H.O.M.E: Hände weg von Mutter Erde – Internationales Bündnis gegen Geoengeneering

Die Erde ist kein Labor!

Geo-Engeneering, die Manipulation der bio-geo-chemischen Prozesse, gehört in die Schlagzeilen und auf die Agenda der sozialen Bewegungen.

Es geht um künstliche Wolkenaufhellung (cloud-whitening), die Eisendüngung von Ozeanen (jüngst gescheitert), die absichtsvolle Verschmutzung der Atmosphäre durch Schwefel, Weltraumspiegel oder die so genannte CO2 Sequestrierung.

Eine neue, von einigen Prominenten unterstützte Allianz Hands off Mother Earth, kurz H.O.M.E., hat nun eine globale Kampagne gestartet. Und die UN hat das Thema endlich auf die Tagesordnung gesetzt. So unterbreitete der unaussprechbare Subsidiary Body on Scientific, Technical and Technological Advice der Convention on Biological Diversity (SBSTTA14 der CBD, sic!) kürzlich den Vorschlag, alle CBD Mitgliedsstaaten aufzufordern, Geo-Engeneering Experimente solange zu bannen, bis wissenschaftliche Kriterien zu deren Beurteilung vorliegen, was allerdings die Forderung nach mehr Experimenten auch stärken kann. Im Wortlaut:

Ensure, in line and consistent with decision IX/16 C, on ocean fertilization and biodiversity and climate change, and in accordance with the precautionary approach, that no climate-related geo-engineering activities take place until there is an adequate scientific basis on which to justify such activities and appropriate consideration of the associated risks for the environment and biodiversity and associated social, economic and cultural impacts;“ (via)

Besonders besorgniserregend ist, dass mit dem Argument des drohenden Klimawandels  den Geo-Engeneerern eine neue Legitimität verschafft werden soll. Das gehört zu den dramatischen Folgen der gescheiterten Klimaverhandlungen in Kopenhagen.

Geo-Engeneering verspricht „quick fix for climate change„, dh. man könne mal schnell dem Problem ein Ende setzen. In ähnlicher Weise hat die grüne Revolution versprochen, den Hunger zu beseitigen, oder die Erdölkonzerne – BP inklusive – haben sich samt Automobilindustrie dem Umweltschutz verschrieben und die Tabakindustrie gibt seit Jahrzehnten vor, die Freiheit zu verteidigen. Wen wundert, dass die Aktivisten schon beim Blick auf die Who-is-who Liste der Geo-Engeneerer nervös werden.

Allen Projekten sind ein paar Dinge gemein. Es kann nicht schaden, sich das vor Augen zu führen.

  • der Verweis auf den drohenden Klimawandel (und das Argument verführt). So sagte einer der Mäzene:

“If we could come up with a geoengineering answer to this problem, then Copenhagen wouldn’t be necessary. We could carry on flying our planes and driving our cars.”, Richard Branson, Virgin Group

  • das Vorantreiben der Experimente erfolgt ohne breite öffentliche Debatte (ähnlich dem Nanotechnologiehype). Im März 2010 trafen sich 175 Experten im kalifornischen Asilomar, um über die Kontrollierbarkeit des Geo-Engeneering zu diskutieren. Doch obwohl einige Regierungen (USA, Großbritannien) die Experimente schon tatkräftig unterstützen und alle Menschen von den Folgen betroffen sein werden, waren nur 14 Länder überhaupt anwesend.
  • die geringe Glaubwürdigkeit zentraler Akteure, tatsächlich im Interesse des Gemeinwohls zu handeln. Geo-Engeneerer können sich so etwas wie „Selbstverpflichtungen“ vorstellen, nicht aber multilaterale, unabhängige Kontrolle. Auch das ist ein bekanntes Muster, welches Mißtrauen schürt.
  • der Glaube daran, die Folgen unseres Handelns (z.B. CO2 Emissionen) ließen sich mit technischen Mitteln beseitigen oder „fixieren“, statt die Richtung des Handelns zu ändern (was mit großer Wahrscheinlichkeit billiger wäre). Geo-Engeneering kommt so als perfekte Entschuldigung daher und steht letztlich für ein „Weiter fossil wachsen wie bisher!“
  • die Ausweitung der so genannten „Intellektuellen Eigentumsrechte“ über Patente wird mit „klimafixirienden“ Technologien in die nächste Runde getrieben. Das Gemeinwohlargument wendet sich in die eigene Tasche. Die Kampagne H.O.M.E. kommentiert:

The prospect of a private monopoly holding the “rights” to modify the climate is terrifying.“

  • das unkalkulierbare Risiko von „Nebenwirkungen“, die durch die Experimente nicht mehr rückgängig gemacht werden können. (siehe dazu diesen schon etwas älteren Beitrag des Wissenslogs) Die Erde zu manipulieren ist nicht dasselbe wie Software zu programmieren. Das ist einer der zentralen Punkte,  die man ernst nehmen muss. Man kann Entgleisungen solcher Experimente, gleich ob durch menschliche Fehler verursacht, durch Naturgewalten wie Vulkanausbrüche verstärkt oder schlicht Fehlkalkulationen geschuldet, nicht einfach „debuggen„! Dieses Problem ist verbunden mit …
  • der Unmöglichkeit, die Folgen der Experimente vorauszusagen, wie auf dem Fischblog treffend kommentiert wurde:
  • „Die Versuche mit Eisendüngung im Meer haben gezeigt, dass die Wissenschaftler schon bei so kleinflächigen Versuchen nicht in der Lage waren, die Auswirkungen ihres Experimentes zuverlässig vorherzusagen.“.

Im Who-is-Who des Geoengenieering kommt auf ganz eigentümliche Weise zusammen, was in der Commonsdebatte zentrale Erkenntnis ist: dass die gesellschaftlichen Auseinandersetzung um Software und Klima im Kern dieselben sind. Es geht immer um die Frage, wer über die Dinge, die uns allen zustehen und die uns alle etwas angehen, in welcher Weise verfügt. In anderen Worten: Wer kontrolliert die Welt?

Dazu ist diese Passage von H.O.M.E. aufschlußreich:

Amidst revelations in this weekends London Times newspaper that a team of scientists and engineers funded by billionaire Bill Gates are planning to carry out a 10,000 square kilometer field trial of controversial cloud-whitening technology, over one hundred civil society groups are urging governments meeting on biological diversity in Nairobi to stop risky geoengineering experiments now. The San Francisco based Silver Lining Project […] has so far received $ 300,000 from Bill Gates to developtechnologies that will increase the whiteness of marine clouds.Theoretically, executed on a massive scale, whiter clouds could increase the earths albedo, reflecting more sunlight back to space and therebyreduce global warming (without changing the composition of greenhouse gases which cause warming)(Herv.S.H.). The Silver Lining Project has decided to press ahead with plans to alter cloud-cover over an undisclosed 10,000 square kilometre patch of ocean (as large as the BP oil slick was a few days ago). If not stopped, the Gates cloud-bleaching experiment would be the largest known geoengineering field trial to date.“

Was will die H.O.M.E. Kampagne?

  • klarmachen, dass die Erde nicht mit einem Labor zu verwechseln ist. Der Plan B (Geo-Engeneering) für die Bekämpfung des Klimawandels wird nicht funktionieren, denn es gibt keinen Planeten B.
  • die Regierungen und die Öffentlichkeit auf die unkalkulierbaren Risiken der Experimente hinweisen
  • ein Moratorium auf alle Geo-Engeneering Experimente erreichen (entsprechend dem Moratorium für Ozeandüngung 2008)
  • auf die Schieflage in den Machtverhältnissen hinweisen. Ausgerechnet Investoren und Regierungen aus jenen Regionen/Ländern der Erde, die sich weigern, ihre historischen Klimaschulden anzuerkennen und zu zahlen, sollen nun öffentliche Unterstützung bekommen, um riskante Experimente durchzuführen, die alle betreffen.
  • klarmachen, dass Geo-Engeneering eine Vertragsverletzung der UN Environmental Modification Convention (ENMOD) von 1978 darstellt, aber auch Verträge betrifft, die sich mit dem Schutz der globalen Gemeingüter (Ozeane, Biodiversität) und der Menschenrechte befassen.

Vor allem aber wollen die Campaigner mobilisieren. Hands Off Mother Earth! Wer die Forderungen unterstützt, findet Möglichkeiten dies zu tun auf der Homepage von H.O.M.E oder schreibt an: join@handsoffmotherearth.org

Diese neue, nie dagewesene Einhegungswelle der Gemeingüter könnte die Letzte sein. Deswegen: Mitmachen!

Mehr bei der ETC Group.

6 Gedanken zu „H.O.M.E: Hände weg von Mutter Erde – Internationales Bündnis gegen Geoengeneering

  1. Pingback: H.O.M.E. Hands off Mother Earth – Kampagne gegen die letzte große Einhegung der Gemeingüter | Gemeingüter

  2. …klarmachen, dass Geo-Engeneering eine Vertragsverletzung der UN Environmental Modification Convention (ENMOD) von 1978 darstellt…

    Die ENMOD-Konvention verbietet laut Wikipedia allerdings nur die „militärischen oder sonstigen feindseligen Nutzung[en] umweltverändernder Techniken“ – Geo-Engineering-Projekte mit friedlicher Intention sind davon also nicht betroffen. Sicher kann Geo-Engineering hochproblematisch sein, aber deswegen sollte man doch keine Fehlinformationen verbreiten!

    • Christian, was meinst Du mit „Falschinformationen verbreiten“? Der ENMOD-Originaltext lautet:
      „prohibits the Contracting Parties from engaging in „military or any other hostile use of environmental modification techniques having widespread, long-lasting or severe effects as the means of destruction, damage or injury to any other State Party“.

      Die Campaigner gehen mit Sicherheit davon aus, dass es sich um „hostile use“ handelt. Umwelt- und damit lebensfeindlich. Es gibt keine Belege dafür, dass man das nicht mit Fug und Recht so sehen kann.

      • Das ist aber nicht der Zweck von Konventionen, dass man da rausliest was man will. Der von dir zitierte Text macht ja schon klar, dass es um (gezielte) Feindseligkeiten gegen andere Staaten geht; von Feindseligkeiten gegenüber der Natur (was soll das überhaupt sein? ist es einem Feld gegenüber unfreundlich, wenn ich es umpflüge?) ist dort nicht die Rede.

        Der deutsche Name „Umweltkriegsübereinkommen“ macht ja auch nochmal klar, worum es geht, nämlich darum, dass Geo-Engineering nicht als Waffe in kriegerischen Konflikten eingesetzt werden darf. Das Verhindern von „friedlichen“ (von der Intention her) Geo-Eng-Projekten war mit Sicherheit nicht Ziel der Konvention, daher sollte man nicht so tun als ob.

  3. Hi Christian,
    Realitäten ändern sich (deswegen gibt es sowas wie Grundgesetzänderungen). Und Kriege ändern sich. Sie werden nicht mehr nur zwischen Staaten geführt.
    Ich finde es durchaus sinnvoll, sich in so einer Kampagne auf das wenige zu beziehen, was man hat, in dem Fall die ENMOD. Ich glaube nicht, dass das irgend jemand überbewertet, es ist einfach nicht mehr da, weil diese völlig neue Realität noch in keinem internationalen Verhandlungszusammenhang bedacht wurde.
    Wenn Du das strategisch falsch findest, schreib doch einfach den Campaignern und erkläre ihnen warum. Sie werden Dir vermutlich antworten, dass das der Anker ist und die Konvention über Geo-engeneering erst erstritten werden muss. Aber vielleicht kannst Du sie auch überzeugen, von dem Argument abzulassen.

    Noch was ganz anderes: Warum darf man sowas wie „ein moralisches Argument“ nur zögerlich verwenden, wenn Du zugleich so auf die „gute Intention“ insistierst? Ich gebe mir wirklich Mühe, mich von allen Argumenten zu verabschieden, die „gut gemeint“ sind (obwohl ich deren grundsätzlichen Wert nach wie vor nicht anzweifeln möchte) und genau deswegen würde ich jetzt hier auch mal sagen:
    „Gut gemeint“ zählt nicht. Das Ergebnis des großen Experiments ist alles andere als vorhersagbar, nur in einem Punkt: Die Mittel und die Kontrolle derselben konzentrieren sich an immer wenigen Punkten. Und das hat wenig mit dem zu tun, wofür wir sonst streiten: den commons.

    Liebe Grüße
    Silke

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