Easy Business: Die Privatisierung der Wissenschaft

Screenshot von der Website der Zeitschrift "Nature"

Screenshot von der Website der Zeitschrift "Nature"

Man stelle sich vor, wir würden die Privatwirtschaft wie folgt organisieren: Ein Automobilhersteller beschäftigt den Konstrukteur Otto B. für ein Bruttojahresgehalt von  50.000 Euro. Das Unternehmen stellt dem Mitarbeiter ein Büro zur Verfügung, mit Schreibtisch, Telefon, Computer und 100 MBit/sec Internetzugang. Büromaterialien inklusive. Hinzu kommt ein Forschungslabor mit einigen Angestellten, Sachmittel und das vergünstigte Mittagessen in der Betriebskantine. Otto B. kommt außerdem in den Genuss einer betriebseigenen Altersvorsorge. Seine mehrjährige Ausbildung wurde vom Unternehmen finanziert, das während der Ausbildung auch für eine günstige Unterkunft sorgte.

Nach zwei Jahren hat der junge Ingenieur ein neues Auto entwickelt.

„Lassen Sie mich mal sehen, was sie da gebaut haben“, sagt der Chef.

„Da müssen Sie sich an Herrn Müller wenden“, antwortet der Mitarbeiter. „Dem habe ich alle Rechte abgetreten“.

„Wie bitte?“ wundert sich der Chef. „Sie haben sämtliche Rechte an unserem Auto an Herrn Müller verkauft?“

„Das war nicht unser Auto, Chef . Es war mein Auto und Herr Müller schützt nun meine Rechte als Konstrukteur. Im Übrigen habe ich es nicht verkauft, sondern verschenkt! Das müssten Sie doch wissen, Chef. Sie selbst wollten unbedingt, dass ich das tue und Sie bezahlen außderdem einen schönen Batzen Geld dafür, dass Herr Müller das Auto in seinem Laden ausstellt. Sie haben mir einmal sogar gedroht mich zu entlassen, falls ich nichts bei Herrn Müller im Laden unterbringe“.

Screenshot von der Website der Zeitschrift "Science"

„Waaaas?“ Der Chef ruft Herrn Müller an und besteht darauf, das Auto anzuschauen.

„Das lässt sich einrichten“, sagt Herr Müller. „Für 32 Dollar dürfen Sie einen Blick darauf werfen, aber wenn Sie versuchen, den Wagen zu fotografieren, verklage ich Sie!“

Der Chef kann es kaum fassen: „Welchen Anteil am Verkaufserlös bekomme ich, wenn Sie den Wagen verkaufen? Schliesslich habe ich alles bezahlt … die Entwicklung, die Fabrik und sogar die Herstellung!“

„Anteil?“, wundert sich Herr Müller. „Sie verwechseln da was! Was glauben Sie wieviel Arbeit ich damit habe, die besten Wagen für meinen Laden auszusuchen? Ohne mich stünde hier nur rostiger Schrott und vermutlich würde niemand „Ihr“ Auto auch nur anschauen!“

Undenkbar? Ob man’s glaubt oder nicht, so ähnlich läuft das in der Wissenschaft. Wir, die Steuerzahler finanzieren die Ausbildung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, deren Fortbildung im Ausland, Universitäten, Arbeitsplätze, Gehälter, Forschungsmittel und Tagungen … und wenn wir auf das einzige Produkt, das diese Branche herstellt … die wissenschaftliche Publikation eben … einen Blick werfen wollten, dann werden wir fett zur Kasse gebeten. Nicht 99 Cent, wie für einen Song bei itunes, sondern 32 Dollar für den Download eines pdf Files, oder 15 Dollar dafür, dass wir diesen File für 24 Stunden betrachten dürfen. Dabei haben die Wissenschaftler während ihrer durch uns bezahlten Arbeitszeit auch noch einen Großteil der Aufgabe des Verlagswesens übernommen: Ehrenamtlich fungieren sie als Lektoren, Herausgeber und Grafiker und einen Druckkostenzuschlag von mehreren Hundert Euro haben sie oft auch noch bezahlt.

Im Übrigen – um jeder diesbezüglichen Spekulation vorzubeugen-: Mit Autorenrechten hat das nichts zu tun, denn die Autoren bekommen dafür keinen Heller Honorar.

Warum die Autoren, also die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dennoch in der Regel alle Rechte an die Verleger verschenken? (Nicht die einfachen Nutzungsrechte, sondern die exklusiven!)

Eigentlich ist es recht einfach: Weil wir sie dazu zwingen! Denn wenn etwa ein Naturwissenschaftler keine Publikationen in Nature oder Science hat, dann zählt er nichts in der Community und bekommt von UNS (der öffentlichen Hand) seinen zeitlich befristeten Arbeitsvertrag nicht verlängert.

Siehe dazu auch: Wenn Wissenschaft Wissen erodiert

2 Gedanken zu „Easy Business: Die Privatisierung der Wissenschaft

  1. „Dabei haben die Wissenschaftler während ihrer durch uns bezahlten Arbeitszeit auch noch einen Großteil der Aufgabe des Verlagswesens übernommen: Ehrenamtlich fungieren sie als Lektoren, Herausgeber und Grafiker und einen Druckkostenzuschlag von mehreren Hundert Euro haben sie oft auch noch bezahlt.“

    Das ist in meinen Augen ein weiterer Punkt. Heutzutage werden die Veröffentlichungen nicht mal mehr gedruckt. Das heißt die Kosten für die Verlage sind auf den Unterhalt für ein paar Server gesunken. Der Gewinn muss üppig sein. Ich habe nie verstanden, warum sich die deutschen Universitäten nicht einfach zusammenschließen und sich die Serverkosten teilen. Dann könnten sie ihre eigenen Zeitschriften herausbringen. Wenn dies auf dem gleichen Weg wie vorher geschieht könnte man mittelfristig den Verlagen das Wasser abgraben und ebenso bedeutend werden.

  2. Natürlich könnte die Wissenschaft das Publiaktionswesen in ihre eigenen Hände nehmen. Geschieht ja auch zunehmend mit Open-Access-Zeitschriften, weltweit gibt es schon 6239 davon (vgl. http://www.doaj.org) , und beim Directory of Open Access Repositories (http://www.opendoar.org/) sind 1800 gelistet. 20% of „peer-reviewed Artikel“ quer über alle Disziplinen sind frei online verfügbar, und Stevan Harnad schätzt die freie Verfügtbarkeit von wissenschaftlichen Artikeln nach dem „grünen Ansatz“, also die Zweitpublikation (oft nur in der Autorenversion) nach der ersten bei einem Verlag, auf über 90% ein.
    Es kommt wohl weniger darauf an, den Verlagen das Wasser abzugraben. Und es kann auch nicht die Lösung sein, dass Wissenschaftler selber Verleger werden. Das ist nicht ihre primäre Aufgabe. Und so einfach alles in einen Server stellen, ist es auch nicht.
    Der Weg könnte sein, zum einen im Urheberrecht das Zweitpublikationsrecht der Autoren als unabdingbar zu verankern (das ist der Hauptstreit in der aktuellen Auseinandersetzung in der anstehenden Urheberrechtsreform im „Dritten Korb“). Und zum andern, den Druck auf die Informationswirtschaft zur Entwicklung neuer Geschäftsmodelle zu erhöhen (eventuell auch unterstützt mit Zwangslizenzen), mit dem Ziel, dass weiterhin mit dem Publizieren wissenschaftlicher Werke verdient werden kann, wenn a) entsprechende informationelle Mehrwerte gegenüber den Ausgangsprodukten der Wissenschaftler selber bereitgestellt werden und b) wenn parallel zur kommerziellen Verwertung die freie Zugänglichkeit nach Open-Access-Prinzipien gesichert ist.
    So paradox das klingt, aber so richtig ist es doch: Je freier die Wirtschaft Wissen und Information macht, desto mehr kann sie damit verdienen. Verknappen Verlage Wissen und Information allerdings wie bisher, dann werden sie die Dinosaurier der Informationsgesellschaft sein, also bald nicht mehr da sein.

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