Urheberrechtsdebatte in der TAZ: Anscheinend sind es Musiker einfach nicht wert.

In einem lesenswerten Pro und Contra in der TAZ debattieren Meike Laaf und Julian Weber die Abschaffung des Urheberrechts. In aller Kürze fallen springen mir dabei zwei Schlüsselsätze ins Auge: „Ich halte Urheberrechte für ein notwendiges Übel, zumindest so lange, bis es andere Vergütungsmodelle für Musiker gibt„, so schreibt Julian Weber. Die Frage ist, wo man die fieberhaften Aktivitäten entdecken kann, mit denen ähnlich wie an ACTA und SOPA an einem solchen Alternativmodell gearbeitet wird. Denn hinter einer angemessenen Vergütung für alle Künstler stehen wir alle – oder? Und er zitiert den Musiker Kristof Schreuf: „Die Gesellschaft sucht sich aus, wen sie bezahlt„. Genau! Die Verwertungsgesellschaft sucht sich aus, wen sie bezahlt. Es ist gerade die Ungerechtigkeit der Bezahlung von Künstlern und anderen Kulturschaffenden, die den Verwertungsgesellschaften und Verlagen und einigen Glitzerfischen unter den Künstlern tolle Gewinne sichern und die Mehrzahl der Autoren, Fotografen, Musiker und Maler mit einem Hungerlohn abspeist (wenn sie Glück haben und ihre Publikationen nicht selber noch bezahlen müssen), gegen die sich der Protest gegen das derzeitige Urheberrecht und seine Betonierung richtet. Und wer zum Glitzerfisch wird bestimmen die Marketing-Strategen und Budgets der Verwertungsgesellschaften und nicht ein fachkundiges und wohlinformiertes Publikum à la Marcel Reich-Raniki. Auch wenn Dieter Bohlen sich müht uns zu beweisen, dass dies völlig demokratisch vor sich gehe.

Es gibt übrigens nicht nur Künstler unter den Urhebern: Hunderttausende von Wissenschaftlern weltweit leiden unter einem Publikationssystem, in dem sie die Rechte an ihren eigenen Publikationen an Wissenschaftsverlage abtreten müssen, dafür keinerlei Honorar von diesen Verlagen beziehen und dann ihre eigenen Veröffentlichungen nicht mehr als Email an Kollegen oder Freunde verschicken dürfen. Jeder Leser muss für den Download dieser öffentlich finanzierten Publikationen als pdf-Datei teilweise 30 Euro und mehr bezahlen. Das machen sie nicht zum Spaß, denn das akademische Karrieresystem zwingt sie zu so „dummem“ Verhalten. Durch ein solches Urheber- und Verwertungsrecht werden nicht nur die Autoren geschädigt, sondern die gesamte Gesellschaft, die den eigenen Ausschluss vom Zugang zu den Forschungsergebnissen aus Steuergeldern finanzieren muss. Der einzige Nutznießer dieses Systems sind Verlage, die noch nicht einmal das Lektorat der Artikel selber leisten. Selbst dies wird im Peer-Review-System von den Autoren ehrenamtlich selbst übernommen. Illegal ist die Weitergabe der eigenen Manuskripte schon lange, aber ACTA sorgt für die juristischen Konsequenzen für die Wissenschaftler, die sich darüber hinwegsetzen.

Das Märchen vom Urheberrecht, das sich fürsorglich um den Urheber kümmert ist so wahr wie die Mär vom Wolf und den Sieben Geißlein.

3 Gedanken zu „Urheberrechtsdebatte in der TAZ: Anscheinend sind es Musiker einfach nicht wert.

  1. Ach ja, die Zeitschriftenverlage. Wer wissen möchte, was die so kassieren:
    http://www.bibliothek.kit.edu/cms/teuerste-zeitschriften.php

    Aufruf: Am 11.2. findet europaweit (und auch außerhalb) ein Protesttag gegen ACTA statt. (Karte: http://maps.google.com/maps/ms?msid=212120558776447282985.0004b7b33e16f13c710c7&msa=0 )
    Das unter völliger Misachtung demokratischer Prinzipien entstandene Abkommen wurde von den Rechteverwertern diktiert und zementiert die gegenwärtige Situation eines gesellschaftsschädlichen „Urheber“rechts auf Kosten der Bürgerrechte. Zudem dürfte es negative Auswirkungen auf Nahrungsmittel und Medikamente haben – sprich, es werden mehr Leute verhungern oder an AIDS etc. sterben.

    Infos, Material, unterstützende Organisationen etc. hier: http://wiki.stoppacta-protest.info/Main_Page.

    • 20019,70 Euro für einen Jahreszugang zu einer einzigen Zeitschrift, deren Inhalt aus öffentlichen Mitteln finanziert wurde? Das ist ja noch absurder als ich dachte.

      • Ich weiß nicht, ob das in dem Fall eine war (sieht so aus). Eine beliebte Taktk ist das Bündeln: Da kommt dann eine mus-sein-Zeitschrift mit 9 kennt-die-wer-Blättern zusammen.
        Und wenn man die eine unbedingt braucht, bezahlt man auch die anderen 9.

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