Gemeinsame Ökonomie hoch 2

Gastbeitrag von Sigrun Preissing und Gottfried Schubert

Am letzten Oktoberwochenende 2012 trafen sich 30 Menschen in Kassel zu einem Austausch über die Erfahrungen, Probleme und Lösungsansätze in ihren Gemeinsamen Ökonomien und Finanzkooperativen. Großen Anklang fand die Idee, Gemeinsame Ökonomien von Finanzkoops, Kommunen und nicht-kommerziellen Zusammenschlüssen zu einer großen gemeinsamen Ökonomie zu verbinden: GemÖk hoch zwei – GemÖk². Die Entwicklung eines umsetzbaren Modells geht weiter am 10.-12.2.2012 in Kirchvers bei Gießen.

Finanzkooperativen und Gemeinsame Ökonomien in der neuen Dimension

30 Menschen die sich kaum kennen, ein selbstverwalteter Veranstaltungsort und eineinhalb Tage Zusammenarbeit: die Feedbackrunde am Sonntag Nachmittag zeigte, dass viele der TeilnehmerInnen weit mehr positive Erlebnisse, Kontakte, Anregungen und Ergebnisse mit nach Hause nahmen als sie erwartet hatten. Schon die intensive Vorstellungsrunde am Samstag morgen machte klar, dass sich eine Vielzahl an sehr unterschiedlichen Finanzkooperativen und Gemeinsamen Ökonomien zur Vernetzung versammelt hatte. Da  Finanzkoops und GemÖks in der Regel im Privaten agieren und in der Öffentlichkeit wenig sichtbar sind, konnten zahlreiche neue Bekanntschaften gemacht werden.

Die Formen und Modelle, individuelle Einkünfte gemeinsam zu nutzen waren vielseitig: mal zwei, mal 80 Leute in einer Gruppe teilten sich nur ein Konto oder viele Einzelkonten. Manche Gruppen legten ihre Einkünfe zusammen um den Alltag zu bestreiten (Alltagsökonomie), einige auch Erbschaften, Rücklagen und Schulden (Vermögensökonomie). Menschen, die mit ihrer GemÖk in gemeinsamen Gebäuden wohnen, staunten über Praxen von Gruppen, deren Mitglieder in unterschiedlichen Regionen leben. Mit dabei waren auch… BewohnerInnen der Kassler Kommunen, Personen aus Finanzkooperativen im Umbruch und Interessierte ohne aktuelle GemÖk-Gruppe.

Unterschiedliche Erfahrungshintergründe der TeilnehmerInnen zeigten sich bei den Arbeitsgruppen am Samstag. Sie diskutierten über Finanzkoop-übergreifende Altersvorsorgemodelle und unterschiedliche Möglichkeiten, Vermögen in die GemÖks einzubringen ohne die damit verbundenen Ängste zu ignorieren. Austausch gab es auch über die unterschiedlichen Erfahrungen im Umgang mit PartnerInnen, Kindern und Eltern, wenn sie finanzielle Verbindungen mit den Finanzkoops haben, aber nicht daran teilnehmen. Auch kleinen GemÖks wurde nochmal in der Arbeitsgruppe zum Thema „politisch Relevanz“ ihre Bedeutung durch die Vernetzung mit anderen Gruppen bewusster.

Gemeinsame Gemeinsame Ökonomie – GemGemÖk – GemÖk hoch zwei

Viel Energie wurde aufgebracht für konkrete Formen der Vernetzung. Ein sehr weitgehender Schritt dahin war die Idee einer finanziellen Vernetzung von Finanzkoops, Kommunen und ähnlichen solidarischen Wirtschaftsformen, genannt GemÖk². Durch die GemÖk², so die Hoffnung, entsteht mehr Sicherheit, Stabilität und Durchlässigkeit unter den ökonomischen Gruppen. Die Vorstellung, bei Verlassen der eigenen Bezugsgruppe nicht zwangsläufig aus der gemeinsamen Ökonomie, Alterssicherung und dem sozialen Netzwerk heraus zu fallen, faszinierte viele der Mitdiskutierenden. Dieses Modell könnte auch den Bedürfnissen unterschiedlicher Lebensphasen gerechter werden. Andere wiederum reizte, dass die politische Relevanz durch die stärkere Außenwahrnehmbarkeit erhöht werden könnte.

Bei der begonnenen Entwicklung des GemÖk²-Modells haben sich erste Kriterien und Bedürfnisse herauskristallisiert. Zum Beispiel war den TeilnehmerInnen wichtig, bisherige soziale Bezüge, wie die eigene Finanzkoop, Kommune usw. in der GemÖk² beibehalten zu können. Eine erste Idee war, in diesen bestehenden Bezügen – den sogenannten „Kuschelökonomien“ oder „Mögensökonomien“ – weiterhin die Alltagsökonomie zu regeln, auch wenn das Geld in eine große gemeinsame Kasse fließt. Die Frage der Vermögensökonomie blieb noch unkonkreter, zumal manche mitdiskutierende Gruppe bisher noch keine hatte. Es wurde jedoch deutlich, dass das Kollektivieren des eigenen Vermögens attraktiver wird, wenn es in einer größeren Gruppe organisiert ist. Das weiter zu entwickelnde Modell soll mit einfachen und durchschaubaren Regelwerken machbar sein, zusätzlichen sozialen Stress vermeiden und den Bisherigen in den „Kuschelökonomien“ verringern.

Einladung zur Weiterentwicklung von GemÖk²

Wir laden Euch ein, bei der Weiterentwicklung der GemÖk² mitzumachen. Wichtig ist uns dabei, dass Ihr entweder selbst in einer Form der Gemeinsamen Ökonomie lebt oder damit bereits länger Erfahrungen gesammelt habt. Wir treffen uns vom 10.-12. Februar in Kirchvers bei Gießen. Dort werden wir die Projektentwicklungsgruppe GemÖk² bilden. Ein späterer Quereinstieg wird dann vorerst nur noch durch Patenschaft einer TeilnehmerIn möglich sein, damit die Kontinuität der Weiterentwicklung gewährleistet werden kann.

Wir freuen uns auf den Austausch mit euch und darauf, diese aufregende Idee weiter voran zu treiben.

Projektentwicklung GemÖk²

Wo: Kirchvers bei Gießen                  Wann: 10.-12.2.2012

Anmeldung und Information: info@gemeinsame-oekonomie.de

Foto: Das ist das Logo von Stadtranderbauen. Fand ich einfach cool und passend zum Thema. Hier geht's zum Projekt. (S.H.)

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