Commoning! Was bitte?

Seit Wochen suchen wir nach einer Übersetzung dieses Satzes:

„There is no commons without commoning“. (Peter Linebaugh, siehe diesen Eintrag) Er bringt auf den Punkt, worum es bei den Gemeingütern (commons/Allmenden) geht: Um eine bestimmte Art und Weise des gemeinsamen Tuns. Um ein gemeinsames Verständnis davon, wie kollektiv verfügbare Ressourcen zu nutzen sind.

Heute dachte ich, vielleicht geht es so:

„Es gibt keine Gemeingüter ohne gemeinsames Wirken/Tun.“ oder „Gemeingüter entstehen aus gemeinsamem Wirken/Tun“

Wie klingt das? Bessere Vorschläge hocherwünscht.

Die Bedeutungen von „wirken“ gefallen mir, denn genau das ist es, worum es beim „commoning“ geht.

[1] tätig sein, nützlich sein, etwas schaffen, etwas vollbringen
[2] eine Wirkung entfalten …
[4] fachsprachlich: Textilien nach einem Wirkverfahren herstellen
[5] fachsprachlich: Gewebe mit eingearbeiteten Bildern oder Mustern herstellen

Commoning: das bedeutet, dass eine Nutzergemeinschaft, eine Gruppe von Menschen miteinander etwas macht. Dabei gibt es die unterschiedlichsten Verfahrensweisen, aber stets lassen sich Muster (Prinzipien) ablesen – die Muster vitaler Gemeingüter. 

15 Gedanken zu „Commoning! Was bitte?

  1. Eh, das ist ja doof, alle Listenformatauszeichnungen sind rausgeflogen. Also nochmal:

    Wie immer bei den Commons ist das Problem mehrdimensional. Die Antwort auf die Frage nach der Übersetzung lautet also: Es kommt auf den Kontext an. Es gibt drei mögliche Kontexte: Güter, Ressourcen und Gemeinschaft. Für den Güterkontext hast du Vorschläge gemacht. Mir fiele noch ein (wahlweise mit „es gibt“ davor):
    – Keine Gemeingüter ohne soziales Handeln
    – Keine Gemeingüter ohne gemeinsames Handeln
    – Keine Gemeingüter ohne gemeinschaftliche Aktivität
    – Keine Gemeingüter ohne eine aktive Gemeinschaft

    Im Ressourcenkontext geht das im wesentlichen genauso, nur dass „Güter“ durch „Ressourcen“ ersetzt sind. Im Gemeinschaftskontext liest sich das etwas anders, denn da hat „Commons“ die Bedeutung des „Gemeinsamen“:
    – Kein Gemeinsames ohne eine aktive Gemeinschaft
    – Kein Gemeinsames ohne soziales Handeln
    – usw. wie oben

    P.S. Unter „diesen Eintrag“ liegt nur die Blog-URL, vermutlich sollte das noch woanders hinzeigen?

  2. Hi, link korrigiert. Danke!
    Ich denke, es muss immer ein „Prozess“ sein, nie ein Subjekt. Also „soziales Handeln“ / „gemeinschaftliches Handeln“ geht, aber „aktive Gemeinschaft“ geht nicht.

  3. Ich versuche selbst seit längerem eine deutsche Übersetzung für Peter Linebaughs schöne Wendung zu finden. Da ich dabei gerne die ungewöhnliche Verwendung des Substantivs „commons“ als Verb „to common“ beibehalten möchte, bin ich bei „(das) Gemeinschaften“ gelandet – also eine substantivierte Form der Verb-Neuschöpfung „gemeinschaften“ (ich gemeinschafte, du gemeinschaftest, er/sie/es gemeinschaften usw.). Eine entsprechende Übersetzung könnte also lauten:

    „Es gibt keine Gemeingüter ohne Gemeinschaften.“

    Oder (wenn man beide Bedeutungsebenen hervorheben möchte):

    „Es gibt keine Gemeingüter ohne gemeinschaftende Gemeinschaften.“

    Klar, die Bedeutung erschließt sich nicht augenblicklich, aber das Verb „to common“ war für mich ursprünglich auch etwas gewöhnungsbedürftig.

    Zudem schwingt beim „Gemeinschaften“ mit, dass es sich um einen Prozess handelt, zu dem stets konkrete Gruppen von Menschen, also Gemeinschaften gehören.

  4. Hallo Matthias,
    mir gefällt das, freilich irritiert die Großschreibung – das erschwert die Erfassung des Sinns ungemein.
    Ich denke, man muss mit Begriffen spielen – sie ausprobieren, ihre Resonanz testen. Das sollten wir tun. So viel wie möglich über Commons, Allmende, Gemeingüter schreiben und sehen, was greift.

    Viele Grüße
    Silke

  5. Versuche mich auch mal (Vergemeinschaftung ist schließlich keine Leidenschaft des Kopfes sondern Kopf der Leidenschaft)🙂

    Es gibt kein Gemeingut außer wenn mans gemein tut.

    Klingt nicht schlecht, aber wegen „männlichen“ Konnotation des „man“ und weil „gemein“ ja nun leider mit „gemein“ in Verbindung gebracht wird, würde das mehr Garritt Hardins Sicht stützen 🙂

    Lässt sich das retten?

    Es gibt kein Gemeinschaftsgut, außer wenn mensch es gemeinsam tut?

    Oder vielleicht:

    Es gibt kein Gemeingut, außer wenn mensch es vereint tut?

    Nunja, aber nun fällt auf: „vereintes Tun“ ist nicht der Punkt. Auch Sklaven können vereint arbeiten. Es kommt auf das Mittun beim Entscheiden, Planen, Reflektieren, Kontrollieren an.

    Nagut, schade, vielleicht klappt es ein ein anderes Mal.

    Gruß hh

  6. Es lässt mir keine Ruhe.

    „Nur wer sich zusammen tut schafft (und genießt!) ein Gemeinschaftsgut?“

    Schon besser, oder? Naja,… vielleicht in eine solche Richtung.

    Gruß hh

  7. „Gemeingüter entstehen nur, indem man sie gemeinsam lebt“. Ein Boulespiel zu erfinden ist eine Sache, einen Satz Boulekugeln und ein Schweinchen zu kaufen, eine andere. Ein Commons wird daraus erst, wenn eine Gruppe von Menschen um diese Ressource herum eine gemeinsame Aktivität zelebriert … .

  8. Eine Gruppe von Menschen kann allerdings auch um privateigentümlich zur Verfügung gestellte Sportgeräte herum gemeinsame Aktivitäten zelebrieren.

    Spielregeln werden – in der Regel – zu Gemeingut. Die benutzten Geräte sind es – in der Regel – nur auf Zeit d.h. in der Zeit des gemeinsamen Spiels. Dass die Trennung von „privat“ und gemein“ nicht ganz so einfach ist, sieht man beim Boxen. Obwohl die private Aneignung des Gewinns hier ganz brutal im Vordergrund steht, gibt es doch auch gemeinsamen Gewinn, Momente der Übereinkunft. Meines Erachtens wird etwas zum Gemeingut, insoweit in Hinsicht auf die Entwicklung und Nutzung von Produktivkräften eine Notwendigkeit zur Übereinkunft auf Augenhöhe besteht und, ja, gelebt wird – vielleicht auch gelebt werden muss.

    Gruß hh

    • Deshalb ist die Frage zum Besitz der Ressourcen ja auch nicht identisch mit der Frage nach den Gemeingütern. Ein Wald kann (und ist es in der Regel) ja in Privatbesitz sein und trotzdem eine frei verfügbare Ressource als Naherholungsgebiet (ohne Eintrittskarten) zur Verfügung bleiben. Oder um bei den Boulekugeln zu bleiben: Meine gehören mir, aber allein zu spielen macht wenig Spaß.

  9. Ja, um Gemeingut bzw. einen gemeineigentümlichen Charakter der Herstellung oder des Genusses eines Nutzens zu verstehen, muss man seinen Blick offenbar von den juristischen Tatsachen lösen, der Fetischisierung einer juristischen Form bewusst entgegen treten. Das gilt z.B. auch für die Betrachtung der „realsozialistischen“ Verhältnisse unseligen Gedenkens. Wie volkseigentümlich konnten Unternehmen sein, die von einer Plankommission gelenkt werden, deren Wirken und deren Grundlagen des Wirkens komplett Staatsgeheimnis waren?

    Betrachten wir weniger das Sein als das Werden, also Vergemeinschaftungsprozesse bzw. die Entwicklung neuer Möglichkeiten der freien Vergemeinschaftung, = der Entwicklung von Möglichkeiten zur freien, (nicht reaktionären, repressiven) Vergemeinschaftung, so können, rechtlich gesehen privateigentümliche Produktionsbeziehungen durchaus die Voraussetzungen schaffen für eine Reproduktion und Bereicherung auf Basis von Übereinkünften und dieser vorausgesetzten Qualifizierung.

    Doch: Nur wer sich (wirklich) zusammen tut, genießt ein (wirkliches) Gemeinschaftsgut🙂

    Gruß hh

  10. @hhirschel, ich gebe zu: Mit den Übersetzungsversuchen kann ich mich noch immer nicht ganz anfreunden. (In Vorträgen verwende ich übrigens derzeit: „Keine Gemeingüter ohne gemeinsames Tun.“ Bis auf weiteres und die ultimative Übersetzung.

    Ich finde aber die Gedanken zum Problem ganz interessant:
    „Meines Erachtens wird etwas zum Gemeingut, insoweit in Hinsicht auf die Entwicklung und Nutzung von Produktivkräften eine Notwendigkeit zur Übereinkunft auf Augenhöhe besteht und, ja, gelebt wird – vielleicht auch gelebt werden muss.

    D’accord. Ich würde nur noch hinzufügen, dass wir auch jenseits der Entwicklung und Nutzung von Produktivkräften Räume der Gemeinschaftlichkeit brauchen.

    Und folgendes, treffende Perspektive:
    „Betrachten wir weniger das Sein als das Werden, also Vergemeinschaftungsprozesse bzw. die Entwicklung neuer Möglichkeiten der freien Vergemeinschaftung = der Entwicklung von Möglichkeiten zur freien, (nicht reaktionären, repressiven) Vergemeinschaftung, so können, rechtlich gesehen privateigentümliche Produktionsbeziehungen durchaus die Voraussetzungen schaffen für eine Reproduktion und Bereicherung auf Basis von Übereinkünften und dieser vorausgesetzten Qualifizierung.“

    Ja, können – aber müssen nicht!
    Genau.

  11. „In Vorträgen verwende ich übrigens derzeit: „Keine Gemeingüter ohne gemeinsames Tun.“

    Das Problem daran ist allerdings, dass auch ein Tun , das von fremden Willen und unerwünschten, bzw. problematischen Behauptungsbedingungen abhängig ist gemeinsam geleistet werden kann. Wesentlich am Gemeinschaftsgut bzw. gemeinsamen Eigentum ist ja das miteinander abgestimmte Tun.

    Die Produktivkräfte sind meinem Bestimmungsversuch in der Tat problematisch, weil die sich – unter den heutigen, kapitalistischen Behauptungsbedingungen – in der Regel auf die Produktion von Tauschwerten = private (sozial unbestimmte) Zugriffsvermögen auf käufliche Güter und Dienste beziehen. Ich hatte an Produktivkraft im naturalistischen Verständnis gedacht also unter Einschluss der Fähigkeit der Natur, Gebrauchswerte herzustellen.

    Besser also: „Etwas wird zum Gemeingut, insoweit in Hinsicht auf die Entwicklung und / oder Nutzung von Gebrauchswerten eine Notwendigkeit zur Übereinkunft auf Augenhöhe besteht und, ja, gelebt wird – vielleicht auch gelebt werden muss.“

    „Ja, können – aber müssen nicht!“

    Genau! Besonders schmerzlich ist der Verlust lokal gemeineigentümlicher Weisen „indigener“ Gemeinschaften der Regenwälder, Gebrauchswerte für sich zu entwickeln, herzustellen und (oder) zu nutzen. Und dass dies Generationen von Marxisten (denen ich mich verbunden fühle) und anderer Subjekte „des“ Fortschritts nicht interessiert(e), weil sie die Einsicht der „geschichtlichen Notwendig“ einer kapitalistischen Epoche (als Voraussetzung für die Entwicklung einer menschlichen Gemeinschaft im Weltmaßstab) in einer inhumanen Weise verdogmatisier(t)en. Marx selbst hatte in seinem Brief an V. I. Sassulitsch immerhin die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass eine rechtzeitige Etablierung „weltgemeinschaftlicher“ Beziehungen Reste lokalkommunistischer Gemeinschaften vor ihrer Zerstörung bewahren könnte.

    http://www.zeno.org/Philosophie/M/Marx,%20Karl/Brief%20an%20V.%20I.%20Sassulitsch

    Gruß hh

  12. @hhirschel:
    Ja, das ist gut!
    „Wesentlich am Gemeinschaftsgut bzw. gemeinsamen Eigentum ist ja das miteinander abgestimmte Tun.“
    Aber wie bauen wir das nun in eine Übersetzung ein, die genauso knackig bleibt wie „there is no commons, without commoning.“

    Und auch dem kann ich jetzt besser zustimmen:
    „Etwas wird zum Gemeingut, insoweit in Hinsicht auf die Entwicklung und / oder Nutzung von Gebrauchswerten eine Notwendigkeit zur Übereinkunft auf Augenhöhe besteht und, ja, gelebt wird – vielleicht auch gelebt werden muss.“

    … und dennoch gibt es auch eine Dimension der Gemeingüter, die noch weniger utilitaristischen Klang hat. Oder?
    Herzlichen Dank für den Lesetipp!

  13. Habe heute morgen unvorhergesehen alles stehen und liegen gelassen um einen ganz wunderbaren, bewegenden Filmbericht über Christos und Jeanne Claudes Gates Projekt zu sehen.

    Christo hatte dort sehr, sehr vehement betont, dass die Gates im Central Park kein Geschenk all die Allgemeinheit, die Stadt New York oder sonstwem sind sondern Ausdruck eigener, höchstpersönlicher Leidenschaft und alles überhaupt ganz sinnfrei sei und keinerlei Nutzen für niemand vor Augen hätte. Mit der Forderung, etwas sinnvolles für die Gemeinschaft leisten zu sollen hätte der Bulgarische Staat die Menschen terrorisiert. Dabei enthält Christos „trotziger“ Individualismus (war und ist wohl auch nach dem Tod von Jeanne Claude ja eigentlich Zweisamkeitismus) mehr Kommunismus als aller realsozialistoscher Gemeinwohl-Goodwill, der aus 60 Jahren zusammengekratzt werde könnte.

    Nutzlos ist etwas nicht dadurch, weil der Nutzen so unfassbar (und sei es unfasstbar groß) ist. Auch Spiel, Kunst und die Verrücktheiten frisch Verliebter, die allesamt ausbrechen aus der Tristesse des unmittelbaren Kalküls haben einen Nutzen und folgen einer Rationalität oder auch einem ganzen Blumenstrauß Rationalitäten.

    Was „there is no commons, without commoning“ angeht, scheint es wohl nichts zu geben, was das im Deutschen so knackig, treffend und auch noch etwas posievoll auf den Punkt bringen könnte

    Es gibt keine gemeinsame Regulierung ohne gemeinsames regulieren.

    Stimmt zwar irgendwie. Aber klingt … naja…

    Gruß hh

  14. Pingback: Gemeingüter und Bedingungsloses Grundeinkommen: 5 Thesen « CommonsBlog

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