Commonsinstitutionen denken: Weltwaldhypothekenbank

Albrecht von Sydow, Jurist und Ökonom mit Forstwirtschaftserfahrung, arbeitet seit 2006 als CEO einer us-amerikanischen Holzpelletierfirma. Er ist zudem Mitgründer des Biomass Thermal Energy Councils (BTEC), einem Industrieverband, der in Washington für die thermische Nutzung von Biomasse eintritt. Von Sydow hat ein offenes Ohr für die Allmende, weswegen es bei BTEC nur um Biomasse gehen kann, die nicht auf Kosten der Nahrungsmittelproduktion im Süden gewonnen wird. Wegen dieses Ohrs für die Allmende hat er auch am letzten Allmendesalon der Heinrich-Böll-Stiftung teilgenommen. Der Salon wird in Kürze hier dokumentiert.

Klar ist, dass eine grünere Marktwirtschaft nicht dasselbe ist wie ein gemeingüterbasiertes Leben und Haushalten. Doch klar ist ebenso, dass wir die Dinge etwas grüner brauchen als sie sind. Neue Institution müssen deswegen nicht nur entlang der Frage gedacht werden: „Wie preise ich externalisierte Kosten ein?“ (das wäre der Ansatz des Green New Deal), sondern sie müssen auch die Eigentumsfrage neu aufrollen und sichern, dass die Nutzungsrechte an den Ressourcen letztlich allen (Nutzungsberechtigten) gleichermaßen zukommen. Im Falle der Atmosphäre sind das ‚wir alle‘.

ass wir so viele sind, macht die Frage nach dem Design von Allmende-Institutionen für Globale Gemeingüter so herausfordernd!

Wie kann man sich unabhängig machen von nationalstaatlichen Interessen, die häufig die pekuniären Interessen Einzelner transportieren? Wie ist das Prinzip durchzusetzen, dass von Gemeingütern alle Nutzungsberechtigten gleichermaßen profitieren müssen?

Kurz: Wie sehen Commons-Institutionen aus? Hier ist jeder Vorschlag wichtig!

Die Commonsforschung hat gezeigt, dass eine „simple“ Übertragung von Eigentumsrechten nicht ausreichend ist. Vielmehr haben alle Eigentumsformen – privat, öffentlich (also Staat) und andere Formen des Gemeineigentums – ihren Erfolg und ihr Scheitern bewiesen, wobei privateigentumsrechtliche Festlegungen in der Regel einer Weichenstellung gegen Zugang- und Nutzungsrechte der Allgemeinheit gleich kommen. Doch genau darauf kommt es an: auf die konkreten Nutzungs- und Entnahmerechte, auf die Kommunikationsformen und die Mechanismen, die Verantwortung für alle erzeugen.

Albrecht von Sydow macht in diesem Zusammenhang einen, wie ich finde bedenkenswerten, Vorschlag. Er erinnert mich an den Skytrust von Peter Barnes.

Waldnahes Management in Deutschland: Das bedeutet Bäume, die 200 Jahre wachsen, Mischwald mit vielen Altersklassen und einen Förster, der 2000 ha pflegt. Kosten: 100 Euro/ha/Jahr. Im Gegensatz dazu rotiert der „Spargelstangenwald“ in den USA/Kanada alle 30 bis 40 Jahre, bestenfalls alle 70 Jahre. Genveränderte Bäumen sollen die Rotationszeiten gar auf 10-15 Jahren drosseln! Der geringe Ertrag erlaubt eine maximale Reinvestition von 10 USD/ha/Jahr. Der Einschlag erfolgt im Kahlschlag. Anders in europäischen Wäldern. Dort wird genau analysiert, wann welche Bäume welcher Spezies gefällt werden soll. Der Effekt: mehr Beschäftigung, mehr Vielfalt, höhere Erträge und bis zu 5x höhere CO2-Absorption (grobe Schätzung) als in us-amerikanischen Wäldern.

Der Verfahrensvorschlag hin zu mehr waldnaher Bewirtschaftung geht nun über die Idee des „Einpreisens“ in wesentlichen Aspekten hinaus. Er speist sich aus dem Umgang alter Kulturen mit ihren Wäldern. Die Pflege fiel der jeweiligen lokalen Gemeinde anheim. Der Wald wurde als Gemeinschaftsgut nachhaltig bewirtschaftet und konnte nicht verkauft werden. Doch die 300 Mio/ resp. 500.000 Mio ha in den USA und Kanada können heute nicht einfach in von kleinen communities zu bewirtschaftendes Gemeineigentum überführt werden. Und selbst wenn das möglich wäre, wäre dies noch keine Garantie für ein schnelles Umsteuern. In Deutschland etwa zeigt die Erfahrung, dass Gemeinde-/Gemeineigentumswald sich von anderen Eigentumsformen nicht gerade hinsichtlich der waldnahen Bewirtschaftung hervortut.

Es bedarf daher (auch) anderer Anreize, um die CO2 Absorptionsfähigkeit und die Inventar-Aufstockungsmöglichkeit dieser Wälder sehr schnell zu erhöhen.

Die Idee: eine World Forests Mortgage Bank, eine Weltwaldhypothekenbank. Der Titel spiegelt meiner Ansicht nach nur unzureichend die Essenz des Vorschlags wieder. (besser vielleicht: World Forest CO2-Storage Stewardship Trust?)

Der zentrale Punkt scheint mir: Nicht unbedingt die Wälder selbst werden in Gemeineigentum überführt, wohl aber das durch die Wälder gebundene CO2 (denn der Himmel und die Klimastabilität sind für alle da)! Das daraus entstehende Gemeineigentum (an CO2-Speicherkapazität) könnte über die ‚Waldhypothekenbank‘ verwaltet werden.

Jeder Waldbauer, der 20 USD für eine Tonne CO2 erhält, die er nachhaltig bindet (die müsse er kriegen, so von Sydow, sonst mache er die Umstellung zu emissionsarmer Waldwirtschaft nicht mit), trägt bei der ‚Bank‘ eine Grundschuld auf seinen Wald ein. Das ist nicht weiter begründungspflichtig, denn die Gemeinschaft hat einen Anspruch auf die CO2 Bindung durch den sich in Privateigentum befindlichen Wald.

Die Bank erhält nun bei Kahlschlag oder anderen CO2 negativen Maßnahmen vom Waldeigentümer die Mittel zurückt, die die Gemeinschaft in die CO2-Bindung investiert hat. Dadurch werden nicht-nachhaltige Forstmethoden sehr schnell unwirtschaftlich, glaubt von Sydow.

Soweit die Idee, die ich aus zwei Gründen charmant finde:

1. Sie bewegt sich jenseits der Frage: „Wer ist Eigentümer des Waldes?“, stellt aber die  Eigentumsfrage dennoch und beanwortet sie in eigentümlicher Weise: Der Wald kann Privatpersonen, juristischen Personen (inkl. Gemeinschaften) oder dem Staat gehören, aber die CO2 Absorptionskapazität nicht. Die ist Gemeineigentum!

2. Sie denkt unabhängige Allmende-Institution „jenseits des Staates“. Diese können  staatliche Maßnahmen (Fördermaßnahmen, Waldgesetze“) sinnvoll ergänzen. 

Fortan wird es kompliziert. Doch wer hat je behauptet, dass die Institutionenfrage irgendwie einfach zu lösen sei?:

  • Wer „ist“ die Weltwaldhypothekenbank? Wer kontrolliert und finanziert sie?
  • Wer misst periodisch, ob mit der jeweils neuen Bewirtschaftungsweise tatsächlich mehr CO2 gebunden wird als mit der alten?
  • Wer kontrolliert und sanktioniert die Einzelbetriebe? (vgl. Forest Stewardship Council)

Kurz, wer stellt wie sicher, dass die Idee sich in der Institution nicht verselbständigt und ganz woanders hin läuft?

Aus jeder Idee ergeben sich 1000 Fragen. Das sollte uns nicht daran hindern, sie zu durchdenken und zu kommentieren. Die Diskussion ist eröffnet.

Foto: Deutscher, äh, schwäbischer Wald; by Jakob Bauer, Lizenz: CC: BY,SA

Ein Gedanke zu „Commonsinstitutionen denken: Weltwaldhypothekenbank

  1. Danke für den schönen Beitrag.
    Der vorgestellte Ansatz hat wirklich großen Charme, vor allem, weil er die Frage, was denn überhaupt als (Gemein-)eigentum behandelt werden kann, so unkonventionell beantwortet. Ich muss einmal darüber nachdenken, wie sich dieses Prinzip noch anderweitig fruchtbar machen ließe.
    Zugleich haben solche universalen (und in dieser Hinsicht auch wiederum globalen) Ansätze auch ein gewisses Misstrauen verdient.
    Nachhaltige Landnutzung entsteht durch eine intensive Auseinandersetzung mit dem konkreten Raum. In das Nutzungsregime müssen Erfahrungen einfließen, die die Böden, den Wasserhaushalt, das Klima und vielleicht auch das eigene Vermögen und die eigenen Ansprüche betreffen. Diese Auseinandersetzung dauert lange, am besten ist es, wenn die Erfahrungen, die dabei gemacht werden, über Generationen ausgewertet und aufbewahrt werden. Altes Wissen wird tradiert, neues Wissen akkumuliert und in verschiedenen Formen (von Ertragstafeln bis hin zu Anekdoten) weitergetragen.
    Es spricht in diesem Zusammenhang Einiges für die Allmenden, denn dadurch, dass sie mehr Menschen involvieren als andere Eigentumsformen, kann das entsprechende Wissen hier gut konserviert und weitergeführt werden. Wenn eine Waldbesitzerfamilie ihren Besitz aufgibt oder ausstirbt, reißt in der Regel der Wissensstrom ab, ein Dorf mit Gemeineigentum ist diesem Risiko nicht so stark ausgesetzt.
    Aber gerade die Landnutzungsregimes, die wir für relativ nachhaltig halten, zeigen auch, wie wenig schematisch dieser Vorgang ist. Die naturräumlichen Bedingungen erfordern vielmehr ein sehr filigranes Herangehen an den Raum. Was an einer Stelle richtig ist, kann wenige Meter weiter (höher oder tiefer etc.) schon Unsinn sein. Ein guter Bauer differenziert seine Flächen tendenziell unendlich aus, weil er weiß, wie verschieden sie sind. Ein guter Förster wird es ebenso machen. Es ist ein unendlicher Optimierungsvorgang. Je feiner die Auflösung in der Landschaft, umso effektiver wird man sie nutzen können, ohne sie zu verbrauchen. Das ist das Prinzip des Gartens – und auch das des nachhaltigen Wachstums. Jeder, der sich damit beschäftigt hat, weiß, dass es funktioniert, aber dass es auch bedeutet, dass in der Landnutzung viele Menschen beschäftigt sein müssen. Denn das Ganze ist ein schöpferischer Vorgang, die Auseinandersetzung mit dem Raum lässt sich nicht automatisieren: Ohne Gärtner kein Garten.
    Und noch etwas: der Garten ist endlich, begrenzt. In vielen subsistenzwirtschaftlichen Landnutzungen kann man nachhaltige Strategien finden, weil diese auf einem Mangel an Fläche gründen. Erst, wenn wir mit der uns zur Verfügung stehenden Fläche haushalten müssen, werden wir die oben beschriebene Auseinandersetzung auch führen. Wenn man diesen Zusammenhang bedenkt, ist es ein Hohn, dass die moderne Landwirtschaft sich heute intensiv nennt. Sie hat einen riesigen schematischen Flächenverbrauch, sie kann es sich leisten, ohne Rücksicht auf die Heterogenität des Naturkapitals Maisschläge einzurichten. Das ist nicht intensiv, es ist blind, so wie Las Vegas in der Wüste.
    Es geht also um ein Prinzip im Aneignungsverhältnis von Mensch und Natur, dass sich nur durch eine enge Bindung an die Fläche, durch ein Bewusstsein ihrer (Leistungs-)Grenzen und durch eine Generationen währende Auseinandersetzung etablieren lässt. Und dieses Prinzip sollte durch einen globalen Allmende-Emissionshandel verzichtbar werden?
    Es gibt Leute, die das behaupten. Die Wissenschaft redet der Politik seit Jahren ein, dass sie den Gärtner ersetzen kann. Sie behauptet, durch Modelle und gigantische Datenbanken ein viel besseres Wissenssystem geschaffen zu haben, als das der klassischen Nachhaltigkeitstraditionen. Es gibt Umweltwissenschaftler, die konstant die Hoffnung nähren, durch die Zusammenführung von ökologischem Monitoring und moderner Datenverarbeitung ließe sich ein universales Nachhaltigkeitsregime etablieren, das den jeweiligen verschiedenen Spielräumen in der globalen Landschaft auch gerecht wird.
    Meines Erachtens wäre genau ein solches Superhirn erforderlich, wenn man eine Weltwaldhypothekenbank einrichten will. Denn die Wälder sind nicht überall gleich produktiv, sie sind z.T. devastiert, sie stehen in unterschiedlichen Klimazonen usw. Wenn das System also gerecht sein soll, muss es die verschiedenen Bedingungen berücksichtigen, die allein zu verschiedenen vernünftigen Umtriebszeiten führen.
    Und es muss auch sehr viele soziale Aspekte berücksichtigen, soziale Lebensformen, die sich in einer bestimmten Aneignungsweise des Waldes gebildet haben und die sich plötzlich nicht ohne weiteres in das Bilanzierungssystem einpassen lassen, weil sie einer ganz anderen Logik folgen. Es könnte hier eine Menge unliebsamer Überraschungen geben – ob im Stadtwald von Posemuckel oder im afrikanischen Busch, das bliebe abzuwarten.
    Letztlich würde sich in einem solchen System eine riesige Bürokratie ausbilden müssen. In ihr könnten sich jene am besten durchsetzen, die die modernen Wissensagglomerationen am besten beherrschen. Es ginge um Geld, man müsste Institutionen schaffen, die Missbrauch oder Betrug verhindern. Es würde immense Kosten verursachen, die bei der schöpferischen Etablierung von nachhaltigen Lebensverhältnissen wiederum fehlen würden.
    Da wäre mir ein paar regionale Forstbeamte dann doch lieber, die auf die Einhaltung standörtlich angepasster Nachhaltigkeitsgrundlagen achten, die eine Vielfalt von Eigentumsformen unterstützen, die Traditionsbildung im Nachhaltigkeitswissen fördern und deren Aufgabe es ist, dass die Leute ihre Landschaft selbst entwickeln – eher wie einen kollektiven Garten, weniger wie eine CO2-Grundschuld.
    Im Moment werden genau jene Beamtenhierarchien, die das einigermaßen gelernt hatten, vernichtet. Stattdessen etabliert man neue Hierarchien, denen allen eines gemeinsam ist: sie führen keine Auseinandersetzung mehr mit dem konkreten Landschaftsraum. Für den Landschaftsraum gibt es ja die Daten.

    Kenneth Anders

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