Belohnung statt Strafe lohnt sich

Gestern berichtet die Süddeutsche, dass bewiesen ist, was wir schon ahnen:

„Wer durch asoziales Verhalten auffällt, den bestraft die Gesellschaft. Doch möglicherweise geht sie dabei genau den falschen Weg.

Eine der großen Fragen der Commonsdebatte ist: Wie bewegen wir Menschen zu kooperativem Handeln? Wie bewegen wir uns dazu, Dinge zu tun, die uns selbst nützen aber anderen nicht schaden? Wie ermöglichen wir, dass Müll vermieden, Kohlendioxidemissionen gesenkt, Ideen ausgetauscht, Vielfalt geschützt wird? Wie setzen wir die richtigen Anreize, gerade, wenn es um Handlungen geht, deren komplexe Konsequenzen, wir als Einzelne gar nicht überblicken? … und vor allem dann, wenn wir zu den anderen keine persönliche Beziehung haben, wenn wir sie nicht kennen, ihnen nicht vertrauen?

Am besten durch clevere Belohnungsstrategien. Darauf jedenfalls lassen  Experimente schließen, die ein Forscherteam um David Rand und Anna Dreber im Fachmagazin Science (Bd. 325, 2009, S.1272 ff) soeben veröffentlichte. Hier der abstract. Die gesamte Science Ausgabe widmet sich den Ursprüngen der Kooperation.

„Die Forscher nutzten ein Standardexperiment aus der Spieltheorie, das sogenannte Public Goods Game. Bei diesem Spiel kann jeder aus einer Gruppe von Mitspielern entscheiden, wie viel Geld er in einen gemeinsamen Topf wirft. Die so gesammelte Summe wird am Ende gleichmäßig verteilt….

Am meisten Geld gibt es also insgesamt, wenn jeder den Maximalbetrag beiträgt. Wenn jedoch ein Trittbrettfahrer mitspielt, der gar nichts oder nur einen Minimalbetrag einwirft, dann erzielt er selber einen individuell höheren Gewinn.

Weil nun jeder dem anderen misstraut, kommt in aller Regel das optimale Ergebnis für die Gruppe nicht zustande ….

Dies änderte sich bei veränderten Bedingungen: Die Forscher ließen die Versuchsteilnehmer … mehrere Runden spielen und gaben ihnen die Möglichkeit, nach jeder Runde ihre Mitspieler für ihr Verhalten zu belohnen oder zu bestrafen. Sowohl die Belohnung als auch die Bestrafung kostete den Beurteiler eigene Geldeinheiten.

Das Ergebnis war eindeutig: Der mittlere Gewinn war für alle Teilnehmer bei Belohnungsstrategien deutlich höher, als wenn regelmäßig gestraft wurde.“ (Herv. S.H.)

Update vom 07. September: Und hier noch ein Beitrag aus der österreichen Presse zum gleichen Thema aus der Perspektive des Mathematikers Martin Nowak, Mitglied des Forschungsteams.

„„In den meisten Situationen des Lebens, und vor allem in denen, die uns in der Evolution geprägt haben, ist es nicht so (dass wir nur einmal miteinander interagieren – S.H.). Da kennen wir die anderen, wir sind in einer wiederholten Situation.

Entscheidend ist nicht Strafe oder Belohnung, sondern die Fortsetzung des Spiels in der zweiten, privaten Ebene – der des Belohnens/Bestrafens –, in der sich eine eigene Ökonomie etabliert: Wer einen in der letzten Runde für eine gute Tat im „public goods game“ privat belohnt hat, den belohnt man vielleicht in der nächsten selbst (und motiviert sich so wechselseitig zu neuen guten Taten für das gemeinsame Interesse).“


3 Gedanken zu „Belohnung statt Strafe lohnt sich

  1. Pingback: Rewarding the good better than punishing the bad « Sustainable Teams: Connecting Voices of Change

  2. Ich habe immer ein wenig Bauchschmerzen, bei diesen psychologischen Experimenten im klassischen Experimentaldesign. (Die Ergebnisse dieser Experimente sind nebenbei bemerkt oft irgendwie ‚beliebig‘, unter http://de.wikipedia.org/wiki/Public_Goods_Gamein Wikipedia steht bspw. „Ohne die Hilfe der Bestrafungsmechanismen sind Vergebung bzw. Belohnung im Experiment allerdings nicht dazu geeignet dauerhafte Gruppenkooperation zu erreichen“. )

    Die Komplexität realer Situationen wird auf möglichst eindeutige Variablen (abhängige, unabhängige) reduziert um die Effekte kontrollieren und vorhersagen zu können.
    Hierbei wird menschliches Handeln allzu leicht als lediglich, von irgendwelchen Faktoren (Bestrafung, Belohnung etc.) abhängiges Verhalten gesehen. Das Verhältnis von subjektiven Gründen und gesellschaftlichen Bedingungen/Bedeutungen gerät aus dem Blick.
    Der Forderung nach mehr Kooperation, nach Handeln, dass anderen nicht schadet, kann doch nicht mit simplen Belohnungen entsprochen werden. Oder etwa doch? Dann müssen wir nur überall Abwrackprämien einführen und alles wird gut😉

  3. hallo michael,
    heute habe ich noch etwas ergänzt. S.o.
    Die Ergebnisse solcher Experimente sind in der Tat hochgradig vom Design der Experimente abhängig. Das zeigen die beiden Zeitungsberichte sehr schön. Für mich sind aber zwei Dinge wichtig:
    1. Klar ist, dass es – nicht vordringlich aber unterstützend – irgendwelche Formen braucht, mit den sog. Trittbrettfahrern umzugehen. Diese und alle anderen Studien belegen das. Soweit nix Neues unter der Sonne.
    2. Nun wird aber oft – auch in der klassischen Commonsliteratur (z.B. Ostrom) der Begriff „Sanktion“ verwendet. Sanktion als EINE Gelingensbedingung für erfolgreiches Gemeingütermanagement. Und das gilt es kritisch zu hinterfragen, wie dieses Experiment zeigt.

    Ansonsten stimme ich dir zu: auch wenn ich Belohnungstrategien insgesamt für eine wichtige und gute Alternative halte, reicht es natürlich nicht aus „Abwrackprämien“ einzuführen – denn damit ist ja noch gar nichts darüber ausgesagt, wen ich wofür belohne und zu welchem Zweck (nach Beantwortung dieser Fragen gehört die Abwrackprämie auf den Müllhaufen der Geschichte). Erst über diese Fragen tasten wir uns zum Kern der Debatte vor.

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