Entdeckt Brüssel die Commons?

Am vergangenen Freitag, den 9. März fand in Brüssel das Symposium „the commons: (co)managing commonly owned resources“ statt (wir hatten darauf hingewiesen). Organisatoren der Veranstaltung waren die beiden belgischen Öko think tanks Etopia (wallonisch) und Oikos (flämisch) sowie die Green European Foundation. Letztere ist eine politische Stiftung auf europäischer Ebene, die sich der Europäischen Grünen Partei und der Grünen Fraktion im Europaparlament zwar verbunden fühlt, aber unabhängig von diesen Akteuren ist.

Das Echo auf die Einladung war enorm, es gab rund 200 Anmeldungen und für die erschienenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer war der Saal beinahe zu klein. Das Programm sah zwei einführende Vorträge vor sowie fünf Präsentationen, die unterschiedliche Facetten des Themas aufgriffen und in die Workshops am Nachmittag einführen sollten.

Tine de Moor, die am Institut für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Utrecht lehrt und forscht, unternahm den Versuch einer konzeptionellen Klärung dessen, was commons sind. Aus ihrer Perspektive: die historische Form einer Institution für kollektives Handeln, und zwar vornehmlich im ländlichen bzw. Agrarbereich. Der geschichtswissenschaftliche Fokus war für mich neu, liefert aber gute Argumente. Aus den Quellen gehe hervor: die Nutzung war immer begrenzt, und zwar in Relation zur Kapazität der Ressource. Eine Kommerzialisierung war strikt untersagt, die Nutzung diente lediglich der eigenen Subsistenz. Genau das sei auf die globalen commons nur schwer übertragbar (gewesen). Dass das lokale Konzept der commons dennoch mit globalen Fragen verknüpft wurde, sei – bei aller Kritik – auch Hardins viel debattierter „Tragik der Allmende“ zu verdanken. De Moor hat sich in ihrer Forschung intensiv mit der historischen Basis dieser Metapher beschäftigt. Doch warum waren die commons so lange in Vergessenheit geraten? In erster Linie führt sie das auf die Entstehung der Nationalstaaten, deren zentralisierte Regierungen und die dadurch veränderten (rechtlichen) Rahmenbedingungen zurück. Und da liegt auch der casus knaxus für uns heute. De Moor sieht in den commons eine Art do-it-yourself Governance-Alternative zum Staat. Denn commons ermöglichen Beteiligung, Identifikation, bottom-up Strukturen und Selbstverwaltung. Und (auch) die Historiker können nachweisen: Selbstverwaltung funktioniert, und zwar sehr effektiv. Voraussetzung ist allerdings die Anerkennung der Institutionen durch die staatlichen Autoritäten und die Schaffung von Rahmenbedingungen, die commoning ermöglichen. Auf collective-action.info findet man Informationen rund um ihr aktuelles Forschungsprojekt zu Institutionen für kollektives Handeln.

Den zweiten Einführungsvortrag hielt David Bollier. Für ihn sind die Commons die DNA für die Wiederbelebung der politischen Kultur. Hinter ihnen steht eine diversifizierte Bewegung. Es geht nicht um eine Revolution, aber commons geben uns das Vokabular, Probleme des marktorientierten Systems beim Namen zu nennen. Als eines der aktuellen Beispiele für die Einhegung von commons beschreibt er den land grab nach vorgeblich besitzerlosen, ungenutzten, nicht erschlossenen Ressourcen. Dekontextualisierung von Ressourcen nennt er das. Warum es wichtig sei, über die commons zu sprechen? Sie helfen uns, so Bollier, den neoliberalen Kapitalismus zu kritisieren, die Externalitäten des Marktes zu kontrollieren, der Monetarisierung Einhalt zu gebieten, eine Kultur der Suffizienz zu kultivieren, auf das Gemeinwohl statt das individuelle Wohl zu zielen, das Konzept von „Entwicklung“ zu überdenken (genau davon versuche ich meine Arbeitskollegen zu überzeugen!) und uns wieder mit der Natur zu verbinden.

Der Workshop „Free science: the commons and knowledge“ wurde von Valérie Peugeot, Vorsitzende von  Vecam vorgestellt. Pablo Servigne von Barricade präsentierte das Thema „Nature for all, and by all: the common resources of environmental infrastructure“. (Hier hatte ich spekuliert, einen Bezug zu Rio+20 zu finden – Fehlanzeige.) Im Zentrum des dritten Workshops „Constructing a new system: collectively produced common resources“ stand das sehr interessantes Projekt Terre-en-vue, eine Antwort auf den rapiden Verlust landwirtschaftlicher Nutzflächen und Bauernhöfe in Belgien, so Maarten Roels von der Universität Gent. Ein weiterer Workshop war überschrieben mit „Reclaiming finance and the economy: economic commons“. Eingeführt wurde er von Arnaud Zacharie, Generalsekretär der belgischen NRO CNCD-11.11.11.

Last but not least: „Sharing without owning: genetic heritage as a common resource“ – das war dann der Workshop meiner Wahl. Sicher auch, weil die Präsentation durch Tom Dedeurwaerdere, Direktor von BIOGOV, einer Forschungseinheit des Zentrums für Rechtsphilosophie der Universität Löwen, ausgezeichnet war. Und weil er Interdisziplinarität bei der Forschung und Arbeit zu Commons für zentral hält. (In einer Welt von Spezialisten für alles und jeden muss man das ja leider bewusst betonen!) Insbesondere Philosophie, Politik/Soziologie, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften sollten innovative Formen von governance kreieren. Denn die Lösung vieler ökologischer Probleme läge in neuen Formen nicht-staatlichen kollektiven Handelns. Und dann gab es auch noch ein bisschen Rio-Bezug: der Erdgipfel von 1992 sei viel zu sehr auf Linie mit den neoliberalen Marktideen gewesen. Das hat ja bekanntlich in 20 Jahren nicht wirklich zur Lösung unserer Umweltprobleme beigetragen.

Ein Gedanke zu „Entdeckt Brüssel die Commons?

  1. Danke für den Bericht! Wenn wir den englischen Begriff „commons“ ins Deutsche übernehmen, dann sollten wir ihn auch durchgehend groß schreiben, also „Commons“ (vgl. die Überschrift).🙂

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