Öffentliche Güter sind eine Schimäre

Seit wenigen Tagen ist dieses Büchlein zu haben: Elinor Ostrom: Was mehr wird, wenn wir teilen. Auf die Resonanz bin ich gespannt. Mein Vorwort endet mit den Sätzen:

Wetten wir, dass Sie beim Anblick von Kastanien fortan an die Allmende denken? Es würde mich freuen“

Na, neugierig geworden? Die Monde Diplomatique hat in ihrer letzten Printausgabe einen Vorabdruck veröffentlicht und sich darin auch für einen Auszug aus dem Glossar entschieden, das nicht nur verfasst wurde, um Fachbegriffe zu klären, sondern auch, um die von Ostrom angesprochenen Themen einzuordnen oder deren Aktualität zu unterstreichen.

Einer der auch in der Monde Diplomatique abgedruckten Glossar-Artikel ist – so vermute ich – insbesondere für Ökonomen etwas provokant. Ich stelle ihn hier zur weiteren Debatte zur Verfügung. Es geht um „Öffentliche Güter“:

„Es sei sehr schwer, so die Zunft der Wirtschaftswissenschaftler, jemanden von der Nutzung eines öffentlichen Gutes auszuschließen. Denn ein Deich schütze alle, so wie der Leuchtturm allen die Richtung weist, ganz gleich ob Steuerzahler oder nicht. Und auch von sauberer Umwelt profitieren alle, selbst die Umweltsünder. Dieses Phänomen wird von den Ökonomen als Ausschliessbarkeit bezeichnet, die bei öffentlichen Gütern nur schwer zu erreichen sei. Folgt man diesem Ansatz, was gemeinhin getan wird, so ist “Nicht-Ausschliessbarkeit” eine Eigenschaft öffentlicher Güter. Es wird also gesagt: Öffentliche Güter sind so. Dazu gesellt sich die Nicht-Rivalität. Elinor Ostrom formuliert im Englischen etwas differenzierter “substractability” statt “rivalry”. Man kann diesen Begriff mit Teilbarkeit übersetzen. Die Ökonomen unterscheiden also rivale (nicht teilbare) Güter von den nicht-rivalen (teilbaren) Gütern und sie schlagen die öffentlichen Güter den nicht-rivalen Gütern zu. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass die Nutzung des Gutes durch einen Menschen die Nutzung desselben Gutes durch andere Menschen kaum beeinträchtigt oder verhindert. Wir alle können gleichzeitig dieselbe Sendung im Fernsehen sehen oder frische Luft einatmen, sobald wir die Straße betreten; aber wir können nicht zugleich denselben Apfel essen, denn ein Apfel ist rival. Wollten mehrere Menschen etwas von ihm haben, müsste man ihn teilen.

Öffentliche Güter, so die geläufige Beschreibung sind demnach schwer ausschliessbar und gut teilbar.

In der Realität aber sind sowohl Rivalität als auch Ausschliessbarkeit ungemein situationsabhängig, besser gesagt: Sie sind abhängig von dem, was wir tun. Wer genau in die Literatur und in die Welt schaut, wird rasch feststellen, dass es reine öffentliche Güter kaum gibt. In der Fachliteratur werden deshalb so viele Beispiele angeführt und wieder verworfen, wie Autoren über dieses Thema schreiben. Ähnliches gilt für die anderen Güterarten, denn öffentliche Güter werden gemeinhin von den privaten Gütern, den Klubgütern und den Allmendegütern abgegrenzt. So viele Vorschläge sich finden, um wasserdichte Beispiele für die jeweilige Güterart zu benennen, so viele Argumente finden sich dagegen. Es scheint nie richtig zu passen.

Die Lösung wird häufig in neuen Unterkategorien gesucht, etwa in spezifischen öffentlichen Gütern, unreinen öffentlichen Güter oder globalen öffentlichen Güter. Auch freie Güter und Universalgüter bereichern die Gütervielfalt, deren begriffliche Unterscheidung selten überzeugt. Das scheint mit der Herangehensweise zusammenzuhängen, die darauf fixiert ist, einer Sache bestimmte Eigenschaften zu- beziehungsweise einzuschreiben.

Doch eine Sache ist nicht Gemeingut, Privatgut oder Öffentliches Gut, sondern sie wird dazu gemacht.

Zwar ist eine Straße zunächst einmal teilbar (nicht rival) und kann somit von allen befahren werden, doch sobald ein Stau eintritt, ist es damit vorbei. Werden Mautgebühren eingesetzt, wird der Zugang zur Straße zur Bezahlware und Ausschliessbarkeit ist herstellt. Ähnlich verhält es sich mit dem Wasser. Ursprünglich überall eine Allmendressource, wird es in Bewässerungssystemen wie in diesem Buch besprochen zum Gemeingut. In unseren staatlich verwalteten öffentlichen Gewässern wird es zum öffentlichen Gut und in der Flasche aus dem Supermarkt zum Privatgut.

Es kommt also nicht auf das Gut (und seine Eigenschaften) an, sondern auf die technischen und finanziellen Möglichkeiten sowie auf den politischen Willen und die Machtverhältnisse ob etwas Öffentliches Gut wird oder nicht.

Gibt es eigentlich schon eine Technik, mit der man den Piraten das Leuchtturmsignal vorenthalten kann?“

Anm.1.: Es gibt ein paar Abweichungen von der Printfassung.

Anm.2.: Im Abdruck der Monde Diplomatique scheint es, als ob Ostrom diesen Text verfasst hat. Ich hoffe, sie wird nicht damit zitiert.

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