Elinor Ostroms „Nobel Lecture“

Habe heute (statt Silke, die gerade in Mittelamerika unterwegs ist) die angekündigte Nobel Lecture Beyond markets and states: polycentric governance of complex economic systems von Elinor Ostrom live mitverfolgt und muss sagen, ich war wirklich beeindruckt.

Was ich erleben durfte, war eine charismatische und vor Witz und Energie sprühende Wissenschaftlerin, die in einer kurzweiligen halben Stunde (oder war es länger?) die Struktur ihres Lebenswerks skizzierte – beim Umfang ihres Lebenswerks durchaus eine an sich beachtliche Aufgabe.

Elinor Ostrom sprach viel von globalen politischen Entwicklungen, in denen das Empfinden vorgeherrscht habe, Vielfalt sei Chaos und man müsse dem Chaos durch Vereinheitlichung und Zentralgewalt entgegentreten. Man habe geglaubt, nur staatliche, überregionale Instanzen könnten regionale Konflike um begrenzte Ressourcen lösen, doch ihre eigene Forschungsarbeit habe gezeigt, dass die regionalen Nutzer einer Ressource sehr wohl selbstorganisiert und verantwortlich mit dieser umgehen, auch ohne Einflussnahme einer übergeordneten Instanz – unter einer Bedingung: direkte Kommunikation muss möglich sein!

Complexity is not the same as chaos, sagte Frau Ostrom und beharrte mit Vehemenz darauf, dass man vertrauen müsse, statt ständig die Unfähigkeit des Menschen zur eigenständigen Problemlösung zu proklamieren: There is a five letter word that I would like to repeat and repeat and repeat: Trust!

Die Quintessenz ihrer Rede schien mir auf den Satz „Polycentric systems can cope with complexity“ hinauszulaufen, ein wissenschaftliches Plädoyer für die Regionalisierung sozusagen.

Patentrezepte (Panaceas) gibt es nicht, so Ostrom. Regelwerke werden am besten lokal durch die Nutzer von Ressourcen ausgehandelt, denn nur die Regelwerke und die Sanktionssysteme funktionieren, denen die Betroffenen selbst zugestimmt haben.

Ein Satz vom Anfang ihrer Rede blieb mir ebenfalls in Erinnerung. Während ihrer Dissertation, so sagte sie, habe sie noch nicht gewusst, dass sie an den Commons gearbeitet habe. Dies sei ihr erst später und im Rückblick bewusst geworden. Geht es nicht vielen so? Wir hätten um ein Haar vergessen, was die Sphäre der Gemeingüter ist, aber der Nobelpreis für Elinor Ostrom lässt hoffen, dass wir uns gerade eines besseren besinnen.

Ich hoffe, der Text und die Rede sind bald hier online verfügbar. Die Bilder sind Screenshots von der Live-Übertragung der Rede.

5 Gedanken zu „Elinor Ostroms „Nobel Lecture“

  1. danke! ich bin jetzt mehr denn je motiviert, endlich mal einen Aufsatz von Ostrom zu Policentric Governance zu übersetzen. Oder wart ich damit bis zum nächsten Buch, für das es schon endlos viele Ideen gibt?

  2. Halli hallo, sehr interessant.

    Beim Lesen habe ich den Eindruck, als ob Ostrom so eine Art pragmatischer Gegen-Foucault sein könnte. Dieser hat ja u.a. aus einer historischen Perspektive von einer Entwicklung von Governementalität als Regiertwerden einer Bevölkerung geschrieben, die um den Preis der Unterdrückung/Regulierung von Wissen und Handeln … funktioniert.

    Und jetzt kommt Ostrom und erzählt was von Policentric Governance. Ich bin auf die Übersetzung gespannt. Hau rein, Silke!😉

  3. Pingback: Wunderbar: Wirtschaftsnobelpreis gegen den „Tragik der Allmende“ / „Homo-Ökonomikus“ Unsinn! « mehr (Öko-)Sozialismus wagen :-)

  4. Ja, das wissen die Selbstorganisationstheorien schon lange: dass (dynamisch-)stabile Ordnung eher nicht aus zentralistisch-steuernden Maßnahmen entsteht, sondern von selbst, „von unten“ – aber nur unter bestimmten Bedingungen (vgl.: http://www.thur.de/philo/assoges2.htm#s2).

    Das abstrakte Modell jedoch lässt noch zu viel Spielraum für „unsichtbare ordnende Hände“ a la Hayek.

    „Policentric Governance“ ist aber genau das, was mich (ohne diesen Begriff zu haben) auch seit Ende der 80er Jahre beschäftigt, seit ich nach Formen menschlicher Gesellschaftlichkeit suche, die nicht das Individuelle unterdrücken, sondern geradezu aus ihm erwachsen. Das berührt die ewige philosophische Frage nach den Vielen und dem Einen, von Besonderem, Einzelnem und Allgemeinem. Philosophisches Denken konnte das von mir gesuchte nicht unterdrückerische Verhältnis zumindest ansatzweise schon voraus denken (denn es gibt nicht nur Allgemeines, welches das Einzelne subsumiert, sondern ein Allgemeines, welches sich aus den Besonderheiten konstituiert). Hegel dachte so eine Struktur unter dem Begriff „Sittlichkeit“, auch wenn unsereins sich dabei meist was anderes vorstellt, als Hegel wollte… (mehr zu Anfängen der Hegelschen Sozialphilosophie, wie er sich herantastete, siehe: http://www.thur.de/philo/hegel/hegel22.htm).

  5. Danke für die Hinweise, die ich eben grad erst entdeckt habe. (Der zweite Link funktioniert übrigens nicht, weil Klammer und Punkt am Ende mit generiert wurden).

    Guck mir das beizeiten näher an. Nur eine Bemerkung vorab. Selbstorganisation und Zentralismus sehe ich nicht als logischen Widerspruch; schließlich lässt sich ja ein selbst organisierter Zentralismus denken😉 – auch wenn das – bisher – vielleicht nicht Sitte war.

    Alles Schöne
    Gruß hh

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