Homo oeconomicus ist out! Homo reciprocans ist in!

„Kooperation statt Konkurrenz“ ist dieses Streitgespräch überschrieben. Es diskutieren die beiden Österreicher Christian Felber (der eine „moderne Allmende“ vorschlägt) und Christian Ortner (der äußerst wirtschaftsliberale Positionen vertritt). Erschienen im Falter/ 35/2009 vom 26.8.2009 S.14)

Liest sich spannend. Felber argumentiert gegen den homo oeconomicus, also gegen das Menschenbild vom einseitigen Nutzenmaximierer.

„Felber: …Die stärkste Waffe des Kapitalismus ist sein großteils erfolgreich implantiertes Menschenbild. Dass die meisten Menschen nämlich glauben, sie seien von Natur aus vorwiegend egoistisch und konkurrenzorientiert.
Falter: Wie sähe Ihr „neuer Mensch“ aus?
Felber: Er stellt das Gemeinwohl vor das eigene Wohl, kooperiert strukturell und achtet auf das Gelingen sozialer Beziehungen…Ein Mensch, der nicht nach Macht, Geld und dem eigenen Vorteil strebt, ist einfach glücklicher. Das ist keine ideologische Frage, sondern eine wissenschaftliche. Das Menschenbild der Wirtschaft ist nie bewiesen, sondern immer nur behauptet worden.
Ortner: Sie sind ja nicht der Einzige, der vor dem Problem steht, dass er ein möglicherweise attraktives Gedankengebäude nicht so leicht implementieren kann, weil der Mensch dazu halt nicht geeignet ist. Dann landet man aber beim „neuen Menschen“. Das hat Stalin probiert, das hat Pol Pot probiert und alle Faschisten. Das ist immer dar­an gescheitert, dass der Mensch so ist, wie er ist. … Er ist auf seinen eigenen Vorteil aus, der einer seiner größten Antriebe ist.
Felber: Haben Sie das so gelernt, oder ist das Ihre Alltagserfahrung?
… Haben Sie schon einmal jemandem geholfen, Herr Ortner?
Ortner: Ja, und wissen Sie warum? Weil ich mich dabei gut fühle. Ich halte Mutter Teresa für eine der egoistischsten Gestalten der letzten 100 Jahre.
Felber: Fühlen Sie sich gut, wenn Sie jemandem einen Nachteil verschaffen?
Ortner: Nicht dass ich wüsste.
Felber: Das spricht dann doch dafür, dass wir ein Wirtschaftssystem erfinden, in dem wir uns alle gegenseitig helfen.

Ich find’s ja immer beeindruckend, dass solche Keulen wie Stalin und Pol Pot geschwungen werden müssen (ist mir auch schon passiert), nur um die eigene Nichtbereitschaft zu übertünchen, sich mit dem Argument auseinanderzusetzen.

Vom „Abschied vom homo oeconomicus“ spricht der Leibniz Preisträger Prof. Axel Ockenfels, der das Verhalten von Menschen in ökonomischen Entscheidungssituationen erforscht.  Hier im DW-World Interview von 2005 in aller Deutlichkeit:

„Die Hypothese, dass der Mensch vor allem egoistisch und rational sei, ist eine Hypothese der Ökonomen, die lange Zeit nie getestet worden ist. Aber der Mensch war vermutlich nie so rational und so eigennützig, wie der Ökonom ihn gerne hätte …. Insofern hat sich der Mensch nicht geändert, sondern die Wirtschaftswissenschaft hat sich geändert, indem sie diesen neuen Ideen und neuen empirischen Befunden Rechnung trägt und den „Homo Oeconomicus“ langsam verabschiedet. Denn der „Homo Oeconomicus“ ist eine Fiktion, die so nicht existiert.“

Ockenfels erklärt im Fortgang des Interviews das Ultimatum-Spiel, mit er  einerseits nachweist, dass die Menschen eben nicht denken: „Wenig Geld ist besser als gar kein Geld“, weil sie sich nicht einfach mit Ungerechtigkeiten abfinden. Und andererseits, dass die meisten durchaus mehr als „wenig“ zu geben bereit sind. Das sei „ganz robustes Verhalten“, der Grund:

„Die Leute haben eine Unfairness Aversion. Sie wollen den anderen dafür bestrafen, dass er unfair war.

Menschen verhalten sich demnach allein deswegen seltener egoistisch, weil sie ungern bestraft werden wollen, also unabhängig vom Impuls. Besser ist hier freilich, es gibt ein Gegenüber, dem sie in irgend einer Weise in die Augen zu sehen haben.

Natürlich gibt es einen Gegenbegriff für den „anderen Menschen in uns“, den Christian Felber meint und der die Debatte um Gemeingüter prägt. Homo reciprocans. (Weiß jemand ein schönes deutsches Wort dafür?) D.h. Menschen verhalten sich reziprok. Dabei ist gleich ob die Idee, dass das eigene Wohlergehen mit dem der anderen verbunden ist, mehr Erkenntnis oder mehr Intuition ist.

Hier fasst der Ökonom Armin Falk seine empirische Forschung zusammen:

„… Experimentalstudien …, die eindeutig belegen, daß der Homo Oeconomicus weitaus weniger universell ist, als gemeinhin angenommen. Die Mehrheit der Experimentalteilnehmer verhält sich reziprok, d.h. sie belohnt faires Verhalten und bestraft unfaires Verhalten, selbst wenn dies mit Kosten verbunden ist.“ (alle Herv. von mir)

Ein weiteres Beispiel: „Geben will gelernt sein“

Foto: Christian Felber, vía

5 Gedanken zu „Homo oeconomicus ist out! Homo reciprocans ist in!

  1. Mir ist der Blick zu sehr auf individuelle menschliche Eigenschaften gerichtet und zu wenig auf die Bildung von Formen gesellschaftlicher Reproduktion und Bereicherung, die allseitige gegenseitige Information und Einschreitmöglichkeiten ermöglichen bzw. voraussetzen.

    „Gemeinnutz vor Eigennutz“ sollte tatsächlich in Frieden auf den Misthaufen der Geschichte ruhen und es ist schon ganz gut, wenn Liberale gemeineigentümlich Denkende von solchen Dualismen befreien. Gäbe es bereits eine als solche handlungsfähige menschliche Gemeinschaft, müsste sie eigentlich allen nützen. Dann wäre aber auch der Gegensatz hinfällig.

    Gruß hh

  2. Ergänzung: Vorher aber eben nur bedingt. Gemeinwohl? Wer oder was soll das sein? Ich kenne den Herrn nicht und werde mich ihm deshalb auch nicht unterordnen.

    Gruß hh

  3. Pingback: Konkurrenz und Kooperation « CommonsBlog

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