Den Commons eine Stimme geben

„All commons are, in the end, one of a kind.“ (Erling Berge)

Der Hörer klebt am Ohr. Das Telefon gibt mich nicht frei, 4 Stunden vorgestern, 4 Stunden gestern und wenn ich heute nicht nach Marburg fahren würde, ginge das so weiter. Die International Commons Conference (ICC) – veranstaltet von der Heinrich Böll Stiftung in Partnerschaft mit der Commons Strategies Group – beschäftigt mich seit geraumer Zeit. Zwischen dem 31. Oktober und dem 02. November trafen sich ca 180 commoners aus über 30 Ländern in Berlin. Das ist eine Woche her.  Irgendwie dachte ich, es würde jetzt ruhiger, denn das war bisher immer so, selbst wenn ich an der Konferenzorganisation heftig beteiligt war. Doch dieses Mal scheint alles anders.

Die International Commons Conference streckt sich in die Zeit, …denn die internationale Debatte über einen Commons Based Policy Framework hat mit der ICC erst ihren Anfang genommen. Sie wird an Fahrt gewinnen, keine Frage. Sie wird einen Großteil unserer Kräfte absorbieren.

Die bisherigen Rückmeldungen lassen vermuten, dass jede/r eine andere Konferenz erlebt hat. Das spricht für die Vielfalt der Commons und für die politische und geographische Bandbreite, die wir in Berlin versammeln konnten. Ohne die politische Initiative und die bedingungslose logistische Unterstützung der Heinrich Böll Stiftung und ohne die Solidarität der Charles Leopold Meyer Foundation wäre das alles nicht möglich gewesen. Zudem haben zahlreiche Teilnehmer/innen ihre beträchtlichen Anreise- und Unterkunftskosten selbst finanzieren müssen. Doch es hat geklappt: die Runde war alles andere als „repräsentativ“ (das kann eine Commonskonferenz mitten in Europa auch gar nicht sein), aber vom autonomen Marxisten bis zum konservativen Unternehmer, von grassroot-Vertreter aus Indien bis zum UN-Lobbyisten aus den USA, von der Präsidentin der International Association for the Study of the Commons bis zur Aktivistin für Nichtkommerzielle Landwirtschaft. waren viele „commoners“ vertreten. Es war übrigens erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit dieser Begriff durch die Räume zog.

Aus mehreren Gründen liefen wichtige Themenstränge nebeneinander, was das Programm zwar komplex machte, dem Gegenstand aber angemessen war. Wir haben uns bemüht, möglichst viele Facetten der Commons in ein Zweitagesprogramm zu integrieren. Am Ende hatte ich fast den Eindruck, die Menschen waren auf verschiedenen Veranstaltungen. So sagten die Einen:

„Schade, dass die global commons kaum diskutiert wurden“.

Und die anderen:

„Hmm, die Konferenz war zu sehr auf global commons konzentriert.“:-)

Dieser Art Beispiele gibt es viele. Die Einen fanden den Diskurs zu „marktfeindlich“, die Anderen haben davon schlicht nichts mitbekommen.  Die Einen haben das Lernen genossen und die Networkingzeiten bis zum Schluss genutzt, den Anderen waren 8 Programmstunden workshops/ Selbstorganisation und Networking neben den zugegebenermaßen zu kurzen Pausen, noch immer zu wenig. Fakt ist: Es war jede Menge Energie im Raum und ich bin sicher, dass die Konferenz in der Geschichte der Commonsbewegung ihren Platz finden wird.

Was übrigens die global und die local commons betrifft, so verbinden sie sich organisch miteinander:

the global commons are composed by many local commons; global commons are reproduced locally„, wie die Subsistenzforscherin Veronika Bennholdt-Thomsen in ihrem Input hervorhebt. Logisch!

Wer immer auch welchen Teil der Konferenz erlebt hat, in einem Punkt sind sich alle einig: Das Event war inspirierend, was sich direkt in meiner mailbox spiegelt.

Hier ein paar Beispiele aus den Rückmeldungen:

  • it would be important to think about the basic income without state support (SIC!)
  • we need a non-defensive language to defend the commons
  • there can’t be ONE commons movement, there is a multilevel need for action

Neue Mailinglisten und Forschungsprojekte, neue kleine Netzwerke und Initiativen sind seit vergangener Woche entstanden. Ich lese erstaunt mit.

Ein paar Fragen für die Zukunft, die ich mitnehme:

  • Wie kriegen wir es hin, die Commonsdebatte von der Verankerung in diesem unpolitischen und reduktionistischen (d.h. auch sachlich falschen) Ressourcenmodell zu lösen, dass Güter grobschlächtig in rival und nichtrival/ ausschließbar und nicht ausschließbar klassifiziert? Interessanterweise geht auch ein Großteil der IASC-Wissenschaftler immer wieder von diesem Modell aus. Ich denke, es wird Zeit, dieses kritisch zu analysieren (Teil meines nächsten Buchprojekts).
  • Zu diesem Punkt gehört auch die nächste Frage, nämlich: Wie gelingt eine schärfere Trennung zwischen öffentlichen Gütern und Gemeingütern?
  • Wie schützen wir den Commonsdiskurs vor ideologischer Vereinnahmung?
  • Welches sind – strategisch gesehen – die wichtigsten Hebel, um die Commonsdebatte voran zu bringen und gesellschaftliche Veränderungsprozesse für eine commonsbasierte Gesellschaft zu unterstützen?
  • Was sind die ontologischen Implikationen der Gemeingüter? Welche Grundstrukturen der Realität nehmen wir an, wenn wir von Gemeingütern reden?
  • Wie überzeugen wir Regierungen davon, der Selbstorganisation in der Sphäre der Gemeingüter Raum zu geben?

Gemeingüter – das ist ein Phänomen, das immer für Überraschungen gut ist und immer neue Einsichten bereithält. Einige davon, die ich aus Berlin mitgebracht habe, werde ich in meinem nächsten Blogbeitrag beschreiben.

Hier gibt’s vorerst nur noch links zur Konferenzdokumentation:

4 Gedanken zu „Den Commons eine Stimme geben

  1. Pingback: Tweets that mention Den Commons eine Stimme geben « CommonsBlog -- Topsy.com

  2. Pingback: Memorable quotes from the Berlin Commons Conference — keimform.de

  3. Hi, Brigitte – das stimmt. Da sind wir in Marburg schon ein Stück weitergekommen und diese Auseinandersetzung hat mir richtig Spaß gemacht. Jetzt müssen wir es „nur noch“ analytisch sauber aufschreiben!
    Ich schreibe gerade weiter Beiträge zur ICC, wie viele andere auch. Hier scheint es einen Ehrgeiz zu geben, das best dokumentierte Commonsevent ever zu ermöglichen🙂
    Bitte schickt alles, was Ihr produziert an Michel Bauwens.

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