Karriere? Wir sind doch keine Gartenzwergarmee

Mit der ZEIT geht’s bergab. Zumindest könnte man diesen Eindruck gewinnen, wenn man die mit Literaturzitaten unterfütterten Tipps des Karriereexperten Martin Wehrle in ZEIT Online liest. Ob Ernest Hemmingway mit seinem Satz „Man braucht zwei Jahre, um sprechen zu lernen, und fünfzig, um schweigen zu lernen“ wirklich den oberschlauen Mitarbeiter proklamierte? Den smarten Fuchs, der klug in den Firmentratsch hineinhorcht, nichts ausplaudert, sich durch Schweigsamkeit ‚Vertrauenswürdigkeit‘ verschafft, um dann im entscheidenden Moment zuzuschlagen und aus einer wirklich vertraulichen Information eigenen Karrierevorteil zu ergattern? Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass Hemmingway von diesem Absahner-Typus sonderlich fasziniert war. Der hat ja nun so gar nichts von einem Stierkämpfer oder einem mutigen Soldaten.

So richtig der Hut hoch geht mir aber erst beim freien Ludwig Erhard Zitat „Mit Talentreichtum fertig zu werden ist auch ein Problem“. Der Platitüdenreichtum, den Wehrle hier präsentiert ist schmerzhaft. Der Mensch solle sich und seine Talente endlich besser dem Luftwiderstand im Karrierewindkanal anpassen. Lieber sollte man ein paar großartige Talente verkümmern lassen und sich gezielt kleiner machen als man ist, als unangenehmen Sand ins Argusauge der Personaler zu streuen und dadurch wohlmöglich knirschende Geräusche im Erfolgsgetriebe zu verursachen. Denn, so Wehrle in ZEIT Online, wer vor lauter Talenten nicht gleich weiss was er will, dessen

Lebenslauf kann der Gehspur eines Betrunkenen gleichen: Er torkelt von einem Feld ins andere, bis man ihn nicht mehr als Begabten, nur noch als Schwankenden wahrnimmt„.

Das Personaler-Urteil wird fürchterlich!

Aus welcher staubigen Mottenkiste kramt Wehrle diesen Quark hervor? Der Mensch beginnt gerade die Wirtschaft an seine Talente anzupassen, statt …seine Talente auf die Bedürfnisse der Wirtschaft zurecht zu stutzen. Überlegt, wie man die Dimensionen des Wirtschaftens endlich wieder den Dimensionen des Menschen unterordnen kann. Schwarmintelligenz! Dezentralisierung! Peer-Production! In dieser Zukunft braucht’s keine Personaler mehr, die unseren schlangenförmigen Lebenslauf aburteilen, als wären wir eine Armee unbrauchbarer Gartenzwerge. Und auch keine Coaches, die uns raten wie man billig zu einem flutschigen Karriereaal mutiert.

Das ganze erinnert mich ein bisschen an die „Liebe ist …„-Serie in BILD der 70er Jahre. Antiquiert und – so ein bisschen doof.

Bildquelle: Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Bild 183-84600-0001 (Wikipedia). Ernest Hemmingway (Mitte) im Spanischen Bürgerkrieg.

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