Commons: auf dem Weg in eine moderne Gesellschaft in Freiheit und Gemeinschaftlichkeit

Die letzten beiden Wochen vergingen  wie im Flug. Genauer gesagt: Sie vergingen in der Eisenbahn. Von Jena nach Bad Hersfeld nach Hiddinghausen zum Seminar über Kritische Psychologie (viel gelernt, ist einen extra-Post wert), über Erfurt zurück nach Jena. Dann Paris, wo ich zum ersten Mal für Commons Strategies geredet habe (eine kleine Gruppe von Commons-Internationalisten) nach Berlin und Werneuchen zu INKOTA (das Netzwerk wird sich in Kürze auch der Commonsdebatte widmen) und schließlich über Frankfurt wieder heim. Von der letzten Station will ich berichten und beim Blick in ein paar „große“ Fässer etwas ins Unreine schreiben. Für Korrektur und Schärfung bin ich dankbar, damit ich den Holzweg verfehle…

Ich war vom ökumenischen Netzwerk Kairos Europa, für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung zur Mitgestaltung der jährlich stattfindenden Studientagung eingeladen. Der Nestor des Netzwerks, der Theologe und Philosoph Ulrich Duchrow, hatte schon am Manifest „Gemeingüter stärken. Jetzt!“ tatkräftig mitgearbeitet.

Interessant war die Begegnung mit den Ko-Referenten Prof. Hans Diefenbacher und Prof. Michael Brie. Letzterer ist Direktor des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Brie hat in kritischer Reflektion seiner biographischen Erfahrung drei Dinge formuliert, die ich durchaus als Maßstab einer politischen Commonsdebatte sehe (ich zitiere Brie nicht, sondern beziehe einige seiner Aussagen gleich auf unser Thema):

1. Kann eine moderne, auf der Idee der Commons basierende Gesellschaft den Zusammenhang zwischen Freiheit und Gemeinschaftlichkeit herstellen?

„Eine Ordnung, die dies nicht kann, hat keinen Bestand.“

2. Hat solch‘ eine Gesellschaft das Potential zur ständigen Erneuerung, zur permanenten Umwälzung? Kann sie anschlußfähige Bausteine schaffen, die irgendwann zu etwas Neuem werden, so wie Mutation nicht einfach neue Tiere hervorbringt, sondern sich durch permanente Veränderung allmählich erneuert? Anders gefragt, ergibt sich aus der Struktur der Commons genug Innovation? Und schließlich:

3. Ist eine auf der Idee der Gemeingüter basierende Ordnung verallgemeinerbar? Zur Illustration: Es kann nicht jeder ein Auto haben. Das wäre wegen des Ressourcenaufwandes eine nicht verallgemeinerbare Form der Mobilität. Vergleichbar mit ‚dem Dienstmädchen‘; wenn alle Dienstmädchen hätten, wären alle selber Dienstmädchen und somit auch wieder nicht.

Ich glaube, dass man aus Commonsperspektive alle Fragen tendenziell mit ‚Ja‘ beantworten kann, dass nun die Aufgabe darin besteht, dies kohärent zu tun und schlüssig zu belegen. Dazu ein paar unreife Ideen.

1. Der Zusammenhang zwischen Freiheit und Gemeinschaftlichkeit ist in der Idee des „ich brauche die Anderen und die anderen brauchen mich“ (i.a.W. im Konzept der Selbstentfaltung) formuliert. In der Grundüberzeugung, dass der „Mensch am Du zum Ich wird“, dass der Einzelne sein Potential und seine Kreativität im Beziehungsreichtum entfaltet, ja, erst dadurch überhaupt entfalten kann. Lebendige und vertrauensvolle Beziehungen bestimmen das eigene Wohlbefinden wesentlich (das müssen uns nicht erst die  Psychologen sagen), und sie sind Grundvoraussetzung für erfolgreiche Selbstorganisation und für Kooperation auf verschiedenen Regulierungsebenen.

„Ich kann das Wort ‚Vertrauen“ gar nicht oft genug wiederholen“,

formuliert Elinor Ostrom in ihrer Nobelpreisrede 2009.

Unsere Handlungsfreiheit hängt also direkt mit diesem Eingebundensein zusammen, präziser gesagt: sie erweitert sich durch sie. Und das ist der Maßstab: Die Erweiterung der eigenen Handlungsmöglichkeiten. „Sich (etwa durch exklusiven Zugriff auf Ressourcen) auf Kosten anderer durchsetzen“ führt den Einzelnen in die Isolation und die Gesellschaft in die Spaltung.

Die Beziehung, von der hier die Rede ist, ist vermittelt. Über die Beziehung zu den Dingen (den commons pool resources) gestalten wir unsere Beziehung zu den Anderen. So sind wir auf die uns nährende Materie angewiesen, wir können ihr gar nicht bindungslos gegenüber stehen (schon einfachsten Organismen geht das so). Doch die Art dieser Bindung, die Art wie ich den Boden bearbeite, die Früchte ernte, sie gebrauche, sie verkaufe oder teile, sagt nicht nur etwas über meine Beziehung zu den Dingen selbst, sondern vor allem über meine Beziehung zu den Anderen. Die Art wie ich kreativ tätig bin, Wissen und Ideen produziere und publiziere desgleichen. Am deutlichsten wird das in der gegenwärtigen Eigentumsunordnung (die aus Commonsperspektive neu geschichtet wird.)

Eine auf der Idee der Gemeingüter basierende Gesellschaft bezieht sich grundlegend auf das Eingebundensein in das ganze Leben. „Prior unity„, nennen das manche Kollegen. Daher hängt die eigene Lebensqualität direkt von der Lebensqualität der anderen ab. Der Zusammenhang ist: In vielfältigen Bindungen (in Gemeinschaftlichkeit) kann es gelingen,  mehr Handlungsfreiheit zu gewinnen als in einem Kontext, in dem sich immer mehr (und immer intimere) Beziehungen über den Markt vermitteln. Das ist ein grundsätzlicher claim, den die Commonsdebatte absteckt.

2. Mein intuitives „Ja“ zu diesem Punkt ergibt sich aus zwei Aspekten. Einerseits der Tatsache, dass in der Commonsdebatte die Aneignungsperspektive im Mittelpunkt steht (Stichwort: „Das Leben in die eigene Hand nehmen.“); andererseits aus dem Prinzip der Offenheit für Wissen und Ideen gebunden an bestimmte Bedingungen.

Der hohe Akzeptanzgrad selbstbestimmter Regeln (die in verschiedener Form Zugang zu rivalen Ressourcen beschränken und zu nicht rivalen Ressourcen offen halten) ist grundlegend für das Erneuerungs- und Innovationspotential der Gemeingüter. Erneuerung ist zugleich Bestandteil und Ergebnis von Selbstbestimmung. Es gibt stets die Möglichkeit neu zu beginnen, die Regeln neu auszuhandeln, ein Projekt zu „forken„. Und es gibt prinzipiell eine Offenheit in den Lösungsansätzen („Patentrezepte sind potentiell dysfunktional„, Ostrom). In den Commons existiert die Idee des Allheilmittels nicht, die Gefahr der Verabsolutierung einer Idee scheint so minimiert.

Offenheit erlaubt, dass  produktive Ressourcen und kreative Potentiale ständig neu kombiniert werden, um Anschlußfähiges an das Alte zu schaffen, aber letztlich Utopisches zu ermöglichen (etwa die totale Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Konsum oder monopolfreie kommunikations- und IT-Strukturen). Mit der DNA ist das nicht anders. Aus der schier unendlichen Rekombinierbarkeit ihrer Bauelemente ergibt sich die Vielfalt des Lebens, die an sich lebenssichernd ist.

Es geht also darum, offene, gesellschaftliche Strukturen zu entwickeln, die Kreativität und Innovation zulassen, statt sie zu behindern. Diese Strukturen müssen im Unterschied zum Funktionsprinzip der DNA erdacht werden und sie sind zusätzlich an zwei Prinzipien zu binden:

a.) Teilhabe aller jeweils Nutzungsberechtigten (Fairness)

b.) Nachhaltigkeit (nicht mehr gebrauchen als die Reproduktionsfähigkeit der Resssourcen zulässt)

Anders ausgedrückt: Nicht alle Kombinationsmöglichkeiten sind möglich. Doch nur der freie (und damit kontrollierbare) Fluss von Wissen, Code und Information wird letztlich ermöglichen, dass wir alle Kombinationsmöglichkeiten ausschöpfen und anwenden, die möglich sind, um die anstehenden Probleme (z.B. das der Übernutzung endlicher Ressourcen) zu lösen.

Zu 3. Die Frage ist also: Ist eine Ordnung maximaler Freiheit in Gemeinschaftlichkeit, des freien Flusses von Wissen und Ideen, der fairen Teilhabe und der nachhaltigen Nutzung endlicher Ressourcen verallgemeinerbar? Ich denke Ja. Die Ausrichtung an den Prinzipien der Teilhabe und der Nachhaltigkeit stabilisieren eine commonsbasierte Gesellschaft in der sozialen und ökologischen Dimension. Die übrigen Elemente stabilisieren sie politisch und kulturell.

So, und jetzt ist viel Platz zum Weiterdenken.

Ich freue mich übrigens, dass die Mitglieder vonKairos Europa beabsichtigen, der Institution Kirche mit dem Commonsthema auf den Leib zu rücken. Die Teilnehmer_innen des Studientages beschlossen, die Befassung mit dem Thema inkl. eines breiten Basis-Konsultationsprozesses an den Rat der EKD heran zu tragen. Wenn dies gelingt, verschafft es der Debatte andere Weiten.

Zum Foto: A Planetary Co-Creative Art Project by artist Russell Maier, Humanity'sTeam and You. Zur Website:

3 Gedanken zu „Commons: auf dem Weg in eine moderne Gesellschaft in Freiheit und Gemeinschaftlichkeit

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  2. Die Diskussion zum Thema vertieft für Kirchen eine Auseinandersetzung zu dem Projekt „Wirtschaften im Dienst des Lebens“, das auch aus theologischen Überlegungen gewachsen ist. Kirchen als Institutionen sind aber in hohem Maße Besitzstandswahrer. Daher wird dieser Diskurs einigermaßen aufreibend – meine Erfahrung! Die Auslegung biblischer Texte dagegen unterstützt die Commonsdebatte: Die Bibel definiert Bewahrung und Förderung als „Segen“ sehr materialistisch: Fruchtbarkeit des Bodens und der Herden, der Frauen, gesunde Kinder. Für heute und hier ließe sich diese Segensfunktion an einer privilegierten Lebenssituation ablesen: Jeder und jede hätte sich zu fragen und würde sich möglicherweise als relativ wohlhabend, relativ gebildet, relativ alters- und krankenversichert, „weiß“ usw vorfinden – privilegiert im Vergleich mit Milliarden anderer Menschen auf dieser Erde. Und jeder und jede verdankt sich nicht sich selbst, sondern Gott, der zu dieser Zeit und an diesem Teil der Erde, in diesen Lebensumständen ins Leben rief. Das ist ein grundsätzlicher Widerspruch zu dem Machbarkeits- Kontrollwahn und der einseitigen Betonung von Leistung und Erfolg. Privilegien – biblisch verstanden – sind also Geschenk, eine Gabe, die keinem Verdienst entspricht und daher nicht dem Eigennutz, sondern der gesellschaftlichen Gesamtheit zugute kommen soll. Für dies Verständnis ist eine Sicht der Bibel offenbar besonders kontrovers im gemeinhin akzeptierten Wertesystem:
    Gott ist der Eigner der Welt, er allein hat das Besitzrecht, der Mensch ist Verwalter (gr. oikonomos) , Ökonom – und Nutznießer, um unter dem Segen Gottes in einer Mitwelt leben zu können und sie mit anderen zu gestalten.
    Ich war auch bei der Tagung Kairos und bin begeistert von den vielen Denkanstössen!

  3. @ Barbara, das freut mich🙂 – der Eintrag wie auch der letzte Satz. Ja, in der Commonsdebatte kommen unterschiedliche Konzeptualisierungen der Welt plötzlich in unerwarteter Weise zusammen. Das ist eine Art von „Anschlußfähigkeit“, die ich für sehr vielversprechend und nicht-korrumpierbar halte. Sie besteht im Zurückführen auf das Grundlegende. Ich z.B. würde formulieren, „wir Menschen sind trustees/treuhänderische Verwalter dessen, was ursprünglich und für alle als Gabe da war/ist“ (also der common pool resources), andere nutzen, um diesselbe Überzeugung zu formulieren, den Bezug auf die Bibel. Jede/r darf von dort aus denken, wo er/sie gerade steht. Und wir werden uns begegnen.

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