Das Google Art Project/ Update

Ein bißchen neidisch bin ich schon: Vor ungefähr zwei Jahren stand ich im Rijksmuseum von Amsterdam vor Rembrandts Nachtwache und dachte, man müsste sämtliche Kunstwerke der Welt im Internet frei zugänglich machen. Schluss mit der blödsinnigen Idee, auch nur ein Besucher käme nicht ins Museum um das Orginal zu sehen, nur weil er sich vorher schon auf seinem Computerbildschirm mit dem Bild bekannt gemacht hat. Was wäre das für ein gewinn für die Menschheit, wenn jeder in Ruhe und in jedem Detail überprüfen könnte, ob Mona Lisa wirklich ein schwuler Mann gewesen sein könnte! Wie Rembrandt seine berühmte Hand gemalt hat, oder Picasso seinen Stier. Nun hat der Internetriese GOOGLE „meine Vision“ in digitale Realität überführt – heute ausgerechnet mit der Nachtwache von Rembrandt im Feature. Egal! Ich sollte glücklich sein, bin es aber nicht. Warum? Eifersüchtig? Vielleicht ein bißchen, aber das ist nicht der Punkt. Es wäre ein globales Gemeinschaftsprojekt! Ein Global Commons!! Freier Zugang zu den Kunstschätzen der Welt, die uns frühere Generationen von Meistern und Genies vererbt und überantwortet haben. Das Google Art Project ist aber kein Commons. Der Zugang zu dieser unglaublichen Ressource wird gewährt durch ein kommerzielles Unternehmen, der uns im Moment – seien wir realistisch – mit einem Klick den Hahn zur kulturellen Partizipation abdrehen oder zumindest sehr verteuern kann. So begeistert ich von der Idee nach wie vor bin, das ist schon bitter. Wir sind noch immer in der Defensive, rennen noch immer der Einhegung der Gemeingüter hinterher. Allerhöchste Zeit, mit geeigneten politischen Rahmenbedingungen Google dabei zu unterstützen, dieses großartige Projekt in ein echtes globales Commonsprojekt zu verwandeln.

Update S.H: Hier hat Netzpolitik zu Google-Arts ebenfalls kritisch berichtet. Und die ersten Kommentierer sind empört. Vermutlich haben sich viele daran gewöhnt, dass das ganze Leben als Wirtschaftsunternehmen gedacht und organisiert wird. Und da ist man schon froh, wenn Bill Gates eine Stiftung gründet und die Malaria bekämpft (er könnte es ja auch lassen) oder Google freien Zugang zu Kunstwerken organisiert (sie könnten ja auch dafür kassieren). Die Frage, ob es nicht auch anders geht (wie etwa mit Equitable Lizencing für Medikamente, Patentfreiheit für Impfstoffe, mehr öffentliche Investitionen in medizinische Forschung oder wie bei der Wikipedia in Sachen Zugang zu Wissen und Kultur) wird dann gar nicht mehr gestellt. Dabei ist das eine wichtige Frage, wenn es darum geht, wie wir leben wollen. Doch wer immer sich solchen monopolisierenden Ansätzen gegenüber kritisch äußert gilt als ewiger Nörgler. Schade!

8 Gedanken zu „Das Google Art Project/ Update

  1. Pingback: Tweets that mention Das Google Art Project « CommonsBlog -- Topsy.com

  2. Hallo Silke!

    Was Kunstwerke angeht, möchte ich den Unterschied zwischen dem Original – mit Farbauftrag etc. – und einem digitalen Abbild stark machen.

    Bei einer Diskussion mit einem Kumpel nahm ich den Begriff der Anmutung zu Hilfe: Erstmal durch die Präsenz eines Bildes in seiner originalen Größe, vor dem man steht.

    Bei einem Abbild sieht man nur noch Linien, wo man beim Original Konturen studieren kann, indem man sich ihm nähert, sich vor ihm bewegt… auch Details wie Farbauftrag, Pinselführung… (ich bin ein Laie)!

    Nicht Kunstwerke werden frei zugänglich, sondern Abbilder von ihnen. Daher sollte man auch überlegen, was dabei auf der Strecke bleibt oder bleiben könnte. Stell Dir vor, wenn Interessierte nur Zugang zu Digitalisaten, nicht aber Originalen hätten – vielleicht auch, weil der Zugang zu den Originalen nun erst recht übers Geld geregelt würde.

    Fürs wiederholte Nörgeln entschuldigt sich

    Christian

  3. Hallo Christian. Ich finde Deinen Kommentar sehr treffend. Ein Argument für virtuelle Kunst-„Anmutung“ liegt allerdings in der Frage, wer es sich leisten kann aus aller Welt nach Amsterdam zu fahren um das Orginal anzusehen. Die Anmutung ist besser als nichts, finde ich. Und die Technik, die hier verwendet wird, erlaubt eine viel detailliertere Studie des Werks als beispielsweise eine Fotografie. Dann gibt es auch noch Werke, wie die Höhlenmalereien von Lascaux, die aus Konservierungsgründen gar nicht betrachtet werden können. Oder das Abendmahl von Da Vinci in Mailand, bei dem der Zugang aufgrund der Besuchermassen kontingentiert werden muss … etc. Aber grundsätzlich gebe ich Dir Recht. Den Zugang kann man übrigens auch bei Privatbesitz frei halten – wie den Zugang zu deutschen Wäldern. Der kann nicht verwehrt werden, nur weil einem der Wald gehört. Das sind gesellschaftliche Konventionen, die man so festlegen kann, wenn man die politisch will.

  4. Hallo Jakob!

    Danke, dass Du den Faden aufnimmst und kritisch weiterspinnst. Meine Argumente haben ihre Grenze.

    Grundsätzlich finde ich den Gedanken, Kunst als Gemeingut anzusehen, äußerst wichtig, teile dabei nur nicht den Technikoptimismus. Was den Schutz bedrohter Güter vor „Massentourismus“ angeht, könnte diese Frage auch im Rahmen einer Gemeingüterfrage gestellt werden.

    Was ich nicht verstehe, ist Dein Verweis auf den Privatbesitz. Gerade dieser beinhaltet Tücken, was vermögende „Sammler“ angeht, die die Ware „Kunst“ in Besitz nehmen und so der Öffentlichkeit entziehen können.

    • Die Eigentumsfrage von Kunstwerken kann man sicher kritisch diskutieren, sie ist aber nicht zwingend ein Hindernis für freien Zugang. Der deutsche Wald ist vielerorts in Privatbesitz. Der Zugang in diesen Wald kann aber nicht versperrt werden. Das Grundgesetz gibt ohne weiteres die Mittel dazu her, den öffentlichen Zugang zu bedeutenden Kunstwerken gesetzlich frei zu halten – wenn die Gesellschaft dies so will. Statt dessen haben viele Museen nicht die Möglichkeit, Kunstwerke auch im Internet zu präsentieren … da die Besitzer dies untersagen. Aber auch so manches Museum schottet sich lieber ab, in der Hoffnung ein paar Groschen im Museums-Shop zu verdienen, anstatt Kunst den Menschen zur freien Verfügung zu stellen. Ein Jammertal … mit Perspektiven.

  5. Was den Wald angeht: Auch hier gibt es Nutzungshierarchien: So müssen Haustiere im Namen des Schutzes an der Leine geführt werden, aber der hiesige Jägerverband stellt alle hundert Meter seine Hochsitze auf. -> Auch hier sollte man den Commons-Gedanken stark machen!!!

  6. hallo christian,
    ich habe gar nicht mitbekommen, dass hier jemand „meckert“ … ich finde, die Gedanken tragen zur Klärung bei. Mein Senf dazu:

    „Was ich nicht verstehe, ist Dein Verweis auf den Privatbesitz.“

    Das bedeutet, dass es in verschiedenen formalen Eigentumsverhältnissen möglich ist, den Commons wieder ein Stück näher zu kommen. Der Verweis auf den Wald ist gut, denn da haben wir in Deutschland folgende Situation: alle Eigentumsformen (Großgrundbesitz, Staatswald, Tausende kleine Privateigentümer und Gemeineigentum): Wir haben in allen Eigentumsformen nahezu ähnliche Verhältnisse in Sachen Nachhaltigkeit und fast überall freien Zugang.
    Natürlich ist ein Privatwald noch lange kein Commons, aber man kann eben auch da für Zugangsregeln im allgemeinen Interesse sorgen. Darauf hat Jakob hingewiesen. Und genauso ist es bei den Kunstwerken.
    Heute haben wir die Situation, dass die meisten Kunstwerke entweder ganz oder zumindest digital eingesperrt sind. In Privatwohnungen und in Museen. Und Google löst die digitale Sperre, schafft aber damit noch kein Commons (wie im Blogbeitrag treffend angemerkt ist) – aber Google schafft eine andere Form des Zugangs, die mit dem Zugang zum Original natürlich nicht vergleichbar ist. Nur: genau den haben ja viele Menschen auch nicht.

    „Nutzungshierarchien“: Ja, Nutzungsregeln (so würde ich das nennen) sind bei den Commons normal. Commons heißt ja nicht: alles (vogel-)frei für alle.

    Grüße aus Dakar
    Silke

  7. Hallo Silke!

    „Wir haben in allen Eigentumsformen nahezu ähnliche Verhältnisse in Sachen Nachhaltigkeit und fast überall freien Zugang.“

    Das mit der Nachhaltigkeit habe ich nicht verstanden. Und der freie Zugang ist ja nur eine begrenzte Form der Nutzung. Ich habe bewusst „Nutzungshierarchie“ geschrieben, um hier das Machtgefälle deutlich zu machen. Commons wären für mich partnerschaftlich ausgehandelte Regeln der Nutzung, also von den Nutzern ausgehend und nicht über sie verhängt. Von Vogelfreiheit war nicht die Rede – eher davon, dass z.B. gemeinsam über das Sammeln von Pilzen und Beeren oder über Pflegemaßnahmen (Nutzen und Pflegen des Gutes) verhandelt wird.

    Viele Grüße!

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