Julio Lambing: Der Mythos der Allmende

In der aktuellen Ausgabe der Kurskontakte gibt es ein ausführliches Interview von Lara Mallien mit Julio Lambing vom European Business Council for Sustainable Energy, e5, über das Manifest „Gemeingüter stärken. Jetzt!“, den Mythos der Allmende, das politische der Gemeingüterdiskussion, die Bezüge zum kulturkreativen Spektrum und die Frage, wie wir aus „zerrissenen, anonymen Verhältnissen“ wieder eine Kultur der Gemeingüter hinkriegen.

Ein paar Auszüge:

„Ich bin … angesprochen worden, ob ich nicht bei der Runde mitmachen wolle, und mir erschien das Projekt als politisch sehr weitsichtig. Als Geschäftsführer von e5 vertrete ich jene Teile der europäischen Wirtschaft, die sich für eine starke Klimapolitik… einsetzen. … Das war der Bezug zum Salon. Eine sichere Energieversorgung ist in entwickelten Ökonomien ebenfalls ein öffentliches Gut. Eine dritte Schnittstelle lag … wohl darin, dass e5 seit einiger Zeit darauf drängt, „Wissensallmen­den“ für den Klimaschutz zu nutzen: Es gibt diese innovativen Ansätze der Open-Source-Bewegung, die … auch schon bei der Entwicklung von Hardware eingesetzt werden. Wir fragen uns: …Wie kann man solche Ansätze für die beschleunigte Entwicklung von sanften Technologien und deren Verbreitung in Entwicklungs- und Schwellenländern einsetzen?“ …

„Mein Klavierlehrer lieh mir „Haben oder Sein“ von Erich Fromm, ein Buch, das mich sehr geprägt hat: Wie werden Menschen glücklich, was brauchen sie, damit sie glücklich sind? Und was hat die Gesellschaft damit zu tun?

„… es gibt ein bemerkenswertes Potenzial für die Entstehung einer starken Bewegung, auch wenn bis jetzt nur viele einzelne Initiativen zu unterschiedlichen Themen in unterschiedlichen Milieus und Ländern existieren – die noch dazu selten voneinander wissen oder gar auf die Idee kommen, es gäbe da einen gemeinsamen Nenner…“

„Gegenüber der Debatte über eine kulturkreative Bewegung hat die Gemeingüter-Diskussion z.B. den Vorteil, dass sie nicht explizit mit der Themenstellung der Spiritualität herumlaboriert. Trotzdem gibt es auch hier eine Art spirituelles Thema: den Bezug zu einem „großen Ganzen“.

„Denn das Kümmern um eine Allmende bedarf einer Vielzahl von konkreten Handlungen und fordert eine Ethik, beispielsweise die „Tugend der Achtsamkeit“. Und das nicht aus selbstbezogenen Gründen – …Sondern weil nicht nur ich, sondern auch meine Kinder und alle Menschen gut leben sollen.“

Mythen sind mächtig, sie strukturieren unser Leben und Fühlen. Wenn wir heute den Mythos der Allmende ­erzählen könnten, davon, wie bestehende Allmenden immer mehr ausgehöhlt wurden und jetzt eine Kraft entsteht, neue Allmenden aufzubauen und alte zurückerobern – darin könnte das Potenzial für einen starken gesellschaftlichen Impuls liegen.“ (alle Herv. von mir)

Das komplette Interview findet sich hier.

PS: Lambing sagt:

„Das Wort ‚Allmende‘ hat für mein Gefühl eine größere Weite als ‚Gemeingut‘, weil wir bei ‚Gütern‘ oft an etwas Materielles denken.“

Das teile ich, aber „Allmende“ hat sich in dieser interdisziplinären Runde nach langem Ringen nicht durchgesetzt. Ebenso wenig wie die „commons“. Die Debatte ist nicht zu Ende. Vielleicht fällt jemandem irgendwann noch etwas Kreativeres ein.

19 Gedanken zu „Julio Lambing: Der Mythos der Allmende

  1. In der deutschsprachigen Ausgabe von Elinor Ostroms „Die Verfassung der Allmende“ wird der englischsprachige Begriff „common pool resource“ mit Allmenderessource übersetzt.

    Anyway, ich denke die Frage ist nicht, wie es heißt, sondern was man damit meint. Allein zum Wort Allmende fallen mir schon mehrere Bedeutungen ein: die real existierenden Allmendwiesen/-Wälder … und das danach benannte Modell der Wirtschaftswissenschaftler.

    Und: Es gibt nicht nur zwischen diesen beiden Begriffen/Konzepten gewisse Unterschiede, sondern auch zwischen zwei Allmendwiesen kann es große Unterschiede geben.

    Mit dem Ringen um die richtigen Begriffe scheint mir auch ein Ringen um Macht, insbesondere Definitionsmacht verbunden zu sein. Vielleicht muss „es“ ja auch nicht für alle denselben Namen haben. Vielleicht ist ja gerade die Namensvielfalt ein Kennzeichen dieser besonderen Wirtschaftsform von der wir hier reden. Vielleicht heißt sie je nach Zeit und Ort anders, weil sie sich eben auch in ihrer Funktionsweise an lokalen und aktuellen Gegebenheiten orientiert.

  2. Es ist ja so: Mir gefällt „Gemeinressourcen“ überhaupt nicht. Das haben wir nur so genannt, um „common pool resources“ im Unterschied zu den „commons“ zu übersetzen. Es geht also um die Commons – da machen die Ressourcen nur einen Pfeiler aus.
    Die Frage ist: Wie vermitteln wir den Commonsbegriff in einem treffenden deutschen Wort? Commons sind ja kein Gut, keine Ressource, sondern eine soziale Beziehung.
    Stefan Meretz hat es heute so gesagt: “ Die Commons sind eine spezifische Art und Weise der Natur-Aneignung und Selbst-Aneignung.“
    http://www.keimform.de/2009/10/05/commons-und-guetersystematik-diskussion
    Im Allmendesalon gab es eine lange Debatte zwischen drei Varianten: „Commons“ einfach übernehmen (schließlich sagen wir auch ’software“ und nicht „Weichware“), Allmende – wieder aufleben lassen und Gemeingüter. Gemeingüter hat sich durchgesetzt. Lambing kritisiert das und ich gebe ihm recht, denke aber auch, dass wir es mit dem Allmendebegriff schwer gehabt hätten.
    Vielleicht brauchen wir wirklich was Neues.

  3. Hmm, so ganz verstehe ich euren Commons-Begriff immer noch nicht. Wikipedia sagt, „The commons refers to resources that are collectively owned. This can include everything from land to software.“ Der Artikel „may require cleanup“, aber so hatte ich den Commonsbegriff bisher auch verstanden.

    So langsam kann ich mich aber in eure Diskussion hineinversetzen. Es gibt verschiedene Formen von Kollektiveigentum, sei es ein Staat, eine andere Institution, oder die gesamte Menschheit, die etwas gemeinsam „besitzt“. Ist das das Problem?

    Aber ich sehe immer noch nicht, dass der Begriff die „soziale Beziehung“ bezeichnet. Die mag wichtig sein, aber führt es nicht zu zu Verwirrung, diese mit dem Begriff „commons“ zu bezeichnen? Warum nicht „commons“ mit „Gemeinressource“ übersetzen, das würde auch der genannten Wikipediadefinition entsprechen und diese unterteilen nach Art der sozialen Beziehung, also „universelle Gemeinressource“ für etwas, was allen gehört (Sonnenlicht, Wasser der Ozeane, Public Domain Inhalte), „staatliche Gemeinressource“ für alles was Staaten „besitzen“ bzw. verwalten (nicht private Wälder etc.), u.s.w.

    Und wenn „common pool resource“ mit Allmenderessource übersetzt wird wie Thorsten sagt, dann ist Gemeinressource etwas anderes, da „Allmende“ etwas konkreteres als „Gemein-“ ist. Es würde also passen.

    Oder habe ich immer noch was falsch verstanden? Bin ich zu blöd um das zu kapieren?:-/

    Also ich finde, die Diskussion muss allgemeinverständlicher werden. Ich finde das sehr spannend und mir scheint, als seid ihr da auf dem richtigen Weg, aber es ist 5 vor, vielleicht auch schon 5 nach 12, dass diese Diskussion in der Allgemeinheit ankommt…

    • Mir fällt noch ein bildhaftes Beispiel ein, um den Unterschied zwischen der Ressource und den Commons zu illustrieren:
      Das Angeln. Die Ressource ist ein Teich mit Fischen. Das Commons ist aber die Gesamtheit der sozialen Interaktionen, mit der die Nutzer den Fischbestand erhalten und pflegen, die Zugangsrechte regeln und Übernutzung vermeiden, die Ausbildung in Kursen, und so weiter … . „Sobald diese Community aufhört, sich für das Angeln zu interessieren ist das Commons weg. Der Teich mit den Fischen aber bleibt. Das Beste an diesem Commons: Niemand wird zum Angeln gezwungen. Sich zum Commoner zu machen hat den Charakter der Freiwilligkeit. Meistens jedenfalls, denn bei der Luft hat die Freiwilligkeit ihre Grenzen. (Konflikte um ethische Aspekte des Angelns werden durch den Commons-Charakter nicht berührt).

  4. Ich frage mich ob es überhaupt nötig und möglich ist, sich auf einen Begriff und eine Definition zu einigen. Der Commonsbegriff – was ist das?
    Wenn Commons eine spezielle Beziehung sind, dann muss ich als männlicher Mittelschichts-Mitteleuropäer doch fast zwangsläufig einen anderen Commonsbegriff haben als z.B. eine Argentinierin oder ein Eskimo, oder?

    Andererseits: es scheint als würden wir mit unserem Ringen um Worte und Begriffe auch um die Ideen ringen, die wir damit meinen. Vielleicht meinen ja viele Leute ganz was unterschiedliches, wenn Sie „Commons“ oder „Gemeingüter“ sagen.

    Ob es da überhaupt einen gemeinsamen Nenner (common ground) geben kann? Und wenn man mal schaut, was z.B. die FDP für Grundsätze hat, dann scheint es, als ob die Idee der Commons, die mir und Dir, Silke, im Kopf rumgeht auch kein wertfreier und von allen angestrebter Begriff sind.

    Die Commons können ja auch ganz schön nerven. Die Traditionen einer Gemeinschaft mögen der Pflege gemeinsamer Bräuche und Besitztümer dienen, andererseits können gerade junge Leute oft nichts mehr mit solch uncoolen Sachen anfangen (siehe z.B. das Aussterben der niedersorbischen Sprache und Kultur ).

  5. > aber es ist 5 vor, vielleicht auch schon 5 nach 12, dass diese
    > Diskussion in der Allgemeinheit ankommt…

    Finde ich nicht schlimm. Es ist doch okay, wenn es diverse, vielleicht nur lokal und zeitlich gültige Begriffe von „Commons“ gibt. Vielleicht sind ja – abgesehen von den Global Commons, deren Erhalt für alle Menschen lebensnotwendig ist – überall andere Commons und Begriffe von Commons nötig? Begriffe die eben an die lokalen und gerade aktuellen Gegebenheiten angepasst sind, bzw. sich aus diesen speißen.

    • Ich kann dem nur zustimmen. Beschreiben lässt sich das Konzept bisher am besten mit Beispielen, z.B. dem Internet. Es gehört niemandem und die involvierten Ressourcen (z.B. IP Adressen, angeschlossene Computer etc) sind praktisch x-beliebig erweiterbar. Das Internet ist kein physikalisch greifbares Konstrukt, es besteht statt dessen aus der Summe aller Interaktionen zwischen allen seinen Nutzern. Wenn niemand im Internet surft … schwupp, ist es weg (ohne dass wir die Ressourcen dafür einfernen müssten). Das Problem ist, wie kann man ein derart vielschichtiges Phänomen benennen? Es ist viel schwieriger, als eine gute Übersetzung zu finden, denn selbst der Englische Begriff ist unpassend und negativ belegt. Viele denken an das House of Commons oder dergleichen … . Im Deutschen ist der Begriff „Commons“ ja im Moment nur deshalb halbwegs brauchbar, weil er nichts bedeutet – eine leere Worthülse eben.
      „Der Staat“ scheint mir ein vergleichbares Wort. Vielleicht sollte man mal in der Wortgeschichte des Staates kramen, um zu verstehen, wie ein solcher Begriff entsteht.

    • Du hast es erfasst! Für die Wissenschaft ist ein einheitlicher Commons-Begriff wichtig.

      Aber (kurz gesagt): Das Angewiesensein von Wissenschaft auf einheitliche Begriffe führt zu dem was Foucoult unterdrückte Wissensarten nennt. Und m.E. sind solche Wissensarten – also möglicherweise nur örtlich und räumlich gültiges Wissen / Wissen, welches nur aus der Perspektive bestimmter Subjekte heraus geschaffen wird – beim Reden über Commons wichtig.

      Die Commons-Debatte erkennt das zum Glück in letzter Zeit auch. Andrea Nightingale z.B. in ihrem Aufsatz „A Forest Community or Community Forestry? Beliefs, meanings and nature in north-western Nepal“ oder Sébastien Nobert in seiner Arbeit „Between the Tree and the Bark: The Politics of Boreal Forest Imaginaries in the Abitibi region, Québec, Canada“, die ich in diesem Zusammenhang zum Überfliegen empfehle (Lesen geht natürlich auch, aber vielleicht bekommt man ja nach dem Überfliegen schon eine Ahnung, was gemeint sein kann =)

      Nicht nur die Commons – also z.B. der obige gemeinseam genutzte Fischteich aus Jakobs Beispiel – sind Resultat kollektiven Handelns, sondern auch die Art und Weise mit der dieser Fischteich unterschiedliche Bedeutungen bekommt.

      Wir reden hier so als wäre es selbstverständlich über den Fischteich als Commons. Für andere Leute ist das vielleicht ihr privater Badesee und sie wissen gar nicht, dass ihn andere Leute als Commons bewirtschaften. (z.B. weil die privaten Nutzer nur 1x jährlich im Juli an ihren See kommen und die Commoners die Karpfen immer im Oktober fischen). Dann widerrum mag es Naturschützer geben, denen das Karpfenfischen der Commoners ein Dorn im Auge ist, weil diese dabei das Lebensgebiet einer seltenen Vogelart stören. Diese Naturschützer haben also einen ganz anderen Commonsbegriff im Kopf, wenn Sie den Fischteich als Commons betrachten.
      Und natürlich gibt es noch ganz andere Akteure, die den See auch irgendwie unter Commons-Gesichtspunkten betrachten. Die Gemeinde z.B. die ihn als Touristischen Magneten sieht und gerne vermarkten will um mehr Arbeitsplätze zu schaffen (ein anderes Gemeingut übrigens) oder der Staat, dem möglicherweise der Erholungsaspekt für seine Bürger wichtig ist und der den Fischteich daher frei zugänglich halten möchte.

      Ich denke, wenn wir hier über Commons reden, dann reden wir über uns. z.B. darüber in welchen Bereichen jeder einzelne von uns welche Rechte haben möchte. Darüber, woran wir gerne Teilhaben möchte.
      Und auch andere – also auch Naturschützer, Forstverwalter, Wissenschaftler, der Staat, die Wirtschaft – tun genau das, wenn Sie über Commons reden: über ihre Interessen im Bezug auf die Commons reden. Dabei kann durchaus auch eine einheitliche Commonsdefinition entstehen. Die aber wahrscheinlich nicht dem gerecht wird, was manche Menschen meinen, wenn sie über ihr Commons reden.

      Daher denke ich, dass es DIE COMMONS nicht gibt. Wichtiger scheint mir eher zu schauen, wem welches Reden über Commons dient und wem welches Reden über Commons schadet.

      So, das ist vielleicht alles ein bisschen verwirrend gewesen. Vielleicht versteht man es ja trotzdem?

      vielleicht zum abschluss ein Zitat aus oben erwähnter Arbeit von Sébastien Nobert: „…I demonstrate how the multiplicity of forest users comes to know and experience the boreal forest in various and unstructured ways which destabilise efforts to imagine and construct the forest as a static entity. By paying attention to everyday life practices of various forest users, I show how contestations and negotiations about different imaginaries and places of the boreal forest are interrelated and mutually constituted. These practices and the imaginaries that they construct work together to produce the forest as an open space which is capable of embodying a wide range of meanings.

      • Ich finde es schön, dass Du die Idee der Vielschichtigkeit hier ins Spiel bringst. Als Erweiterung des Fischteichs fällt mir „der Geheimtipp“ ein, das touristische Ziel, das anfangs vielleicht wenigen als idyllischer Angel- oder Badesee dient. Diese Ressource spricht sich herum, wird von mehr und mehr Touristen bereist, bekommt Imbissbuden und Souvenirläden und verändert schliesslich ihren Charakter, obwohl alle Commoners versuchen, möglichst nachhaltig und sorgsam mit dem See umzugehen. Wer’s einsamer mag wird sich irgendwann einen neuen Geheimtipp suchen müssen, muss sich eine neue Ressource erschliessen … ist dies nicht eine typische Lebenserfahrung?

        Für mich gibt es die Commons aber trotzdem: Der Commons-orientierte Umgang mit der Ressource bedeutet, dass die Nutzer gemeinsam versuchen möglichst nachhaltig und regenerativ mit der Ressource umzugehen, um ihren Erhalt für möglichst Viele (auch kommene Generationen) zu ermöglichen. Ein hierzu widersprüchlicher Umgang mit der Ressource ist, wenn der erste am See ankommende Tourist den See kauft, einzäunt und nur ausgewählten Besuchern gegen Geld Zutritt gewährt. Aus individueller Sicht mag dies durchaus legitim sein, denn es befriedigt das Bedürfnis nach Erhalt eines einsam gelegenen und romantischen Idylls, in dem man seine Ruhe hat. Die Frage ist nur, ob wir als Gesellschaft einen derartigen Umgang wirklich akzeptieren und fördern wollen, zumal dies auch zukünftigen Generationen (Erbrecht) den Zugang zu limitierten Ressourcen verwehrt. Insbesondere müssen wir uns die Frage stellen, warum wir der Einhegung und künstlichen Verknappung von Ressourcen eine derartig dominierende Rolle im Umgang mit der Welt einräumen. Das Commons-Beispiel mit den Liegestühlen auf Deck eines Kreuzfahrtschiffs aus Silkes Vortrag in Salzburg verdeutlicht, dass die Gesellschaft vielleicht mit einem Commons-orientierten Umgang mit Ressourcen insgesamt viel besser fährt. Die Nachhaltigkeit ist ein wichtiger Aspekt. Nicht nur durch Einhegung und exklusive Zugangsrechte könnte der Seebesitzer der Commonsidee zuwider handeln. Auch Massentourismus und riesige Hotelburgen könnten zu einer dramatischen Überfischung der Ressource zugunsten kurzfristigen Profits führen und so den Erhalt der Ressource auf Dauer (auch für den Besitzer selbst) gefährden.

        Es gibt bereits jetzt viele Beispiele für Commons-orientierten Umgang mit Ressourcen, die den Nutzen für alle herrlich illustrieren. Ich denke dabei unter anderem an den im Privatbesitz befindlichen Wald, zu dem in manchen Ländern der Zugang nicht verwehrt werden darf. Dem Recht auf Erholung und Naturerfahrung aller Bürger wird hier Vorrang über private Verfügungsrechte eingeräumt. Wer von uns wollte zugunsten einer liberaleren Wirtschaftsordnung (in der jeder mit seinem Wald tun kann was er will) tatsächlich auf die Möglichkeit eines Waldspaziergangs verzichten?? In anderen Ländern ist die Einzäunung der Wälder dennoch bittere Realität. Das Prinzip, der Gans durch Einhegung die Allmendwiese zu stehlen, ist heute bei vielen Ressourcen trotzdem sehr populär. Wir müssen uns als Gesellschaft fragen, ob wir dies unterstützen wollen … .

        PS: Auch im frei zugänglichen Wald kann es Übernutzungsprobleme geben. In amerikanischen Nationalparks oder auf nepalesischen Trekkingrouten wird dies oft durch sogenannte Permits geregelt. Diese werden nach dem Prinzip „First comes, first goes“ vergeben und nicht nach dem Prinzip „Most pays, first goes“.

      • Hallo Jakob,

        ich bin natürlich auf Deiner Seite wenn Du die Gefahren der Privatisierung von bestimmten Ressourcen betonst, fühle mich aber immer noch nicht ganz verstanden, wenn Du meinst, dass es für Dich die Commons trotzdem gibt. Natürlich gibt es sie, doch bedeuten sie (ähnlich wie Friseure und Stühle) nicht für alle dasselbe und sie sind außerdem (im Unterschied zu Friseuren und Stühlen) nicht körperlich erfahrbar, was das Reden über Commons sehr schwer machen kann.

        Vielleicht habe ich den Punkt, den ich machen will auch selber noch nicht ganz fest.

        Ich stelle mir vor, wie es im Hochmittelalter war, der Zeit in der Allmenden in Mitteleuropa ganz gebräuchlich waren, wenn ein paar Landstreicher in einem See gefischt haben, der vom benachbarten Dorf als Allmende genutzt wurde. Oder wenn neue Bewohner in dieses Dorf gezogen sind und jetzt auch im See fischen wollten. Oder wenn in der Nähe ein anderes Dorf gewachsen ist, welches den Fischteich auch als Allmende nutzen wollte.
        In allen drei Fällen wurde wahrscheinlich implizit und explizit verhandelt, was es mit dem Fischteich und der gemeinsamen Nutzung des selben eigentlich auf sich hat und wie es damit weitergehen soll.

        Manche der beteiligten Parteien haben wahrscheinlich in diesen Verhandlungen eher den Commons-Aspekt betont (diejenigen, die auch Zugang haben wollten), während andere vielleicht eher den Privatheits- oder Club-Aspekt betont haben (wahrscheinlich diejenigen, die den Teich nicht noch mehr Leuten zugänglich machen wollten).

        Egal ob die neuen Nutzer jetzt ausgegrenzt wurden oder die Allmende mit nutzen durften, beide Fälle waren das Resultat eines Ringens um den „richtigen Begriff“ der Allmende.

        Wenn Allmende oder Commons auch bedeutet, dass Leute von deren Nutzung ausgeschlossen werden (können/müssen), dann hängt die Entscheidung ob und wie Leute von einer Allmende ausgeschlossen werden m.E. davon ab, welches Konzept von „Commons“ oder „Allmende“ das Denken und Reden der zu dieser Zeit an diesem Ort anwesenden Menschen dominiert.

        Oder hatten wir das schon längst alle festgestellt?

  6. @ musikdieb: Danke für den Link! Das hatte ich noch gar nicht gefunden. Und… ich finde Du hast recht. Es wird Zeit, dass wir einen durchsetzungsstarken Begriff finden. Wir hatten uns ja im Buch für „Gemeingüter“ entschieden, vorher mal für „Gemeinschaftsgüter“ … das wird immer wieder kritisiert, aber auch aufgegriffen.
    Begriffskarrieren werden ja gemacht. Die Rezeptionsgeschichte wird es zeigen.
    Wir sind uns einig, dass es nicht um Wortklauberei geht, sondern um das Ringen um Ideen -wie Torsten sagt- um konzeptionelle Klarheit und daraus ergibt sich Allgemeinverständlichkeit.
    Und ja, der Wikipediaartikel „requires cleanup“.

    In Salzburg zum World Commons Forum habe ich versucht, die drei generischen Bausteine des Commonsbegriffs zu benennen (Ressourcen, Communities/soziale Gruppe und Regelwerke). Deswegen geht Gemeinressourcen oder Allmendressourcen nicht, weil das nur Bausteine der Commons sind. Man kann nun nicht herkommen und sagen, ‚Gemeingüter/Commons“ sind ein Batzen von Ressourcen, zu denen die sozialen Akteure über spezifische Nutzungsregeln in einer ganz besonderen Beziehung stehen (die besondere Beziehung heisst – anders als in der Marktwirtschaft- dass Exklusivität des Zugangs ausgeschlossen und Erhalt bzw. Erweiterung der Ressourcen inbegriffen sind). Sondern wir suchen einen Begriff, der diese Ideen irgendwie assoziiert. Am Ende setzt sich Gemeingüter durch… das werden wir sehen.

  7. @all: Danke, jetzt verstehe ich langsam, worum es geht…🙂

    Könnte man es zusammenfassen als „gemeinschaftlich, nicht exclusiv und idealerweise nachhaltig genutzte Ressourcen“?

  8. @Torsten: Herrlich: das kommt ihn meine Zitatenschatzkiste: „Natürlich gibt es sie – die Commons-, doch bedeuten sie (ähnlich wie Friseure und Stühle) nicht für alle dasselbe und sie sind außerdem (im Unterschied zu Friseuren und Stühlen) nicht körperlich erfahrbar, was das Reden über Commons sehr schwer machen kann.“

    Noch etwas, heute erhielt ich eine mail, in der das Problem sehr gut umrissen wird (nicht ob es die Commons gibt, natürlich gibt es die… sondern das eines durchsetzungsstarken Begriffs): Stichwort: Unbehagen über unsere begrifflichkeit. „das wort „gemeingüter“ bezeichnet nicht das soziale beziehungsnetz der commons, sondern nur deren materielles substrat. aber weder für commons noch für sharing economy finde ich starke deutsche konzepte.
    solidarische ökonomie ist schon belegt und obendrein zu umfassend,
    gemeinwirtschaft ist vernutzt, kooperative wirtschaft ebenso. was tun?“

    • > aber weder für commons noch für sharing economy
      > finde ich starke deutsche konzepte. solidarische ökonomie
      > ist schon belegt und obendrein zu umfassend,
      > gemeinwirtschaft ist vernutzt, kooperative wirtschaft
      > ebenso. was tun?“

      Wenn man nach deutschen Konzepten sucht, könnte man vielleicht schauen, was es speziell für deutsche Beispiele für Commons gibt. Vielleicht findet man ja auch raus, dass Gemeingüter ein gänzlich undeutsches Phänomen sind (weil z.B. die Zurückdrängung der Commons während der Industrialisierung vor die Gründung eines deutschen Nationalstaates fällt und außerdem das Genossenschaftswesen in Deutschland seit jeher stärker wirtschaftlich orientiert war als z.b. in Frankreich, wo es den Genossenschaften eher um Solidarität als um Wirtschaftlichkeit ging … nur so ’ne Idee)

      Ich denke jeder Begriff hat seine Traditionen und wahrscheinlich haben Privatisierung und Verwertungslogik die Traditionen des Gemeinwesens so verschüttet, dass man erstmal wieder gucken muss, was das eigentlich war, bzw. was das eigentlich ist, was man meint.

      Da fällt mir gerade noch der Begriff der „Gemeinwesenökonomie“ ein, der von Susanne Elsen geprägt wird. Sie hebt damit vor allem auf eine Begrenzung bzw. Rückbettung der momentan dominierenden losgelösten globalen Ökonomie ab. Ihr Ausgangspunkt ist ein recht sozialarbeiterischer, was die ganze Sache mit den Commons dabei aus einer eher hilfeorientieren Perspektive beleuchtet.

      Heieiei, alle suchen nach Wörtern und Konzepten… Eine spannende Zeit.

    • Mir gefällt das Wort Allmende, weil es erstens so gut auf der Zunge liegt und zweitens im ganzen deutschsprachigen Europa eine Vorstellung erzeugen kann. Commons kann ich fast nicht aussprechen, das Wort kommt aus meinem Mund heraus, als würde ich ein trockenes Stück Kuchen husten. Aber Allmende kollert mir über die Lippen wie ein lustiges Bächlein über Felsen und Steine.
      Gewiss, die Wortbedeutung von Allmende hat einen Wandel von „Gemeindetrift“ bis zum heutigen Gebrauch für „Busstation beim Fussballplatz“ oder als Adverb von „allermeist“ bis zu „hauptsächlich/meistens“ durchgemacht (Lexer, Mittelhochdeutsches Wörterbuch). Allmende meinte ursprünglich nicht Ressource sondern möglicherweise, was Silke hier etwa mit „Beziehung“ anspricht. Die Allmende im 14 Jh. ist keine Wiese, sondern die Regelung über die Nutzung und Pflege dessen, was wir heute mit „Ressource“ bezeichnen würden.
      Und warum sollen wir nicht wieder Allmende zu etwas sagen, mit dem wir ja ziemlich genau das meinen, was Allmende ursprünglich benannte. Mir scheint, nachdem ich ein wenig an der „Commonsdiskussion“ geschnuppert und mir Gedanken zur Allmende gemacht habe, dass meine Vorstellung von Allmende, mit der ich bisher die Gegenstände belegte, die noch als letzte Zeugen, der damaligen Allmenden bestehen, falsch war. Darum falsch, weil sie sich ein physisches Objekt (Ressource), anstelle einer Konvention über Nutzung und Pflege vergegenwärtigte; eine Wiese sah, anstatt handelnder Leute, Tiere zusammen mit der Wiese, dem Gewässer oder Wald. Die Diskussion um die Bedeutung moderner Allmenden bringt uns möglichweise wieder näher an die ursprüngliche Bedeutung von Allmende. Sonderbar, nicht? So wäre ein Nebeneffekt dieser Diskussion ein präziseres Verständnis mittelalterlicher Lebensformen.
      Und noch etwas zum Thema Begriffsdefinition. Ich bin völlig einverstanden: Es ist unmöglich einen Begriff so zu definieren, dass alle das selbe meinen. Für abstrakte Gegenstände mag das möglich sein. So denke ich, dass mathematische Funktionen exakt definiert werden können. Gegenstände der Erfahrung sind dagegen nicht in dieser Weise allgemein fassbar. Handlungs- und Verhaltensanweisungen sowie -beschreibungen sind es schon gar nicht mehr.
      Darf man hier zitieren, beispielsweise aus Wittgensteins philosophischen Untersuchungen? „Und wie ein Mensch die Erklärung „auffasst“, zeigt sich darin, wie er von dem erklärten Wort Gebrauch macht.“ oder „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“

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