Die Commonarden in der Süddeutschen Zeitung

Ich hole frische Semmeln zum Frühstück, und eine Süddeutsche Zeitung. Ein Alptraum, denn die Semmel bleibt mir im Halse stecken: Scheichs, Oligarchen und Heuschrecken greifen nach UNSEREM Fußball. Dramatische Schwankungen an den Börsen. Jahrestief! Gieriger Moloch! Luftangriffe auf den Gaza-Streifen und der Papst warnt vor Gottesfinsternis. Vielleicht ist es besser, ich verlasse die Titelseite … EHEC, Plünderungen, Minenfelder. Paris streitet über Hubschrauber für ausländische Geschäftsleute. Kugelhagel in Mogadischu und Katastrophe auf Rockfestival. Herrgott, was ist den das für ein Tag? Ich klappe die Zeitung zu, um mich der Semmel und meiner Tochter zuzuwenden, als das Feuilleton zu Boden fällt.

Die Commonarden – Teilen und gewinnen: Kann man die Rettung der Welt wirklich als Privatsache betrachten? Unter diesem vielversprechenden Titel berichtet Till Briegleb über seine Gedanken zu den Commons anlässlich des Internationalen Sommerfestivals in Hamburg (Hier geht’s unter bestimmten Voraussetzungen zum Artikel).

Er hat dort offensichtlich auch mit Silke Helfrich gesprochen. Obwohl „Gemeingüter“ und „Allmende“ klängen wie „Frauen-Fußballweltmeisterschaft oder Behindertenparkplatz„, so Briegleb (Aha?, Anm. d. Verf.), sei Helfrich davon überzeugt, dass die Idee der Commons  einen Ausweg aus dem fatalen Dualismus von Markt und Staat darstellen könnten.

Natürlich bin ich gleich hellwach und lese gespannt den Artikel weiter, während mein Kaffee kalt wird und meine Tochter sich in ihr Zimmer verzieht. „Share and Win„, ein weit besserer Slogan? Ich lese mich über Gemeinschaftsgärten auf einem verlassenen Parkdeck von St. Pauli, durch vietnamesische Kräutersammlerinnen, den Zapatisten von Mexiko bis hin zu Robin Hood. Und am Ende prangt die große Erfolgsausnahme: Wikipedia!

Die Idee der Commons sei leider keine klare Strategie, so resumiert Briegleb, sondern eine Ansammlung von Ausnahmen, ein politisches Hobby zur Stärkung alternativer Lebensstile, das an die selbstbezügliche Wirkkraft der Hippie-Bewegung erinnere. Stöhn!

Schade. Ich habe nichts gegen die romantische Sympathie der Süddeutschen Zeitung für Commonarden, die auf dem Dach von Parkhäusern Obst verteilen. Die Reise des Redakteurs nach Hamburg hätte sich die Zeitung aber sparen können, denn das wirkt wirklich dürftig recherchiert. Sehr schade, denn mein frisch entfachter Frühstückslebensmut fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Ist es wirklich so schwer, das faszinierende Konzept der Commons zu vermitteln? Es klingt doch so einfach, wenn man sich einmal vom Denken der Garrett Hardinschen Schafherde verabschiedet hat. Die klare Strategie lautet: Es gibt keine Patentrezepte, um die Probleme der Welt zu lösen, aber wenn man Kommunikation und Kooperation fördert und belohnt, dann kann der Mensch seine Bedürfnisse selbst am besten verwirklichen und zwar in allen gesellschaftlichen Sphären. Das hat doch nichts mit Obstverteilen, Commonarden und Kräutersammeln zu tun. Es durchzieht als erfrischende Konzeption inzwischen alle Aspekte der Gesellschaft, von der Nutzung bracher Obstbäume bis in die Domänen der Spitzenwissenschaft und Hochtechnologie. Dort beginnen nämlich Open Source Plattformen wie Public Library of Science (PLOS) und BioMed Central (BMC) den Auswüchsen des Marktes in der Veröffentlichung öffentlich finanzierter Forschungsergebnisse langsam aber sicher den Garaus machen. Linux, Freie Software – überall drängen solche Konzeptionen vor in eine marode Marktwirtschaft, die offensichtlich gerade an sich selbst erstickt. Auch Creative Commons Konzepte greifen endlich, um dem Wildwuchs der Verwertungsstraßenräuberei (die nichts für Urheber und Autoren tut und davon reich wird, die Verfügbarkeit von Wissen und Kultur künstlich zu verknappen) endlich die viel zu großen Taschen zuzunähen. Die angeschimmelte Theorie, dass nur Markt und Wettbewerb die Probleme der Welt zu lösen vermögen, führt sich ja auf den ersten 12 Seiten dieser Zeitung selbst ad absurdum.

Schade um die vergeudete Druckerschwärze, aber ich glaube, man darf sich durch solche „Analysen“ einfach nicht frustrieren lassen. Was den Menschen vom Affen unterscheidet ist die Sprache und die Sprache ist das Organ der Kooperation. Trotzdem ist Kooperation schwierig, besonders im Vergleich zum Hufescharren konkurrierender Bullen in der Brunftzeit. Aber dafür hat uns die Evolution ein Hirn gegeben.

Kann man die Rettung der Welt wirklich den Staaten und Märkten überlassen? Lesen Sie Ihre eigene Zeitung, Herr Briegleb.

9 Gedanken zu „Die Commonarden in der Süddeutschen Zeitung

  1. Ich hatte noch gar nicht gefrühstückt als mich als mich der Mut verließ. Ich mache übrigens am Gartendeck mit und dein Satz, daß es keine Patentrezepte gibt, erfahre ich jeden Tag. das macht es so spannend. Übrigens wurde keiner von uns interviewt, so viel zu dem Punkt schlechte Recherche.
    Gruß Gabi

  2. Was Ihr macht ist großartig! Das Feuilleton ist heute Wind und morgen Altpapier. Trotzdem schade, dass ein so profilierter Journalist sich nicht weiter in die Thematik rein traut, als bis zur grossen Zehe.

  3. „Er hat dort offensichtlich auch mit Silke Helfrich gesprochen.“
    Hat er nicht. Schade eigentlich.

    „keine klare Strategie“: Stimmt. Wir sind nicht im Krieg, sondern mit der mühseligen Frage befasst, wie man ein Leben (und gesellschaftliche Strukturen) hinkriegt, in denen das, was in uns angelegt ist (Kooperation, Kommunikation, Verantwortung…) auch entfaltet werden kann. Dafür gibt es nunmal keine Patentrezepte.

  4. PS: Nein, ich wollte nicht „mein eigener Beitrag gefällt mit“ anhaken. Aber ich weiss nicht, wie ich das wieder weg kriege.

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