Kulturwertmark oder Wie kriegt man den ganzen Käse?

Wovon sollen Künstler und Kreative im Kopierzeitalter künftig leben? Manchmal frage ich mich, ob diese Frage ironisch gemeint ist. Ich meine, wovon sollen sie denn jetzt leben?

„Wir wissen verhältnismäßig genau, was freiberufliche Künstlerinnen und Künstler verdienen. […] im Durchschnitt […] im Jahr ungefähr knapp 13.000 Euro.“[via]

Yep, so isses. Und manche haben Kinder und zahlen Miete. Äußerungen wie jene von Martin M. Krüger vom Deutschen Musikrat, es dürfe

„keine Kompromisse geben: Kreativität als grundlegender Rohstoff der Gesellschaft muss in adäquater, das heißt keinesfalls neuen Beschränkungen unterworfener Vergütung geistigen Eigentums ihr Äquivalent finden“ [via],

kann ich nur als Ironie interpretieren, um sie nicht als Hohn empfinden zu müssen. Er will damit tatsächlich das Gegenwärtige verteidigen… weil sich etwas Neues am Horizont abzeichnet. Das Neue hat einen schwerstfälligen Namen. Doch eben weil ich auf die Frage, wovon die Künstler und Kreativen jetzt leben sollen, keine sinnvolle Antwort weiß (Tantiemen sind es eher selten), nehme ich den neuen Vorschlag des Chaos Computer Clubs (CCC) ernst. Der CCC ist die größte Europäische Hackervereinigung, und will

„der festgefahrenen Diskussion um die zukünftige Gestaltung einer gerechten Bezahlung für Kreative neues Leben einhauchen.“

Beatmungsvehikel soll die Kulturwertmark werden, eine Art Micropayment-System. Sie Wertmark soll es dem Einzelnen unkompliziert ermöglichen, … die Künstlerin oder den Künstler seiner Wahl per Mausclick zu honorieren. Mit beispielsweise 5 Euro pro Monat Pauschalabgabe, die jeder Teilnehmer des Systems frei verteilen kann.

„Als Ausgleich stehen die Werke nach einigen Jahren oder nach Erreichen einer bestimmten Kulturwertmark-Auszahlsumme jedem zur nicht-kommerziellen Nutzung zur Verfügung.“ (Herv. S.H.)

Eine neue Marktdynamik sei für eine breite Akzeptanz nötig, so der CCC. Mehr noch: man brauche möglichst viel Marktdynamik, damit das System ins Laufen komme.

Bemerkenswert ist nun die parallele Zielsetzung des CCC, die da lautet, die Wissenallmende zu schützen und zu erweitern. Wenn ich den Club richtig verstehe, sei dabei „eine neue Marktdynamik“ kein Hindernis, sehr wohl aber eine Behörde wie sie etwa bei der Kulturflatrate nötig wäre. Es stimmt, der Unterschied zwischen einer staatlichen Behörde, die das ganze Verfahren kontrolliert (wie etwa die Verwertungsgesellschaften) und einer unabhängigen Stiftung, in der auch die Nutzerinnen und Nutzer verteten sind (wie vom CCC vorgeschlagen) ist gewaltig. Er ist prinzipieller Natur! Der Unterschied zwischen einer staatlich kontrollierten Presse und einer staatlich gewährten und geschützten unabhängigen Presse ist auch nicht klein (dies zu den Kritikern, die den CCC für seine „staatsobrigkeitsfixierten und rückwärtsgewandten“ Vorschläge bashen.) Deshalb ist es nachvollziehbar, wenn der CCC sich als technologische und institutionelle Infrastruktur eine Plattform vorstellt, die von

„einer Stiftung als Open-Source-Software realisiert wird, […] so daß sie in Zukunft auch in anderen Ländern verwendet und weiterentwickelt werden kann.“

Das gibt ein paar Punkte in Sachen Unabhängigkeit, Transparenz und Flexibilität (und Kopfschütteln für das Kleinreden dieses Unterschieds auf Carta und in anderen Blogs).

Die eigentlich spannende Frage aber ist: Sind die beiden Ziele – systematische Entlohnung der Kreativen und Pflege der Wissenallmende – überhaupt miteinander vereinbart werden? Folgen sie nicht unterschiedlichen Logiken?

Zentral scheinen mir hier zwei Punkte, einerseits die deutliche Verkürzung der Schutzfristen des Urheberrechts (mithin ein erheblicher Eingriff in eben dieses und ein dicker Brocken, der in der Umsetzung der Idee aus dem Weg geräumt werden müsste. Das wäre nicht wenig.) Andererseits die Idee,

„dass die durch die Wertmarkenvergabe erzielten ‚Honorare‘ nach oben gedeckelt werden sollen. Ist eine festgelegte Summe erreicht, steht das Werk ab sofort allen Nutzern frei zur Verfügung“, wie Wolfgang Michal auf Carta schreibt.

In anderen Worten: Sobald die Ernte eingefahren ist, wird das Werk frei lizensiert oder gemeinfrei. Das sei

„das Grundstürzende am CCC-Konzept,“ so Michal.

Hier steht die Idee der Festlegung von Obergrenzen im Raum. Das erinnert an die  CO2-Emissionsobergrenzen beim Emissionsrechtehandel. Fatal daran ist Folgendes: Solche Obergrenzen werden in Verbindung mit Marktmacht oder Marktmechanismen (etwa der Möglichkeit, die Emissionsrechte auf dem Markt zu handeln), so löchrig wie ein Schweizer Käse. Es ist eben dieser Cap, ein klassisches Finanzmarktinstrument, der in der rauen Umgebung „dynamischer Märkte“ schon oft versagt hat. Das beredtste Beispiel dafür sind die Fangquoten in der Fischerei. Nein – kann man entgegen halten – das muss nicht sein! Richtig. Aber es ist so.

Und wenn man wie der Chaos Computer Club „einen riesigen neuen Markt mit garantiertem Mindestvolumen“ verspricht, muss man damit rechnen, dass auf diesem Markt all das geschieht, was wir sonst so von Märkten kennen.

Stein des Anstoßes, so vermutet auch Jan Rähm vom Deutschlandfunk, wird also die Frage der Gemeinfreiheit werden, und fürchtet „eine Enteignung von Künstler“. Nun, Herr Rähm, was haben wir denn jetzt – wo fast alle Kreativen ihre Rechte EXKLUSIV an die Verwerter abtreten?

Und dennoch stimmt es, Stein des Anstoßes wird die Frage der Gemeinfreiheit sein. Denn wo es Grenzen gibt, gibt es Territorialkämpfe. Kämpfe um Grenzverschiebungen. Wo also liegt die Grenze? Wer legt sie fest? Und wenn sie einmal festgelegt ist: Wer verhindert dann auf welche Weise, dass die wirtschaftlich Mächtigeren (also jene, die von der freiwilligen, unkomplizierten Honorierung am meisten profitieren) sie nicht zu ihren Gunsten verschieben wollen? Wer verhindert, dass der von der Kulturwertmark gefütterte Markt sich nicht wieder in die Gemeinfreiheit hinein- und der Wissensallmende den Sauerstoff abgräbt, so wie wir das aus der Geschichte des Urheberrechts kennen? Da gab es auch am Anfang nur ein paar Jahre individuelle Verwertungsrechte. Ich glaub‘ es waren eingangs 14. Inzwischen sind wir bei 70 Jahren, in manchen Ländern gar bei 100 Jahren nach dem Tod des Urhebers (der seine Rechte zumeist vollständig an die Rechteverwerter abgetreten hat).

Das Konzept des CCC hat viel Inspirierendes und ich freue mich auf weiterführende Diskussionen. Wir sind gerade dabei, Constanze Kurz vom CCC nach Jena einzuladen. Das wäre eine Gelegenheit

Die Frage, der ich dabei nachgehen möchte lautet: Wie kriegt man den ganzen Käse? Ohne Löcher.

Weitere Links:

12 Gedanken zu „Kulturwertmark oder Wie kriegt man den ganzen Käse?

  1. Pingback: Kulturwertmark oder Wie kriegt man den ganzen Käse? | KoopTech

    • hallo, ich denke das hier die Fragestellung ….obsolete ist, wie so oft, da es nicht um eine generelle lösung geht. die welt ist viel zu komplex um generalisiert zu werden, und nur dadurch das wir technisch in die lage kommen diese komplexität zu erfassen und zu nutzen, kommen überhaubt bessere Organisationsmethoden in frage,und ich wollte alles mögliche schreiben aber ich schreib einfach mal was über abzocke.
      Es gibt leute die content reinstellen , und es gibt verwerter, wenn man viele „Bilder von nachbars katze“ oder bilder von deinem gesicht haben will dann kann mann die doch einfach dem user abschnorren, über den upload die plattform was auch immer.Also ist alles was einen mindestwert für content des unwissenden nutzers schafft schonmal gut, was man daraus macht ist ne andre sache.
      Aber am ende geht es darum die abzocker auszuschalten und den wert des contents zu würdigen, das war frueher mal moralisches zeug, heute erkenntnis das schlechte produkte und arbeitslosigkeit nicht das ende vom lied sein können.
      Gerade du die um michel bauwens bist solltest den übergang zu einem Wandel des wertesystems und die reine mathematische effizienz sehen, und die vision die davon ausgeht , das in absehbarer zukunft, ein mensch dinge rein aus positiver motivation tun kann, das heisst weil er einen direkten Vorteil für sich sieht. Der mensch macht den mensch zum mensch (kapser hauser und so?)
      was machen wir ohne/für aufmerksamkeit , was war das schönste in userem leben und wie bekommen wir mehr davon, ein wettbewerb auf anderer Ebene, und regeln, ja die man auf jeder ebene stets nach bedarf ausdiskutiert, weil wir sind viele und schnell, auch wenn ein mensch nur ganz kurz und wenig zeit und aufmerksamkeit fuer etwas hat( morgen kann man krank oder weg sein), er ist doch selten der einzige unter milliarden , in echtzeit, und um das zu nutzen baut man barrieren , grenzen , und missbrauch ab, erschafft transparenz und grundsicherung, sowie möglichkeiten.
      Auf der anderen seite steht Kontrolle , und da stellt sich mit den technischen möglichkeiten eine simple frage, wenn man golbal alles nachvollziehen kann,
      ist das eine fähigkeit, soll die nun einigen wenigen unter fragwürdigen intentionen bereitstehn, oder allen unter transparenz und toleranz.
      Letzlich kommen doch alle mit ihrem geschwafel zur selben frage, sind die menschen scheisse oder nicht, eine eitle frage, und vertrauen ist rar, aber HALLO? gobale transparenz und zugang zu wissen? und keine chance zum cheaten, geld mit geld verdienen oder schuldzins(ist bei allen religionen irgentwie verpöhnt aber intressiert keinen haha , soviel zur intention religiöser konservativer) .
      Und für jetzt, können die auch nur etwas geld lockermachen das direkt and artists geht , ist das schon ein gewinn.
      hey ich würd gern mal mit dir chatten, zb auf der p2p ning seite , da ist niemand der chatten will 🙂

  2. Verwertungsgesellschaften sind keine staatlichen Behörden, sie wurden, wie z.B. die VG Wort, ursprünglich von den Schriftstellern ins Leben gerufen.
    Und die CCC-Stiftung muss andererseits staatlicherseits anschub-finanziert und am Leben gehalten werden. Die Unterschiede sind also nicht so groß, wie es dargestellt wird.

  3. Pingback: Der Chaos Computer Club schlägt vor: Kulturwertmark | Gemeingüter

  4. Wie ich schon bei netzpolitik.org schrieb ist mir das Ding auch insofern nicht zu Ende gedacht, als dass es die bestehenden Handelsstrukturen zu wenig berücksichtigt, als auch die Distribution von Kulturwerken in physischer Form. Ich kann mir kein funktionierendes, breitflächiges System vorstellen, wo alle Kulturwerke online mit der Kulturwertmark gehandelt werden und offline völlig unabhängig davon, was ja allein schon wegen dem Übergang in die Allmende schon schwierig ist. Darauf fehlen ganz klar Antworten. Die, die bei netzpolitik.org auf meine Einwendungen kamen, waren rein idealistisch geprägt, hatten aber mit der Realität nicht wirklich viel zu tun…

  5. @ Michal Wolfgang: Was ich in der Commonsdebatte gelernt habe ist, dass es nicht so relevant ist ob die Sache nun de jure staatlich ist oder nicht, sonder was sie de facto ist. Und Verwertungsgesellschaft sind zwar private Institutionen, die aber die Aufgaben einer staatlichen Behörde übernehmen und dafür mit einem Monopol ausgestattet sind.

    Die Frage ist also; bewahrt eine Institution ihre Unabhängigkeit (egal wer sie mal gegründet hat und egal, wer die Anschubfinanzierung liefert).
    Dieser Unterschied ist prinzipiell!

  6. @ Ben: ich finde, Tharben hat auf Netzpolitik dazu gesagt, was dazu zu sagen ist.
    Mal ein Beispiel wie online und offline schon heute getrennt ist. Unser Buch „Wem gehört die Welt“ ist im Netz frei verfügbar. Man könnte es dort auch für 1,50 vertickern. Warum nicht. So eine Art Bereitstellungsgebühr. Ich in aber froh, dass es so ist. Im Laden wir das Buch für 24.95 verkauft. Und es wird verkauft.

  7. @ Silke: Viel Spaß dabei die breite Kulturwirtschaft von diesem Prinzip zu überzeugen. Ich halte eine derartige Trennung angewandt auf die breite aller Kulturwerke für illusorisch. Nicht zuletzt bleibt das Problem, dass die derzeitigen Handelsstrukturen unberücksichtigt bleiben.

  8. @ Ben. Nun, ich werde die „breite Kulturwirtschaft“ mit Sicherheit nicht von der Kulturwertmark überzeugen. Ich nutze ja nicht mal flattr, weil ich das nicht will. Weil es mein Schreiben und meine Ausdrucksweise verändern würde.
    Meine Frage ist grundsätzlich: Wie kann man die Wissenallmende verteidigen, schützen und erweitern? (sonst wären wir ja hier nicht auf dem Commonsblog. Und ich denke, das braucht keine Kulturwertmark, sondern öffentliche Förderung, freie Lizenzn insbesondere in der Wissenschaft (die wir ja alle bezahlen) kürzere Schutzfristen, Entkrimininalisierung von Filesharern, ein lebendiges Kulturleben in den Kommunen, Grundeinkommen usw. usf.
    Darum geht es mir.

    Meine grundsätzliche Anfrage an den CCC ginge deshalb auch in diese Richtung: „Glaubt Ihr wirklich, dass man die digitale Allmende dann am besten schützt, wenn man einen neuen dynamischen Markt schafft?“

  9. @ Silke: Okay, dann habe ich dich wohl falsch verstanden. Deine Anmerkungen klangen nach Fürsprache für die Kulturwertmark. Aber auch explizit das Prinzip was du vorgeschlagen hast, sehe ich zumindest auf kurze Sicht nicht für die breite Masse umsetzbar. Gibt zwar auch schon größere Stars wie z.B. NIN die das ähnlich handhaben, aber viele sind halt so bequem, dass sie lieber weiter alles durch die Plattenfirmen erledigen lassen.

    Das was du anstrebst erachte ich durchaus unterstützenswert. Allerdings fehlt mir in dieser Darstellung die Perspektive derer die am derzeitigen Wirtschaftssystem verdienen.Plattenfirmen und Handelsunternehmen bestehen ja nicht nur aus den großen Managern die sich die Tasche zu voll stopfen, sondern auch viele Arbeiter und Angestellte welche die Drecksarbeit erledigen und die verdienen zwar nicht viel, aber es reicht bei den meisten halt für ein erträgliches Leben. Und diese Menschen müssen halt davon überzeugt werden warum sich die Kulturwirtschaft ändern sollte. Genauso auch wie die relativ vielen Bürger die mit Tauschbörsen und Co. nichts am Hut haben. Und da muss man halt auch mal Themen ansprechen wie etwa was aus den Leuten werden soll die ihre Arbeitsplätze verlieren würden, wenn auf einmal ihre Leistung in den Plattenfirmen so nicht mehr gebraucht werden, weil die Distribution z.B. viel mehr direkter zwischen Künstlern und Konsumenten erfolgt. Idealismus ist gut, aber man muss halt auch irgendwo einen Weg vom hier und jetzt zum Ziel über viele Zwischenschritte finden und darf dabei den Pragmatismus nicht aus dem Sinn verlieren. Und gerade über die Zwischenschritte wird sich bei den Vertretern der Kulturwertmark und Co. gefühlt herzlich wenig Gedanken gemacht.

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