolonialisierung zu emanzipieren und alle Herrschaftsformen über Andere zu beenden. Dafür müssen die Fundamente der Modernität infrage gestellt werden. Wir müssen unsere Geisteshaltung und die dominierenden mentalen Infrastrukturen erschüttern. Damit dies gelingt, müssen wir selbst uns ändern, denn kommerzielle Institutionen und Logiken werden von konkreten Menschen reproduziert. Sie sind es, die die gegenwärtigen Strukturen erhalten.

Commons: eine andere ökonomische, soziale und kulturelle Logik

Im neoliberalen Kapitalismus durchdringen die Finanzmärkte alle Lebensbereiche. Die “Grüne Ökonomie” beweist einmal mehr, dass mit Geld neue Märkte hervorgebracht werden müssen, um Wachstum zu sichern. Nahrung, die lebenswichtigen Elemente der Natur (Wasser, Biodiversität, Luft, Land), grundlegende soziale Dienste (Gesundheit, Bildung, Kultur), und unser geteiltes Wissen werden monetarisiert und zu Waren gemacht. Das ist das Problem! Deshalb können ernsthafte Alternativen nur dann entwickelt werden, wenn die Einflussbereiche des Marktes und des Finanzsektors zurückgedrängt werden und wenn ein Umdenken gelingt. Zukunftsfähige soziale Praktiken setzen voraus, dass wir die Beziehungen zwischen den Menschen und Mutter Erde neu denken. Der Respekt vor den Rechten der Natur ist Grundlage der Logik der Commons, die wiederum die Rechte der Natur stärkt.

Commons sind nicht einfach nur eine bestimmte Art von Gütern oder Infrastrukturen. Sie sind keine „Dinge“, die von uns getrennt sind. Sie sind nicht einfach Wasser, Wald oder Ideen, sondern soziale Praktiken des Commoning, des Miteinander-Handelns, das auf den Prinzipien des Teilens und auf der gemeinschaftlichen Nutzung und Produktion beruht. Damit dies gelingt, haben alle, die an einem Commons teilnehmen, das Recht auf eine gleichwertige Stimme bei Entscheidungen über die Normen und Regeln des Umgangs mit gemeinsamen Ressourcen.

Zu den vielfältigen Erfahrungen und Innovationen zählen die gemeinschaftliche Verwaltung von Wäldern, Bewässerungssystemen, Fischbeständen oder Land; die zahlreichen Prozesse des Commoning in der digitalen Welt wie Initiativen für freie Kultur, freie/offene Software; nichtkommerzielle Projekte, die für Zugang zu städtischem Wohnraum sorgen; kollaborativer Konsum, der an soziale Währungen gebunden ist und viele mehr. Sie alle unterscheiden sich eindeutig von marktbasierten und hierarchisch strukturierten Institutionen. Zusammen entfalten sie das Kaleidoskop der Selbstorganisation und der Selbstbestimmung. Und das, obwohl die meisten dieser Erfahrungen in konventionellen politischen und ökonomischen Analysen vernachlässigt und an den Rand gedrängt werden. Sie alle beruhen auf der Idee, dass niemand ein zufriedenstellendes Leben haben kann, wenn er nicht sozial eingebunden ist; dass die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit auf der Entfaltung der anderen beruht und umgekehrt: In den Commons sind das Interesse des Einzelnen und das gemeinsame Interesse nicht voneinander geschieden.

Commoning ist – wie der Kapitalismus – mehr als eine Produktionsweise oder eine Form der Regulierung. Gemeinschaften ist auch kein Relikt der Vergangenheit, sondern erfreut sich bester Gesundheit. Es gelingt sowohl in lokalen Gemeinschaften als auch in globalen, digitalen Netzwerken. Die Herausforderung ist nun, die Idee der Commons zu verallgemeinern und sie für die ganze Gesellschaft zu denken. Das ermöglicht uns, die Begrenzungen des dualistischen Denkens zu überwinden, das der Komplexität des Lebens nicht gerecht wird. Es genügt nicht, die Welt einzuteilen in öffentlich oder privat, Staat oder Markt, Natur oder Kultur, Objekt/Körper oder Subjekt, Mann oder Frau. Es gibt immer Wesentliches jenseits dieser Dualismen.

Wenn wir von Commons reden, reden wir nicht nur über Grundbedürfnisse, sondern auch darüber, wie das moderne Leben gemeinsam (re-)produziert werden kann. Es macht Mut zu sehen, wie neue Technologien uns erlauben, die Energieproduktion – basierend auf erneuerbaren Energien – ebenso in die eigenen Hände zu nehmen; so wie auch moderne Informations- und Telekommunikationstechnologien neue Erfahrungen des Commoning ermöglichen. Hier sind die Werkzeuge, mit denen gemeinschaftlich, peer-to-peer, hergestellt werden kann, was wir brauchen: Strom, freie Software, Entwürfe, Heilmittel und vieles mehr. Auch Freie Medien (in vielen Ländern vor allem kommunitäre Radiosender), das Aufkommen des Copyleft und die Erfahrungen der Selbstorganisation im digitalen Raum sind beispielhaft für ein Paradigma, in dem das, was von allen produziert wird, auch von allen genutzt werden kann und für alle zugänglich ist. Diese Werkzeuge und die damit verbundenen neuen Formen der Kooperation haben das Potenzial, die Macht- und Produktionsverhältnisse zu transformieren und Reichtum anders zu verteilen. Es liegt an uns, dieses Potenzial zu nutzen!

Doch dafür ist es nötig, die allgegenwärtige Präsenz des Privateigentums kritisch zu hinterfragen. In den Commons gibt es viele verschiedene Eigentumsformen, denn wenn wir von Commons reden, reden wir nicht über “Niemandsland”, sondern vielmehr über Räume und Ressourcen, die von den Nutzern selbst kontrolliert werden. Entsprechend ist auch die Wirkung “Geistiger Eigentumsrechte” auf den Prüfstand zu stellen, wie sie sowohl im Copyright als auch im Patentwesen verkörpert sind. In zunehmendem Maße werden selbst die Früchte öffentlicher Forschung patentiert. Daher sollten die Gesellschaft und die wissenschaftliche Gemeinschaft, deren Forschung mit unserem Steuermitteln finanziert wird, immer wieder betonen, dass wissenschaftliches Wissen Teil der Commons ist, Teil unseres gemeinsamen Erbes. Es sollte daher für alle zugänglich sein. Wissenschaft, die öffentlich getragen oder öffentlich finanziert ist, muss öffentlich bleiben.

Forschung im Sinne des Gemeinwohls führt auch zu einer anderen Art, Wissenschaft zu betreiben. Sie stellt nicht die Lösung technologischer oder wissenschaftlicher Probleme oder die Kontrolle von Prozessen in den Mittelpunkt, sondern Fragen wie: Wie können wir in Harmonie mit der Natur, mit anderen und mit uns selbst leben? Auch das Wissen unserer Vorfahren, Teil des Kulturellen Erbes der Menschheit, darf nicht marginalisiert werden. Es dreht sich um das “bewusste” und “gute” Leben, das einer anderen Zielsetzung und Logik verpflichtet ist, als jener, die die Kommerzialisierung der Natur mit sich bringt. Soziale Organisationen, insbesondere der traditionellen Völker und Gemeinschaften sowie Kleinbauernorganisationen, müssen ein integraler Bestandteil der Kontrolle über Territorien, des Monitorings von Regeln und der Nutzung neuer Technologien sein, und zwar unabhängig von den staatlichen Institutionen.

Commons sind zukunftsfähig und nicht rückwärtsgewandt. Doch die Zukunft ist kein Ort, auf den wir einfach zugehen, sondern einer, den wir erst erschaffen. Zukunftsfähige Wege finden wir nicht, wir bauen und gestalten sie. Und dieses Gestalten verändert sowohl jene, die mittun, als auch unsere gemeinsame Zukunft.

[als pdf]

27 Gedanken zu „Schluss mit B.A.U.: Eine andere Zukunft ist möglich

  1. Mag mich jemand aufklären, wie das mit den Völkern gemeint ist? Ich meine: was legitimiert die beim People’s Summit Versammelten im Namen von Völkern zu sprechen?

      • Der „Gipfel der Völker“ ist eine Versammlung autorisierter Vertreter indigener Völker? Außer den Titel hatte ich bisher nichts entdeckt, aus dem das hervorgeht. Aus der Perspektive Indigener Völker, die ihre „Mensch-Natur-Beziehungen“ auf gemeineigentümlicher Grundlage (= auf Basis gemeinsamer Verantwortung) organisieren und sich dabei als „Eins mit der natürlichen Mitwelt“ (= ihren unmittelbaren (Re-)Produktionsbedingungen) verstehen, bedeutet Kapitalismus gewiss in vielen Aspekten ein „Außen“ und es geht auch um die Abwehr weiterer Kolonisierung ihres Landes. Allerdings hängt der Schutz ihrer (Re-)Produktionsbedingungen wesentlich auch von den Kräfteverhältnissen innerhalb der kapitalistischen Welt ab. Meine Sorge ist, dass eine pauschale Fronstellung gegen „die“ Green Economy die Kräfte der diesbezüglichen Vernunft schwächt,.

        Wenn die Regierung Brasiliens die weitere Kolonisierung des Amazonaswaldes mittels Monsterstaudämme und Agroindustrie dem Label „Green Economy“ verpasst, so ist es verständlich, wenn davon direkt Betroffene sich gegen „die“ Green Economy wenden. Es stellt sich für mich aber die Frage, ob dies dem Kalkül der „Investoren des Todes“ nicht am Ende entspricht, wenn ihnen die Berechtigung dieses „grünen Labels“ nicht streitig gemacht wird. (Mit wäre allerdings auch „Common Green Economy“ lieber, lieber auch als z.B. Green & Fair, weil fair immer auch ein Kräfteungleichgewicht und Gönnerhaftigkeit impliziert)

        Hier mal eine Erklärung der Organisationen indigener Völker des Amazonasbeckens.

        http://indigene.de/fileadmin/indigene/dokumente/Mandat_Manaus_2011.pdf
        Siehe auch: http://indigene.de/manaus.html?&L=1#c375

        Rätsel gibt mir allerdings diese Passage auf:

        „Schluss mit der Entmündigung der Welt durch Mächte, die bestimmen, wie viel, wie und wann Emissionen
        reduziert werden sollen.“

        Gruß hh

    • Ach herrjeh, Entschuldigung. Das habe ich völlig falsch verstanden. Ich dachte es ginge um die Nennung des Wortes „Völker“ in einem der Texte, nicht um den Titel des Gipfel. Also der heißt vermutlich so, weil man sich nicht nationalstaatlich definiert und aber trotzdem sagen will, dass Menschen aus aller Welt dabei sind.
      Die Diskussion, wer bei solchen Anlässen in wessen Namen spricht, gibt es natürlich immer … daher auch die ganze Vielstimmigkeit (manche nennen es Chaos) und die Zähigkeit von Prozessen.
      Zur Green Economy – bes. auch zum Beitrag von Jörg – später mal mehr. Wir haben leider kein Internet auf dem Zimmer und hier auf der Treppe gibt’s keinen Strom.😦

  2. „Kapitalismus ist mehr als eine Produktionsweise. Die kapitalistische Logik strahlt aus auf die gesamte Gesellschaft. Sie prägt Institutionen, bestimmt die Machtverhältnisse und geht durch uns selbst hindurch. Sie kolonialisiert unser Denken und besetzt unser Land.“

    Der hier konstruierte Gegensatz von Kapitalismus und Gesellschaft ist m.E. illusionär. Kapitalismus ist in der Tat mehr als eine Produktionsweise. Kapitalismus IST die Gesellschaft, d.h. die historische Formation der derzeitigen Gesellschaft (zum Beispiel als Weltgesellschaft) Das auf der Grundlage privateigentümlicher Produktions-/Aneignungsverhältnisse bzw. -gegensätze funktionierende Füreinander (das, weil es privateigentümlich organisiert ist, der administrativen Regulierung bzw. „Friedensstiftung/Zivilisierung“ mittels nationaler und auch zunehmend internationaler Staatsgewalten bedarf) strahlt nicht auf die Gesellschaft aus sondern IST die (Welt-)Gesellschaft und zwar inklusive dessen, was hier als „unser“ (?) Denken und „unser“ (?) Land illusioniert wird.

    Wer soll dieses „unser“ sein? Vielleicht ist damit die utopische Antizipation einer anzustrebenden, also künftigen Weltgesellschaft gemeint, mit deren Hilfe sich die sie bildenden Subjekte (Menschen und deren Institutionen) in die Lage versetzen, ihr Füreinander als ein weltgemeinschaftliches Miteinander (auf Basis einer gemeineigentümlichen Organisation von Produktion und Konsum, eines welrgemeinschaftlichen Nachhaltigkeitsmanagement) zu regeln und dass ihnen deshalb auch hinreichend ökolgische Rationalität erlaubt. Da wäre ich ja dabei. Das wird aber kaum gelingen, wenn an der Illusion festgehalten wird, dahin strebende menschliche „Produktivkräfte“ seien lediglich innnerhalb – vorgesellter – kleinen Commons-Inseln von Bedeutung.

    Tatsächliche Kolonisierung – wieder auch von Land – und damit einher gehende Privatisierungsabsichten und -tatsachen insbesondere im Hinblick auf noch vorhandene, regional begrenzten Reste eines auf Gemeindeland bzw. gemeinsame Waldnutzung und -entwicklung (gemeinschaftliche Entwicklung und Anwendung der Produktionsmittel) basierenden Für- und Miteinanders, wie derzeit mit Brasiliens Staudammprojekte im Amazonas geschieht und mit der Art, wie in einigen Gegenden Mexikos Windkraftparks durchgesetzt werden, gehören in den Fokus. Zum Beispiel im Hinblick auf das, was die Gates-Stiftung in Sachen Industrialisierng der Landwirtschaft vorhat, (die im Übrigen gerade auch Kleinbauern im Visier haben) Hier ist auch Solidarität mit den bedrängten zu organisieren. Aber gewiss nicht in einer romantisierenden Art und Weise, die die Welt der Warenproduktion, innerhalb derer eben auch verschiedene soziale (Produktiv-)Kräfte wirken, unisono als Feindesland erklärt.

    Progressiven Bewegungen geht es darum, sich von dieser Kolonialisierung zu emanzipieren und alle Herrschaftsformen über Andere zu beenden. Dafür müssen die Fundamente der Modernität infrage gestellt werden. Wir müssen unsere Geisteshaltung und die dominierenden mentalen Infrastrukturen erschüttern. Damit dies gelingt, müssen wir selbst uns ändern, denn kommerzielle Institutionen und Logiken werden von konkreten Menschen reproduziert. Sie sind es, die die gegenwärtigen Strukturen erhalten.

    Die Fundamente der Moderne in Frage stellen? Ja, gerne. Aber das MUSS mit einem öffentlichen, ehrlichen und um diesbezgliche Aufklärung bemühten Nachdenken darüber einhergehen, wie verhindert werden kann, dass sich dabei reaktioäre, antimodernistische Dispositive zu gesellschaftlichem Horror entwickeln. Ich erinnere daran, dass die sich auf „indigene“ Vorstellungen beziehenden Postulate eines „Guten Lebens“ (von denen viele irrtümlicherweise glauben, dass sie der Perspektive eines nachhaltig guten Lebens aller überlegen sind) in einigen links regierten Ölförderländern Lalenamerikas derzeit vor der schwierigen Aufgabe stehen, wie sie mit der nach „indigenen Recht“ praktizierten Lynchjustiz umgehen.

    Was die – natürlich durch und durch bürgerliche – Vorstellung angeht, es müsse der Menschheit einfach nur eine richtige Geisteshaltung beigebracht werden, so kann ich nur immer wieder empfehlen, mehr Marxlektüre zu wagen.

    Zum Beispiel dies

    http://oekohumanismus.wordpress.com/about/marx-uber-marerielle-lebensverhaltnisse-und-darin-wurzelnde-rechtsauffassungen-sein-und-bewusstsein-und-produktionsverhaltnisse-sprengende-produktivkraftverhaltnisse-und-entwicklung-von-produktivkra/

    … oder auch das:

    http://oekohumanismus.wordpress.com/damit-die-entfremdung-eine-unertragliche-macht-wird/

    Gruß hh

    • Um nicht missverstanden zu werden. Ich finde es natürlich gut, die Commons-Perspektive in Rio bzw. im Rio-Kontext zu thematisieren. Und ich habe erst recht nichts dagegen, das Prinzp der gemeinsamen Verantwortung für die (Nachhaltigkeit der) Voraussetzungen, Zwecke und Nebenwirkungen des menschlichen Produzierens auch im Hinblick auf die globalen Herausforderungen (Erhalt der Klimastabilität, der Biodiversität, Ernährungssouveränität usw.) ins Visier zu nehmen. Ja, es ist höchste Zeit, auch ein gloabes Commoning als Problemlösungswege ins Spiel zu bringen – gerade weil in historisch gesehen unglaublich kurzen Zeiträumen sehr grundlegende Umwälzungen von Nöten sind.

      „Die Herausforderung ist nun, die Idee der Commons zu verallgemeinern und sie für die ganze Gesellschaft zu denken.“

      Ja, wunderbar, doch ich habe den Eindruck, dass die folgenden Empfehlungen selbst noch etwas mehr beherzigt werden könnten.

      „Das ermöglicht uns, die Begrenzungen des dualistischen Denkens zu überwinden, das der Komplexität des Lebens nicht gerecht wird. Es genügt nicht, die Welt einzuteilen in öffentlich oder privat, Staat oder Markt, Natur oder Kultur, Objekt/Körper oder Subjekt, Mann oder Frau. Es gibt immer Wesentliches jenseits dieser Dualismen.“

      Heißt: Auch innerhalb der auf Konkurrenz privateigentümlicher Plusmacherinstitutionen und -zwänge aufgebauten Warenproduktion bzw. deren staatliche Ermöglichung/Zivilisierung entwickeln sich gesellschaftliche Potenziale (Produktivkräfte), die – unter Umständen – gemeinsame (globale) Verantwortung möglich machen.

      Marx etwa sieht im Widerspruch zwischen dem (welt-)gesellschaftlichen Charakter der kapitalistischen Produktion und der privateigentümlichen Form der Aneignung der Produktionsergebnisse den – am Ende aufzuhebenden – wesentlichen Knackpunkt kapitalistisch formartierter Gesellschaften. Aber das schließt halt auch die Erkenntnis ein, dass das Gesellschaftliche auch im Privaten (das gesellschaftliche auch im privaten Selbst) schon angelegt ist und es am Ende wesentlich darauf ankommt, die Produktionszwecke, -mengen, -orte, -methoden oder -zeiten (mitsamt dessen, was die Nachhaltigkeit des gesellschaftlichen Gewinns ermöglicht) tatsächlich auch als Gesellschaft (je nachdem regionale, lokale oder globale Gesellschaft oder eine Mischung) mitbestimmen zu können (was entsprechende – d.h. moderne, nicht repressive oder illusionäre – Vergemeinschaftungsprozesse erfordert. Da sind z.B. Ökosteuern, Ökoaudit oder auch das EEG usw. schon Dinge, die in die richtige Richtung gehen.

    • Oh ja, Kapitalismus IST die Gesellschaft in der wir leben. Da bin ich völlig einverstanden. In dieser Weise könnten wir jetzt jede Formulierung durchgehen, sie weiterdiskutieren und immer wieder neue Textfassungen entwickeln, die immer nur work in progress bleiben werden…
      Lassen wir einfach mal so stehen, dass eine sehr internationale Gruppe diesen Text in die Debatten zum People’s Summit in Rio gibt und damit ein paar Punkte macht, die noch gar nicht richtig angekommen sind. Z.B. dass es eben darum gehen muss, Commons auch als Produktionsweise zu verstehen, die Idee zu verallgemeinern. Meist werden -das schrieb ich schonmal irgendwo – Commons als zu verteidigende Güter verstanden. Und nächste Woche sind wir schon wieder an einem anderen Punkt.

      „Das wird aber kaum gelingen, wenn an der Illusion festgehalten wird, dahin strebende menschliche “Produktivkräfte” seien lediglich innnerhalb – vorgesellter – kleinen Commons-Inseln von Bedeutung.“

      Woher die Idee kommt, es ginge „lediglich“ um Inseln, verstehe ich nicht. Aber es unterstellt sich immer sehr flugs. Der beste Umgang damit ist weiterzusuchen, zu diskutieren, zu denken, zu produzieren… (oder auch die Lektüre des neuen Commonsbuches zu empfehlen :-))

      Was mich aber wirklich ärgert ist dies hier:

      „Ich erinnere daran, dass die sich auf “indigene” Vorstellungen beziehenden Postulate eines “Guten Lebens” (von denen viele irrtümlicherweise glauben, dass sie der Perspektive eines nachhaltig guten Lebens aller überlegen sind) in einigen links regierten Ölförderländern Lalenamerikas derzeit vor der schwierigen Aufgabe stehen, wie sie mit der nach “indigenen Recht” praktizierten Lynchjustiz umgehen.

      Das scheint mir – diplomatisch gesagt – eine sehr verkürzte Vorstellung vom „Indigenen“. So wie man gern „das Jüdische“ oder „das Wilde“ oder „das Islamische“ in Sippenhaft nimmt. Es sind genau die indigenen Bewegungen (und viele andere natürlich), die sich den Extraktivismusstrategien der (auch linken) Regierungen in Lateinamerika entgegenstellen (Lesetipp: ein paar Nummern ILA) – und dafür im übrigen immer wieder ihr Leben lassen. Und – gleich mit Blick auf die Grüne Ökonomie – das geht in der Green Economy munter weiter. Die meint ja nicht NUR mehr Ressourceneffizienz oder Internalisierung von Kosten, sondern v.a. auch das Umsteigen auf Biomasse … und das bringt nicht unbedingt weniger Ressourcendruck und Nutzungskonflikte, sondern eher noch mehr.
      Was aber die (welche?) Fälle der nach „indigenem Recht“ (welches Recht?) praktizierten Lynchjustiz damit zu tun haben, dass wir für Commons weltweit streiten, verstehe ich nicht. Überhaupt nicht.
      Das heißt doch nicht, dass man alle Menschenrechtsstandard aufgibt oder plötzlich alles toll findet, wo „Gemeinschaft“ oder „indigen“ draufsteht.

      • Was mich aber wirklich ärgert ist dies hier:

        “Ich erinnere daran, dass die sich auf “indigene” Vorstellungen beziehenden Postulate eines “Guten Lebens” (von denen viele irrtümlicherweise glauben, dass sie der Perspektive eines nachhaltig guten Lebens aller überlegen sind) in einigen links regierten Ölförderländern Lateinamerikas derzeit vor der schwierigen Aufgabe stehen, wie sie mit der nach “indigenen Recht” praktizierten Lynchjustiz umgehen.“

        Das scheint mir – diplomatisch gesagt – eine sehr verkürzte Vorstellung vom “Indigenen”. So wie man gern “das Jüdische” oder “das Wilde” oder “das Islamische” in Sippenhaft nimmt.

        Heißt: dein Ärger beruht auf Missverständnisse. Du hast etwas in meinen Einwand hinein interpretiert, das mit dem, was ich tatsächlich geschrieben habe, gar nichts zu tun hat. Denn ich „reduziere“ da nichts und niemand, und schon gar nicht lässt sich meinem Text Anklänge einer dem Antisemitismus analogen „Sippenhaft“ entnehmen. (Ich würde beim Antisemitismus wie allerdings auch beim Exotismus eher von „Projektionen“ zur Bewältigung innerer Nöte sprechen). Es ist halt nur so, dass ich öffentliche Aufrufe, die Grundfesten der Moderne in Frage zu stellen, gern an Bedingungen geknüpft sehen würde..

        Mein Einwand war:

        „Die Grundfesten der Moderne in Frage stellen? Ja, gerne. Aber das MUSS mit einem öffentlichen, ehrlichen und um diesbezügliche Aufklärung bemühten Nachdenken darüber einhergehen, wie verhindert werden kann, dass sich dabei reaktioäre, antimodernistische Dispositive zu gesellschaftlichem Horror entwickeln.“

        Ich wäre ja der Letzte, der gegen Gemeinschaften als gesellschaftliche Basis wäre. Im Ggenteil: Ich denke auch, dass es höchste Zeit ist, der von der Soziologie des 20. Jahrhunderts in Anlehnung an Weber und Tönnies propagierte Unterteilung in eine „freiheitliche“ Vergesellschaftung gegenüber der „reaktionären, ilusionären, manipulativen, traditionalen, mental gesteuerten“ Vergemeinschaftung zu überwinden. Die menschlichen Produktivkträfte sind heute weit genug entwickelt, dass sie nach modernen, freiheitlichen, rationalen Vergemeinschaftungsprozessen verlangen.

        Aber das schließt auch die Reflexion historischer Erfahrungen ein, die immer wieder neu fragen lassen, wie verhindert werden kann, dass aus einem Gutgemeint ein Schlechtgelaufen wird.

      • Die Vorstellung, dass „die“ Green Economy etwas ein für allemal Fixiertes „meint“ unterstellt eine geschlossen auftretende unheimliche Macht. So dämonisiert man alle Bemühungen einer sozialen Steuerung auf Basis der gegebenen Verhältnisse (weitgehend nationalstaatlich regulierte Warenproduktion), statt sich mit den durchaus unterschiedlichen Beweggründen, Instrumenten und möglichen historischen Verlaufsformen (Chancen, Gefahren usw.) diffenrenziert auseinanderzusetzen.

        Wo Kapitalismus nicht als Entwicklungsstadium begriffen wird, das aus sich selbst heraus Dispositive seiner eigenen Überwinduung hervorbringt (die es aufzugreifen und weiter zu treiben gilt), herrschen oft Delegitiomationsabsichten vor, und verdichten sich zur Ideologie, die dann alle Wahrnehmung filtert. Dabei bleibt nicht selten – ganz ungewiollt – die notwendige wissenschaftliche Unvoreingenommenheit auf der Strecke. Es wächst auch die Gefahr sozialer Nieschenbildung mittels eines illusionären Desparatismus mit manipulativer Feindbild(re)produktion. Und das kann nicht nachhaltig sein.

        Man trägt so ungewollt zur Reproduktion der gegebenen Kräfteverhältnisse bei (die bekanntlich immer noch von der „braunen Ökonomie“ bestimmt sind) statt auf sie einzuwirken, d.h. dazu beizutragen, dass die sich in Richtung eines weltgemeinschaftlichen Nachhaltigkeitsmanagements bewegen.

        Wenn etwa mit der notwendigen Verbreitung „ökologischer“ Technologie Menschenrechtsverletzungen verbunden sind (was im Übrigen den nicht verwundern dürfte, der schon etwas länger bemüht ist, „Produktivkräfte“ und „Produktionsverhältnisse“ auseinanderzuhalten und die grünen Technologien nicht mit „Dezentralismus“ und diesen nicht mit „Menschenfreundlichkeit“ bzw. „Mitmenschlichkeit“ zu verwechseln), so wäre es natürlich angebracht, eine möglichst große Zahl von Apologenten der „Green Economy“ für Solidaritätsmaßnahmen zugunsten derer zu gewinnen, die von den Menschenrechtsverletzungen betroffenen sind bzw. dafür, sich für eine stärkere Einbeziehung von Menschenrechten in die Instrumente einer (in die Perspektive der nachhaltigen Entwicklung eingebetteten) „Green Economy“ einzusetzen. Wer aber stattdessen meint, es wäre eine gute Idee, diese Menschenrechtsverletzungen lediglich als letzten Beweis dafür zu nutzen, dass „die Green Economy“ des kapitalistischen Teufels und deshalb komplett abzulehnen ist, der wird – ob absichtlich oder ungewollt – zum bloßen Ideologen und damit zum konservativen Element des Geschehens.

        Ich denke, dass wir uns daran einig sind, dass Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit der Verbreitung von Ökotechnologie möglichst effektiv zu bekämpfen (bzw. ihnen möglichst efektiv vorzubeugen) sind. Dass der Schutz gemeineigentümlich geprägter „indigener“ (Re-)Produktionsweisen ganz oben auf der Agenda jeder Bewegung stehen sollte, die sich der Entwicklung von Verhältnissen verpflichtet fühlt, die allen Menschen ein gutes Leben erlaubt, das nicht zugleich die Grundlagen eines guten Lebens aller untergräbt, steht für mich außer Frage. Aber das darf ebnen auch keine ideologische Spiegelfechterei bleiben.

        Schön, dass auf dem „Völkergipfel“ so viele Vertreter sozialer Bewegungen Brasiliens und insbesondere so viele Vertreter indigener Interessen anwesend waren. Dennoch bleibt allein der Titel eine Anmaßung, bleibt die Kopplung der Anmaßung, (für Völker zu sprechen) als Mittel der Ausgrenzung grenzwertig und die Frage, welche Verantwortung sich aus der Mobilisierung all dieser Kräfte gegen die Green Economy ergibt, noch unbeantwortet.

        Barbara Unmüßig hat auf der heutigen Auswertungsveranstaltung des Forums Umwelt & Entwicklung ihre Abneigung gegen „die“ Green Economy u.a. damit begründet, dass eine von „der“ Green Economy propagierte „In-Wert-Setzung von Natur“ bedeutet, dass damit Privateigentum an z.B.Wald geschaffen und somit das Recht zur Abholzung gefördert würde. Ich will nicht bestreiten, dass eine gründliche Analyse der Kräfteverhältnisse und der Gefahren z,B. von Waldfinanzierung über CO2 Emissonsrechtehandel von nöten ist und ich bin auch sicher, dass B.U. und die Böllstiftung sich darum noch einige Verdienste erwerben werden. Doch der unterstellte Automatismus ist eben keiner.

        Der prinzipielle Fortschritt ist, dass die Gesellschaft Grenzen der Ausbeutung von z.B. Wald festlegt und durchsetzt also z.B. dafür bezahlt, dass Wald anders als durch seine Zerstörung genutzt wird. Sicher müssen zugleich Naturschutzstandards durchgesetzt und verhindert werden, dass dabei soziale Bedürfnisse nicht mit Füßen getreten wird. Doch wer eine „In-Wert-Setzung von Natur“ bereits aus einem romantisierenden Naturverständnis ablehnt, blockiert nur sich selbst. Es wird dabei vergessen, dass gerade die ökonomische Wertlosigkeit von nicht nach Nachhaltigkeitsgrundsätzen bewirtschaftetem Wald zum Anreiz für Raubbau wird. Ökonomischer (Tausch-)Wert hat nicht die Bohne mit „Wertschätzung“ zu tun sondern mit den Aneignungsbedingungen, also gegenwärtig der freien der Konkurenz verschiedener Anbieter (Eigentmer/Pächter) und der Möglichkeit, um so mehr Produkte Gewinn bringend zu verkaufen, desto – ökonomisch – wertloser die benutzen Rohstoffe waren. (Es geht bei der Iökoogischen Preisgestaltung auch nicht wirklich um ökologische Wahrheiten sonder um ökologische Effekte).

        Interessant in diesem Zusammenhang dürfte übrigens die Forderung der Koordination der nationalen indigenen Organisaton des Amazonasbeckens COICA sein, den indigenen Organisation im Zusmamenhang mit REDD+ Geld zukommen zu lassen. Das sollte für die Commonsbewegung doch eine Herausforderung sein.

        http://www.klimabuendnis.org/fileadmin/inhalte/dokumente/MV2012/KB-Resolution_COICA_redd_2012_de.pdf

  3. Noch ein paar Nachfragen, die sich aus dem hier formulierten Anspruch „Commons STATT Green Economy“ ergeben

    1) Wie möchte die Commonsbewegung erreichen, dass die Gesellschaft „grundlegende soziale Dienste (Gesundheit, Bildung, Kultur)“ in Zukunft außerhalb von Erwerbsarbeit bzw. nicht mehr als bezahlte Dienstleistungen organisiert. Und wie möchte sie dafür sorgen, dass dabei die Qualität dieser Dienste nicht noch schlechter wird bzw. verbessert werden kann.Und wie will sie dafr sorgen, dass die Dienstleister ohne Lohnarbeit nachhaltig gut leben können und dass das gut Gemeinte nicht urplötzlich zur noch größeren Ausbeutung führt – etwa mittels eines reaktionrären „zurück zum Faliienmütterchenmodell“?

    2) Wie möchte die Commensbewegung die Green Economy besiegen und die Gesellschaft zugleich befähigen, bei der Reduktion von Treibhausgasemissionen hinreichend erfolgreich zu sein – vor dem Hintergrund, dass selbst das „2-Grad-Ziel“ noch mit einer Wahrscheinlichkeit einer nicht mehr beherrschbaren Klimasause von 30 % rechnet (was ich für eine recht optimistische Einschätzung halte, die mehr mit politischer Opporunität zu tun hat als mit dem tatsächlichen Gefahrenpotenzial)?

    Gruß hh

  4. Danke hh, schöne Kommentierung des Artikels. Mich spricht insbesondere die zweite „Nachfrage“ an, da sie mich täglich umtreibt: „Wie möchte die Commensbewegung die Green Economy besiegen und die Gesellschaft zugleich befähigen, bei der Reduktion von Treibhausgasemissionen hinreichend erfolgreich zu sein?“.
    Es ist m.E. ein gravierender Fehler, commons in Opposition zur Green Economy zu sehen. Für mich sind sie ein wichtiges, vielleicht zentrales Element einer Green Economy. Aber eben auch nicht das einzige. Wenn wir mit hh davon ausgehen, dass Kapitalismus die historische Formation der derzeitigen Gesellschaft IST, dann muss eine Strategie zur Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels dies in Rechnung stellen und für die Transformation die Antriebskräfte des modernen Kapitalismus nutzen. Ohne finanzielle Anreize wie es z.B. das EEG geschaffen hat und die eine Profitabilität von Investitionen sichern, würde bis heute keine Windturbinen und PV-Anlagen in D stehen. Und gerade in Sachen PV hat D vermutlich einen signifikanten Anteil an der bemerkenswerten Kostensenkung diese Technologie in den letzten 10 Jahren – eines der Hoffnungszeichen.
    In Summe: Die Green Economy als Transformation der heutigen historischen Formation des Kapitalismus ist m.E. ein historische Notwendigkeit und muss m.E. eine Stärkung des Commoning einschliessen.
    Herzlich

    JH

    • Ich halte das für ein Mißverständnis. Mehr Commons bewirken automatisch weniger Kapitalismus, da mehr Commons die Abhängigkeit der Menschen von der kapitalistischen Marktwirtschaft reduzieren. Die Commonsbewegung muss weder die Green Economy noch den Kapitalismus besiegen. Sie stehen auch in keiner Opposition dazu. Je mehr die Commons sich behaupten und ausbreiten, desto mehr wird die Green Economy mitsamt dem restlichen Kapitalismus und seinen Triebfedern irrelevant.
      Menschen, die es schaffen, ihre Lebensgrundlagen kooperativ und an der kapitalistischen Marktlogik vorbei zu schaffen und auch ihre kulturellen und sozialen Bedürfnisse außerhalb des Konsumzwangs zu stillen, denen kann der Markt mit seiner suizidalen Logik im Mondschein begegnen. Der Markt lebt von den Konsumenten, Wenn diese ausbleiben, vertrocknet er.
      Green Economy kann kein Problem lösen, solange sie auf einer Wachstums- und Konsumlogik basiert. Sie verzögert höchstens die Timeline zum Kollaps. Ihre Gefahr liegt darin, dass sie uns einlullt und das eigentliche Problem verschleiert. Green Economy ist wie eine Gewichtsreduktion durch gesunde Bionahrung: Je mehr, desto gesünder. Statt schlank wird man zur Biotonne, denn die Illusion des gesunden Konsums enthemmt. Technisch betrachtet ist nichts gegen Green Economy einzuwenden. Natürlich ist es besser, ein Windrad statt einem Atomkraftwerk zu bauen. Aber es lohnt sich nicht, seine Kreativität für eine solche Perspektive zu engagieren, denn am Ende wird die Logik der Märkte auch den grünen Ökonomen dazu zwingen, zunächst seine Kosten durch Produktion in Billiglohnländern zu reduzieren und schliesslich durch neue Produkte zu wachsen. Natürlich nicht aus Überzeugung, sondern um Arbeitsplätze zu sichern. Es ist nur eine Frage der Zeit.
      Aber an Wirtschaftswachstum zu glauben ist wie an Krebs zu glauben. Green Economy ist ein bisschen wie ein langsam wachsender Hirntumor statt einem aggressiven Bauchspeicheldrüsenkrebs. Mag sein, dass grünes Pigment hilft, das tödliche Wachstum zu bremsen. Was mich interessiert ist aber die Heilung.

      • „Natürlich ist es besser, ein Windrad statt einem Atomkraftwerk zu bauen. Aber es lohnt sich nicht, seine Kreativität für eine solche Perspektive zu engagieren, …“
        Jakob, es ist nicht einfach „besser“, es ist eine Existenzfrage für die Menschheit. Die bisherige fossile, Infrastruktur muss in historisch sehr kurzen Zeiträumen von wenigen Dekaden auf eine hocheffiziente, auf Erneuerbaren beruhende Infrastruktur umgestellt werden. Das sind neue/andere Gebäude (Passivhäuser), andere Transportsysteme, andere industrielle Prozesse, andere Energieerzeugung, -verteilung und -nutzung. Das erfordert sehr große Investitionen. Bitte nehme mal einen individuellen CO2-Rechner zur Hand und schau nach was Du durch Verhaltensänderungen erreichen kannst. Da kommst Du vielleicht auf -20% wenn Du nicht ganz asketisch bist. Wir brauchen aber -100% innerhalb sehr kurzer Frist. Wie solche Investitionen zu erreichen sind ohne eine „Green Economy“ bleibt für mich schleierhaft.

      • @Jörg: Bitte nehme mal einen individuellen CO2-Rechner zur Hand und schau nach was Du durch Verhaltensänderungen erreichen kannst.

        Vielleicht sollte ich nicht gegen Green Economy argumentieren, aber ich glaube einfach nicht daran. Vor über 30 Jahren fuhr ich mit einem kleinen R4 nach Portugal. Der Spritverbrauch lag bei unter 5 Liter und wir hatten einen riesigen Spass an der Reise. Heute, nach Jahrzehnten der Forschung, verbrauchen fast alle Autos mehr Treibstoff und nicht weniger. Warum? Weil die Marktwirtschaft nicht imstande ist, irgend etwas zu schrumpfen. Nicht einmal den Energieverbrauch, nichts. Markt will wachsen. Mehr! Mehr! Mehr!

        Wenn Du eine Reduktion in kürzester Zeit willst, dann schalte einfach jegliche kommerzielle Werbung ab. Wir verbrauchen ja allein für deren Herstellung und Transport (von der Postwurfsendung bis zum Kinowerbefilm) gefühlte 20 % unserer Energie und mindestens soviel unserer Lebenszeit, den ganzen Mist zu verdauen und zu entsorgen. Das Schlimmste aber ist, dass die Marktwirtschaft die permanente Erzeugung bisher gar nicht existierender Bedürfnisse existenziell benötigt und für diesen Betriebsstoff eine ganze Werbeindustrie beschäftigen muss.

        Es gibt keinen Quadratmeter öffentlicher Fläche in Städten mehr, der nicht durch grelle Konsumstimulantien penetriert wäre. Alles wird davon dominiert: Bahnhöfe, Stadtzentren, Fernsehen, Radio, U-Bahn-Haltestellen, Museen … alles. Und dabei geht es längst nicht mehr darum, die Vorzüge eines Produkts gegenüber einem anderen hervorzuheben. Es geht darum bisher nicht existente Bedürfnisse zu wecken. Das große M über dem Autobahnhimmel stimuliert unsere Bauchspeicheldrüse, als seinen wir ein Pawlow’scher Hund. Es zwingt uns reflexartige in die Drive-Through-Lane, obwohl wir längst übergewichtig sind und obwohl eigentlich kein Mensch Appetit auf Ketchup-durchweichte Weißbrotpampe mit fetttriefendem Fleischkloß hat.

        Ich sehe in den Commons keine Alternative zur Green Economy. Das ist kein anderes Wirtschaften im selben Markt. Commons müssen die Marktwirtschaft nicht besiegen, aber sie machen große Teile des menschlichen Lebens vom Markt unabhängig (im Gegensatz zu ABHÄNGIG!).

        Wikipedia ist kein Business. Wikipedia muss keine Werbung für sich machen, denn die Menschen suchen sie, weil sie ein Bedürfnis nach Wissen stillt und weil es Spaß macht, daran zu partizipieren. Neben der Wikipedia gibt es dafür zahllose Beispiele und die benötigen Schutz und Förderung.

        Das Problem ist doch nicht, dass die Commons die Green Economy bedrohen. Das Problem ist, dass ein wachtumssüchtiges globales Marktmonstrum versucht sich jede menschliche Aktivität einzuverleiben – vom Zutritt zu einer öffentlichen Toilette (mittlerweile wird 1 Euro normal, um den Hochsicherheitstrakt betreten zu dürfen), über den Zugang zum Internet (5 Euro pro Stunde im ICE), bis hin zur Patentierung von Saatgut und der Kommerzialisierung des Zugangs zuTrinkwasser, was ja im Grunde einer Versklavung der gesamten Menschheit nahe kommt.

        Gerade hat mir ein Kollege erzählt, wie Passanten in Neapel ihn von sich aus angesprochen und zu seinem Ziel begleitet haben, als er sich verlaufen hatte. Wir entwickeln uns in die entgegengesetzte Richtung: Wir proklamieren die Ortskenntnis zum geistigen Eigentum und verlangen Geld für einen Blick auf den Stadtplan.

        Den Beitrag der Commonsbewegung sehe ich darin, diesen Prozess zu stoppen und umzukehren. Dem Menschen wieder die Herrschaft über sein eigenes Leben und seine eigenen Bedürfnisse zurückzugeben und der fatalen Logik der globalen, kapitalistischen Marktwirtschaft zu entreissen. Denn an dieser Abhängigkeit ändert auch die Green Economy nichts.

        Staat und Politik, Wissenschaft und Technologie können diese Abhängigkeit nicht lösen. Wir selbst sind am Zug.

      • Mehr Commons bewirken automatisch weniger Kapitalismus

        Es geht aber nicht einfach um weniger Kapitalismus sondern tatsächlich um die Überwindung wesentlicher Strukturelemente des gegenwärtigen Weltwirtschaftens, die mit dem alten Motto gegen die GATT-Runden der 1980er Jahre: „Handlungsfreiheit statt Handelsfreiheit“ plus dem zentralen Motto der Rioerklärung von 1992 „gemeinsame Verantwortung, bei unterschiedlichem Anteil“ gekennzeichnet werden könnte. Es geht um die Schaffung der der Möglichkeit, das globale Füreinander so zu organisieren, dass dies den Menschen und ihren Institutionen einen ökologisch rationalen Umgang mit den Grenzen des Wachstums erlaubt, mit starken diesbezüglichen Planungselementen auf Basis eines am Ende weltgemeinschaftlichen Nachhaltigkeitsmanaggements .

        Eine „nachhaltige Entwicklung“, die darauf zielt, dass weltweit alle gut leben können ohne das dies zugleich dem guten Leben aller die Grundlagen entzieht, ist eine äußerst anspruchsvolle Perspektive. Die Prinzipien und Praxien der „Commons“ dürften dabei eine große, womöglich einmal die zentrale Rolle spielen . Doch müssen die Prinzipen der gemeinsamen Verantwortung eben auch zu wesentlichen Strukturelementen des „normalen“ Weltwirtschafttens werden. Und das heißt nicht, wie ein altes Vorurteil meint, (das allerdings auch immer wieder gut bedient wird), dass man erst einmal darauf warten muss, bis „der Kapitalismus“ zusammenbricht, sondern durch die – zunehmend gezielte – Weiterentwicklung von Elementen, die – mehr oder minder freiwillig oder genötigt – in Richtung Verallgemeinerung der Wahrnehmung globaler Verantwortung gehen. Und das sind halt auch Elemente einer „grünen Ökonomie“ mit ihren Ökobilanzen, Umweltverträglichkeitsprüfungen und Versuchen einer sozialen Steuerung der Preisgestaltung. Das Setzen von Nachhaltigkeitszielen wie zum Beispiel Milleniums-Konsumziele, wie es für Rio angekündigt ist, ist ein notwendiger Schritt,. – auch zur Erenntnis, dass schwere Empörung gegen „den Wahstumswahn“ oder „die Gier“ in dem Maße verpuffen, wie tatsächliche Möglichkeiten fehlen, darüber ökologisch rational zu entscheiden, was wachsen und was schrumpfen soll.

        Das Setzen von Konsumzielen hat das Potenzial, große gesellschaftliche Aufregung (und deshalb auch Lernprozesse) zu provozieren – gerade weil dabei Interessensgegensätze und Abhängigkeitsverhältnisse in den Blick geraten, die sozial bzw. ökologisch rationalen Festlegungen im Wege stehen. Man denke etwa an eine ernsthafte Debatte, über Festlegungen darüber, wieviel Fleisch in welchen Zeiträumen und wo und mit welchen Methoden noch zur Verfügung stehen soll und wie nicht nur vereinzelte Einzelne sondern ganze Länder dafür sorgen, dass diese definierten Ziele auch wirklich erreicht werden.

        Dass man sich auch mit Biobroten ein Schwarte anessen kann, (besonders wenn die körpereigene Belohnungschemie immer dann lauter Glückshormone mobilisiert, wenn der Mensch es sich hinterher am Schreibtisch gut gehen lässt) halte ich für kein so gutes Argument. Weder gegen den Biolandbau oder gegen Schreibtischarbeit als solche. Da sind Überlegungehn, wie man den Konkurrenzvorteil von Raubbau kassiert, bevor die UN den Weltkommunismus beschließen schon interessanter.

        Ach, a pro Po GATT, weiß wer, wo derzeit – in einer welchen – Weise über eine ökologische Reform der WTO nachgedacht wird?

        Gruß hh

      • Notwendige Ergänzung/Korrektur:

        „… wie tatsächliche Möglichkeiten fehlen, darüber als Gesellschaft ökologisch rational zu entscheiden, was wachsen und was schrumpfen soll.

      • @hhirschel: Man muss nicht entscheiden, was schrumpfen soll. Man muss Alternativen zu Wachstum und Konsumsteigerung ermöglichen. Und zwar so schnell wie möglich.

        Übrigens ernähre ich mich hauptsächlich von Produkten aus ökologischem Anbau. Ich halte das aber nicht für eine Strategie zur Lösung meiner Gewichtsprobleme.

      • Hallo Jakob,
        ich hatte unter anderem folgendes eingewandt:

        „Es geht um die Schaffung der der Möglichkeit, das globale Füreinander so zu organisieren, dass dies den Menschen und ihren Institutionen einen ökologisch rationalen Umgang mit den Grenzen des Wachstums erlaubt, mit starken diesbezüglichen Planungselementen auf Basis eines am Ende weltgemeinschaftlichen Nachhaltigkeitsmanaggements. […]Das Setzen von Nachhaltigkeitszielen wie zum Beispiel Milleniums-Konsumziele, wie es für Rio angekündigt ist, ist ein notwendiger Schritt,. – auch zur Erenntnis, dass schwere Empörung gegen “den Wahstumswahn” oder “die Gier” in dem Maße verpuffen, wie tatsächliche Möglichkeiten fehlen, darüber ökologisch rational zu entscheiden, was wachsen und was schrumpfen soll.“

        Darauf hattest du u.a. folgendes geantwortet:

        „Man muss nicht entscheiden, was schrumpfen soll. Man muss Alternativen zu Wachstum und Konsumsteigerung ermöglichen. Und zwar so schnell wie möglich.“

        Diese Antwort verdeutlicht in meinen Augen den Verdiglichungseffekt, den unser kapitalistischer Alltag unwillkürlich als seinen zentralen idelogischen Reflex hervorbringt und der es so schwierig macht, über das kapitalistische Füereinander hinaus zu denken. Weil das privateigentümlich organisierte Füreinander eben nicht als Ganzes rational nachvollzogen, geschweige denn miteinander (d.h. als Weltgemeinschaft) (mit-)gestaltet werden kann, drückt sich Unbehagen über unangenehme Konsequenzen dieses wesentlichen Mangels der gegenwärtig vorherrschenden Vergesellschaftungsform durch einen Kampf gegen als „Dinge“ vorgesellte Erscheinungen wie „Wachstum“ oder „Konsumsteigerung“ aus.

        So bekommt die gesellschaftliche Auseinandersetzung einen quuasi religiösen Charakter oder besser. sie verharrt darin. Eine Alternative zur systematischen Missachtung sozialer bzw. ökologischer Grenzen der Ausbeutung verlangt aber nach der Schaffung (welt-)gesellschaftlichen Strukturen, die aus dem Elend der einkaufsparadiesischen Unschuld herausführen.

    • @Jakob: Die Transformation zu einer Green Economy erfolgt nicht quasi naturgesetzlich, sondern ist Ergebnis politischer Auseinandersetzungen, an der wir alle in unterschiedlicher Form (und sei es als Nicht-Konsument) teilhaben. Eine Green Economy braucht eine politische Setzung von Grenzen, eine Einhegung. Das ist mühsam, immer umkämpft, wir machen bei weitem nicht die Fortschritte die wir brauchen. Aber da wo die entsprechenden politischen Steuerungsinstrumente eingesetzt werden, zeigen sie auch Wirkung. Das EEG habe ich schon genannt.
      Um das Beispiel Deines 5l-Renault aufzugreifen: Damals war der Durchschnitt der Autos sicher nicht 5l sondern 10. Wie sich unter der Wirkung von politischen Instrumenten, Verbrauchsstandards, der CO2-Ausstoss in Europa deutlich nach unten entwickelt hat, findet sich z.B. in Abb 3.1 dieser Publikation: http://theicct.org/sites/default/files/publications/Pocketbook_LowRes_withNotes-1.pdf . Sie zeigt 2010 EU-weit noch einen Ausstoss von 142g/km – in 2020 ist der europäische Grenzwert 95g/km.
      Gleichzeitig werden neue Mobilitätsmodelle entwickelt – Autos werden zunehmend nicht mehr privat genutzt sondern zu „öffentlichen“ Verkehrsmitteln, zusammen mit Fahrrädern und ÖPNV (siehe die Bahn mit Call a bike und Flinkster etc., ähnliches machen BMW und smart).

      Das heisst, es lohnt sich um diese politischen Grenzensetzungen, aber auch Anreize und Steuerungsinstrumente zu kämpfen. Wenn die Werbung tatsächlich das zentrale Problem ist: wie wäre es mit einer zunehmenden Einschränkung von Werbung? Wir haben das für Tabak schon in gewissem Umfang erreicht. Heute sicherlich utopisch, aber das war die Finanztransaktionssteuer vor 10 Jahren auch und jetzt ist selbst die CSU dafür.

      • Präzisierung: die 95g CO2/km 2020 ist kein Grenzwert sondern ein Standard für die Flotte.

      • @Jörg Haas: Natürlich gibt es keine Transformation einer Gesellschaft ohne politischen Diskurs. Vor allem aber gibt es keinen Paradigmenwechsel in einer Gesellschaft, ohne eine Änderung im Blickwinkel der betroffenen Menschen.

        Was den R4 (Baujahr 1972) betrifft: Markt und technologischer Fortschritt haben es nicht geschafft in 40 (!) Jahren mehr zustande zu bringen, als bestenfalls den Flottenausstoß an CO2 um ein paar Prozentpunkte zu senken. Das hinterhältige an dieser Statistik ist ja, dass der pro 100 km Ausstoss an CO2 überhaupt nichts aussagt. Nicht nur, dass gleichzeitig mit dieser „technologischen Revolution“ die Anzahl der Automobile sich weltweit vervierfacht hat (und diese Entwicklung hat noch lange keine Sättigung erreicht), sondern darüber hinaus hat die durchschnittliche Fahrleistung mit 20.000 km pro Jahr ein Niveau erreicht, bei dem bei einer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von sagen wir 50 km/h jeder Bürger ungefähr 10 volle Arbeitswochen eingesperrt in einer lärmenden Blechbüchse verbringt. Zwischen Wohnung, Arbeitsplatz, Möbelhaus, Lebensmitteldiscounter und Fitnessstudio legt der durchschnittliche Deutsche jedes Jahr eine Reise zurück, die ihn um mehr als die halbe Welt führt.

        Allein durch den Verzicht auf das Automobil könnten wir also unseren Jahresurlaub verdreifachen, unser Gehalt monatlich um mindestens 500 Euro netto erhöhen und unseren Deutschland-weiten CO2-Ausstoß um mehr als 100.000.000.000 Kilogramm pro Jahr vermindern.

        Und warum tun wir das nicht? Nun, es ist eben verdammt anstrengend, einen 20 kg Sack Blumenerde und 5 Tontöpfe vom Gartenmarkt im Industriegebiet die 4 km nach hause zu tragen und einen Blumenladen nebenan gibt es nicht mehr. Außerdem ist es echt kuhl mit einem tiefergelegten Achtzylinder über die Autobahn zu röhren.

        Aber es wird noch schlimmer: Wo steht in diesem Taschenbuch eigentlich der ökologische Footprint, den die Produktion dieser Automobile erzeugt? Im Vergleich zu meinem alten R4, an dem ich absolut alles selber reparieren konnte, sind heutige Autos ja Wunderwerke der Spitzentechnologie. Allein die Kupferkabel, die zwischen elektrischen Fensterhebern, Bordcomputer und Zentralverriegelung, zwischen GPS, Klimaanlage, Heckscheiben- und Gesäßheizung verkabelt werden, sind ja drauf und dran die gesamten Kupfervorräte der Welt zu verbrauchen.

        Mein R4 hatte ein Leergewicht von 600 kg. Der Smart bringt es heute auf über 800 kg.

        Auch sein Spritverbrauch musste nicht durch Hightech gesenkt werden. Ich hatte nur ein paar Mark pro Woche für Benzin und damit war der Gesamtausstoß an CO2 auf ein erträgliches Maß limitiert🙂 .

        Natürlich plädiere ich nicht ernsthaft für eine Neuauflage des R4. Aber ich bin überzeugt, dass eine grüne Ökonomie ohne grundsätzliche Änderungen in der Verhaltensmotivation des Menschen hoffnungslos zum Scheitern verurteilt ist. Solange Ökonomie einem Wachstumszwang unterliegt, wird jede technologische Reduktion rasch durch genau dieses Wachtum kompensiert. Wir halbieren unseren Spritverbrauch und verdreifachen den Export von Automobilen.

        Commons-basierte Strategien haben den Vorteil, dass sie die Menschen als Akteure in die Suche nach Lösungen ihrer eigenen Probleme einbinden, dadurch eine viel höhere Akzeptanz schaffen und außerdem den Einzelnen nicht aus der Verantwortung für das Ganze entlassen.

        Denn wenn ein Commons scheitert, dann liegt es an uns. Nicht an der Politik oder an der Nervosität der Märkte.

        PS: Deinen politischen Vorstoß zum Abschalten der Werbung unterstütze ich Vorbehaltlos. Und das, obwohl meine halbe Familie mit Werbung ihr täglich Brot verdient.

    • Lieber Jörg, ich nehme an, wir befinden uns gerade in der gleichen Stadt. Ich habe mir gestern in Santa Cruz/Rio de Janeiro das neue Walzwerk von Thyssen Krupp (genauer TKCSA) von aussen angesehen und mit den Anwohnern geredet. Neuste Technik, wenn alle so Stahl produzieren würden wie hier, dann würden wir Abermillionen Tonnen CO2 einsparen usw. usf… Das sagt TKCSA.
      Ausserdem: DIE ARBEITSPLÄTZE.
      Die Bilanz draußen sieht anders aus: Die Bucht von Sepetiba ist kaum noch befischbar. 8000 Menschen haben hier von der Fischerei gelebt. Dagegen setzt TKCSA 2900 Arbeitsplätze, nur 250 davon für Menschen aus Santa Cruz. Ging alles sehr schnell.
      Aber: Das Wachstum stimmt. Erze aus Minas Gerais und Kohle aus Kolumbien, für Stahl, den eine Handvoll brasilianische Arbeiter produzieren, der nach Deutschland und die USA (fast ausschließliche exportiert wird) und den wir dann in Form der Endprodukte nach China schicken. Das ganze nennt sich „grün“, denn es ist grüner als die Anderen (einfach mal die Pressemitteilungen der TKCSA lesen.
      Die reden von Rio MAS 20, die Menschen draussen von Rio MENOS 20. Das nur mal so anektodisch.
      Es setzt ins Bild was Edenhofer sagt: Auch Green Economy heisst zunächst: NEUE NUTZUNGSKONFLIKTE um Gemeinressourcen. Und eben weniger Chancen, dass Commons als produktives Setting überhaupt ihr Potential entfalten können.

      Jörg, gerade Du weisst doch, dass es die Definition von Grüner Ökonomie, so wie Du sie im Kopf hast in diesem Verhandlungs-Hokus-Pokus gar nicht gibt. Macht es wirklich Sinn, so zu tun, als würde es vor allem um Einpreisung und Ökosteuern und mehr Effizienz gehen? Das tut es nicht. Und das weisst Du. Es geht um Wachstum und B.A.U. – business as usual, aber – und das ist fast noch meine größte Sorge: Auf einer anderen Ressourcenbasis (die wir „im Prinzip“ alle wollen)
      Die Böllstiftung gibt die deutsche Kurzfassung von Who Controls the Green Economy heraus. Von ETC-Group; kennst Du bestimmt. Und das ist eine gute Entscheidung. Denn wenn wir künftig alles auf „erneuerbare Ressourcen“ – nämlich Biomasse umstellen, weil wir heute technologisch ALLES auf Basis von lebendem CO2 produzieren können – Plastik, Sprit und Essen – dann haben wir nicht weniger, sondern noch mehr Nutzungskonflikte um Gemeinressourcen. Und noch mehr Konzentrationsprozesse auf dem Markt.
      Und darüber muss geredet werden. Commoners tun das.

      • Versachlichen könnte die Debatte vieleicht ein Blick in der Taz von diesem Wochenende und zwar auf das Interview mit dem Exekutivdirektor der UNEP Achim Steiner. Leider gibt es das nicht im Internet.

        Gruß hh

  5. Pingback: Kapitalismus der Dinge — keimform.de

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