Open Source Stadtplanung! Stadtplanung out of control?

Was kommt heraus, wenn Open Source Prinzipien auf Stadtplanungsprozesse übertragen werden?

Erstens: Vielfalt. Nicht nur als Produkt, denn Vielfalt ist ja überall schon da. Das Problem ist oft sie zu nutzen, zu erhalten und kreativ umzuformen. Zweitens: Städte, die den Bedürfnissen ihrer Bewohner_innen entsprechen. Das jedenfalls sagen Ulrich Königs, Christoph Heinemann und Christoph Schmidt in einem Divercity; Strategien zur Entwicklung des urbanen Raumes

Der Text beginnt mit einer starken These. Sie erinnert mich an Gustavo Esteva. Ich lebte gerade in Mexiko City, der Stadt der Extreme und des alles zugleich. Ameise und Dino, pulsierend und tot, geliebt und gehasst. Ich fand das sehr real, doch Esteva sagte einfach:

„Mexiko-City gibt es nicht.“

Mexiko City ist nicht denk- und nicht lebbar. Man muss den Moloch in seine Einzelteile zerlegen, um ihn (er-)fassen zu können.

Ähnlich die Autoren von Divercity (mit einem Fragen aufwerfenden Copyright-Zeichen hinter dem treffenden Begriff!)

„Die klassische europäische Stadt hat aufgehört zu existieren. Es ist an der Zeit sich zu verdeutlichen, daß wir daran arbeiten müssen neue Vorstellungen von Stadt zu akzeptieren und weiterzuentwickeln.

Der Grund sei „der totale Sieg der Infrastruktur über die Struktur.“ Ich sehe den Jenaer Eichplatz vor mir, das so unzureichend wie unhandlich sternförmig angelegte Jenenser ÖPNV-Netz, die Straße, die 100 Meter am Haus vorbei führt und keinen Platz für Radfahrer, wenig nur für Fußgänger lässt. Struktur für Gemeinsames bieten einzig das Paradies und der Friedensberg (eine beschauliche Erhebung vor der Haustür, die sich neugieriger ins Saaletal vorwagt als die umliegenden Berge). Ist auch in Jena das Problem „die Sehweise“, aus der fehlende Strategien „jenseits der Ideologien der Moderne“ resultieren. Strategien, die Städte der Vielfalt und des Gemeinsamen zu entwerfen in der Lage sein müssen? Wäre es nicht hier wie anderswo sinnvoll, die Vielen (die Bewohner_innen) an der Planung in ganz neuer Weise zu beteiligen?
Wie kann man Stadtentwicklung denken, in der sich die real existierende Vielfalt spiegelt, ohne in Chaos und Häuserbrei (wie in Mexiko-City) zu enden?

Mit open source-Prinzipien! Sagen die Initiatoren von Divercity. Denn:

„eine offene Struktur [ist] in der Lage ist, qualitativ hochwertige Ergebnisse […] zu erzielen.“

Sie beschreiben Schritt für Schritt wie der Paradigmenwechsel sich vollziehen kann:

Was ist bisher?

  • regelbasierte, ergebnisorientierte, von Experten durchgeführte Planung nach zeitlich und räumlich unbegrenzten Parametern
  • über einen längerfristigen Zeitraum festgeschriebener Richtlinienkonsens und Leitbildmotivation (B-Plan, Masterplan)

Was wird gesucht?

  • verhandlungsbasierte, flexible Planung nach prozessorientierten Methoden, die […] „den Planer in die Rolle eines Organisators anstatt eines klassischen Entwerfers / Autors bringen.“
  • Ansätze, die „Komplexität zulassen, fördern und fehlerfreundlich“ sind

„Während in sich abgeschlossene Planungssysteme nicht in der Lage sind auf plötzliche Veränderungen zu reagieren, können auftretende Konvergenzen und Divergenzen in Form von Krisen, Katastrophen und Konkurrenzen produktiv eingebaut werden; […]. Durch sie wird der Planungsprozess stetig hinterfragt, angepasst und reguliert.“

Wie bei der Entwicklung eines offenen Betriebssystems gäbe es in solch einem Planungsprozess keine Betriebsgeheimnisse, und wie bei FLOSS wäre die

„Bedingung für die Teilnahme an der Entwicklung […] allein die fachliche Kompetenz des interessierten Nutzers.“

Zudem würde (wie bei FLOSS durch spezifische Lizenzen) nicht das Ergebnis eines Programmiervorgangs geschützt, sondern der Prozess.

Diese Prinzipien auf Stadtplanung zu übertragen bedeute

„zunächst einmal die Abgabe der Planungssouveränität der Stadt bezogen auf zeit / räumlich fixierte Festlegungen (…), weiterhin die Öffnung für Interventionen eines jeden Teilnehmers am städtischen Prozess. Der städtische Raum wird nicht mehr (regelbasiert) im voraus definiert, sondern wie ein Produkt behandelt, das durch die Teilnahme verschiedener (kompetenter) Interessengruppen immer weiter verbessert wird. …

Die Etablierung einer prozessorientierten Planung […] hat nicht zum Ziel, die Planung insgesamt zu deregulieren, es geht vielmehr um eine Verschiebung, bei der Aufgaben anders wahrgenommen und bewältigt werden müssen. Operativer Pragmatismus, statt ideellem Konformismus. Eine Planung basierend auf dem Open Source Prinzip lässt sich in vier Hauptbereiche unterteilen: Information, Regulation, Plot und Code.“

Information

Grundsatz ist, dass erarbeitete Vorschläge oder Eingaben sofort veröffentlicht werden müssen.

„Eingaben in diesen Informationspool können von den unterschiedlichsten Gruppen vorgenommen werden, von Investoren, der Stadt, Aktionsgruppen, Bürgerinitiativen, Einzelnen. Der Informationspool ist einerseits Speicher für Grundlagendaten, andererseits Diskussionsraum einer vernetzten Newsgroup in der dynamisch Ideen überprüft, wie erzeugt werden können.“

Code und Plot

„Der Plot ist der Teil des städtischen Raums, der zur Verhandlung steht, auf dessen Bereich sich Eingaben beziehen. Zunächst eine Karte, ein Plan, auf dem alle geografischen, infrastrukturellen, sowie kontextuellen Daten grafisch dargestellt sind. Bebauungsvorschläge werden über den Code hier eingegeben, …“

Durch dieses Vorgehen entstünde

„eine Vielzahl unterschiedlicher Modelle […] vergleichbar mit den parallel existierenden Entwicklerversionen von Linux.“

„Im Gegensatz zum Masterplan ist […] das Prinzip der Unschärfe ein prozeßimmanentes Charakteristikum des Plots. … Die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Unschärfe ist wohl die schwierigste Hürde in der Anwendung eines Open Source Prinzips.“

„Der Eingabecode [für den Plot] spielt hierfür eine entscheidende Rolle; vergleichbar einer Programmiersprache, ist das Beherrschen dieses Codes die einzige Hürde, die zu nehmen ist, um Eingaben machen zu können.“

„Während der Informationspool allen offen steht und sich mit Text- und Bildinformationen anreichert, so ist für den Plot eine Plansprache nötig.“

Plot und Code müssen permanent geöffnet bleiben, folgern die Autoren. Das garantiere die Prozesshaftigkeit der Planung.

Regulation

„Die Stadtverwaltung, unterlässt es in der Open Source basierten Planung, Vorgaben zu machen, die die zukünftige Nutzung und Bebauung in ihren Territorien vorab festschreibt. Die Planeingabe, – erstellung, Entwicklung von Projekten hat sich autonomisiert.“

„Divercity, die Vielfalt der Stadt mit ihrem komplexen Beziehungsgeflecht entsteht im Prozess ohne direkte administrative Einflußnahme. Die Stadt, als politische Instanz, ist nicht mehr Verwalter und Visionär in einem. Sie verlagert ihre Position von einem Ordner hin zu einem Begleiter. Sie nimmt weiterhin alle Schutzfunktionen wahr […]. Wird der Bedarf an Grundelementen nicht gedeckt, greift sie ein.“

Die neue Stadtplanung ist scheinbar ‚Out of Control‘ (8) , jedoch ungemein leistungsfähig, bedarfsorientiert und aktuell.“

Denn:

„Die Abgabe der Planungssouveränität und die Interventionsmöglichkeit für jeden schafft zunächst eine radikalisierte Offenheit, Unkontrollierbarkeit und Unvorhersehbarkeit.

Doch zugleich setzt sie

„Kräfte frei und bewirkt […] die Motivation am Prozess der Planung mit anderen und mit deren Beiträgen und Hilfe teilzunehmen. Der Verlust des Masterplans ist vor allem ein Verlust für denjenigen, der nicht bereit ist zu kooperieren.“

„Der so entstehende Verhandlungsraum stabilisiert sich, der Plan wird schärfer und präziser, bis sich eine Lösung einpendelt […]. Es entsteht ein informativer „Trampelpfad“ in der offenen Möglichkeitsebene, die nicht durch Regulation, sondern durch kooperierendes Verhalten generiert wird.“

Chancen und Konsequenzen des Open Source Prinzips in der Stadtplanung:

Bei Software scheint es „einfach“, alle wollen fehlerfreie Software für die betreffende Anwendung und wem der eingeschlagene Weg nicht gefällt, der steigt aus (fork) und bastelt an einem anderen Programm. In der Stadtplanung hingegen divergieren die Zielvorstellungen der Beteiligten notwendigerweise im selben Raum-Zeit-Gefüge. Doch auch hier sei der Vorteil, dass

„Open Source gestützte Planungsprozesse divergierende Vorstellungen ‚direkt‘ als repräsentativen Abgleich von Stadt wieder[spiegeln]und […] diese ‚operativ‘ als prozess-generierende Impulse [nutzen].“

Der Entzug vertrauter Regulative, die erschwerte Prognosefähigkeit sowie zeitliche Planbarkeit (oh ja: etwas als Commons-Prozess organisieren heißt entschleunigen!), die Sorge um periodische Störungen durch eine Vielzahl von Eingaben, die notwendige Abgabe von Kontrolle – all das röche für viele Akteure klassischer Stadtplanung

„nach Ärger und dem absichtlichen Herbeisehnen eines sozialen Chaos. Sehr Mächtige werden sich entsprechend dem sozial-darwinistischen Prinzip möglicherweise durchsetzen, die anderen werden zusammen mit dem babylonischen Turm einstürzen.“

Warum aber sollte jemand auf andere Rücksicht nehmen und kooperieren? Die Autoren argumentieren verhaltensökologisch und berufen sich auf Ergebnisse spieltheoretischer Forschungen und auf Studien zur Theorie kollektiven Handelns. Insbesondere die Erkenntnis, dass

„Kooperation in kleinen, langlebigen Gruppen am wahrscheinlichsten ist.“

Und für Menschen, die sich aktiv am Stadtplanungsprozessen beteiligen, gilt das auch. Ebenso wichtig ist, dass

„ein wiederholtes Aufeinandertreffen am Planungsprozess Beteiligter durch die Gewährleistung der freien Zugänglichkeit in jeder Planungsphase gegeben [ist].

… und Menschen verhalten sich kooperativer, wenn sie förmlich körperlich spüren, dass sie aufeinander angewiesen sind.

„Die erschwerte Prognose der Planungsrichtung und die Nicht-Berechenbarkeit eines möglichen Endes wirkt auf die an einem gemeinsamen Planungsverfahren Beteiligten wie eine latente Drohung. Steigt ein Teilnehmer vorschnell aus dem Kooperationsprozess aus (z.B. eine Baumaßnahme durchzuführen, ohne einen angemessenen Abstimmungszeitraum zuzulassen), sind die Konsequenzen seines Handelns für die Entwicklung seines Vorhabens sowie für den weiteren Verlauf des Planungsprozesses unermesslich (…). So könnte es sein, daß […] seine frühzeitige Aufkündigung des Kooperationsvorgangs […] ihn sogar isoliert.“

Die Gefahr für diese ganz andere Art der Planung und Partizipation sehen sie im potentiellen Defizitstau, ausgelöst etwa durch einen

„Mangel an Nachfrage und Interesse in Teilbereichen einer Stadt […]. Die in einem solchen Fall durch planerische Regulation und Subvention angestrebte, aber real oft nicht mögliche Kompensation, ist durch den Wegfall einer übergreifenden Vorausplanung nicht mehr gegeben, so daß sich Defizite aufstauen. Mangelsituationen sind jedoch integraler Bestandteil des Open-Source Systems, der Druck wird im Verhandlungsraum direkt spürbar und kann innerhalb neuer Planungsvorhaben abgebaut werden. Die Verschleppung belastender Defizite durch fixierte Planungsstände ist nicht mehr möglich; somit ist das System schneller und flexibler…“

Also, einfacher wird es nicht. Aber diverser und demokratischer. Im Kölner Stadtteil Ehrenfeld soll das Ganze getestet werden. Es wäre spannend, in den Kommentaren etwas über die dortigen Erfahrungen zu lernen.

 

2 Gedanken zu „Open Source Stadtplanung! Stadtplanung out of control?

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